Montag, 01. Mai 2017

Yes, we Seidl – oder warum der „Gegenkandidat“ Claudius Seidl der bessere ZDF-Intendant ist

Heddesheim/Mainz, 14. Mai 2011. Heute bin ich auf einen Text des Kollegen Claudius Seidl aufmerksam geworden – Herr Seidl bewirbt sich mit einem Artikel in der Sonntags-FAZ um den Posten als Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz. Das ist nicht nur eine „außergewöhnliche“ Idee, dass ist sogar eine ganz hervorragende Idee.

Ob Claudius Seidl seine „Gegenkandidatur“ wirklich ernst gemeint hat, ist vollkommen nebensĂ€chlich.

Ich nehme seine Kandidatur ernst und offensichtlich 500 andere Menschen auch. Denn die haben bei Facebook wie ich „GefĂ€llt mir“ fĂŒr die Seite „Claudius Seidl als ZDF-Intendant“ geklickt (Stand: 15:41 Uhr).

Der erfahrene Journalist ist viel rumgekommen – SĂŒddeutsche, Zeit, Spiegel und FAZ sind alles erste Adressen.

Der Lebenslauf:

Claudius Seidl wurde am 11. Juni 1959 in WĂŒrzburg geboren. Abitur 1977 in Bamberg. Studium in MĂŒnchen, Theaterund Politikwissenschaft; Volkswirtschaftslehre zum Ausgleich. Genauso wichtig war das Studium der Filmgeschichte im MĂŒnchner Filmmuseum bei Enno Patalas. Erste Filmkritiken 1983 in der „SĂŒddeutschen Zeitung“, seit 1985 auch in der „Zeit“. 1990 Eintritt in die Redaktion des „Spiegels“, als Chef eines kleinen Ressorts, das sich mit populĂ€rer Kultur befasste. 1996 Wechsel zur „SĂŒddeutschen Zeitung“ als stellvertretender Feuilletonchef. Seit 2001 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. BĂŒcher ĂŒber den deutschen Film der fĂŒnfziger Jahre, ĂŒber Billy Wilder, Uschi Obermaier, das barbarische Berlin und die Frage, warum wir nicht mehr (oder ganz anders) altern.

Claudius Seidl. Bild: FAZ

Der Mann kennt sich also aus, mit Kultur, mit Film, mit Fernsehen und dem MediengeschĂ€ft. Er ist nicht als ParteigĂ€nger aufgefallen, dafĂŒr aber durch sehr gute inhaltliche Arbeit. Und er kommt von einer Zeitung, die dem ZDF in Hassliebe verbunden ist. Die FAZ kritisiert seit Jahren bestĂ€ndig die öffentlich-rechtlichen Sender. Nicht immer ganz zu recht, aber viel hĂ€ufiger auch nicht zu unrecht.

Wenn einer wie Herr Seidl plötzlich als Kritiker Chef des Hauses wĂ€re, mĂŒsste er es lieben und sich fĂŒr sein Wohl einsetzen. Und dafĂŒr, dass die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger, die diesen Medienklotz mit Milliarden an ZwangsgebĂŒhren pĂ€mpern, auch was bekommen fĂŒr ihr Geld. Von allem ein bisschen wenigstens. Also auch ein bisschen mehr Journalismus neben dem ganzen Unterhaltungszeugs.

Der frĂŒhere hessische MinisterprĂ€sident Roland Koch hat als eine seiner letzten Amtshandlungen erfolgreich einen der besten Chefredakteure, den die öffentlich-rechtlichen Anstalten je hatten, offen und unmissverstĂ€ndlich aus dem Amt geworfen.

Nikolaus Brender hat dem Sender Format gegeben und sich von der Politik nicht nur nicht einschĂŒchtern lassen, sondern sich sogar erlaubt, selbstbewusst und kritisch aufzutreten. Der Noch-Intendant Markus SchĂ€chter war entweder vollkommen ĂŒberfordert oder hat nicht genug Format gehabt, oder beides, um diesen Durchgriff der Politik in sein Haus zu verhindern.

Facebook-UnterstĂŒtzer-Seite fĂŒr den Gegenkandidaten Seidl.

Der Grund ist klar. Nikolaus Brender war der beste und logische Kandidat fĂŒr die Intendanz, wenn Herr SchĂ€chter nicht mehr antritt. Und hĂ€tte einen wie Thomas Bellut locker in die Tasche gesteckt – doch der soll es nun werden, wie Spiegel online berichtete und die „Kungelei im Hinterzimmer“ beschreibt.

