Samstag, 23. September 2017

Wozu noch (Lokal-)Journalismus? Fortsetzung der Süddeutschen-Serie (21)

Guten Tag!

Dieser Text entstand nach der Lektüre eines Textes von MoJane,- die im wirklichen Leben Katrin Steinert heißt und durch die Art, wie sie arbeitet, der Alptraum einer Lokalzeitung sein müsste. Tatsächlich ist sie aber eine große Hoffnung der Rhein-Zeitung. Wem das zu paradox ist, sollte schnell weitersurfen.

Weitere Texte lesen Sie hier: sueddeutsche.de

„Moritz Meyer“ ist nur einer von vielen Kommentatoren des „MoJane“-Textes – aber ein besonders sturköppiger, deswegen habe ich ihn exemplarisch zitiert. Der Text wurde von mir am 06. Mai 2010 irgendwann am frühen Abend in einem Rutsch geschrieben und jetzt noch formatiert – also eine Art action-writing. Vorher hatte ich keine Zeit dazu.

@Moritz Meyer Sie fassen sehr schön sehr viel von dem zusammen, warum neue Informationsangebote den „etablierten Lokalzeitungen“ das Wasser abgraben werden, wenn diese nicht aufpassen.

Zusammengefasst möchte ich das so darstellen und hoffe, Sie nehmen das nicht persönlich: Arrogant, besserwisserisch, aggressiv, wehleidig und leider – faktisch falsch, verschließen Sie vor dem die Augen, was passiert.

Da ich mit meiner Arbeit hier ein paar Mal erwähnt wurde (gefunden habe ich es über eine Twitter-Meldung vom „Chef“ Christian Lindner) schreibe ich auch etwas zum Thema: Wenn ich nur von einem Bruchteil der täglichen Leser meiner drei blogs (heddesheimblog, hirschbergblog, ladenburgblog) täglich einen Euro bekäme, wäre ich in kurzer Zeit ein reicher Mann.

Investieren oder behalten?

Außer, ich würde das Geld nehmen und es an andere weitergeben, die weitere Inhalte für die Seiten schreiben und damit weitere Leser anziehen, deren Euros mich dann doch wieder zu einem reichen Mann machen würden.

Die könnte ich jetzt wieder investieren oder behalten.

Es gab mal Zeiten, da konnten die Verleger viel behalten und sich viel leisten und viel investieren. Diese Zeiten sind vorbei – sicher behalten verschiedene Verleger immer noch viel, aber es bleibt immer weniger zum Investieren. Das sieht man am Kahlschlag in den Redaktionen und der Qualität der Inhalte.

Denn Zeitungsmachen ist ein teures Geschäft. Es braucht riesige und teure Maschinen dafür und der Vertriebsweg ist ebenfalls teuer.

Zeitungen sind nicht kopier- aber verzichtbar.

Im Prinzip ist es egal, ob die Maschinen Zeitungen, Joghurt oder Katzenfutter produzieren. Die Zeitung ist ein industrielles Produkt.

Dieses Produkt hat das Radio und das Fernsehen überlebt und wird auch das Internet überleben, weil es gewisse Qualitäten hat, die nicht kopierbar sind: Die Haptik beispielsweise, der unkomplizierte Gebrauch. Und man kann einen Fisch drin einwickeln.

Wer keine Fische einwickeln will, kann auf Zeitungen verzichten.

Das Kernproblem der Tageszeitung ist tragischerweise eine Mischung aus vielen Problemen.

Die in meinen Augen beste deutsche Tageszeitung, die Süddeutsche, hat seit einigen Jahren enorme finanzielle Probleme, weil die Kosten drücken. Die Inhalte sind sehr gut, aber sie lassen sich kaum noch finanzieren. Deswegen werden Leute entlassen, was heißt, es werden Inhalte wegfallen und die Qualität wird verlieren.

Die erfolgreichste europäische Tageszeitung, die Bild, hat enorm an Auflage verloren (und damit auch an Kosten), aber sie verdient immer noch sehr gutes Geld.

Warum? Weil sie einen Markt gefunden, aufgebaut und sorgfältig gepflegt hat: Die Sensationsgier. Und sie leistet sich ein paar wirklich sehr gute, aber vollständig skrupellose Themenjäger und ein paar Themensetzer, die noch skrupelloser sind. Damit ist sie bis heute erfolgreich und wird es bleiben.

Skrupel vor der Skrupellosigkeit.

