Donnerstag, 24. Juli 2014

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Hanseatischer Qualitätsjournalismus

Von schweren Trinkern und SUVs

Der Top-Journalist und Zeit-Herausgeber Josef Joffe macht mit der Top-Autorin Christine Brinck (die auch seine Ehefrau ist) nicht etwa eine Spritztour nach Italien – sondern einen Autotest. Das Autorenpaar schreibt häufig ĂĽber gehobene Mittelklassewagen und manchmal gönnt man sich auch die Luxusklasse. Quelle: zeit.de

 

Mannheim/Hamburg, 15. Dezember 2012. (red) Über Facebook bekomme ich den Hinweis, dass der Zeit-Herausgeber Josef Joffe begeisterter Auto-Tester ist. Zusammen mit der Zeit-Autorin Christine Brinck stürzt er sich ins Abenteuer Auto, um mit kritischem Sachverstand über neue, schicke Autos zu berichten. Voller Neid stelle ich fest, dass die Zeit ihren Leserinnen und Lesern einen Qualitätsjournalismus bietet, den sich viele andere Redaktionen nicht leisten können.

Von Hardy Prothmann

Der gemeine freie Journalist verdient bei deutschen Tageszeitungen so zwischen 10 und 50 Cent die Zeile. Wer also einen Auftrag fĂĽr einen 70-Zeiler erhält (so umfangreich ist in etwa der neue Q3-”Test” im Zeit-Magazin), bekommt dafĂĽr 7 bis 35 Euro. Das Honorar lässt sich vielleicht noch mit einem Foto aufpeppen, fĂĽr das es zwischen 5 und 20 Euro gibt. Macht also 12 bis 55 Euro.

Mit etwas GlĂĽck liegt der Termin nicht so weit entfernt und man benötigt fĂĽr An- und Abfahrt (eigenes Auto vorausgesetzt) eine halbe Stunde. Eineinhalb Stunden vor Ort, nochmal eineinhalb Stunden fĂĽr Schreiben, Bild aufbereiten. Unterm Strich also 3,5 Stunden – im schlechtesten Fall ergibt sich ein Stundenlohn von 3,4 Euro, im besten Fall 15,7 Euro. Und mit etwas GlĂĽck hat man täglich zwei von diesen Aufträgen. FĂĽnf Mal die Woche, vier Wochen im Monat. Im schlechtesten Fall schafft man es bei Vollauslastung auf 480 Euro, im besten Fall auf 2.200 Euro.

Der erfolgreiche freie Journalist schreibt in einer anderen Zeilengeldliga. Die liegt so zwischen einem Euro und zwei Euro. Fotos werden bis 40 Euro “vergĂĽtet”. Nehmen wir mal den besten Fall an, kommen bei Vollauslastung 7.200 Euro monatlich zusammen, vermutlich aber nicht, denn man bekommt keine zwei 70-Zeiler fĂĽr zwei Euro jeden Tag, 20 Mal im Monat.

Top-Autoren lächeln nur über die Hungerzeilenlöhne. Diese Kaste schreibt für drei Euro aufwärts die Zeile exklusive Stories. Das Problem dabei ist: Die Exklusivität findet auf kleinerem Raum statt. Zwei exklusive 70-Zeiler am Tag sind illusorisch. Schon gar unter den oben genannten Bedingungen: An- und Abfahrt 30 Minuten, eineinhalb Stunden Termin, eineinhalb Stunden Bearbeitung. Recherchezeit: Null Minuten.

Trotzdem gibt es Autoren, die unter märchenhaften Bedingungen schreiben. Beispielsweise der Zeit-Herausgeber Josef Joffe und die Zeit-Autorin Christine Brinck – das Erfolgsteam schreibt gemeinsam häufiger Autotests fĂĽr das Zeit-Magazin. Darin gibt es Sätze wie diese zu lesen, die offensichtlich fĂĽr die Zielgruppe optimiert worden sind:

Der SLK ist der ideale Drittwagen fĂĽr den urbanen Menschen mit etwas Extrageld: die S-Klasse fĂĽr BĂĽro und Brut, der Smart fĂĽr die ParklĂĽcken, das Cabrio fĂĽr die Landpartie zu zweit.

Für 1300 Euro gibt’s Sitzbelüftung und Rückenmassage – recht preiswert, wenn man bedenkt, was ein Masseur nimmt, und dann diesen Preis auf die unzähligen Stunden hochrechnet, bis der nächste Dienstwagen fällig wird.

Häufig geht es süffisant zu, mit Schlagzeilen wie Sanftmütiger Schluckspecht oder Schwerer Trinker, wo man dann solche Sätze lesen kann:

Der Sechszylinder säuft wie ein Schwede beim Mittsommernachtsgelage.

Im neuesten StĂĽck ĂĽber den Audi Q3 2.0 TDI quattro endet das StĂĽck:

Papi könnte am Volant sogar Becher und Burger in beiden Händen halten; der Spurassistent macht’s möglich – aber nur auf der gepflegten (und teuren) A1. Auf der rumpeligen E45 trinkt die Hose mit.

Die beiden reisen von Hamburg nach München, um dort einen Audi Q3 zu besteigen und fahren den SUV 850 Kilometer ins italienische Umbrien, um neben der Reisetauglichkeit auf bruale Straßenverhältnisse mit dem Sport Utility Vehicle kenntnisreich zu testen.

