Montag, 01. Mai 2017

Panorama deckt Fehler von anderen auf - und schweigt ├╝ber die Fehler der ARD

Sieht man mit dem Ersten schlechter?

Mannheim/Hamburg, 21. Februar 2015. Die S├╝ddeutsche Zeitung hat zusammen mit NDR und WDR „SZLeaks“ ver├Âffentlicht – ein Scoop ├╝ber Steuerfl├╝chtlingskunden der HSBC. Kurz drauf ver├Âffentlicht der Journalist Sebastian Heiser schwere Vorw├╝rfe gegen die S├╝ddeutsche Zeitung: Dort helfe man unter Einfluss von Banken Steuerfl├╝chtlingen mit redaktionellen Berichten. Aktuell berichtet Panorama ├╝ber┬ádie Propaganda der europ├Ąischen Grenzagentur Frontex in Bezug auf Fl├╝chtlinge und Schlepper – dass die ARD diese Propaganda ebenfalls ganz unkritisch an ein Millionenpublikum verbreitet hat, wird knallhart unterschlagen.

Von Hardy Prothmann

Es stimmt so viel┬ánicht an dem Bericht der Tagesschau zum rei├čerischen „Fl├╝chtlingsdrama im Mittelmeer“ vom 31. Dezember 2014, Ausgabe 20:00 Uhr:

Die italienische Marine hat in der vergangenen Nacht offenbar  in letzter Minute ein Flüchtlingsdrama verhindert. Sie konnte einen führerlosen Frachter mit Hunderten Menschen an Bord in den Hafen von Gallipoli steuern.

sagt Nachrichtensprecher Jan H├Âfer. (Hier das Video in der Tagesschau ab 2:14′)

Der Beitrag zeigt Bilder von Menschen auf dem Frachter „Blue Sky M“. Die Bilder sind echt. Die Menschen stehen da und warten, von Bord gehen zu d├╝rfen. Der Bericht der BR-Reporterin Anna Tillack beginnt:

Sie stehen dicht gedr├Ąngt an Bord des Frachters Blue Sky M. Fast 800 Fl├╝chtlinge. Auf dem Weg in ein sicheres Land. Jetzt sind sie hier am s├╝ditalienischen Hafen von Gallipoli angekommen. Lebend. Das Ende einer Geisterfahrt, die gerade noch gut ging.┬áAn Bord, syrische und kurdische Fl├╝chtlinge. Doch offenbar verl├Ąsst der Kapit├Ąn, vermutlich ein Schlepper, das Schiff. Per Autopilot steuerte die Blue Sky M mit neun Knoten direkt auf das italienische Festland zu.

 

blue sky m

Frachter Blue Sky M. Quelle: Guardia Costeria

 

Der Bericht stellt Aussagen der K├╝stenwache als absolut dar. Es folgen Bilder und Informationen zu den Fl├╝chtlingen und dann der obligatorische „Aufsager“. Reporterin Tillack wei├č Bescheid:

Im vergangenen Jahr sind mehr als 160.000 Fl├╝chtlinge nach Italien ├╝ber das Meer gekommen. Menschenhandel ist f├╝r die Schleuser zum gewinnbringenden Gesch├Ąft geworden. Die Verzweiflung von Menschen in B├╝rgerkriegsregionen nutzen sie immer skrupelloser aus.

Die Reporterin guckt ernst in dieser Silvesternacht – die Panorama-Moderatorin Anja Reschke am Donnerstag nach Aschermittwoch auch. (Video der Sendung hier.) Sie moderiert die Enth├╝llung der investigativen Fernsehredaktion┬á├╝ber die „Frontex-L├╝gen“ zur Blue Sky M:

Was ist es sch├Ân, wenn sich ausnahmsweise mal alle einig sind. Zum Beispiel beim Thema Schlepper. Widerlich. Menschenverachtend. Wie sie aus der Not der Fl├╝chtlinge auch noch Kapital schlagen. Da regen sich alle mal so sch├Ân richtig auf. Man hat also Schuldige gefunden, die f├╝r das Elend im Mittelmeer verantwortlich sind.

Bis hierhin sind sich Frau Tillack und Frau Reschke einig. Dann folgt der Satz:

Ist ja auch viel bequemer auf andere zu zeigen, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. (…) Erinnern Sie sich noch? Anfang des Jahres. Fl├╝chtlinge auf schrottreifen Frachtern. Allein gelassen. Mitten auf dem Meer. Ein neuer Grad der Grausamkeit hie├č es damals.