Die meisten Regionalzeitungen haben zuviel Skrupel, überhaupt ein Thema zu jagen und wenn, dann verpassen sie meist die Chance, es zu setzen.

Auch die Bild hat das vor langer Zeit erkannt und ihre Lokalseiten gestartet. Und auch die graben den „Lokalen“ viel ab, nicht nur das „böse Internet“.

Ich bin überzeugt davon, dass da draußen ein riesiger Markt für lokale Themen und Informationen ist.

Nichts interessiert mehr als der Nachbar. Dabei kommt die Sensation ohne Blut und Sperma aus – ein ordentlicher Krach reicht schon.

Aber auch das Gegenteil funktioniert: Der Nachbar hat beim Blumenschmuckwettbewerb gewonnen? Dieses Jahr – mal sehen, ob ich das nicht kommendes Jahr toppen kann.

Und es geht noch besser: Der Nachbar kann was ganz besonderes? Das wusste ich gar nicht?! Klasse – echt interessant.

Und seit einiger Zeit kommt das Internet dazu.

Was viele in der Debatte um die Bedeutung der Tageszeitung und ob blogs oder „Internet-Zeitungen“ diese bedrohen, vollständig ausblenden, ist, dass Twitter, Facebook, wer-kennt-wen, also social networks die Zeitungen seit Jahren weit mehr bedrohen.

Morgäääään! ist kein Weck-, sondern ein Schlachtruf.

Denn überall werden Nachrichten produziert und konsumiert. Längst nicht mehr nur in journalistischen Medien – sondern vor allem in „Social media“: „Hey, süß das Foto“, „Wünsche Dir alles Gute“, sind, egal wie belanglos diese „Nachrichten“ zu sein scheinen, absolut von Bedeutung.- „Morgäääääääään“ ist- kein Weck-, sondern ein Schlachtruf.

Sie werden produziert, konsumiert und sie kosten Zeit. Zeit, die für die Zeitung fehlt. Und wenn die noch Geld kostet, kommt irgendwann die Frage, ob man diese Kosten noch will.

Denn, wers wirklich wissen will, besucht dann doch die Seiten der eigenen Kommune oder irgendeines Ministeriums, sucht nach Gutachten, Empfehlungen, Tests usw. Denn die sind (fast) alle online.

Wer aber schon im Internet ist und dafür bezahlt, der guckt auch nach einer Nachricht, vor allem, wenn sie anders ist, als die staatstragenden Oberlehrertexte, wie sie viele Zeitungen bieten. Dass Zeitungen eine „objektive“ Berichterstattung anbieten, ist von jeher eine Branchenlüge.

Meine Erfahrung ist: Die meistgelesenen Texte sind die, die kommentiert werden. Denn die Leserinnen interessieren sich dafür, was andere denken.

Erinnert sich jemand, der noch mit Zeitungen aufgewachsen ist? Leserbriefe wurden immer gerne gelesen und ich habe gehört, wenn es keine gab, hat die Redaktion selbst welche geschrieben.

Heute kommentiert die Redaktion selbst mit – zumindest ist das bei meinen blogs so. Manchmal moderierend, manchmal, um das Thema weiter zu treiben, manchmal, um einen Hintergrund zu liefern.

Ich bin anders aufgewachsen als ich heute lebe.

Ich bin mit Zeitungen aufgewachsen, die Tagesschau war irgendwann Pflicht, so wie sonntags der Internationale Frühschoppen, der heute Presseclub heißt.

Während des Studiums hatte ich die „Zeit“ abonniert und immer ein schlechtes Gewissen, weil es mir nur ein paar Mal über all die Jahre gelungen ist, die „ganze“ Zeit wirklich zu lesen. Also nicht alles, aber fast alles.

Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, das ganze Internet lesen zu müssen. Vollkommen absurd.

Noch viel absurder ist die Idee, einen kompletten Lokalteil nur einer tagesaktuellen Zeitungsausgabe zu lesen. Was interessiert mich das Vereinsfest im Nachbarort, wenn ich damit nichts zu tun habe? Was der Tag der offenen Tür an der Grundschule, an dem keins meiner Kinder ist. Doch für all das soll ich bezahlen?

No way.

@Moritz Meyer Um in Ihrem Bild zu bleiben: Klar bezahle ich die Brötchen beim Bäcker. Aber die, die ich will. Denn die will ich konsumieren.

Wenn ich 1,30 Euro auf die Theke lege und dafür eine wahllose Mischung Brötchen bekomme, die ich gar nicht will, wechsle ich den Bäcker.

