Sonntag, 24. September 2017

Zeitungsstreik: Die Redakteure kapieren leider nichts

Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 05. August 2011. Die streikenden Redakteure beim MM zeigen einmal mehr, wie kopflos sie sind und warum sie als Teil des Systems an dessen Untergang mitarbeiten – selbst wenn das durch den Streik momentan anders aussieht.

Von Hardy Prothmann

Rund 50 MM-Redakteure sind im Streit. Und um ihr Anliegen der Welt kund zu tun, sind sie in die Offensive gegangen.

Bei Facebook haben sie einen Account eingerichtet: „Streik Morgen„. Auf WordPress ein Blog „mmstreikblog„.

Den Facebook-Account haben sie f√ľr „Nicht-Freunde“ dicht gemacht, nachdem ich dort ein paar ganz unproblematische Kommentare gepostet habe. Weil ich aber eine „persona-non-grata“ f√ľr die MM-Redakteure bin, bin ich nicht erw√ľnscht. Selbst Hinweise auf n√ľtzliche Informationen sind nicht gew√ľnscht. Zumindest nicht von mir.

Unliebsame Kommentare auf dem Blog werden nicht veröffentlicht Рder Solidaritätsaufruf mit absolut mies bezahlten freien Mitarbeitern ist ein solch unliebsamer Kommentar.

Als Unterst√ľtzung werden K√ľnstler aufgeboten. Die meisten sind sehr unverd√§chtig, sich sonst einmal zu Presse, Medien, Politik und Gesellschaft ge√§u√üert zu haben oder auch nur einen wichtigeren Beitrag liefern zu k√∂nnen, als: „Die Zeitung ist mir schon wichtig.“

Auff√§llig ist, dass die Redakteure ausgerechnet die Internetmedien nutzen wollen, um Solidarit√§t einzuwerben. Ausgerechnet das Medium, das angeblich haupts√§chlich f√ľr die „Probleme“ der Lokalzeitungen verantwortlich sein soll, was bislang kaum stimmt.

Auff√§llig ist auch, wie beschr√§nkt das Wissen der Redakteure √ľber das Internet ist. Zensur, Mauern hochziehen, ausschlie√üen, nur „liebsame“ Beitr√§ge zulassen – sie machen jeden Fehler, den man machen kann.

Dazu f√§llt auf, wie unprofessionell ihre „Pr√§sentationen“ sind. Verschwurbelte Texte, Pressemeldungen der Gewerkschaften, schreckliche Videos und Bilder – die Redakteure zeigen, was sie k√∂nnen. Sie machen ihren Job, so wie sie ihn immer machen. N√§mlich nicht gut. Dazu kommen ein technisches und inhaltliches Unverm√∂gen in Sachen neue Medien.

Auff√§llig ist auch die Haltung: „Seht her, wir Redakteure streiken jetzt. Ihr m√ľsst uns Solidarit√§t geben“, ist selbstverst√§ndliche Erwartungshaltung. Man geht davon aus, dass alle Menschen dar√ľber reden, was die Redakteure so machen. Denn leider denken diese Redakteure immer noch, sie seien „Gatekeeper“. Sie denken, dass das, was sie ver√∂ffentlichen, das ist, was die Menschen erreicht und nichts sonst. Sie denken tats√§chlich genauso wie ihre monopolistischen Herren, gegen die sie gerade ein wenig revoltieren.

Deswegen haben sie ihrer Vorstellung nach Kritik auch nicht nötig. Es gibt so gut wie keine Kommentare auf Facebook oder auf dem Blog, weil nichts dazu einlädt. Und wenn doch, wird gelöscht oder nicht geantwortet.

Was die Redakteure noch nicht gemerkt haben: Sie sind meilenweit weg von den Menschen. Fr√ľher war das egal, da gabs ja nur die Zeitung. Fri√ü oder stirb – andere Alternativen gab es nicht.

Seit vielen Jahren ändert sich das rasant Рnur die Redakteure bekommen das in ihrer Selbstgefälligkeit nicht mit.

