Montag, 22. Dezember 2014

« »
Hanseatischer QualitÀtsjournalismus

Von schweren Trinkern und SUVs

Der Top-Journalist und Zeit-Herausgeber Josef Joffe macht mit der Top-Autorin Christine Brinck (die auch seine Ehefrau ist) nicht etwa eine Spritztour nach Italien – sondern einen Autotest. Das Autorenpaar schreibt hĂ€ufig ĂŒber gehobene Mittelklassewagen und manchmal gönnt man sich auch die Luxusklasse. Quelle: zeit.de

 

Mannheim/Hamburg, 15. Dezember 2012. (red) Über Facebook bekomme ich den Hinweis, dass der Zeit-Herausgeber Josef Joffe begeisterter Auto-Tester ist. Zusammen mit der Zeit-Autorin Christine Brinck stĂŒrzt er sich ins Abenteuer Auto, um mit kritischem Sachverstand ĂŒber neue, schicke Autos zu berichten. Voller Neid stelle ich fest, dass die Zeit ihren Leserinnen und Lesern einen QualitĂ€tsjournalismus bietet, den sich viele andere Redaktionen nicht leisten können.

Von Hardy Prothmann

Der gemeine freie Journalist verdient bei deutschen Tageszeitungen so zwischen 10 und 50 Cent die Zeile. Wer also einen Auftrag fĂŒr einen 70-Zeiler erhĂ€lt (so umfangreich ist in etwa der neue Q3-“Test” im Zeit-Magazin), bekommt dafĂŒr 7 bis 35 Euro. Das Honorar lĂ€sst sich vielleicht noch mit einem Foto aufpeppen, fĂŒr das es zwischen 5 und 20 Euro gibt. Macht also 12 bis 55 Euro.

Mit etwas GlĂŒck liegt der Termin nicht so weit entfernt und man benötigt fĂŒr An- und Abfahrt (eigenes Auto vorausgesetzt) eine halbe Stunde. Eineinhalb Stunden vor Ort, nochmal eineinhalb Stunden fĂŒr Schreiben, Bild aufbereiten. Unterm Strich also 3,5 Stunden – im schlechtesten Fall ergibt sich ein Stundenlohn von 3,4 Euro, im besten Fall 15,7 Euro. Und mit etwas GlĂŒck hat man tĂ€glich zwei von diesen AuftrĂ€gen. FĂŒnf Mal die Woche, vier Wochen im Monat. Im schlechtesten Fall schafft man es bei Vollauslastung auf 480 Euro, im besten Fall auf 2.200 Euro.

Der erfolgreiche freie Journalist schreibt in einer anderen Zeilengeldliga. Die liegt so zwischen einem Euro und zwei Euro. Fotos werden bis 40 Euro “vergĂŒtet”. Nehmen wir mal den besten Fall an, kommen bei Vollauslastung 7.200 Euro monatlich zusammen, vermutlich aber nicht, denn man bekommt keine zwei 70-Zeiler fĂŒr zwei Euro jeden Tag, 20 Mal im Monat.

Top-Autoren lĂ€cheln nur ĂŒber die Hungerzeilenlöhne. Diese Kaste schreibt fĂŒr drei Euro aufwĂ€rts die Zeile exklusive Stories. Das Problem dabei ist: Die ExklusivitĂ€t findet auf kleinerem Raum statt. Zwei exklusive 70-Zeiler am Tag sind illusorisch. Schon gar unter den oben genannten Bedingungen: An- und Abfahrt 30 Minuten, eineinhalb Stunden Termin, eineinhalb Stunden Bearbeitung. Recherchezeit: Null Minuten.