Außer, es gibt keinen anderen.

Weil auch hier die Konzentration wie im Pressewesen um sich greift, überlege ich mir irgendwann, ob ich mir ein Brötchen für 1,30 Euro kaufe oder zehn für denselben Preis beim Supermarkt.

Und irgendwann kriege ich die vielleicht umsonst, wenn ich wenigstens im Supermarkt andere Sachen einkaufe.

Wenn ich mir aktuell ein Auto kaufe, krieg ich einen Fernseher dazu.

Ob das der Weg ist, wie sich der Markt entwickeln sollte?

Sicher ist auch das absurd – aber es findet eine Entwicklung statt. Und überall versucht man sein Geschäft zu machen und überall wird man dabei bedroht und überall passieren die Dinge trotzdem.

Der Königsweg heißt: Interessante Inhalte. Einen anderen gibt es nicht.

Der Clevere, der, der die Lösung findet, überlebt. Vielfach heißt die Lösung Kosteneinsparung.

Der Königsweg heißt immer noch: interessante Inhalte zu produzieren. Einen anderen gibt es nicht.

Die Verlage würden allesamt schon längst nur noch im Internet veröffentlichen, wenn es da nicht ein klitzkleines Riesenproblem gäbe: Maschinen, die teuer waren, bezahlt werden müssen, Arbeitsverträge, Kundenverträge undundund.

Also ein System von Beziehungen. Während dieses System immer instabiler und problematischer wird, baut sich ein neues System auf.

Das bedienen die Verlage auch, aber meist halbherzig, weils an dem Ast sägt, auf dem man sitzt.

Die alten Griechen nannten das ein Dilemma.

RZ-Chef Christian Lindner ist ein Mann, der das versteht und versucht zu handeln. Zumindest ist das meine Meinung. Und er hats viel schwerer als ich.

166:1,66 sieht wie eine klare Gewichtung aus. Ist es das?

Mal abgesehen davon, dass er als RZ-Chef viel wichtiger ist als ich, eine Mannschaft von 166 Leuten hat, während ich vielleicht auf 1,66 komme.

Mal abgesehen davon, dass ein Monatsgehalt von ihm mir wahrscheinlich reichen würde, um zwei, drei, vielleicht sogar vier Monate über die Runden zu kommen.

Mal abgesehen davon, dass seine Maschine Teil eines großen etablierten Systems ist, während ich meinen Kunden mein System mühsam erklären muss und dabei nicht nur gegen die eigene Konkurrenz, sondern weitere sture, überholte und aggressive Systeme wie einen undemokratischen Bürgermeister mit seinem verfilzten Netzwerk ankämpfen muss.

Und mal ganz abgesehen von einem Vergleich der öffentlichen Aufmerksamkeit, die ich mit dem Faktor 1,66 gegenüber dem Faktor 166 erreiche. Lokal wie überregional.

Ich dagegen kann aufbauen, statt abzubauen.

Ich muss keine „etablierten Geschäftsbeziehungen“ und „eingeschliffene Systeme“ verwalten, sondern kann neu gestalten.

Tarifverträge, Gewerkschaften, Hofberichterstatter, Erwartungshaltungen, all das bleibt mir bislang erspart.

Stattdessen kann ich neue Sachen ausprobieren und muss keine teuren Umfragen machen, um zu sehen, ob irgendjemanden überhaupt interessiert, was ich mache.

Die Zahl der Besucher, die Klicks auf die Artikel passieren nicht automatisiert wie die Zustellung einer Zeitung, sondern weil die, die kommen und klicken das so wollen.

Das ist ein Wert. Aktive Aufmerksamkeit, die ich schaffe und pflege. Und verkaufe.

Diese Arbeit macht mir „den Spaß meines Lebens“.

150 interessierte Leser sind mehr wert als 15.000 Auflage.

Wenn die Werbekunden da draußen mehr und mehr verstehen, dass 150 Klicks auf einen Artikel über Lokales mit ihrer Werbung viel mehr wert sind als eine Auflage von 15.000 Exemplaren der Werbeableger der Regionalzeitungen, die direkt vom Briefkasten in die Mülltonne wandern, habe ich gewonnen.

Wenn sie verstehen, dass 1.000 Zugriffe auf einen Artikel, in dem ihre Werbung steht, 100 Prozent mehr wert sind als 100.000 Auflage mit einer Werbung, die irgendwo steht, aber nicht gesehen wird, noch mehr.