Vor ein paar Tagen erz√§hlte mir jemand, diese Redakteure h√§tten „Angst“ vor mir. Angst pers√∂nlich thematisiert zu werden. Was die Redakteure noch nicht verstanden haben: Sie sind keine Alleinherrscher mehr √ľber Themen und Kritik. Sie k√∂nnen genauso Thema werden und kritisiert werden.

Die Menschen warten nicht mehr drauf, bis morgens die Zeitung mit Nachrichten von irgendwann kommt. Nachrichten kommen in Echtzeit, werden in Echtzeit kommentiert und sind nicht ans Papier gebunden. Wird ein Kommentar oder Leserbrief nicht beim Adressaten veröffentlicht, dann woanders. Und er wird geteilt, weiter verbreitet und archiviert und gesammelt und neu zusammengesetzt. Aus Sicht der Redakteure ist das der totale Kontrollverlust. Wahnsinn.

Die „Zeitungskrise“, also der Verfall von hochprofitablen zu nur noch provitablen Unternehmen, ist zum einen durch die arroganten Verleger verursacht, aber durchaus auch durch die nicht minder arroganten Redakteure. Das haben bislang weder die Verleger noch die Redakteure verstanden. Arroganz verpflichtet.

Nach der ersten großen Welle, dem weitgehenden Verlust der Rubrikenmärkte Auto, Immobilien, Jobs und Kleinanzeigen, kamm die nächste: Der Verlust an Aufmerksamkeit. Alle Medien konkurrieren um Aufmerksamkeit und Zeit der Nutzer.

Die d√∂deligen, langweiligen und immergleichen Inhalte haben zuerst die Jugend vertrieben und sp√§ter auch die, die feststellten, dass mit weniger Aufwand und weniger Geld topaktuelle Nachrichten √ľber Handy und Internet zu haben sind. Und selbst Rentner entdecken mehr und mehr das Netz und haben l√§ngst kein Interesse mehr an Scheck√ľberreichungsbildern und grinsenden B√ľrgermeistern und dieser ganzen Bratwursterei.

Die n√§chste Welle steht bevor: Lokale Blogs wie die, die ich mache, entstehen √ľberall. Und sie ziehen √ľberall da Aufmerksamkeit auf sich, wo sie besser gemacht sind als die „alte Tante Tageszeitung“.

Das verstehen diese Redakteure nicht. Sie leiden unter ihrem Bedeutungsverlust, den sie zwar irgendwie sp√ľren, aber nicht erkennen wollen. Sie wollen eine 35-Stunden-Woche, lieber mehr Geld und am allerliebsten, dass alles so bleibt, wie es ist. Zur Arbeit, Zeitung machen, Andruck, Zeitung lesen. Das ist ihr Rhythmus. Den sind sie gewohnt. Der soll sich nicht √§ndern.

Vor einigen Jahren versuchten gr√∂√üere Verlage „junge Zeitungen“, „Zeitungen f√ľr die mobile Generation“ und was nicht sonst noch alles, um sich dem „Lebensrhythmus“ der Menschen anzupassen, der sich aber immer an die Zeitung anzupassen hatte. Es gab einen Kampf der Gratiszeitungen. All das ist gescheitert.

Der Bedeutungsverlust der Zeitungen schreitet immens voran. Man erkennt das an massiven Verlusten bei Auflage und Werbevolumen. Das l√§sst sich nicht leugnen. Das ist so. Und was machen die Redakteure? Sie holen sich Leute, die sagen sollen: „Die Zeitung ist mir wichtig.“

Als wenn das eine Lösung wäre. Es ist keine.

Die Zeitungsredakteure werden mit ihrem Streik vielleicht erreichen, dass die Einschnitte nicht ganz so heftig sein werden und √ľberleben damit noch 2012 und vielleicht auch 2013.

Danach wird es einen Kahlschlag geben.

Das haben die Lokalzeitungsredakteure in ihrer Streikeuphorie noch nicht erkannt.

Sie kapieren einfach nichts Рvor allem nicht, dass ihre Präsentation, die sie selbst während des Streiks abliefern, der allerbeste Grund ist, um ihnen keine Träne nachzuweinen.

Da können sie sich noch so in der Offensive wähnen Рdie Realität wird eine andere sein.

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  • Bjoern

    In einem Punkt liegt Hardy Prothmann jedoch falsch. Benannte Redakteure haben sicherlich keine „Angst“, von Hardy Prothmann in seinenen Blogs thematisiert zu werden.

