Sonntag, 26. März 2017

Freundliche Anfragen zu Schleichwerbung

Wäre es möglich, dass Sie einen Artikel veröffentlichen?

Mannheim/Berlin, 24. Juni 2014. (red) Backlinks, freundliche redaktionelle Erwähnung – quasi täglich laufen in der Redaktion diese „Angebote“ ein. Man sei sehr überzeugt von unseren redaktionellen Inhalten und möchte gerne anfragen – um redaktionell getarnte Werbung zu veröffentlichen. Leider scheinen sich viele drauf einzulassen und nicht nur „kleine Blogger“, sondern Bild, Welt, Tagesspiegel, Focus und sogar die ARD.

Heute kam mal wieder eine dieser netten emails von einem Marketingleiter:

Hallo Herr Prothmann,

ich wollte nachfragen, ob es möglich wäre, dass Sie einen Artikel zum Thema Kultur vielleicht auch in Bezug auf Reisen auf Ihrer Website veröffentlichen, in dem Sie dann auf ? verweisen.

Ist dies möglich bzw. wie wäre gegebenenfalls dabei der Ablauf?

Unsere kostenlose Reisesuchmaschine auf www.?.de kombiniert und vergleicht die Verkehrsmittel Bahn, Bus, Flugzeug sowie Mietwagen auf einen Blick und vereinfacht das Gestalten eines individuellen Reiseplans.

Sie können sich gerne einmal selbst die Anfahrtsmöglichkeiten nach Mannheim oder in eine andere Stadt auf www.?.de anzeigen lassen.
Ebenso können Sie sich auch hier einen kleinen Beitrag über uns in der ARD ansehen, um sich ein Bild von uns zu machen.

Sollten noch Fragen Ihrerseits offen sein können Sie sich gern bei mir melden.

Ich bin auch telefonisch unter folgender Telefonnummer zu erreichen:

030 /

Ich würde mich sehr über ein Feedback freuen.

Beste Grüße aus Berlin

Beispiele für ? in den Medien:
BILD
Die Welt
Tagesspiegel
Morgenpost
Focus
GIGA
TechCrunch
Tnooz

Als Service-Thema kann ich mir das schon in meinen Blogs vorstellen – schließlich ist bald Reisezeit. Ich rufe den Marketingleiter an.

Ich: Guten Tag, Hardy Prothmann vom Rheinneckarblog.de in Mannheim. Sie haben uns angeschrieben. Dazu kann ich Ihnen gerne das Angebot machen, Werbung bei uns zu schalten.

Marketingleiter: Nein, daran haben wir kein Interesse. Uns geht es um eine redaktionelle Erwähnung mit Backlink.

Ich: Wir können auch einen Service-Artikel veröffentlichen, der Unter Nachrichten-Wirtschaft, aber auch unter Anzeige veröffentlicht wird. Wie kennzeichnen Fremdtexte immer eindeutig. Eine Vermischung von Redaktion und Anzeigen findet nicht statt.

Marketingleiter: Wir können auch gerne für das Schreiben des Textes bezahlen.

Ich: Kein Problem, es bleibt aber trotzdem eine Dienstleistung und Fremdauftrag und wird mit Anzeige gekennzeichnet.

Marketingleiter: Daran haben wir kein Interesse.

Ich: Es besteht die Möglichkeit, dass wir darauf hinweisen, dass Sie sich gerne von uns prüfen lassen wollten – wir schreiben einen Text inklusive Kritik, sofern wir etwas kritisch sehen. Sie können Anzeigen schalten. Auch das ist sauber getrennt, da es keinen Einfluss auf die redaktionelle Leistung gibt. Wir vermerken allerdings, dass unser Werbekunde gerne wollte, dass wir das Angebot mal unter die Lupe nehmen. So ist das transparent und keine Leserverarsche.

Marketingleiter: Wir wollen ja auch niemand verarschen, sondern eine positive redaktionelle Besprechung.

Ich: Wir können Ihnen nur einen als Anzeige gekennzeichneten Platz für einen Artikel anbieten oder eine Werbeschaltung.

Marketingleiter: Aber andere Medien haben das doch auch gemacht?!

Ich: Andere Medien sind andere Medien. Wir arbeiten unabhängig und trennen strikt. Interessiert Sie das Angebot?

Marketingleiter: Nein, an einer Bannerschaltung haben wir kein Interesse.

Ich: Dann ist das so. Schönen Tag noch.

Marketingleiter: Schönen Tag.

Ob sich der Marketingleiter tatsächlich über mein Feedback gefreut hat? Wie viele Gespräche dieser Art werden täglich geführt? Wie viele „Vereinbarungen“ getroffen? Die Liste der Medien, die sich offenbar auf „Absprachen“ einlassen, gibt einen Anhaltspunkt. Mit Journalismus hat das alles nichts zu tun – man muss davon ausgehen, dass die meisten Texte, in denen Unternehmen mit ihren Angeboten „besprochen“ werden, dann eher durch einen Geldfilter betrachtet werden. Spannend dürfte die Frage sein, wie dieser Anbieter es geschafft hat, Erwähnung beim WDR zu finden – ob da hinter den Kulissen noch ein Backlinkschisch geflossen ist?

Herr Niggemeier – übernehmen Sie?