Brender wÀre ein kritischer, unabhÀngiger, selbstbewusster Intendant gewesen, der sich von der Politik nicht reinreden lÀsst, ja, wer will so einen schon haben?

Die Antwort ist einfach: Die Politik ganz sicher nicht.

Meine Antwort ist: Ich will so einen haben.

Ich will eine Senderleitung, die den „Auftrag“ ernst nimmt. Klar, Sport und Unterhaltung gehören auch ins Programm. Aber nicht als billig-traurige Klone privaten Schwachsinns. Sondern als öffentlich-rechtliches Angebot mit Format.

Und ich will gute Nachrichten, echten Journalismus und kein seichtes „Bleiben-Sie-dran-Gegrinse“ und eine Religion des „Audience-Flow“. Das ist Fernsehen von gestern. Es braucht die Revolution fĂŒr morgen (dazu ein Text von Georg Diez bei SPON).

Ich will ein Programm, dass ich aktiv einschalten will. Nicht, weil ich mich langweile, sondern weil ich mich informieren lassen möchte, was draußen in der Welt passiert.

Ich will eine ordentliche Korrespondentenarbeit und nicht irgendwelche Aufsager. Ich will Typen wie Ulrich Tilgner zurĂŒck, der vom ZDF geflohen ist und nun fĂŒr’s Schweizer Fernsehen arbeitet und dort fĂŒr seine Arbeit geschĂ€tzt wird.

Und ich hĂ€tte auch gerne einen Typen wie Nikolaus Brender zurĂŒck, der Claus Kleber von der ARD abgeworden hat, als der zunĂ€chst nicht Tagesthemenmoderator werden durfte, weil der Herr Wickert noch eine bisschen Lust hatte, den „Geruhsame-Nacht-Onkel“ zu geben.

Und ich will statt „smarty-toller“ „Reporter“ echte Reporter haben. Keine Effekthascher, sondern richtige Journalisten, die sich um wichtige Themen kĂŒmmern, statt sich selbst in Szene zu setzen.

"Nur leichte KĂ€mpfe im Raum Da Nang" zeigt die Schrecken des Krieges. Quelle: ZDF

Solche Leute wie Hans-Dieter Grabe, der mit einem Film wie „Nur leichte KĂ€mpfe im Raum Da Nang“ jeden GebĂŒhren-Cent wert ist. Dieser Film hat mein VerhĂ€ltnis „zum Krieg“ auf alle Zeiten nachhaltig und unumstĂ¶ĂŸlich aufgeklĂ€rt. Dieser Film hat in mir ein Entsetzen ausgelöst, von dem ich zuvor nicht wusste, dass ich so etwas ĂŒberhaupt empfinden kann. Stundenlang habe ich geheult und tue das in Erinnerung im Augenblick wieder. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar dafĂŒr, dass Herr Grabe den Mut und die Kraft hatte, diesen Film zu machen. Er ist fĂŒr mich ein großes Vorbild.

Ich will dagegen keinen Markus Lanz mit seinem seichten Pseudo-Journalismus. Und wenn es nach mir geht, kann Herr Steffen Seibert gerne in Berlin bleiben, ob als Regierungstwitterer oder sonstwas.

Die Maybritt Illner kann ich auch nicht leiden, aber meinetwegen soll sie bleiben, das Programm muss ja nicht auf meine BedĂŒrfnisse zugeschnitten sein, sondern auch andere BedĂŒrfnisse befriedigen.

Und wie gesagt – das ZDF muss sich sowieso neu aufstellen, weil sich die Mediennutzung verĂ€ndern wird. Es muss Einschaltfernsehen werden, das mit Premium-Inhalten ĂŒberzeugt. Es soll und muss öffentlich-rechtliches Fernsehen sein, kein privates und auch kein parteibestimmtes.

Von Herrn Seidl als Intendant erwarte ich, dass er Verwaltungs- und Fernsehrat umbaut und demokratischer gestaltet. Weiter erwarte ich von Herrn Seidl, dass er sich vehement dafĂŒr einsetzt, dass alle redaktionellen Inhalte kostenfrei ĂŒber das Internet jederzeit fĂŒr alle BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zur Information zur VerfĂŒgung stehen. Da wird Herr Seidl gegen seinen frĂŒheren Arbeitgeber FAZ und andere ZeitungshĂ€user stehen mĂŒssen.

Aber ich bin sicher, dass Herr Claudius Seidl das kann und tun wĂŒrde. Denn als Kritiker ist er die beste Wahl, um den Sender fĂŒr die Zukunft zu stĂ€rken und auch fĂŒr junge Menschen interessant zu machen.