    Sie haben lediglich kein Interesse daran. Angst vor Hardy Prothmanns Blogartikeln hat wirklich keiner.

  • docfalcon

    Oh Herr Prothmann, wenn, ja wenn Sie nur ein klein wenig weniger wie Henryk M. Broder klingen w√ľrden; sprich einen Tag weniger „Wer nicht meiner Meinung ist, sit gegen mich.“ w√ľrde ich Sie deutlich mehr zu sch√§tzen wissen. Denn eigentlich mag ich ja pointierte Analysen, zu denen sie sicher mehr als f√§hig sind. Nur mit dieser absoluten Schwarz-Wei√ü-Malerei tu ich mir schwer. Vielleicht wird das ja noch, mit noch ein paar Jahren Lebenserfahrung. ūüėČ

    • pro

      Guten Tag!

      Können Sie das belegen, dass das meine Haltung sein soll?

      Wenn Sie ein Thema pointiert wiedergeben wollen, ist die Form der Zuspitzung geeigneter als ein „Sowohl-als-auch“-Wischiwaschi. In einer Debatte l√§sst sich das differenzieren.

      Abgesehen davon habe ich mit Herrn Broder inhaltlich mal gar nichts zu tun.

      Gruß
      Hardy Prothmann

  • Wie_Wahr

    So traurig die ganze Sache ist… genau so ist es.
    Jahrelang habe ich in einer Pressestelle gearbeitet und gleichzeitig „nebenher“ als „Freier Fotojournalist“ gearbeitet.
    Pressemitteilungen, die von meinem Arbeitgeber an die Zeitungen verschickt wurden, erschienen in der Regel 1:1 unter dem K√ľrzel des Redakteurs.
    Als „Freier“ wird man meistens √ľber den Tisch gezogen. So werden die Honorare f√ľr die Lokalausgabe gezahlt und dann im √ľberregionalen Teil abgedruckt – in der Hoffnung, dass es nicht bemerkt wird ūüėČ Ein „Total-Buy-Out“ ist bei Fotojournalisten schon der Normalfall.

  • Adept

    Ich habe schon vor Jahren meine Zeitungsabos gek√ľndigt.
    Ein K√§ufer-Streik der Abonennten w√ľrde die Zeitungslandschaft nachhaltig ver√§ndern.

    Vor einigen Monaten wurde ich von einem älteren Mann angesprochen, der ein Zeitungsabo an mich verkaufen wollte.
    Als ich ihm sagte, daß ich keine Zeitung mehr kaufe, weil nur noch gelogen wird , sagte er zu mir wörtlich ganz erregt:
    ‚Ja, das stimmt, das m√ľssen Sie den Jungs sagen!“

    Alle wissen es – auch die Leser.

  • Mir wird nicht ganz klar, wieso das Internet die Lokalzeitungen nicht belastet haben soll, wenn sp√§ter (indirekt) die (Klein)anzeigen-M√§rkte durch ImmoScout, AutoScout usw. deutlich geschrumpft sein k√∂nnten wie auch im Artikel steht.

    Die Aufstachelung der Diskussion ist nicht hilfreich und lenkt auch vom Thema ab, so das die Hintermänner sich einen lachen können. An der Aufstachelung sind Sie nicht schuld. Sie haben auch Recht damit, das man sich nicht an einem Streik beteiligen braucht, wenn man eine Stufe niedriger in der Futter/Hierarchie-Pyramide steht.

    Die Asymmetrie ist halt, das man als Freier die Festen unterst√ľtzen kann, aber „nat√ľrlich“ nicht braucht. Als Fester hingegen wird man in ELENA (bzw ihre Nachfolgerin) oder sonstige Akten eingetragen („Gruppenbildung/Koalition mit Freien. Fordert Mindestlohn f√ľr Freie. Gewerkschafts-Tendenzen.“) und dann selbst schnell als Freier „endet“.
    Und damit sind wir dabei, wieso Sie die Branche auffrischen sollten: Wenn die Bereinigung in der nächsten Konjunkturkrise (vielleicht aktuell am Beginnen) kommt, enden viele Feste als Freie und die Konkurrenz steigt noch mehr als bisher.

