Sonntag, 24. September 2017

Qualitätsdebatte und Polemik: Herr Sahlender, die Wette gilt!

Von Hardy Prothmann

Anton Sahlender ist Stellvertreter des Chefredakteurs und „Leseranwalt“ der Main-Post mit Sitz in Würzburg.

Und Herr Sahlender steht in unregelmäßigem Kontakt mit mir auf facebook.

Aktuell hat er meinen hier auf meinem posterous-blog veröffentlichten Beitrag „Die blödsinnige Mär von der Kostenloskultur“ kommentiert.

Da dies im mehr oder wenigen öffentlichen Raum geschehen ist und Herr Sahlender ein Mann des Worts und auch sicher selbstbewusst genug ist, zu seinen Äußerungen zu stehen, habe ich mich entschlossen, seinen Kommentar und meine Antwort hier zu veröffentlichen.

(Rechtschreibfehler sind nicht nachbearbeitet – mein Profil finden Sie bei facebook unter Hardy Prothmann, alle Einträge sind auch für „Nicht-Freunde“ einsehbar)

Herr Sahlender kommentiert am 10. Oktober 2010 gegen 22:00 Uhr:

„Lieber Herr Prothmann, ein wenig mehr Sachlichkeit würde nicht schaden. das ist ein überaus populistischer Beitrag, den sie da zum besten geben. Es ist nicht so einfach, wie sie es darstellen, solche Unternehmen kreativ und wirtschaftlich zu führen. Wenn den Bratwurstjournalismus niemand mehr vermisst, müssen sie fürchten, dass auch sie niemand mehr vermisst mit ihrer überschaubaren Ich-AG.

Nix für ungut, aber es geht noch immer um freie Presse mit Verantwortung und zahlreiche Arbeitsplätze. Ich wünsche ihnen viel Erfolg, auch wenn ich mein Brot in den Reihen ihrer Feindbilder verdiene.“

Gegen Mitternacht habe ich folgende Antwort an Herrn Sahlender veröffentlicht.

„@anton Herr Sahlender, hm, Sie meinen bestimmt polemisch und nicht „populistisch“, aber egal.

Und für einen Mann in Ihrer herausgehobenen Stellung haben Sie – und das meine ich jetzt todernst – bemerkenswerte Wahrnehmungsstörungen, weil Sie sich außerstande zeigen, mit Kritik umzugehen. Ich will Sie damit weder persönlich beleidigen, noch polemisch sein. Ich stelle das fest und wenn Sie weiterlesen, erfahren Sie warum.

Ich habe erstens kein Feinbild und habe auch nicht vor, mir eins zuzulegen. Ich übe Kritik – manchmal auch polemisch – und setze mit damit für eine Verbesserung dessen ein, das ich kritisiere.
Zweitens bin ich ein echter Freund der Zeitung – deswegen kritisiere ich die teils unhaltbaren Zustände und den Verfall von Sitte und Moral und die Verbratwurstung vieler dieser Zeitungen.

Ich bin auch ein Verfechter der Demokratie, deswegen kritisiere ich auch Politiker und den Verfall von Sitte und Moral und den Missbrauch von Macht.

Gleichzeitig lobe ich gerne gute journalistische und andere Arbeiten.

Sie wollen es sachlich? Gut: Nach Schätzung des DJV haben die Verlage in den vergangenen drei Jahre rund 2.000 redaktionelle Arbeitsplätze abgebaut – die Jobverluste von „Freien“ sind hier sicher nicht dabei.
http://www.djv.de/SingleNews.20+M555b88acff7.0.html
Sie sehen mir nach, dass ich Ihnen jetzt nicht noch hunderte weiterer links anbiete – Sie sollten die Nachrichten als Führungskraft so gut kennen, wie ich.

Und wenn wir schon bei der Sachlichkeit angekommen sind, habe ich Fragen an Sie als Führungskraft in Bezug auf die Worte „kreativ“ und „wirtschaftlich“:
Wie hoch ist das Zeilenhonorar bei der Main-Post für freie Mitarbeiter?
Wie viele Zeilen muss man schreiben, um auf, sagen wir, 1.500 Euro netto zu kommen und welcher Arbeitsaufwand ist dafür nötig?
Da Sie sicher im Thema stehen, dürfte es Ihnen kaum Mühe machen, die Frage zu beantworten.

Keine Sorge, ich frage nicht, wie viel Sie verdienen. Das ist was für Neider und belanglos.

