Montag, 26. Juni 2017

Es geht ums Prinzip

Warum ich Carta nicht mehr unterstütze

Mannheim/Berlin, 03. November 2016. (pro) Carta.info als Projekt fand ich sehr spannend. Über viele Jahre. Den Ideengeber, Gründer und leider viel zu früh verstorbenen Robin Meyer-Lucht habe ich online kennengelernt, wir hatten ein Mal ein kurzes Zusammentreffen. Ich mochte ihn. Weil er geglüht hat. Nach seinem Tod 2011 ging CARTA weiter, aber es ist nicht mehr das, wofür ich glühen könnte.

Der Vorgang scheint banal, ist es aber nicht.

Ich wollte für das Rheinneckarblog.de einen Text übernehmen. Der Text erschien zuerst auf Carta.info und war meiner Ansicht nach nicht besonders gut gelungen. Ich dachte – egal – es geht um das Thema dahinter und fragte an, ob eine Übernahme in unsere Reihe Montagsgedanken mit Themen zur Zeit möglich wäre. Das ging voran und kurz nachdem der Text beim Rheinneckarblog erschien, drohte der Autor mit seinem Anwalt. Der Text wurde umgehend gelöscht.

Details dazu hier:  Journalismus – durch „Journalisten“ massiv bedroht

Ich habe danach mehrmals versucht auf Carta den Originalbeitrag zu kommentieren. Aus meiner Sicht. Mit meinen Argumenten. Höflich, an der Sache orientiert.

Carta – eine Baustelle

Die Betreiber von Carta antworteten auf Anfrage, warum meine Kommentare nicht veröffentlicht wurden:

Der Streit um die Zweitveröffentlichung des Textes, so berechtigt er sein mag, ist nicht unsere Baustelle.

Ach? Für welche Baustellen ist Charta eigentlich da, wenn Carta nicht vollständig ohne Bedeutung sein will?

Ich habe den Text angefragt und wenn der Autor einen Preis aufgerufen hätte, hätte ich den akzeptiert, verhandelt oder zurückgewiesen.

Diesen Vorgang gab es nicht. Der Text aber handelt von unbezahlter oder schlecht bezahlter Arbeit.

Und plötzlich kündigt mir der Autor an, dass er Anwälte gegen mich in Stellung bringen will, weil ihm was nicht passt. Damit geht es möglicherweise ruckzuck um sehr viel Geld für juristische Kosten.

40.000 Euro juristische Kosten für Journalismus-Verteidigung

Ich weiß, wovon ich rede, weil ich in den vergangenen Jahren über 40.000 Euro für Rechtsstreitigkeiten selbst bezahlen musste. Ich kenne keinen einzigen (freien) „Kollegen“, der auch nur annähernd selbst soviel Geld aufgebracht hat, um seine Interessen zu verteidigen.

Diese vollkommen absurde Entwicklung habe ich kommentiert – als Partei, als Besteller und als Leser von Carta. Meine Kommentare wurden nicht freigeschaltet – weil das nicht die Baustelle von Carta ist?

Gehts noch?

Was ist die Baustelle von Carta – das würde ich gerne wissen? Baut man auf schlechte Texte auf, die Hauptsache ein wesentliches Thema ansprechen und lässt dann keine Debatte mehr zu, weil man, ja was…?

Mit Robin Meyer-Lucht ist meiner Auffassung nach auch Carta gestorben. Ich kannte ihn nicht wirklich gut, aber dieser Spirit wäre nicht seiner gewesen, dessen bin ich sicher. Carta.info wird der Sache von RML nicht gerecht.

Entweder wacht Carta auf oder hat genug Respekt vor RML, um dessen Namen nicht weiter zu beschädigen und beendet die Baustelle.

Meine Meinung.

Löschen ja – veröffentlichen nein. Was ist das für ein „Spirit“?

Ich habe Carta gebeten, meine Texte zu löschen. Dem ist man nachgekommen. Man löscht dort also lieber mehrere Texte als einen Kommentar zu veröffentlichen. Sehr interessant.

Mein Instinkt sagt mir, dass Carta keine offene Plattform für Expertenmeinungen und Debatte sein kann. Das ist nur mein Instinkt, eine Vermutung.

Wir werden sehen, wie es mit Carta weitergeht. Bemerkenswert ist, dass die Betreiber lieber Texte eines Autoren löschen, als streitbare Kommentare zu veröffentlichen.

Man könnte auch sagen – irgendwas läuft schief bei Carta.

Carta ist für mich erledigt – keine Haltung

Man könnte jetzt auch mal zu Carta und den Betreibern recherchieren und sich Gedanken machen, wem was wie nützt und wieso und weshalb. Journalistisch halt und so, irgendwie.

Ich habe dafür keine Zeit – möglicherweise scheint Carta unbedeutend zu sein. Glaub ich nicht, denn sonst würden sich eine Anzahl von Leuten nicht darum bemühen, die Idee von RML weiter auszubeuten.

Ich verschenke die Story hinter Carta, weil ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern. Es gibt eine Story dahinter. Ganz sicher. Irgendjemand kann sie aufgreifen oder nicht.

Für mich ist Carta ab sofort erledigt. Geschichte. Denn bei Carta hat man keine Haltung. Leider.

#RML Reg Dich nicht auf, sondern ruhe in Frieden.

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.