Trotzdem gibt es Autoren, die unter mĂ€rchenhaften Bedingungen schreiben. Beispielsweise der Zeit-Herausgeber Josef Joffe und die Zeit-Autorin Christine Brinck – das Erfolgsteam schreibt gemeinsam hĂ€ufiger Autotests fĂŒr das Zeit-Magazin. Darin gibt es SĂ€tze wie diese zu lesen, die offensichtlich fĂŒr die Zielgruppe optimiert worden sind:

Der SLK ist der ideale Drittwagen fĂŒr den urbanen Menschen mit etwas Extrageld: die S-Klasse fĂŒr BĂŒro und Brut, der Smart fĂŒr die ParklĂŒcken, das Cabrio fĂŒr die Landpartie zu zweit.

FĂŒr 1300 Euro gibt’s SitzbelĂŒftung und RĂŒckenmassage – recht preiswert, wenn man bedenkt, was ein Masseur nimmt, und dann diesen Preis auf die unzĂ€hligen Stunden hochrechnet, bis der nĂ€chste Dienstwagen fĂ€llig wird.

HĂ€ufig geht es sĂŒffisant zu, mit Schlagzeilen wie SanftmĂŒtiger Schluckspecht oder Schwerer Trinker, wo man dann solche SĂ€tze lesen kann:

Der Sechszylinder sÀuft wie ein Schwede beim Mittsommernachtsgelage.

Im neuesten StĂŒck ĂŒber den Audi Q3 2.0 TDI quattro endet das StĂŒck:

Papi könnte am Volant sogar Becher und Burger in beiden HĂ€nden halten; der Spurassistent macht’s möglich – aber nur auf der gepflegten (und teuren) A1. Auf der rumpeligen E45 trinkt die Hose mit.

Die beiden reisen von Hamburg nach MĂŒnchen, um dort einen Audi Q3 zu besteigen und fahren den SUV 850 Kilometer ins italienische Umbrien, um neben der Reisetauglichkeit auf bruale StraßenverhĂ€ltnisse mit dem Sport Utility Vehicle kenntnisreich zu testen.

Wir stellen uns mal von ein sehr strammes Programm vor: FrĂŒh aufstehen, mit dem Taxi zum Flughafen. Halbe Stunde. Eine Stunde vor Abflug vor Ort. Zwei Stunden Flug. Auschecken. Mit dem Taxi zum Audi-HĂ€ndler, halbe Stunde. Und dann ab nach Italien. 850 Kilometer – wer sportlich fĂ€hrt, schafft das in 8,5 Stunden, Pausen braucht man als ehrgeiziger Reporter nicht, auch nicht, wenn man wie Joffe 68 Jahre alt ist.

Vor Ort dreht man noch eine Runder ĂŒber Feldwege und stellt sich die Frage: Was nun? Die 850 Kilometer zurĂŒck oder doch lieber ĂŒbernachten? VernĂŒnftigerweise wird ĂŒbernachtet. Das kann man fĂŒr 30 Euro in einer Jugendherberge. Aber vermutlich nicht als Zeit-Herausgeber in Begleitung einer Zeit-Autorin. Die Zeiten sind hart. Wir stellen uns vor, man bucht gĂŒnstig. Rechnen wir mal 150 Euro die Nacht. Macht 300 fĂŒr zwei Personen, außer, man nimmt ein Doppelzimmer fĂŒr, sagen wir mal 200 Euro. Das liegt in diesem Fall auf der Hand, denn schließlich sind Joffe und Brinck miteinander verheiratet.

Dann muss man natĂŒrlich noch was essen und trinken. Nehmen wir mal an, dass die Top-Autoren eher kein Fastfood zu sich nehmen und auch nicht im Supermarkt einkaufen, um auf dem Zimmer eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, sondern standesgemĂ€ĂŸ ein Restaurant besuchen. Auch hier zeigt man sich sehr vernĂŒnftig und rechnet pro Person 70 Euro.

Am kommenden Tag geht es zurĂŒck. Um sich die eineinhalb Stunden Produktionszeit zu sparen, erledigt man die Textaufgabe auf der RĂŒckfahrt. Eine Bildbearbeitung ist nicht nötig, denn der Hersteller hat kostenfrei Bilder geliefert, die man leider nicht abrechnen kann.