  • Starkstromliesel

    Herr Prothmann,

    wie kommen Sie darauf, dass ein Herrn Niggemeier mithilft,
    den Sumpf trocken zu legen, in dem er selbst knöcheltief watet und an dem er
    prächtig verdient? Gut, er hat mit bildblog gegen BILD und Springer gewettert.
    Aber es war da auch klar, dass er nicht für Springer arbeiten würde bzw.
    Springer ihm kein Angebot für eine Journalistentätigkeit machen würde. Die
    Anzahl der kritischen Artikel gegenüber SPON reduzierten sich allerdings
    erheblich mit Aufnahme seiner Tätigkeit als Autor beim Spiegel. Generell glaube
    ich nicht, dass ein von Medien und Verlagen durch Auftragsvergabe abhängiger
    „Medien-Journalist“ gleichzeitig wirklich objektiv und unabhängig diese Hand, die einen füttert, richtig beißen wird. Es sei denn – wie bei Springer und Niggemeier – sie füttert ihn nicht.

    Zum Thema redaktionelle Berichte: Hier stimme ich mit dem
    Artikel „künstliche Aufgeregtheit um eine etablierte Praxis“ überein. Ich bin
    seit über 20 Jahren im Bereich Marketing / Werbung tätig. Und es ist noch nie
    vorgekommen, dass ich einen redaktionellen Beitrag für meine Kunden nicht
    erhalten hätte. Natürlich nicht umsonst. Hier war der Online-Kollege vielleicht
    noch etwas jung, unerfahren und zu übermütig. Kommt bei Online-Unternehmen
    öfter vor.

    Der Weg zur redaktionellen Berichterstattung führt doch in
    der Regel über die Anzeigenabteilung und das Zauberwort heißt flankierende
    Maßnahmen. Nach dem Motto wir hätten gerne eine nicht gekennzeichnete, wohlwollende redaktionelle Berichterstattung und können uns als flankierende Maßnahme die eine oder andere Anzeigenschaltung – natürlich nicht in der gleichen Ausgabe, das wäre zu offensichtlich – vorstellen. Funktioniert in der Regel immer. Je größer das werbetreibende Unternehmen bzw. je abhängiger ein Verlag von den Anzeigeneinnahmen, desto schneller und besser funktioniert der Deal.

    Stellen Sie sich vor ein Konzern wie VW würde bei einer
    Automobilzeitschrift nur für ein paar Wochen alle Anzeigen stornieren oder
    keine Produkte mehr zum Testen zur Verfügung stellen. Stellen Sie sich vor eine
    Media-Agentur, die Anzeigenetats von mehreren großen Kunden verwaltet, würde
    eine Zeitschrift ignorieren. Geht auch im Kleinen. Besonders bei
    Kennzifferzeitschriften. Stellen Sie sich vor, Logistik heute oder das
    Fördermittel-Journal würden vom Marktführer der Branche geschnitten. Holla die
    Waldfee.

    Die Verflechtungen zwischen der werbetreibenden Wirtschaft
    und Medien, Verlagen sowie den Journalisten sind immens. Zumal Medien und
    Verlage selbst wieder Werbetreiber sind, Journalisten wiederum im Marketing der
    Wirtschaftsunternehmen sitzen usw. Ein allfälliges Geben und Nehmen, bei dem
    Compliance-Kriterien nicht mehr als eine schöne Fassade darstellen.

    Ein weiteres Thema, was von Journalisten gerne unter den
    Teppich gekehrt wird, ist ihre außerordentlich hohe Bereitschaft sich
    korrumpieren zu lassen, in dem sie fleißig Journalistenrabatte annehmen. Man
    verunglimpft Christian Wulff wenn er vom Autohändler als Zugabe ein Bobby Car
    annimmt, kann aber selbst den Hals nicht voll genug kriegen, wenn rabattierte
    Lap-Tops, Flugreisen, Theaterkarten, Automobile usw. winken. Natürlich nur,
    weil man das zum Arbeiten braucht und für die Recherche und so…

    Aber mal ernsthaft. Ein Journalist, der innerhalb von 14
    Tagen einen Wagen auf Mauritius testen „muss“ und anschließend den Wagen zu
    einem äußerst günstigen „Vorzugspreis“ erwerben kann, wie wird dessen
    Testbericht ausfallen? Und der Beispiele gäbe es noch viele.

    Fazit: Gängige Praxis. Künstlich aufgeregt. Die meisten
    Journalisten über Anzeigenabteilung, Druck von der Verlagsleitung / Druck von
    Einzelpersonen aus Gremien der Fernsehanstalten (Stichwort Lobbyinteressen) oder über Rabatte eh schon im Sack. Heute ist Fußball.

    • hardyprothmann

      Ich erkenne keine „künstliche“ Aufregung. Wir ich mit solchen Angeboten umgehe, konnten Sie ja lesen.

      • Starkstromliesel

        Herr Prothmann, der Begriff künstliche Aufregung bezog sich auf den von Ihnen rechts auf dieser Seite verlinkten Bericht in der Medienwoche mit der Schlagzeile: Künstliche Aufregung um etablierte Praxis. Ich hatte da einen Zusammenhang zwischen der Verlinkung und Ihrem Artikel gesehen…

  • Starkstromliesel

    Hier mal ein aktuelles Beispiel aus der FAZ, bei dem ich sofort an diesen Artikel denken musste…

    http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/umwelt-technik/nomos-glashuette-zeigt-neues-automatikwerk-zur-uhrenmesse-13484589.html