Montag, 22. Oktober 2018

Sinn und Unsinn einer Definition von hyperlokalem Journalismus

Von Hardy Prothmann

Bis heute gibt es keine als verbindlich geltende Definition, was der Begriff „hyperlokaler Journalismus“ eigentlich „genau“ bedeutet.

Das ist nicht weiter schlimm, denn es gibt bis heute auch weder eine verbindliche Definition von Hyperlokalität noch von Journalismus. Das gilt auch für die Begriffe wie Demokratie, Marktwirtschaft, Liebe, Glück, Wahrheit, Literatur, Kunst, Gerechtigkeit oder Würde, um nur ein paar selbstverständlich benutzte „Begrifflichkeiten“ zu nennen. Trotzdem haben viele Menschen zu diesen Begriffen eine Meinung, eine Idee und manche können sogar eine vermeintlich schlüssige Definition vorlegen. Die ist umso schlüssiger, je größer die Schnittmenge der Kernmerkmale ist, die in durchaus unterschiedlichen Definitionen auftauchen.

Es ist unsinnig, sich über „die eine“ Definition zu streiten. Es ist aber sehr sinnvoll, sich um eine möglichst zutreffende Definition zu bemühen, die den Begriff veranschaulicht und damit verstehbar macht.

Dabei muss aber auch darauf geachtet werden, welche weiteren Begriffe und Definitionen derselben verwendet werden. Sie halten dass für selbstverständlich? Tatsächlich ist es das aber nicht.

Sie wollen ein einfaches Beispiel? Bitte: Das Internet ist virtuell, die Zeitung ist real. Das ist das „Gegensätzliche“ dieser „Medien“. Ist das so? Die reale Zeitung ist nach der Lektüre und nach der Zuführung zum Altpapier nur noch virtuell. Während eine Internetseite, die sich über Tage und Wochen und Monate und Jahre immer wieder aufrufen lässt und genau gleich erscheint doch viel eher real sein müsste.

Das Problem dieser „Gegensätzlichkeit“ ist, dass die Begriffe „real“ und „virtuell“ keine Gegensätze sind. Virtuell ist das Gegenteil von physisch und physisch ist sicher aus unserem logischen Verständnis nach real. Die Logik wiederum ist aber nur virtuell, nämlich nicht physisch, aber doch irgendwie real oder denken wir irreal, wenn wir logisch denken?

Sie merken, worauf ich hinaus will. Es lässt sich trefflich streiten und diskutieren auf der Suche nach der „Wahrheit“ – die übrigens definitiv noch niemals real war, sondern immer nur virtuell.

Und wenn die Wahrheit schon immer virtuell war, müsste sie doch in einem virtuellen Medium wie dem Internet besser aufgehoben sein, als in einem realen Medium wie der Zeitung, die doch dem physischen Sein zugeordnet werden muss, jedenfalls, solange man sie in der Hand hält oder einen Fisch drin einwickelt, wofür es in Großbritannien noch reele Chancen gibt, in Deutschland eher weniger. Und was war nochmal der Unterschied zwischen reell und real?

Nachdem also die theoretischen Grundlagen als unklar geklärt sind, versuche ich eine Begriffsbestimmung unter diesen Bedingungen.

Um den Begriff „hyperlokalen Journalismus“ verstehen zu können, muss man die Existenz von Hyperlokalität und Journalismus als gegeben voraussetzen.

Hyperlokalität kann dabei das gleichzeitige Vorhandensein der (physischen) wie der virtuellen (gedanklichen) Welt beschreiben, die über ein digitales Gerät, einen Computer (Radio, Fernseher, PC, Mac, Projektor, Mobiltelefon, etc) „wahrnehmbar“ gemacht werden. Ob die Übertragung per Kabel oder kabellos erfolgt, spielt keine Rolle.

Eine entscheidende Rolle spielt aber die Vernetzung des benutzten Computers – er kommuniziert mit anderen Computern, automatisiert oder nach Eingaben des Benutzers

Lokalität ist einfach zu erklären – man nimmt die realen und virtuellen Informationen vor Ort wahr, also da, wo man selbst ist. Das wiederum würde den „Raum“, also das „Lokale“ beliebig machen. Damit das nicht so ist, muss dieser Raum definiert werden. Vielleicht am Besten durch den Begriff „Lebensmittelpunkt“, also der Raum, in dem sich der wahrnehmende Mensch vorwiegend aufhält. Je nach geographischer Begebenheit kann das ein kleiner Raum sein, aber auch ein größerer. Unter „lokal“ versteht ein Europäer sicher etwas anderes als ein Amerikaner in Alaska, dessen nächster Nachbar 50 Kilometer entfernt wohnt.

