Montag, 26. Juni 2017

Merkwürdige Verbindungen

Schraven, Lübke und ich

Mannheim/Ruhrpott, 04. Januar 2016. Wer ins Visier von investigativen Journalisten gerät, muss sich warm anziehen. Ich weiß, wovon ich rede, denn aktuell hat sich einer der Oberrechercheure, David Schraven, entschlossen, mich zu entzaubern. Der Vorgang ist kurios, aber möglicherweise gibt es Hintergründe, die der Weltöffentlichkeit bislang nicht bekannt waren. Der Versuch einer Deutung.

Von Hardy Prothmann

David Schraven, geboren irgendwann 1970, ist einer der top-investigativen Rechercheure Deutschlands. Zumindest denkt er das selbst von sich.

david schraven

Oberinvestigativo Schraven. Quelle: Wikipedia, Molgreen, CC-BY-SA 4.0

Nach dem Abitur 1990 am Heinrich-Heine-Gymnasium in Bottrop studierte er Slawistik, Politologie und Geschichte an der Universität Bonn. Schon während des Studiums arbeitete er als freier Journalist für die Neue Zürcher Zeitung, taz und den WDR.

Schraven war Mitbegründer des „Nachrichtenbüros Zentralasien/Kirgisien“. 1996 wurde er Gründungsgeschäftsführer der taz-Redaktion Ruhr. Neben seiner Tätigkeit als Journalist arbeitete er drei Jahre als Dozent im Bereich Nachrichtenschreiben der Universität Essen.

2001 war er Gast-Reporter beim Time-Magazine in New York. Ab 2005 arbeitete er als freier Journalist vor allem für die Welt am Sonntag, Die Zeit und die Berliner Morgenpost. Nach Stationen bei der taz und bei der Süddeutschen Zeitung war er ab 2007 Wirtschaftsreporter der Welt-Gruppe, verantwortlich für die Energieberichterstattung.

Von 2010 bis Mai 2014 leitete er das Ressort Recherche der vier NRW-Zeitungen, WAZ, NRZ, Westfälische Rundschau und Westfalenpost, der WAZ-Mediengruppe in Essen.

Seit Juli 2014 leitet er das von Anneliese Brost und ihrer Essener Brost-Stiftung unterstützte gemeinnützige Recherchebüro Correctiv.

So steht es über ihn in Wikipedia. (Dass Frau Brost laut Wikipedia bereits 2010 verstorben ist und somit nicht mehr persönlich unterstützen kann, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, man sollte Wikipedia nicht trauen…)

Dieser David Schraven also, da muss ich jetzt tapfer sein, kümmert sich, trotz aller total wichtigen Aufgaben, plötzlich um mich, Hardy Prothmann. Den „Dorfblogger“. Am Samstagabend, den 27. Dezember 2015, veröffentlicht David Schraven um 20:46 Uhr diesen Text:

Liebe Freunde.

Ihr müsst jetzt tapfer sein. Und hart. Es geht um Hardy Prothmann. Einige kennen ihn. Das ist der, der (angeblich neuen) Lokaljournalismus macht und sich über die (angeblich mangelnde) Qualität anderer Zeitungen das Maul zerreißt. Und nebenbei Pressemeldungen der lokalen Gemeinde auf seinem Blog raushaut. Der Hardy Prothmann.

Da gab es vor einiger Zeit eine Morddrohung. Und dann eine überraschende Wendung, die mich jetzt noch hintenüber wirft.

Lest selbst. Lest bitte erst die Morddrohung bis zum Ende. Auch wenn es wehtut. Und dann erst den zweiten Teil. Die irre Wendung. Die Auflösung. Kann man sich nicht ausdenken. Das ist geprothmannt.

Die Morddrohung:

http://www.rheinneckarblog.de/…/sie-sterben-womo…/78902.html

Die Auflösung:

http://www.rheinneckarblog.de/…/polizei-ermittel…/82230.html

Aus welchem Grund Herr Schraven zwei meiner Texte, einen vom 3. Oktober, den anderen vom 02. November „einordnend“ bei sich verlinkt, ist unklar. Was ist der Anlass? Es ist immerhin Weihnachtswochenende. Normaleweise schalten Menschen ab, Väter spielen mit den Kindern, genießen die freie Zeit, holen Luft.