Der Weg dahin ist ganz einfach: Man muss seinen Job lieben und die Leserinnen ernst nehmen.

Man muss Journalist sein wollen und verstehen, was die Leute am meisten treibt: Meinung. Haltung. Diskussionsstoff.

Mut. Überraschung. Frechheit. Gefühl. Respekt. Widerstand. Bestätigung.

Die Soße (Sorry, MoJane) von „neutraler Berichterstattung“ ist vor allem eins: vollkommen uninteressant und schon immer verlogen. (By the way – die „Ich bin Journalistin und unterwegs und erlebe was auch immer Perspektive“ taugt für die Selbstreflexion, ist aber nur sehr bedingt interessant.

Berichterstattung muss nicht neutral sein, sondern zutreffend.

Wenn man „seriös“ sein möchte.

Wenn nicht, macht man Bild und sticht zu.

Wenn man nur so tut, als sei man „seriös“ und keine Ahnung hat, wie man Bild macht, macht man Lokalzeitung.

Zu hoffen, dass es gut geht, geht hoffnungslos schlecht aus.

Man tut nie jemandem weh, vor allem nicht denen, die „wichtig“ sind.

Man schreibt immer diesselben Artikel und hofft dass alles immer so weitergeht, wie es immer schon war.

Man setzt auf „Vereinsberichterstattung“ und merkt nicht, dass man dasselbe Schicksal erleidet wie die Vereine – man verliert Mitglieder noch und nöcher und reagiert noch verknöcherter und unflexibler, wie viele Vereine. Warum? Weils alle so machen.

Die Bratwurstjournalisten produzieren immer dasselbe. Überraschendes fehlt weitgehend vollständig.

Als Kind fand ich den Wienerwald toll. Den gibts (fast) nicht mehr. Dafür jede Menge anderer Fast-Food-Ketten.

Viele Nachrichten sind nur Fast-Food. Austauschbar, billig, schnell.

Der Griff zu Pfeffer-Salami, Puten-Lyoner oder Wellness-Schinken im Regal passiert schnell und preisgewusst.

Es gibt alle diese Angebote – sie kommen aus aller Welt.

Die einzigartige regionale, lokale Information ist ein absolut unschlagbares Exklusivprodukt, das auf dem globalisierten Markt überhaupt keine Chance hat. Genausowenig wie die einzelne eigene Meinung.

Etwas, das gilt, wird irgendwann zu Geld.

Vor Ort ist die Nachricht aus dem Ort ein exklusives Produkt, etwas das zählt.

Etwas, mit dem man sich auseinandersetzt.

Worüber man sich eine Meinung bildet.

Etwas, das gilt. Und was gilt, wird irgendwann zu Geld.

Auch die Zeitungen gelten bis heute was und auch, wenn deren Abwertung dramatisch voranschreitet, werden sie in Zukunft noch etwas gelten.

Sie müssen aber exklusiver werden – dafür braucht es freie Köpfe und keinen Filz vor Ort.

Das ist das eigentliche Problem des Lokaljournalismus, unabhängig von jedem Medium. Er hat überwiegend in jeder Hinsicht seine Unabhängigkeit verloren – und damit auch seine Glaubwürdigkeit.

Journalismus ist eine Berufung. Das heißt, jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann ihn ausüben.

Aber nur wenige können das professionell leisten. Professioneller Journalismus war bis vor wenigen Jahren weitgehend monopolisiert und reguliert.

Die Märkte werden neu verteilt.

Diese Schranken hat das Internet abgebaut – jetzt werden die Märkte neu verteilt.

Alle, absolut alle Medienhäuser gleich welcher Provenienz oder in welcher Provinz werden , wenn sie nicht klug, umsichtig und manchmal auch skrupellos handeln, an ihrer eigenen Gefälligkeit zugrunde gehen.

Und andere werden das Geschäft übernehmen.

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  • weilburger

    genau das ist es und kann nicht oft genug wiederholt Werden. chapeau, kollege!Wenn ich 1,30 Euro auf die Theke lege und dafür eine wahllose Mischung Brötchen bekomme, die ich gar nicht will, wechsle ich den Bäcker.Außer, es gibt keinen anderen.Weil auch hier die Konzentration wie im Pressewesen um sich greift, überlege ich mir irgendwann, ob ich mir ein Brötchen für 1,30 Euro kaufe oder zehn für denselben Preis beim Supermarkt.