Samstag, 18. August 2018

Zeitungsstreik: fluegel.tv dokumentiert Realitätsverlust bei Redakteuren

Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 07. August 2011. Aktualisiert. In Stuttgart gibt es ein Videoportal, das zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen will: fluegel.tv. Unter dem Slogan „Wir zeigen, was im Fernsehen nicht kommt“ hat das bürgerschaftliche Portal einige Aufmerksamkeit bekommen – mit Interviews, die tatsächlich so niemals im „Fernsehen“ gezeigt werden würden. Allein schon wegen der Länge. Aber es lohnt sich, sich diese Videos anzuschauen. Sie machen das, was guter Journalismus leisten sollte: Dokumentation.

"Putte" ist Bürgerreporter. Quelle: fluegel.tv

Von Hardy Prothmann

„Putte“ ist ein sympathischer Typ und häufiger auf Achse für fluegel.tv. Er führt dann Interviews und lässt die Leute ausführlich zu Wort kommen. Und „Putte“ beherrscht etwas, das jedem Reporter sehr gut ansteht: „Putte“ stellt einfache Fragen, hält sich zurück, weiß nichts besser, sondern lässt reden, reden, reden. Und hört zu.

Auch zum Zeitungsstreik hat „Putte“ zwei Redakteure und einen verdi-Funktionär interviewt. Diese Dokumentationen sind nicht nur interessant. Sie sind brisant. Denn die Personen reden sich um Kopf und Kragen. Sie unterstreichen die Kluft zwischen Redakteuren, Gewerkschaften auf der einen und freien Journalisten auf der anderen Seite.

Joe Bauer – Kolumnist der Stuttgarter Zeitung Stuttgarter Nachrichten macht klar, dass er Redakteure insgesamt für gute Journalisten hält. Und jeder, der kein „anständiges Gehalt“ bezieht, macht Billiglohnjournalismus und gehört zur untersten Schicht der Gesellschaft, den man nicht auf „die Leute loslassen kann“. Außerdem meint er, dass „jeder im Internet Zeugs absondern“ könne, was aber nichts mit Journalismus zu tun habe.

Susanne Benda, Kulturredakteuerin der Stuttgarter Nachrichten glaubt, dass es eine „Frage des Berufsethos“ sei, für die jungen Kollegen einzutreten. Denn wenn die Verleger im aktuellen Tarifstreit ihre Forderungen durchsetzen würden, drohe dem Nachwuchs das „journalistische Prekariat“.

Und Gewerkschaftsfunktionär Gerd Manthey von verdi Baden-Württemberg meint, man würde vom Streik wenig mitbekommen, weil man die eigene Betroffenheit im Blatt nicht unterbringen könne. Außerdem nennt er Rupert Murdoch als Vorbild für deutsche Verleger. Qualität braucht seiner Meinung nach gute Tarifverträge.

Aktuell verdienen Berufseinsteiger als Redakteur rund 2.900 Euro brutto. Die Verleger fordern angeblich bis zu 25 Prozent Einbußen, was also zu 2.175 Euro führen würde, bei einer tariflichen Arbeitszeit von 35 Stunden. Ein Skandal aus Sicht der Gewerkschaftler. Mittlerweile sollen die Verleger ihre Forderungen ein wenig zurückgenommen haben.

Nach 15 Jahren verdient ein festangestellter Redakteur etwa 4.500 Euro. Hier werden von den Verlegern minus fünf Prozent verlangt.

Sowohl bei verdi als auch im DJV ist der überwiegende Teil der Mitglieder aber freiberuflich tätig oder scheinselbständig beschäftigt.

Für die Gruppe der freien Zeitungsjournalisten haben Verdi und DJV „gemeinsame Vergütungsregeln“ „ausgehandelt“, an die sich so gut wie keine Zeitung hält. Danach müsste man als Freier Journalist bei den Stuttgarter Nachrichten (150.000 Auflage) rund 90 Cent brutto für eine Druckzeile á 40 Anschläge verdienen.

In einer Untersuchung stellt der DJV in der Broschüre „freien infos 02/2009“ fest, dass freie Mitarbeiter, die Vollzeit arbeiten, im Schnitt 1.838 Euro vor Steuern „erlösen“ – bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 43,9 Stunden. Für arbeitnehmerähnliche „Pauschalisten“ sehen die Zahlen so aus: 2.075 Euro bei 46,9 Wochenstunden.