    M.E. ist das Boot voll. Man muss den Zufluss verringern und die technischen M√∂glichkeiten konsequent nutzen. Das Haupt-Hindernis sind vermutlich leider √ľberteuerte IT-Anbieter und propriet√§re Verlags-Systeme. Und vermeintlich unflexibles Management. Aber man muss nur ein paar finden, die mitmachen und offen vorrechnen, das es rentiert und schwupp m√ľssen die anderen nachziehen. Das geht schon. Aber Software die funktioniert, sind viele nicht gew√∂hnt.

    Ergänzung zu wie_wahr: Ich glaube bei der_standard.at gabs neulich einen Bericht zum Preisverfall bei Fotojournalisten.
    Ein Zentral-Wiki, wo man entsprechende Artikel und Blogs mit Tags auflistet und verlinkt, wäre interessant. Die Berufsberatungen sollten vom Journalismus massivst abraten. Dabei helfen solche Sammlungen dann hoffentlich.

    Das Grundproblem ist die „Bauf√§lligkeit“ der Branche: Ein Redakteur darf keine Angst haben m√ľssen vor einem B√ľrgermeister der ihn nicht leiden kann und entlassen l√§sst. Und daran muss man arbeiten bevor man beispielsweise √ľber feedback-Qualit√§ts-Optimierung nachdenkt: Man stellt den Artikel online (f√ľr Abonnenten oder kostenfrei oder ausgew√§hlte Leser). Man kriegt Feedback. Man √ľberarbeitet den Artikel. Er geht in Print.
    Wer st√§ndig Angst hat, wird aber keine Korrekturen oder Erg√§nzungen machen und falls doch, auf keinen Fall und niemals zugeben obwohl ein anst√§ndiger Kodex das enthalten m√ľsste. Das erinnert an „Als echter Mann im Auto fragt man niemals jemanden nach dem Weg und nutzt seinen ADAC-Auto-Atlas.“.

    Die streikenden Redakteure sind nicht die B√∂sen. Sie sind die Bauern der Gegenseite auf dem Schachbrett des B√∂sen. Von daher kann man √ľberlegen, ob man durch leichte √Ąnderungen an den Artikeln weniger Contra erreicht. Klar sind die „b√∂sen“ Redakteure „b√∂se“ wenn sie sich Horst-Schl√§mmer-m√§√üig nur mit Bratwurst+Freibier beim B√ľrgermeister, Stadtsparkasse, Parteitreffen, Sch√ľtzenfesten zeigen und „Bratwurst-Journalismus“ betreiben. Aber dazu werden sie ja von ihren Chefs „gezwungen“. Wenn man also jetzt nicht den Redakteuren direkt „die Schuld“ gibt, sondern leicht abstrakter formuliert, f√ľhlen sich deutlich weniger auf den Schlips getreten und dieselbe Message kommt bei mehr Leuten positiv an. Deswegen kann man immer noch klarmachen, wieso man beim Streik nicht mitmachen m√∂chte und das es den Freien noch schlechter geht.
    Durch leichte Text-√Ąnderungen kann man das Ziel also vermutlich konfliktfreier und mit weniger Zeit-raubenden und Thema-ablenkenden Nebenkriegs-Schaupl√§tzen erreichen.
    Auch weil Sommerloch ist.
    „Alle Fu√üballer sind faul“ ist falsch und √ľberspitzt und macht nur √Ąrger. „10% der Fu√üballer sind faul“ kann jeder nachvollziehen. Weil jeder einen kennt der faul ist. √Ąhnliches f√ľr die Argumentation √ľber Redakteure funktioniert vielleicht auch. Denn jeder kennt ein faules Ei im Kollegenkreis oder einen b√∂sen pressekodex-verr√§terischen leser-bel√ľgenden Vorgesetzten.

    Deeskalation und √úberzeugung hilft der Sache am meisten. Also nie pampig reagieren oder so erscheinen und ruhig und „√ľberlegen“ argumentieren. Nur weil es geschrieben ist, sind Postings immer noch eher „stammtisch-reden“ die man lockerer interpretieren sollte als Beipackzettel von Medizin oder Backrezepte.