Samstag, 23. September 2017

Schreckliche Bilder

Traue keinem!

syrian girl

Traue keinem – auch, wenn Du ihm vertraust. (Hinweis, 20.2.2014: Wolfgang Blau hat auf seinen Post reagiert – siehe Text.)

 

Mannheim, 19. Februar 2014. (red/pro) Der Journalist Wolfgang Blau hat ein Foto von zweifelhafter Herkunft auf Facebook gepostet.¬†(Achtung: Der Post wurde gel√∂scht, die Begr√ľndung steht hier.)¬†Und ich habe ihm und dem Foto f√ľr Sekunden vertraut. Das war ein Fehler. Einer, der mich tats√§chlich schwer getroffen hat.

Von Hardy Prothmann

Wolfgang Blau kenne ich nicht pers√∂nlich, sondern nur √ľber das Netz. Ich wei√ü um seine Reputation und gehe davon aus, dass diese sehr gut ist.

Gestern hat Wolfgang Blau einen Link gepostet – das Foto zu dem Link zeigt eine blutverschmierte Frau, die von einem Mob gesteinigt wird.

Ich habe seinen Namen gesehen, innerlich hat mein Check-System gesagt, der ist einer von den guten, vertrauensw√ľrdigen und dann viel mein Blick auf das Foto. Und das hat mich geschockt.

Es hat mich wirklich getroffen Рeinfach so. Wolfgang Blau РReputation РFoto РPäng. (Hier der Link.)

1994 habe ich nach dem Tsunami in Khao Lak innerhalb von vier Stunden pers√∂nlich rund 600 Leichen gez√§hlt. In einem Kloster, wo rund 300 abgelegt waren, den Rest in der Bucht verteilt, auf Pick-ups oder auf ¬†Haufen. Alle waren grotesk aufgebl√§ht, die Br√ľste der Frauen waren gro√ü wie Medizinb√§lle, die Hautfarbe fahl gelb-gr√ľnlich-grau, die Gliedma√üen standen ab, aus L√∂cher in den K√∂rpern zischte und blubberte es und der Geruch war penetrant.

Bis heute hatte ich nie einen schlechten Traum. Wenn ich daran denke, rieche ich sie aber sofort wieder. Aber auch das macht mir nichts aus. Ich war vor Ort, als Berichterstatter, professionell und wusste, dass es hart sein wird. Und ich habe vor allem Bettina Gaus zu verdanken, dass ich ohne Posttrauma da rausgekommen bin. Nach 9/11 hatte ich Kriesenreporter gefragt, wie man mit solchen Grenzerfahrungen umgeht. Bettina Gaus hat mir die Geschichte vom professionellen Mantel erzählt Рden konnte ich umlegen.

Den kann man umlegen, wenn man vorbereitet ist. Wer nicht vorbereitet ist, ist schutzlos.

Wolfgang Blau hat mich schutzlos getroffen, weil ich ihm vertraut habe. Mein Fehler. Bl√∂d nur, dass es diesen Stich ins Herz gab. Die Fassungslosigkeit. Die Wut. Die Hilflosigkeit. Mitten ins Herz. Und der Gedanke, sich √ľber die Frau zu werfen, um sie zu sch√ľtzen, so erb√§rmlich, wie sie auf dem Bild aussieht.

Wolfgang Blau hat sich f√ľr das Posten des Bildes einer Frau, die angeblich gesteinigt wird, entschuldigt, weil es vermutlich ein fiktives Bild ist, ein Screenshot aus einem Film. Das respektiere ich.

Aber ich appelliere dringend, sehr dringend, dass man die erste Wahrheit des Krieges ernst nehmen muss: Traue keinem. Niemals. Weder einem Wolfgang Blau, noch dem Guardian, noch sonstwem. Noch nicht einmal sich selbst – wenn man Journalist ist.

Nur diese Haltung bewahrt vor Schaden. F√ľr einen selbst und andere.

Dieses Foto hat mich geschockt. Warum? Einfach so. Die zarte, erb√§rmliche Haltung des Opfers. Die dunkle Kulisse des Mobs. Die Vorstellung, wie die Steine den K√∂rper und den Kopf treffen. Die Endg√ľltigkeit des sicheren Todes. Stein um Stein. Verletzung um Verletzung. Blutverlust, Br√ľche, bestialische Brutalit√§t. Und gleichzeitig eine Art perverse √Ąsthetik des Bildaufbaus, der an eine B√ľhne erinnert. Ein blutiges Theater mit t√∂dlichem Ausgang.

Deswegen habe ich nach dem ersten Schock sofort daran gezweifelt, ob das Bild echt ist. Ich wollte das kommentieren, aber ich war zu sehr geschockt. Wolfgang Blau! Der wird das doch gepr√ľft haben! Wie kann ich das in Zweifel ziehen ohne mich l√§cherlich zu machen?

Fuck. Traue keinem. Und im Zweifel mach dich lächerlich. Besser einmal zu viel, als einmal zu wenig.

Dieses Foto hat mich den ganzen Tag verfolgt. Und der Zweifel.

Was, wenn ich nur ein Leser w√§re, der Medien vertraut? Was, wenn ich nicht mehr geschaut h√§tte? Was, wenn der Eindruck ohne Pr√ľfung sich verfestigt h√§tte? Wer w√§re verantwortlich? Wolfgang Blau oder ich selbst, weil ich einem Journalisten nicht hinterher recherchiere?

Jetzt lese ich, dass die Szene „unecht“ ist – vermutlich. Ich habe es nicht gepr√ľft, weil ich noch zu beeindruckt bin. Vielleicht ist es auch unecht echt, weil es eine wahre Begebenheit zeigt? Vielleicht ist es erfunden und beschreibt tats√§chliche Steinigungen? Wer hat es gemacht und warum? Wie soll es wirken? So, wie auch mich? Entsetzlich? Was soll damit bewirkt werden, was ist die Absicht? Tats√§chliche Steinigungen anzuprangern oder Steinigungen propagandistisch zu behaupten?

Wolfgang Blau gibt den Fehler zu Рdas ehrt ihn und bestätigt mein gutes Bild von ihm. Er hat einen Fehler gemacht und redet nicht lange drum rum. Gut so.

Schlecht ist, dass mich dieses Foto wirklich getroffen hat. Weil Wolfgang Blau es gepostet hat. Ohne Kommentar. Motto: Das brauche ich nicht kommentieren, das steht f√ľr sich. Und ich ihm vertraut habe. Ich habe die Adresse angeschaut und wollte ihn nachfragen, ob diese vertrauensw√ľrdig ist. Aber ich war zu geschockt. Ich wollte das Opfer nicht durch Zweifel noch mehr entehren. Und vielleicht wollte ich mich auch nicht wichtig machen, aufdr√§ngen oder bl√∂d wirken.

Warum auch immer. Das war ein Fehler.

Traue keinem. Selbst wenn Du ihn schätzt.

Wir leben in einer totalen Krise der Glaubw√ľrdigkeit. Ich w√ľnschte mir von Wolfgang Blau, dass er nicht einfach nur einen Kommentar schreibt, dass er sich geirrt hat und zu „schnell“ war, sondern dass er das „Syrian girl“ und seinen Fehler zum Thema macht.

Ehrlich mit sich und mir und allen umgeht Рöffentlich und transparent. Und journalistisch.

Nachtrag:
Das hat Wolfgang Blau gemacht und ist hier nachzulesen. (Er hat auch versucht, hier zu kommentieren, was nicht geklappt hat, was er aber sicher nochmal versucht und dann hoffentlich hinhaut. Wenn das der Fall ist, lösche ich die Klammer.)

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√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.