Eine Unterscheidung für „junge“ Freie oder Freie mit „15-jähriger“ Berufserfahrung gibt es in der Regel nicht.

Im Gegensatz zu den Redakteuren tragen die Freien und Pauschalisten ihre Kosten für Auto, Telekommunikation, Büro, Kranken- und Rentenversicherung, Weiterbildung usw. natürlich zu 100 Prozent selbst. Urlaubs- und Weihnachtsgeld gibt es selbstverständlich nicht. Urlaubs-, Krankheits- oder Weiterbildungstage sind Realhonorarverlusttage.

Freie Journalisten, die für Lokal- und Regionalzeitungen arbeiten sind schon längst journalistisches Prekariat. Billiglohnarbeiter, die die Seiten „voll“ machen – von Seiten der Redakteure oder Gewerkschaften gibt es für diese Unterschicht keine Solidarität. (Siehe Text: „Solidarität? Wieso, weshalb, warum?)

Das weiß „Putte“ vermutlich alles nicht (was ich ihm überhaupt nicht vorwerfe) und fragt deshalb unbelastet freundlich zu Arbeitsbedingungen der Redakteure, zu den Hintergründen des Streiks und warum man davon als Bürger gar nicht so viel mitbekommt.

Die Antworten der beiden Redakteure und des Funktionärs sind mehr als erstaunlich und vertiefen den Graben zwischen festangestellten Redakteuren und freien Mitarbeitern noch mehr.

Susanne Benda wirkt da noch vergleichsweise ehrlich, wenn auch reichlich unbedarft. Joe Bauer kann man dagegen als arrivierten Arrogantling sehen und wenn man die Bewunderung Murdochs durch den verdi-Funktionär Manthey weiterdenkt, darf man nicht überrascht sein, wenn verdi das „RaubritterLeistungsschutzrecht“ der Verlage demnächst unterstützt – sofern für die tariflich gebundenen Redakteure auch was rausspringt.

Interessant ist, wie die beiden Redakteure die Zeitung als Hort des „Qualitätsjournalismus“ hoch halten und sich über falsche oder unzureichende Informationen oder Agenturmeldungen empören. Ausgerechnet zwei Redakteure der Stuttgarter Zeitung, die von vielen Kritikern wegen der schlechten Berichterstattung zu Stuttgart21 für das Chaos mitverantwortlich gemacht wird.

Die Videos zum Zeitungsstreik finden Sie auch auf der Homepage von fluegel.tv.

Joe Bauer – Zeugs-Kolumnist

Joe Bauer, Stuttgarter Nachrichten from fluegel.tv on Vimeo.

Zum Streik

Ich arbeite als angestellter Redakteur seit Anfang der 70-er Jahre und habe sowas noch nie erlebt.

Es geht gegen Gehaltskürzungen und vor allem die Aufrechterhaltung des Journalistenberufs an sich.

Zum Verdienst und Unterschichten

Wenn jemand noch qualitative Arbeit machen soll, wird er dafür nicht qualitativ bezahlt. Das heißt, dass machen nur noch Billiglohnleute, die wahrscheinlich auch mit einem entsprechenden Anspruch schon ankommen. Weil ein guter Mann wird für dieses Geld nicht arbeiten.

Die Löhne waren ja in der Vergangenheit nicht umsonst noch relativ anständig. Man kann ja jemanden mit 1.500 D-Mark netto nicht auf irgendwelche Leute loslassen. Die werden ja nicht mal annähernd ernst genommen. Die müssen halbwegs so situiert sein, dass sie nicht zur untersten Schicht der Gesellschaft gehören, sondern ein halbwegs ordentliches Gehalt beziehen.

Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld hat nichts mit Luxus zu tun – so werden Überstunden und unbequeme Arbeitszeiten ausgeglichen. Das wird oft falsch betrachtet, weil man denkt, die haben ja eigentlich viel Geld. Warum die viel Geld bekommen, wird nicht hinterfragt.

Zum Internet

Natürlich kann jeder im Internet sein Zeugs absondern, was aber mit Journalismus sehr wenig zu tun hat oder meist gar nichts.