Wir stellen uns mal von ein sehr strammes Programm vor: FrĂĽh aufstehen, mit dem Taxi zum Flughafen. Halbe Stunde. Eine Stunde vor Abflug vor Ort. Zwei Stunden Flug. Auschecken. Mit dem Taxi zum Audi-Händler, halbe Stunde. Und dann ab nach Italien. 850 Kilometer – wer sportlich fährt, schafft das in 8,5 Stunden, Pausen braucht man als ehrgeiziger Reporter nicht, auch nicht, wenn man wie Joffe 68 Jahre alt ist.

Vor Ort dreht man noch eine Runder ĂĽber Feldwege und stellt sich die Frage: Was nun? Die 850 Kilometer zurĂĽck oder doch lieber ĂĽbernachten? VernĂĽnftigerweise wird ĂĽbernachtet. Das kann man fĂĽr 30 Euro in einer Jugendherberge. Aber vermutlich nicht als Zeit-Herausgeber in Begleitung einer Zeit-Autorin. Die Zeiten sind hart. Wir stellen uns vor, man bucht gĂĽnstig. Rechnen wir mal 150 Euro die Nacht. Macht 300 fĂĽr zwei Personen, auĂźer, man nimmt ein Doppelzimmer fĂĽr, sagen wir mal 200 Euro. Das liegt in diesem Fall auf der Hand, denn schlieĂźlich sind Joffe und Brinck miteinander verheiratet.

Dann muss man natürlich noch was essen und trinken. Nehmen wir mal an, dass die Top-Autoren eher kein Fastfood zu sich nehmen und auch nicht im Supermarkt einkaufen, um auf dem Zimmer eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, sondern standesgemäß ein Restaurant besuchen. Auch hier zeigt man sich sehr vernünftig und rechnet pro Person 70 Euro.

Am kommenden Tag geht es zurück. Um sich die eineinhalb Stunden Produktionszeit zu sparen, erledigt man die Textaufgabe auf der Rückfahrt. Eine Bildbearbeitung ist nicht nötig, denn der Hersteller hat kostenfrei Bilder geliefert, die man leider nicht abrechnen kann.

Wie gesagt, alle Annahmen und Rechnungen sind rein hypothetisch, ebenso die folgende:

  • 2x Taxi Hamburg: 50 Euro (man muss ja hin und zurĂĽck)
  • 2x Taxi MĂĽnchen: 50 Euro
  • 4x Flug: 600 Euro (mal angenommen, man bucht frĂĽhzeitig und fliegt Holzklasse)
  • Sprit: 250 Euro (1.800 Kilometer – 100 Kilometer fĂĽr Umwege eingerechnet – mal 9 Liter Verbrauch bei 1,5 Euro je Liter Diesel, den zahlt man selbst, man nimmt ja keine Geschenke an)
  • AutobahngebĂĽhren: 150 Euro
  • Ăśbernachtung: 200 Euro
  • Versorgung: 140 Euro (es wird nur am Abend der Ankunft auswärts gegessen – nach der RĂĽckkehr zuhause)
  • Kosten Joffe: 1.000 Euro (hypothetischer Tagessatz von 500 Euro angenommen, was bei einem Mann dieser Bedeutung eher ein Symbolsatz wäre)
  • Autorenhonorar Brinck: 350 Euro (mal angenommen, sie bekommt 5 Euro die Zeile, sonst wirds teurer)

Macht – Sparsamkeit vorausgesetzt – insgesamt 2.790 Euro Kosten fĂĽr den 70-Zeiler oder rund 40 Euro die Zeile fĂĽr dieses herausragende StĂĽck Qualitätsjournalismus.

In Zeiten des Zeitungssterbens bin ich schwer beeindruckt, dass es nach wie vor Qualitätsmedien gibt, die keine Kosten scheuen, um exklusiven, hintergründigen, überraschenden, nachdenklichen, tiefsinnigen und trotz allen Ernstes auch ein wenig humorig verfassten und vorbildlichen Journalismus zu finanzieren.

Vielleicht hat das Ehepaar ja auch gar kein Honorar verlangt oder verfĂĽgt ĂĽber einen Pauschalvertrag. Dann mĂĽsste man das anders rechnen. In Ermangelung harter Fakten kann man das von auĂźen also nur rein hypothetisch betrachten – tatsächlich wären das die Mindestkosten, wenn man beispielsweise mich und eine Reporterin fĂĽr einen solchen Autotest buchen wĂĽrde.

Kosten könnte man sparen, wenn man sich die Reise vom Hersteller bezahlen lieĂźe, wie das häufig im “Autojournalismus” ĂĽblich ist. Ich gehe mal davon aus, dass dies nicht der Fall ist.

Die vielen freien Lohnschreiber können von solchen Aufträgen nur träumen. Aber die gehören ja auch nicht zur Autorenelite des Landes.

Ergänzung, 18. Dezember 2012:
Meedia
hat das Thema aufgegriffen und recherchiert, dass der Verlag nur 90 Euro “Benzingeld-Zuschuss” zahlt, die Autoren alles andere sonst selbst tragen mĂĽssen. Merke: Wenn Du Auto-Journalist werden willst, sollten Papi und Mami vermögende Leute sein.

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Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (47) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.