Nicht so der Familienvater Schraven. Der recherchiert knallhart über Google zwei Texte im Rheinneckarblog und macht sich lustig über mich. Irgendeinen Kontakt hatte er zu mir vor seinem Posting nicht hergestellt und damit möglicherweise Pulver verschossen. Vielleicht wollte er seine „Recherche“ oder seinen Gag nicht kaputt machen.

Was Herr Schraven nicht weiß und nicht in Erfahrung bringen wollte – in der Vergangenheit gab es massive Drohungen gegen mich. Für einen wie Schraven, der vermutlich täglich eine Hühnerkralle im Briefkasten hat und dessen Auto mindestens einmal im Jahr in die Luft gejagt wird, sind solche Bedrohungen vermutlich Pillepalle.

Herr Schraven wirft mir also Transparenz und Ehrlichkeit vor. Ich finde so einen Zettel am Auto – es steht nicht im Halteverbot, es behindert niemanden – und melde das der Polizei, nachdem ich erstmal eine Story fertig gemacht habe. (Das Follow-Up über rechtsradikale Sicherheitsleute führte übrigens zur Kündigung der Firma.)

Die Polizei nimmt den Zettel mit einer vermeintlichen Morddrohung ernst, ermittelt und es kommt eine kuriose Auflösung heraus, statt „Sie sterben womöglich“ steht da in krakeliger Schrift „Sie stehen unmöglich“. Sichtbar gemacht durch eine Lupe – erst in der Vergrößerung erkennt man den eigentlichen Text. Hätte Herr Schraven selbst den „Mut“ gehabt, diese Auflösung öffentlich zu machen? Auch auf die Gefahr hin, von gewissen Leuten „veräppelt“ zu werden? Vermutlich eher nicht.

Ich habe die Sache mit Humor genommen und bin froh, dass ich noch lachen kann. Mit einer Kugel im Kopf würde ich vielleicht ernster genommen, könnte aber nicht mehr lachen und auch ein Herr Schraven hätte seinen Post so nicht mehr schreiben können.

Doch diese „investigative Recherche“ öffentlich einsehbarer Artikel des Herrn Schraven ist nicht alles. Plötzlich beginnt Herr Schraven viele, sogar sehr viele Kommentare auf meiner Facebook-Seite Geprothmannt zu schreiben. Die allermeisten sind sehr, sehr unfreundlich. Ich frage mich: Was will der Typ eigentlich von mir?

Seine Postings sind vehement, seine Vorwürfe auch. Auf dem von mir verantworteten Rheinneckarblog würden nicht erkennbar Pressemitteilungen veröffentlicht. Ich erkläre dem „Rädschärdschör“ (so nennt man solche Leute in Mannheim), dass wir entgegen vieler anderer Medien sehr genau Fremdmaterial kennzeichnen. Der Vorwurf bleibt – und Schraven outet sich als bibliographische Nullnummer.

Ich vermute, dass Herr Schraven sauer ist, weil wir Recherchen zur Universitätsmedizin Mannheim, die er und mit ihm verbundene Journalisten zum „gefährlichsten Krankenhaus Deutschlands“ in den Abgrund schreiben wollten, mit einer Überprüfungsrecherche als mindestens „fragwürdig“ enttarnen konnten. Bestes Beispiel dafür sind angeblich mit Blut- und Knochenresten verunreinigte Skalpelle – blöd nur, dass das Uniklinikum seit über zehn Jahren „Einwegmesser“ verwendet, die nicht gereinigt werden und somit immer keimfrei aus der Verpackung und nicht aus der Sterilisation kommen. Das ist nur einer von vielen erheblichen Recherchefehlern, den die „investigativen“ Medien nie berichtigt haben. Vermutlich, weil es einfach zu peinlich ist. Sehr geil sind auch angeblich bis zu 350.000 gefährdete Patienten – tatsächlich operiert wurden nur etwas mehr als 200.000. Egal. Schraven hat „Dokumente“ kommt dann als Antwort.

Das nächste Thema ist der angebliche „Rauswurf“ eines syrischen Flüchtlings durch mich. Die taz verarbeitet das recherchefrei am 29. Dezember als Kolumne, vergleicht mich gar mit Erdogan. Der Schraven steigt drauf ein. Egal, was ich schreibe, Schraven brüllt: „Rauswurf, Rauswurf, Raufwurf.“ Tatsache ist: Mein Text „So nicht“ erscheint am 26. Dezember, der Grund für das Ende einer nicht mehr möglichen Zusammenarbeit mit einem früheren Praktikanten ist ein Video, das dieser am 24. und später am 25. Dezember veröffentlicht hat. Das Praktikum endete am 18. November. Das wollen weder die taz noch Herrn Schraven wissen. Diese behaupten weiterhin wahrheitswidrig, ich hätte dem Praktikanten wegen des Videos „gekündigt“.