Susanne Benda – Berufsethikerin

Susanne Benda, Kulturredakteurin der Stuttgarter Nachrichten from fluegel.tv on Vimeo.

Warum bemerkt man vom Streik so wenig?

Das man das nicht sieht, hängt damit zusammen, dass nicht alle rausgehen, sondern die Ressortleiter drin bleiben und dafür sorgen, dass das Blatt weiter so erscheint.

Allerdings sieht man, dass mehr Agenturtexte dort erscheinen. Man sieht im Lokalteil, dass kaum lokale Termine besetzt werden.

Was ist das Problem der Zeitungen?

Die aktuellen Nachrichten nehmen sich die Leute aus dem Internet.

Welche Rolle haben die Redakteure?

Wir sorgen für das Renommee dieser Holding mit.

Warum ist der Streik notwendig?

Was das allerschlimmste aber an der ganzen Sache ist, dass die jungen Redakteure, die nachwachsen, in einen so genannten Gehaltstarif 2 kommen sollen und der bedeutet nichts anderes als eine unglaubliche Herabstufung, die bis zu 25 Prozent am Reallohn an Verlust bedeuten kann, geben über dem, was Jungredakteure jetzt schon verdienen.

Wer wird denn vorher noch studieren und hinterher Journalist werden?

Da wird ein journalistisches Prekariat entstehen, die dann auch eher bereit wären, die auch eher bereit wären, Pressemitteilungen zu übernehmen. Die nicht mehr nachrecherchieren, was ihnen geboten wird.

Qualtität von Berichterstattung

Tatsächlich ist es so, rechercherieren immer weniger zulässt und das eine Qualität die auch gar nicht so geschätzt wird.

Da standen auch sehr unhinterfragte Dinge in der Zeitung, das ist sehr schade.

Die dpa kann gar nicht allem hinterher recherchieren.

Eigentlich ist das Agenturmodell so gedacht gewesen, dass man die Dinge weiterträgt, die man gesagt bekommt und dass die Zeitungen dann nachrecherchieren, dass heutzutage einfach so Agenturtexte übernommen werden, ist Ausdruck der Personalnot und einer gewissen Haltung vielleicht.

Man betrachtet immer noch die Meldungen der Agentur als ein bisschen sowas wie heilige Kühe. Die sind da. Die haben den Anschein von Solidem. Die liefern einen Bericht. Das ist fertig. Da fallen die Journalisten auf ihre eigenen Kollegen rein.

Journalistisches Selbstverständnis

Unsere Forderung ist vor allem die, dass den jungen Journalisten nichts schlechteres geboten wird. Da geht es um sowas wie Berufsethos. Was wollen wir sein? Was möchten wir mit unserem Journalismus bewirken. Das ist eine Sache des Selbstverständnisses.

Was wir jetzt haben ist eh nicht das beste, was man haben kann.

Gerd Manthey – der Funktionär

Gerd Manthey, Verdi-Landesverband from fluegel.tv on Vimeo.

Warum erfährt man so wenig über den Streik?

Weil die Printmedien den Verlegern gehören und es sehr schwierig ist, die eigene Betroffenheit und Lage in den Blättern unterzubringen.

Wer ist schuld? Was ist die Lösung?

Murdoch hat als erster mit seinem Rechenkünstlerverstand erkannt, man darf das Internet nicht kostenlos abgeben. Man muss das Internet gegen Geld für die Leserinnen und Leser abgeben. Wenn sich das die deutschen Verleger schon vor zehn Jahren gesagt hätten, dann würden sie heute nicht so tief in einer Strukturkrise sitzen.

Zur Nutzung von Agenturberichten

Da bleibt nicht die Qualität im Allgemeinen, aber im Besonderen stecken.

 

Gegen-Check:
Auch die streikenden Redakteure der Stuttgarter Zeitung haben über fluegel.tv berichtet – allerdings liest sich der Artikel dann doch etwas anders: fluegel.tv – Wie „Old Media“ und Gegenöffentlichkeit zusammenkommen

Links:
DJV – Freie Journalisten: Wie ihr Alltag aussieht und wie sie die Branche verändern
Indiskretion Ehrensache: Haste mal ne Mark für den Journalisten?
DJV – Vergütungsregeln Aufstehen für die Freien
Ruhrbarone: Ahlener Tageblatt II: Aufstehen lohnt sich!

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