Montag, 10. Dezember 2018

Streikende Zeitungsredakteure: Willkommen im Internet

Heddesheim/Stuttgart, 03. August 2011. Seit ein paar Wochen streiken Redakteure der Tageszeitungen, die beim Deutschen Journalisten-Verband und der Deutschen Journalisten-Union (verdi) gewerkschaftlich organisiert sind. Das hat kuriose Folgen. Pl├Âtzlich entdecken sie das Internet und hier Blogs und youtube f├╝r die „gute Sache“.

Von Hardy Prothmann

Die streikenden Redakteure der Stuttgarter Zeitung haben ein Streikblog0711 aufgelegt. Hier gibts die allerneuesten, alleraktuellsten Nachrichten ├╝ber den Streik und die Forderungen der Zeitungsschreiber. Willkommen im Internet. Willkommen bei dem, was Zeitungsredakteure unter „Qualit├Ątsjournalismus“ verstehen – denn daf├╝r streiken sie angeblich.

Aktionen, Autorentexte, Ergebnisse, Reaktionen, Solidarit├Ąt und Stimmungsbilder haben sie als Kategorien angelegt.

Sie streiken f├╝r „guten Journalismus“, denn der hat ihrer Meinung nach „einen Wert“.

Was die streikenden Redakteure unter „gutem Journalismus“ verstehen, zeigen sie eindrucksvoll mit den dort ver├Âffentlichten Informationen.

So organisieren sie einen „einge├╝bten Flashmob„, f├╝r dessen Einstudieren „leider nur wenig Zeit war“.

Wie in einer Kapelle auf offener Stra├če skandieren sie eine Art „Gebotsliste“.

Die Inszenierung dokumentieren sie filmisch – in etwa auf dem Niveau eines Urlaubsfilmers, der zum ersten Mal seine Kamera ausprobiert und stellen das Video ins Internet: „Der Streik bei Youtube.“ (sic!) In dem Beitrag gibt es allerdings keinerlei Informationen ├╝ber den Streik bei youtube.

Grausame "Qualit├Ątsbericherstattung".

Daf├╝r hat man vorbildlich Twitter- und Facebook-Buttons auf den Seiten eingebaut, was aber kaum einer nutzt. Ebensowenig die Kommentare. Aber die wenigen haben es in sich – von „Solidarisierung“ kaum eine Spur.

Was hingegen die Redakteure genau mit „Solidarit├Ąt hei├čt nicht, immer einer Meinung zu sein“ meinen, schreiben sie auch auf. So die Verwunderung, dass angeblich schwarz-gelbe Abonnenten die Zeitung gek├╝ndigt h├Ątten, weil die Zeitung gegen S21 schreibt, nachdem sehr viele die Zeitung gek├╝ndigt hatten, weil diese f├╝r S21 geschrieben hatte. Nach au├čen soll das so wirken, als h├Ątten die Redakteure das ganze Meinungsspektrum abgedeckt.

Tats├Ąchlich stimmt wohl eher, dass man erst auf S21 „eingenordet“ war und als man die Folgen sp├╝rte, schnell einen Salto r├╝ckw├Ąrts versuchte, der dann die andere Seite pikiert hat.

Und dann hat man es auch noch mit Kommentatoren zu tun, die statt „solidarisch zu sein“, sich erdreisten, Kritik zu ├╝ben:

Die Reaktion ist bezeichnend – der Kommentator hat „den Kern der Diskussion“ nicht verstanden. Ob der Redakteur verstanden hat, dass der Kommentator garantiert kein Abonennent mehr wird oder wenn er einer ist, eher k├╝ndigt, lassen wir mal offen.

Dabei ist der Streikblog der „Stuttgarter“ noch vergleichsweise „umfangreich“ gegen├╝ber dem, was der Mannheimer Morgen anbietet. Der macht das, was er am besten kann: Pressemitteilungen ver├Âffentlichen.

Hintergr├╝nde? Informationen? Positionen?

Dazu gibts ein paar Bildchen und die Sensation, dass Xavier Naidoo und ein paar andere K├╝nstler f├╝r die Streikenden singen.

Auch die ausst├Ąndigen Redakteure der S├╝dwestpresse bloggen mit einem Mal im Internet und ver├Âffentlichen „sieben Thesen“ (sic!) f├╝r guten Journalismus:

Thesen sind Behauptungen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen m├╝ssen.

Fest steht, dass die Zeitungsredakteure lieber Flugbl├Ątter drucken lassen sollten, denn mit dem Internet haben sie es nicht so.

Und die sieben Thesen der S├╝dwestpresse-Redakteure – die k├Ânnen nach dem Streik dann mal endlich umgesetzt werden. Die Hoffnung stirbt allerdings bekanntlich zuletzt.

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