Samstag, 23. September 2017

Streikende Zeitungsredakteure: Willkommen im Internet

Heddesheim/Stuttgart, 03. August 2011. Seit ein paar Wochen streiken Redakteure der Tageszeitungen, die beim Deutschen Journalisten-Verband und der Deutschen Journalisten-Union (verdi) gewerkschaftlich organisiert sind. Das hat kuriose Folgen. Pl├Âtzlich entdecken sie das Internet und hier Blogs und youtube f├╝r die „gute Sache“.

Von Hardy Prothmann

Die streikenden Redakteure der Stuttgarter Zeitung haben ein Streikblog0711 aufgelegt. Hier gibts die allerneuesten, alleraktuellsten Nachrichten ├╝ber den Streik und die Forderungen der Zeitungsschreiber. Willkommen im Internet. Willkommen bei dem, was Zeitungsredakteure unter „Qualit├Ątsjournalismus“ verstehen – denn daf├╝r streiken sie angeblich.

Aktionen, Autorentexte, Ergebnisse, Reaktionen, Solidarit├Ąt und Stimmungsbilder haben sie als Kategorien angelegt.

Sie streiken f├╝r „guten Journalismus“, denn der hat ihrer Meinung nach „einen Wert“.

Was die streikenden Redakteure unter „gutem Journalismus“ verstehen, zeigen sie eindrucksvoll mit den dort ver├Âffentlichten Informationen.

So organisieren sie einen „einge├╝bten Flashmob„, f├╝r dessen Einstudieren „leider nur wenig Zeit war“.

Wie in einer Kapelle auf offener Stra├če skandieren sie eine Art „Gebotsliste“.

Die Inszenierung dokumentieren sie filmisch – in etwa auf dem Niveau eines Urlaubsfilmers, der zum ersten Mal seine Kamera ausprobiert und stellen das Video ins Internet: „Der Streik bei Youtube.“ (sic!) In dem Beitrag gibt es allerdings keinerlei Informationen ├╝ber den Streik bei youtube.

Grausame "Qualit├Ątsbericherstattung".

Daf├╝r hat man vorbildlich Twitter- und Facebook-Buttons auf den Seiten eingebaut, was aber kaum einer nutzt. Ebensowenig die Kommentare. Aber die wenigen haben es in sich – von „Solidarisierung“ kaum eine Spur.

Was hingegen die Redakteure genau mit „Solidarit├Ąt hei├čt nicht, immer einer Meinung zu sein“ meinen, schreiben sie auch auf. So die Verwunderung, dass angeblich schwarz-gelbe Abonnenten die Zeitung gek├╝ndigt h├Ątten, weil die Zeitung gegen S21 schreibt, nachdem sehr viele die Zeitung gek├╝ndigt hatten, weil diese f├╝r S21 geschrieben hatte. Nach au├čen soll das so wirken, als h├Ątten die Redakteure das ganze Meinungsspektrum abgedeckt.

Tats├Ąchlich stimmt wohl eher, dass man erst auf S21 „eingenordet“ war und als man die Folgen sp├╝rte, schnell einen Salto r├╝ckw├Ąrts versuchte, der dann die andere Seite pikiert hat.

Und dann hat man es auch noch mit Kommentatoren zu tun, die statt „solidarisch zu sein“, sich erdreisten, Kritik zu ├╝ben:

Die Reaktion ist bezeichnend – der Kommentator hat „den Kern der Diskussion“ nicht verstanden. Ob der Redakteur verstanden hat, dass der Kommentator garantiert kein Abonennent mehr wird oder wenn er einer ist, eher k├╝ndigt, lassen wir mal offen.

Dabei ist der Streikblog der „Stuttgarter“ noch vergleichsweise „umfangreich“ gegen├╝ber dem, was der Mannheimer Morgen anbietet. Der macht das, was er am besten kann: Pressemitteilungen ver├Âffentlichen.

Hintergr├╝nde? Informationen? Positionen?

Dazu gibts ein paar Bildchen und die Sensation, dass Xavier Naidoo und ein paar andere K├╝nstler f├╝r die Streikenden singen.

Auch die ausst├Ąndigen Redakteure der S├╝dwestpresse bloggen mit einem Mal im Internet und ver├Âffentlichen „sieben Thesen“ (sic!) f├╝r guten Journalismus:

Thesen sind Behauptungen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen m├╝ssen.

Fest steht, dass die Zeitungsredakteure lieber Flugbl├Ątter drucken lassen sollten, denn mit dem Internet haben sie es nicht so.

Und die sieben Thesen der S├╝dwestpresse-Redakteure – die k├Ânnen nach dem Streik dann mal endlich umgesetzt werden. Die Hoffnung stirbt allerdings bekanntlich zuletzt.

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  • FF

    Habe mich selten bei einer so heftigen Zustimmungsreaktion ertappt wie bei der Lekt├╝re der Youtube-Comments.

    Konkret: ich habe die S├╝ddeutsche gek├╝ndigt, weil ich das gro├čkotzige Getr├Âte eines Herrn Beise nicht mehr lesen wollte. Nur eine Tonart, aber immer volles Rohr. Weil ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie dieser Mann aus seinem Wirtschaftsteil heraustreten und immer ├Âfter auf Seite vier gro├čkommentieren durfte. Nat├╝rlich auch nur in einer Tonart.

    Man beachte auch seinen „Videoblog“ bei der SZ, wo man den Eindruck gewinnt, der Mann leitet nebenher noch f├╝nf Dax-Konzerne und ├╝bernimmt morgen die Deutsche Bank.

    Kurzum, ich mu├čte die SZ k├╝ndigen, weil ich urspr├╝nglich eben keinen „Neoliberalen Beobachter“ abonniert hatte.

    Es w├Ąre mir ein Vergn├╝gen, wenn diese sesselfurzenden Scharfmacher, die sich woll├╝stig mit den M├Ąchtigen gegen die Ohnm├Ąchtigen glaubten verb├╝nden zu m├╝ssen, an ihrer eigenen Medizin ersticken w├╝rden.

  • dondarko

    Mann, die sieben Thesen sind ja der Hammer! Da haben ganze Ressorts sicher wochenlang dran gehirnt.

    Sorry, dieser ganze Auftritt zeigt, wo die Printredakteure geistig stehen geblieben sind. Irgendwo um 1997.

    Dass Naidoo auftritt, fand ich ├╝brigens eigentlich ganz cool.