Journalismus bezeichnet bislang eine periodische, publizistische Arbeit, die über Werbung und Verkaufserlöse oder Gebühren finanziert wird. Kennzeichen von Journalismus sind meist Relevanz, Faktizität und Aktualität der bearbeiteten Informationen für eine Zielgruppe, also einer Menge von Menschen, die sich für die veröffentlichten Themen interessieren. Wirtschaftlich betriebener Journalismus stellt das virtuelle Produkt „Information“ her, dass über reale Verpackungen vertrieben wird, die man Medien nennt. Der Inhalt, die Information, wurde bislang über den Verkauf der Verpackungen und den Verkauf von Werbeflächen auf diesen Verpackungen finanziert.

Was also ist hyperlokaler Journalismus?

  1. Die Verteilung von Informationen über ein digitales Netzwerk von Empfangs- und Sendegeräten. Es können auch analoge Geräte oder Medien zum Einsatz kommen, aber ohne digitale, vernetzte Medien gibt es keinen „hyperlokalen Journalismus“.
  2. Das Interesse der Empfänger und Sender der Informationen ist räumlich begrenzt auf den relativen Begriff „vor Ort“. Ob die Information vor Ort entsteht oder räumlich entfernt, spielt keine entscheidende Rolle. Wichtigstes Kriterium einer Information ist die Relevanz vor Ort.
  3. Vor Ort beschreibt den unmittelbaren Lebensmittelpunkt sowohl der Sender als auch der Empfänger. Beide Gruppen haben ein hohes Interesse an Informationen am und um diesen Lebensmittelpunkt. Vor Ort ist das gemeinsame Thema.
  4. Die Rolle von Sender und Empfänger ist nicht mehr eindeutig. Die Empfänger sind selbst in der Lage zu senden, der professionelle Aussender von Informationen ist auch Empfänger.
  5. Die Information ist nicht mehr ein fertiges Produkt, sondern ein Angebot, das durch zusätzliche Informationen und andere Angebote erweitert werden kann.
  6. Ob ein Angebot zur Erzielung eines wirtschaftlichen Gewinns erstellt wird oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist die Meinungsfreiheit, früher auch „Unabhängigkeit“ genannt.
  7. Wichtiger als eine „objektive“ Berichterstattung ist die individuelle, subjektive Einordnung der Information. Je „objektiver“, also durch Fakten nachvollziehbarer eine Information ist, umso glaubwürdiger ist sie. Je subjektiver sie ist, umso mehr „betrifft“ sie die Nutzer der Information.
  8. Meinungsäußerungen, sowohl in den Artikeln, als auch in den Kommentaren, helfen bei der Einordnung der Informationen. Meinungen sind immer subjektiv – aber sie sind detaillierter, umso mehr „objektive“ Fakten zur Meinungsbildung angeboten werden. Die Bewertung wird sowohl bei den Sendern, als auch bei den Empfängern bewusst subjektiv wahrgenommen.
  9. Durch den aktiven Austausch von Meinungen bietet „hyperlokaler Journalismus“ im Gegensatz zu fertig produzierten „massenmedialen“ Informationen die teils indivduelle oder gruppeninteressierte Weiterentwicklung der Informationen an.
  10. Daraus kann eine Gemeinschaft, eine „community“ entstehen, deren einzelne Mitglieder sich durch Meinungen und Fakten beim Bilden von „Informationen“ und auch Meinungen beteiligen. Ob diese nun Fans oder Freunde oder nur Teilhaber sind, ist zunächst unbedeutend. Je mehr sich aber einer „Gruppe“ zugehörig fühlen, je mehr sich diese vernetzen, um so größer ist die Identifikation.
  11. Der Anbieter von „hyperlokalem Journalismus“ ist auch Manager und Organisator dieses „Dialogs der Meinungen“. Der Meinungsaustausch findet organisiert, das heißt durch den Betreiber geregelt statt. Je offener die Regeln, je höher die Akzeptanz, desto aktiver der Austausch.
  12. Transparenz ist entscheidend. „Hyperlokaler Journalismus“ zeigt Quellen für die Teilnehmer auf, die überprüft oder erweitert werden können. Hyperlokaler Journalismus ist nicht „gate-keeper“, sondern „gate-opener“.
  13. Die Vernetzung mit anderen Quellen wird deshalb vorausgesetzt. Ob dies genutzt wird, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Die Möglichkeit der Überprüfbarkeit ist entscheidend.
  14. Die Vernetzung setzt voraus, dass auch andere Plattformen in das Angebot integriert werden. Ob soziale Netzwerke, andere Plattformen, Wikis – hyperlokaler Journalismus ist Teil eines örtlichen Netzwerkes, das aber teils unterschiedliche Interessen und Angebote hat. Teils organisiert dieser Journalismus Informationen, teils wird er selbst als Teilnehmer von anderen organisiert.
  15. Niemand weiß, wie hyperlokaler Journalismus in zwei Jahren aussieht. Er ist ein Prozess, aktive Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern und erweiterbar durch technische Möglichkeiten.

Diese ersten Thesen sind ein Versuch einer Definition. Angeregt durch das Posting von Sarah Hartley (http://prothmann.posterous.com/hyperlocal-oder-wie-definiert-man-das). Wie Sarah wünsche ich mir aktive Mitarbeit, Kommentare, eigene Definitionen, Kritik.

Let’s go.

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