Wie gesagt, alle Annahmen und Rechnungen sind rein hypothetisch, ebenso die folgende:

  • 2x Taxi Hamburg: 50 Euro (man muss ja hin und zurĂŒck)
  • 2x Taxi MĂŒnchen: 50 Euro
  • 4x Flug: 600 Euro (mal angenommen, man bucht frĂŒhzeitig und fliegt Holzklasse)
  • Sprit: 250 Euro (1.800 Kilometer – 100 Kilometer fĂŒr Umwege eingerechnet – mal 9 Liter Verbrauch bei 1,5 Euro je Liter Diesel, den zahlt man selbst, man nimmt ja keine Geschenke an)
  • AutobahngebĂŒhren: 150 Euro
  • Übernachtung: 200 Euro
  • Versorgung: 140 Euro (es wird nur am Abend der Ankunft auswĂ€rts gegessen – nach der RĂŒckkehr zuhause)
  • Kosten Joffe: 1.000 Euro (hypothetischer Tagessatz von 500 Euro angenommen, was bei einem Mann dieser Bedeutung eher ein Symbolsatz wĂ€re)
  • Autorenhonorar Brinck: 350 Euro (mal angenommen, sie bekommt 5 Euro die Zeile, sonst wirds teurer)

Macht – Sparsamkeit vorausgesetzt – insgesamt 2.790 Euro Kosten fĂŒr den 70-Zeiler oder rund 40 Euro die Zeile fĂŒr dieses herausragende StĂŒck QualitĂ€tsjournalismus.

In Zeiten des Zeitungssterbens bin ich schwer beeindruckt, dass es nach wie vor QualitĂ€tsmedien gibt, die keine Kosten scheuen, um exklusiven, hintergrĂŒndigen, ĂŒberraschenden, nachdenklichen, tiefsinnigen und trotz allen Ernstes auch ein wenig humorig verfassten und vorbildlichen Journalismus zu finanzieren.

Vielleicht hat das Ehepaar ja auch gar kein Honorar verlangt oder verfĂŒgt ĂŒber einen Pauschalvertrag. Dann mĂŒsste man das anders rechnen. In Ermangelung harter Fakten kann man das von außen also nur rein hypothetisch betrachten – tatsĂ€chlich wĂ€ren das die Mindestkosten, wenn man beispielsweise mich und eine Reporterin fĂŒr einen solchen Autotest buchen wĂŒrde.

Kosten könnte man sparen, wenn man sich die Reise vom Hersteller bezahlen ließe, wie das hĂ€ufig im “Autojournalismus” ĂŒblich ist. Ich gehe mal davon aus, dass dies nicht der Fall ist.

Die vielen freien Lohnschreiber können von solchen AuftrÀgen nur trÀumen. Aber die gehören ja auch nicht zur Autorenelite des Landes.

ErgÀnzung, 18. Dezember 2012:
Meedia
hat das Thema aufgegriffen und recherchiert, dass der Verlag nur 90 Euro “Benzingeld-Zuschuss” zahlt, die Autoren alles andere sonst selbst tragen mĂŒssen. Merke: Wenn Du Auto-Journalist werden willst, sollten Papi und Mami vermögende Leute sein.

Moderation von Kommentaren

Die Moderation liegt bei der Redaktion. FĂŒr uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erwĂŒnscht, persönliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette.

Kommentare mit/ohne Passwort

Sie können sich ĂŒber Dienste wie Facebook oder Twitter einloggen oder direkt bei Disqus. Wenn Sie lieber anonym kommentieren möchten, wĂ€hlen Sie bitte: Ich schreibe lieber als Gast. Dann geben Sie den Namen ein, unter dem Sie kommentieren wollen und los geht es.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.