 

anja reschke

Neuer Grad der journalistischen Grausamkeit? Moderatorin Anja Reschke und Reporter Stefan Buchen prangern Propaganda und falsch informierende Zeitungen an – dass die ARD dieselbe Propaganda verbreitet hat, dar├╝ber erfahren die Zuschauer genau nichts. Quelle: Panorama

 

Dann folgt der Bericht von Stefan Buchen. Der Film deckt auf, dass „viele Zeitungen der Propaganda von Frontex“ aufgesessen sind und zeigt die „Schlagzeilen2. Dass die „Schlepperbande“ nicht geflohen ist, sondern der italienischen Marine sogar geholfen hat und die vierk├Âpfige Schiffsmannschaft nun im Gef├Ąngnis sitzt, obwohl sie auch eine Art „Fl├╝chtlinge“ sein k├Ânnten. Investigator Buchen erinnert an┬ádas, was auch die Tagesschau einige Wochen zuvor vermeldet hatte:

Die offizielle Version. Skrupellose Schlepper hatten die Fl├╝chtlinge auf dem Frachter Blue Sky M in diese Gefahr gebracht.

Gezeigt werden zu Anfang dieselben Bilder wie im „Bericht“ der ARD-Reporterin Anna Tillack. Und Herr Buchen sagt:

Frontex, die Grenzschutzagentur der EU spricht von einem neuen Grad der Grausamkeit. Wie eine feststehende Tatsache bringen viele Zeitungen das Zitat auf der Titelseite.

Der Rest des Films ├╝berf├╝hrt Frontex als skrupellose und menschenverachtende Fl├╝chtlingsabwehrmaschinerie, entlastet die Mannschaft der Blue Sky M vollst├Ąndig. „Schrottreifer Frachter“? „Skrupellose Schlepper“? Alles gelogen. „In letzter Minute“? Das Schiff wurde noch weit vor der K├╝ste von der Marine aufgebracht.

Der CDU-Politiker Armin Schuster wird ins Zwielicht ger├╝ckt. Weitere Bilder zeigen, dass die Menschen im Frachtraum mit ordentlich Platz, statt dichtgedr├Ąngt an der Reling die „Reise“ verbringen konnten.

All das hat Herr Buchen nach einer „kurzen Recherche“ herausgefunden. Was er nicht herausfindet: Wieso kam das Milit├Ąr an Bord und war der Frachter nun in Fahrt oder nicht? Beides wird aber nicht thematisiert. Weiteren Fragen geht er nicht nach: Ein Fl├╝chtling behauptet, er habe 6.000┬áDollar bezahlt. Wenn das jeder der 750 Fl├╝chtlinge bezahlen musste, kommen 4,5 Millionen Dollar┬ázusammen. Wer verdient das Geld? Was kostet das Schiff, was passiert damit? Alles offene Fragen, die offenbar nicht zur Recherche passten.

Und von Seefahrt haben weder die Reporterin Tillack, noch Reporter Buchen, noch Moderatorin Reschke scheinbar irgendeine Ahnung. Das D├╝mmste, was man machen kann, ist im Sturm in der N├Ąhe von K├╝sten zu navigieren – das Gegenteil wird behauptet, indem der Fl├╝chtling, der sicher auch kein Seemann ist, das als „verantwortungsvoll“ darstellen kann. St├Ârende Details, die man besser nicht hinterfragt.

  • Ich habe nur wenige Minuten gebraucht, um zu recherchieren, dass die Vorw├╝rfe gegen├╝ber den Tageszeitungen 1:1 wie oben beschrieben gleicherma├čen┬ágegen├╝ber┬áder Tagesschau erhoben werden m├╝ssen┬á– doch kein Wort davon im Film von Panorama. Warum nicht?
  • Hatte Panorama keine „kurze“ Zeit f├╝r eine Recherche, die mir in wenigen Minuten gelungen ist?
  • Warum gibt es keinen Hinweis, dass die ARD dieselbe Propaganda als „offizielle Version“ an viel mehr Menschen ausgestrahlt┬áhat, als die gezeigten Zeitungen Leser haben?
  • Handelt es sich um eine bewusste T├Ąuschung der Zuschauer, um eine schlampige Recherche der Redaktion oder gar um ein unehrenhaftes Verhalten, weil man nicht in der Lage ist, selbstkritisch zu sein?
  • Oder hat man Angst um Auftr├Ąge und Karrieren, wenn man den eigenen Laden anprangert?

