Samstag, 23. September 2017

Warum ich mich von hunderten FB-Freundschaften trenne

Wenn weniger mehr ist

Mannheim, 20. Oktober 2013. (red) Wow – 1.087 Facebook-Freunde. Das ist ne Menge. Und weiter? Bin ich deswegen wichtig? Sind mir die Kontakte wichtig? Was sagt die Zahl aus? Viel und nichts. Ich habe freiwillig gerade rund 220 „Freundschaften beendet“ – wĂ€hrend der allgemeine Trend doch ist, möglichst viele neue einzugehen. Warum ich das mache? Ein Versuch.

Von Hardy Prothmann

Manche haben wenige Kontakte, manche sehr viele, manche adden nur Leute, die sie auch wirklich kennen, manche nehmen jeden, den sie bekommen können.

Ich habe in der ersten grundsĂ€tzlich jeden akzeptiert, meine Freunde geadded und selbst „Freundschaften“ angefragt.

Vor ein paar Tagen hatte ich noch die stattliche Zahl von 1.087 Facebook-„Freunden“, aktuell sind es 862. Ich habe innerhalb von zwei Tagen 225 Kontakte „aufgekĂŒndigt“. Einfach so.

So einfach war das nicht. Ich denke die ganze Zeit: „Bist Du bescheuert?“ Das ist Reichweite. Je mehr, desto besser. Und ich denke: Die, die ich „kĂŒndige“, werden nicht erfreut sein. Vielleicht mache ich einen riesengroßen Fehler. Entfreundete Kontakte nehmen das womöglich persönlich und sind dann keine „Freunde“ mehr, sondern beleidigt.

Vorher habe ich allerdings schon lange und oft gedacht: „Bist Du bescheuert, immer neue „Freundschaftsanfragen“ anzunehmen? Was bringt Dir das eigentlich außer mehr und mehr Postings auf der Timeline, die dich nicht interessieren?“

Ich folge nicht Algorithmen und schon gar nicht Social Media-Beratern, sondern meinem GefĂŒhl. Mit wurde das zuviel. Zuviel Aufwand.

Kontakte sind mein GeschĂ€ft als Journalist. Aber ich bin in Facebook auch privat. Ich treffe dort echte Kontakte – teils aus meiner Grundschulzeit. Muss ich aber mit Manfred und Sandra auf FB befreundet sein – nur weil wir mal in derselben Klasse waren? Vor 40 Jahren? Oder spĂ€ter im Gymnasium? Oder der Uni? Oder bei irgendeinem Job oder in irgendeinem Verein?

Muss ich nicht und will ich nicht. Ja, Facebook ist fĂŒr mich Reichweite fĂŒr meine Themen, meine Ideen und meine Haltungen zu Welt. Ich poste Musik, die mir gefĂ€llt, Geschichten, die ich lesenswert finde, meine eigenen und andere. Ich kommentiere hier und da, nehme an Debatten teil und freue mich, wenn ich lese, dass eine gute Freundin geheiratet hat, ein Kind auf die Welt gekommen ist oder was mir sonst noch so gefĂ€llt.

Und ich finde auch manche geposteten SprĂŒche lustig – die meisten nerven mich aber.  Und ich brauche auch die meisten der lustigen Videos nicht. Und ja, ich habe auch schon Fotos von diversen Gerichten gepostet, aber ich kann jeden verstehen, den ich damit nerve.

Ich werde weitere Kontakte aufheben, aus unterschiedlichen GrĂŒnden. Ich werde weder das begrĂŒnden, noch, warum ich andere behalte. Die, die ich behalte, interessieren mich aus irgendwelchen GrĂŒnden, dass ich sie behalte. Von einer Gruppe trenne ich mich besonders gerne – von den Lurkern. Das sind meist Medienleute, die sich bei mir was abgucken wollen und von denen ich so gut wie nie was zurĂŒckbekomme. Ich trenne mich aber auch von Professoren, Politikern, GeschĂ€ftsleuten und Privatleuten.

Moment – man kann doch auch Listen fĂŒhren und entscheiden, wer welche Postings zu Gesicht bekommt?! Das ist mir aber zuviel Aufwand.

Die erste Löschwelle hat sehr zur Entspannung meiner Timeline begetragen. Das gefÀllt mir.

Falls jemand doch noch mit mir „befreundet“ sein will, kann man ja nochmals anfragen und dies vor allem begrĂŒnden. Freundschaftsanfragen von Leuten, die ich nicht kenne und die keine Zeit haben, mir ein paar Zeilen zu schreiben, werde ich ignorieren.

Vernetzen ist gut und wichtig – aber eine Facebook-„Freundschaft“ ist zunĂ€chst nur ein technischer Vorgang. Vernetzen ist auch Arbeit und zuviele Kontakte machen Arbeit ohne Nutzen. Zuviel Zeugs auf der Timeline, das mich nicht interessiert, bindet meine Aufmerksamkeit, die ich lieber anderen Dingen widme.

Einige der „Entfreundungen“ werden das vermutlich gar nicht mitbekommen, weil sie „Neuigkeiten“ von mir eh ausgeblendet haben, weil ich fĂŒr deren Geschmack nicht das poste, was sie interessiert. Oder zuviel. Warum behalten die mich als „Freund“? Weil man ja nie wisen kann, wofĂŒr es mal nĂŒtzlich ist? Damit die Zahl einen selbst bestĂ€tigt?

Als ich ĂŒber 1.000 Facebook-„Freunde“ erreicht hatte, habe ich mich gefreut. Und auch geguckt, wie viele andere haben, also Vergleiche angesellt. Bis ich drĂŒber nachgedacht habe.

Unterm Strich ist weniger mehr – das habe ich innerhalb von ein paar Tage schon feststellen können.

Alle die, die sich fĂŒr berufliche Postings von mir interessieren, klicken halt GefĂ€llt mir auf Geprothmannt.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.