Ich würde aber nur gerne von Ihnen wissen, ob Sie die Frage, ob Ihre freien Mitarbeiter anständig bezahlt werden, mit einem ganz einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten können?

Als ich mich entschlossen habe, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen, hatte ich weder ein festes Gehalt, noch Arbeitslosengeld, noch eine Investition, noch eine sonstige Förderung. Ich arbeite auf volles eigenes Risiko.

Unter anderem deshalb, weil die Arbeitsmarktsituation so ausschaut:
Wenn ich als Freier Journalist ohne einen Tag Urlaub zu machen, monatlich ein Durchnittseinkommen von 4.000 Euro Brutto anstrebe, muss ich dafür 26 Mal im Monat einen „100-Zeiler“ mit 3.200-4.000 Anschlägen im Monat als Thema finden, verkaufen, recherchieren, „schlüsselfertig“ schreiben, sofort veröffentlicht und auch bezahlt bekommen.

Natürlich exklusiv, qualitativ hochwertig und voll verantwortlich für die Inhalte. Und vorausgesetzt, ich erhalte als durchschnittliches Zeilenhonorar 1,50 Euro.

Will ich auch noch drei Wochen Urlaub machen, eine Woche Krankheit einkalkulieren und vier Wochen für Weiterbildung, Leerläufe, Bürokratisches, Strategisches usw., muss ich schon 32 solcher exklusiver Geschichten pro Monat verkaufen.

Klingt sportlich, nicht wahr?

Und da ich Sportsgeist habe, biete ich Ihnen eine ultimative Wette an:
Ich nehme mir in einem Zeitraum von drei Monaten sechs Exemplare der Main-Post zu unterschiedlichen Tagen in die Hand und untersuche diese auf Bratwurstjournalismus, PR-Texte, Fakten.
Sie erhalten dann von mir die Angabe, welche Ausgabe ich ausgewertet habe und nennen mir mindestens einen originären Artikel pro Ausgabe, der die hohe demokratische Verantwortung einer bedeutenden Regionalzeitung belegt.

Sollten Sie je einen solchen Artikel benennen können und ich dabei weniger als einen Bratwurstartikel pro Ausgabe finden und keine PR-Texte und keine „zugeschickten“ Texte und keine umformulierten Pressemitteilungen und keine falschen Fakten, erkläre ich mich öffentlich zum Dummschwätzer in bezug auf meine polemischen Äußerungen und in bezug auf die Main-Post – auf allen Plattformen, die ich bediene.

Gelingt Ihnen die Bennung nicht und kann ich entsprechende Nachweise führen, veröffentlichen Sie in Ihrer Zeitung eine kurze Meldung, dass der kritische, freie Journalist Hardy Prothmann zu Recht die Klage am Qualitätsverlust der Zeitungen (auch der Main-Post) führt – selbstverständlich auch mit Ihrem Namen.

Und da wir uns natürlich über den Begriff „Bratwurstjournalismus“ streiten könnten, würde ich das sportlicherweise von einer Jury aus sechs Mitgliedern klären lassen. Jeder bestellt drei – und ein siebtes Mitglied legen wir gemeinsam fest.

Wie Sie an der Länge des Textes merken, ist es mir damit Ernst.

P.S.
Wissen Sie, Herr Sahlender, irgendwie könnte ich Ihren Wunsch auf meinen Erfolg auch falsch verstehen und ihn für polemisch halten. Tu ich aber nicht – ich nehme Sie da beim Wort und unterstelle Ihnen Redlichkeit.

Allerdings habe ich dabei nicht recht den Hinweis auf die „überschaubare Ich-AG“ verstanden. Erstens bin ich keine AG und zweitens bin ich ganz froh, dass ich noch den Überblick habe.
Oder meinten Sie das etwa herablassend, weil Sie Chef von vielen sind und ich im Vergleich nur ein Großmaul von Nichts?

Und ich habe die Logik dieses Satzes nicht verstanden:
„Wenn den Bratwurstjournalismus niemand mehr vermisst, müssen sie fürchten, dass auch sie niemand mehr vermisst mit ihrer überschaubaren Ich-AG.“
Können Sie mir den Zusammenhang bitte nochmals erklären – ich kapier ihn wirklich nicht.“

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  • Hardy Prothmann

    Guten Tag!Aus der Wette wird nichts: Herrn Sahlender ist die Sache zu heiß.Schade auch 😉

  • Anonymous

    Wirklich schade, der Anfang klang so vielversprechend :-))