Anja Reschke moderiert auch das Medienmagazin Zapp des NDR – dort schaut man gerne anderen Medien auf die Finger und – emp├Ârt sich. Frau Reschke hat sich aktuell h├Âchstpers├Ânlich ├╝ber den Journalisten Sebastian Heiser emp├Ârt, weil der unangenehme Informationen ├╝ber eine mutma├čliche Schleichwerbung bei der S├╝ddeutschen Zeitung ver├Âffentlicht hat, die wiederum mit dem WDR und NDR zusammen einen Steuerfl├╝chtlingsskandal von Kunden der HSBC aufgedeckt hat.

Sebastian Heiser wiederum konnte belegen, dass Frau Reschke sein Themenangebot ├╝ber „Schleichwerbung bei der S├╝ddeutschen“ vor Jahren abgelehnt hatte – ├╝brigens auch das Medienmagazin Zapp.

Der stellvertretende Chefredakteur der S├╝ddeutschen Zeitung, Wolfgang Krach, wies die Vorw├╝rfe zur├╝ck und meinte, Herr Heiser habe niemals die vorgeworfenen Missst├Ąnde angesprochen – stimmt nicht, berichtet Herr Heiser.

Aktuell gibt es Vorw├╝rfe gegen├╝ber Herrn Heiser, er habe Kollegen bei der taz ausgesp├Ąht – wer berichtet sofort dar├╝ber, zeigt den Mann im Bild und nennt den vollen Namen, ohne dass feststeht, ob dass ├╝berhaupt stimmt? Das Medienmagazin Zapp. Und wer retweetet sofort den Beitrag von Zapp? Anja Reschke.

  • Ist es Blindheit auf dem Ersten Auge?
  • Angst vor beruflichen Konsequenzen?
  • Will man sich die Emp├Ârung nicht kaputt machen lassen?

Also knallharter Opportunismus oder was f├╝hrt dazu, dass Top-Leute wie Anja Reschke, engagiert beim Netzwerk Recherche, dem Top-Verein der Recherchejournalisten, nicht von selbst auf die Fragen kommt:

  • Was haben wir als ARD┬áeigentlich damals berichtet?
  • Lassen wir das mit den Zeitungen dann raus oder thematisieren wir als bedeutende journalistische Redaktion nicht auch dringend, dass innerhalb der ARD viel zu oft auf d├╝nnem Eis berichtet wird?
  • M├╝ssen wir nicht dringend darauf hinweisen, dass viele Berichte in der ARD nichts anderes sind als umgeschriebene Presse-Propaganda?

├ťbrigens: Am Morgen des 31. Dezember 2014 berichtete die Tagesschau noch vergleichsweise verhalten ├╝ber die „Geisterfahrt“ der „Blue Sky M“. Auch das l├Ąsst sich innerhalb k├╝rzester Zeit recherchieren┬á– bis zur Hauptsendezeit wurde die Story ordentlich aufgepimpt. Wir erinnern uns an Anja Reschke und warten, bis sie mal derart moderiert:

Wie sch├Ân w├Ąre es, wenn sich ausnahmsweise mal alle einig w├Ąren. Zum Beispiel beim Thema Berichterstattung ├╝ber Schlepper in der ARD. Widerlich. Menschenverachtend. Wie die Fernsehscheinheiligen┬áaus der Not der Fl├╝chtlinge auch noch Kapital schlagen. Doch dar├╝ber regt sich niemand so richtig sch├Ân auf. Denn man wird┬ákeine┬áSchuldigen finden, die f├╝r das Elend im Journalismus┬áverantwortlich sind.

Transparenz:

Ich bin Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche und habe Frau Reschke einmal vor vielen Jahren als sympathische und dynamische┬áKollegin in Hamburg bei einem Jahrestreffen kennengelernt. F├╝r den NDR habe ich noch nie gearbeitet, f├╝r den WDR fr├╝her Mal, f├╝r die S├╝ddeutsche hier und da mal und seit dem „schwarze-Kasse-Skandal“ beim Netzwerk Recherche bin ich dort kein Mitglied mehr, ├╝berlege aber wieder einzutreten, weil ich als Mitglied vielleicht mehr bewirken kann, als von au├čen.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.