Schraven. taz. Dann wieder Schraven. Was wollen die eigentlich von mir?

Zu guter Letzt greift mich Herr Schraven wegen Istlokal an, einem freien Netzwerk von lokalen Blogs. Er wirft mir „Herrschsucht, Unbeherrschtheit und Benehmen“ vor. Und outet sich als komplette Recherche-Null-Nummer.

Was hat das jetzt alles mit der Überschrift zu tun?

Nun, stutzig machte mich folgender Teil eines Kommentars von Herrn Schraven:

Aber dann leg Deine Arroganz anderen gegenüber ab. Wie peinlich Du Dich mit dem Mannheimer Morgen zoffst. Der so viele Sachen so schlecht nicht macht. Ein Blatt das kämpft.

Was, so frage ich mich, hat jetzt plötzlich in dem Wust von Kommentaren zum Uniklinikum, zum syrischen Praktikanten, zur taz, zu Pressemitteilungen, zu Ruhrbarone und zu Istlokal, denn plötzlich der Mannheimer Morgen in der „Debatte“ verloren?

Die Auflösung ist möglicherweise einfach.

Vor einem Jahr wurde Dirk Lübke Chefredakteur des Mannheimer Morgen. Der war vorher Vize-Chefredakteur der Thüringischen Allgemeinen. Die gehörte zur früheren WAZ-Gruppe (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) und zur heutigen Funke-Gruppe.

Die „WAZ“-Familie Brost hat eine Stiftung, die dem Recherche-Netzwerk Correct!v drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, dessen „Chef“ Herr Schraven ist. Was der Herr Schraven mit der WAZ-Gruppe zu tun hat – siehe oben Wikipedia.

Herr Schraven und Herr Lübke kennen sich. Herr Lübke hat als TA-Mitarbeiter Herrn Schraven als „Investigator“ auch zu „heißen“ Themen interviewt. (Das absolut skandalöseste Informationsfreiheitsgesetz in Deutschland haben wir beim RNB übrigens führend und fast ohne Konkurrenz mehrfach behandelt. Die MM-Berichterstattung dazu ist, sagen wir mal, „bescheiden“.)

Der Arbeitgeber von Herrn Lübke, der Mannheimer Morgen Großdruckerei und Verlag, hatte mich zudem im vergangenen Jahr verklagt. Anfang Dezember 2015 war Gerichtsverhandlung. Dort wurde ich erstmal verurteilt, die Überschrift und den ersten Satz eines Artikels nicht mehr wiederholen zu dürfen (wie die Sätze lauteten, lesen Sie hier). Der komplette Rest des Artikels – also die Faktendarstellung – wurde nicht angegriffen.

Da ist also eine Rechercheeinheit, in der die Funke-Gruppe, Correct!v und andere mitwirken, die ich und mein Volontär mit drei recherchierten Texten wohl ein wenig in die Glaubwürdigkeitsbredouille gebracht haben. Da ist ein millionenschwerer Regionalverlag, der in höchster Not wegen eines Top-Themas in Mannheim gegen uns klagt. Und die Chefs waren ehemals „im selben Haus“ tätig. Kann das irgendwie miteinander zusammenhängen?

Und ich erinnere mich, dass es öfter mal Gerüchte gab, dass die WAZ den MM kaufen wollte. Und dass ich berichtet habe, dass der MM wohl nicht mehr lange selbständig bleibt, weil die Medien-Union (Rheinpfalz/Süddeutsche) Interesse zeigt oder ist die Funke-Gruppe auch interessiert? Und dann denke ich an die Medienkrise und Konzentrationsprozesse (O-Ton Schraven: „Die kämpfen.“). Und dann frage ich mich, wie das möglicherweise alles miteinander zusammenhängt.

Keine Ahnung, warum der Schraven sich für den Lübke mit einem Male so ins Zeug legt. Es wird Gründe geben.

Vielleicht wäre das mal ein Recherchethema für Correct!v. Aber bitte anständig arbeiten und nicht irgendwas erfinden.

 

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.