Freitag, 28. April 2017

Printjournalistische Befindlichkeiten im lokalen Netz

Heddesheim/Augsburg, 02. Oktober 2011. Wie h√ľbsch – die Bundeszentrale f√ľr politische Bildung (BpB) hat ein „Modellseminar“ mit dem Titel „Das Netz ist lokal“ veranstaltet. In Augsburg versuchten sich Printjournalisten dem sagenhaften Thema Internet und Social Media anzun√§hern.

Von Hardy Prothmann

Uiuiuiuiui, das Modellseminar der BpB hatte einen echt hohen Anspruch:

Facebook, Twitter, Bewegtbild-Clips und Bu√ľrgerforen – Informationen werden heute auf vielen Plattformen verbreitet. F√ľr Zeitungsredakteure im Lokalen eine brisante Lage: Pl√∂tzlich treten neue Konkurrenten auf, die lokale Nachrichten auf eigenen Kan√§len anbieten. Wenn Lokalredaktionen nicht bewusst Teil dieser neuen Medienwelt werden, fehlen sie auf dem ‚ÄěMarktplatz‚Äú, auf dem Informationen gehandelt werden. Konzepte, mit denen Lokalredaktionen diese Welten jenseits von Zufallsvideos und Bildergalerienerobern k√∂nnen, sind rar. Deshalb erarbeiten die Teilnehmenden im Seminar Ideen, um diese neuen M√∂glichkeiten gezielt in den redaktionellen Alltag einzubinden.

Eine „brisante Lage“ also. Konkurrenz! Eigene Kan√§le. Wow. Schlimm: Die Konzepte sind also rar. Aha. Das klingt ungef√§hr so spannend wie ein VHS-Kurs mit dem Thema: „Internet f√ľr Senioren – es ist gar nicht so schwer.“

Und das waren die Ziele:

Das Modellseminar zeigt, wie man lokal twittert, sich Facebook und Co. zu Nutze macht und Leser aktiv in die Recherche einbezieht. Gemeinsam werden Ideen erarbeitet und debattiert, Handlungsoptionen werden konzeptioniert. Ziel sind lokale Web-2.0.-Strategien und damit Entw√ľrfe, mit denen Lokalredaktionen auch im Social-Media-Zeitalter ihre Bedeutung behalten oder sogar steigern k√∂nnen.

Am Jahresende 2011 lernen also Journalisten, wie man „lokal twittert“. Auch die Sache mit „Facebook und Co.“ klingt echt richtig spannend. Und so modern. Zur „Erhaltung der Bedeutung von Lokalredaktionen – oder sogar Steigerung.“ Uiuiuiuiui.

„Wissenschaftliche“ Unterst√ľtzung

Dieses „Modellseminar“ fand unter der Leitung von Lutz Feierabend (KStA) und von Prof. Dr. Sonja Kretzschmar statt. Bitte wer? Sie kennen Frau Kretzschmar nicht? Ich auch nicht. Bestimmt ist das eine bekannte Expertin, von der ich zwar noch nie was geh√∂rt habe oder die mir irgendwie-¬† aufgef√§llen w√§re, aber zum Gl√ľck gibts ja Google und damit kann man sich einen Eindruck verschaffen, wer Frau Kretzschmar denn ist. Zum Zeitpunkt der Recherche hatte dieses Video schon sensationelle 101 Klicks:

Interessante Antworten, oder? Bei mir ist vor allem das h√§ufig gebrauchte Wort „letztendlich“ h√§ngengeblieben, das genauso sinnig ist wie „schlussendlich“. Und goldig, wie sie immer wieder Stichpunkte von einer, ich vermute mal, „Moderationskarte“ abliest. Sehr professionell.

Was die Teilnehmer in diesem „Modellseminar“ gelernt haben oder was ihre Eindr√ľcke waren, haben einige sogar auf dem Blog der Drehscheibe ver√∂ffentlicht. Respekt!

Nöte und Sorgen

Aber: Hier ist die Rede von „Not“, von „Sorge“, von „gebrandmarkt“, aber auch von „Selbstvertrauen“.

Wer ein wenig zwischen den Textzeilen liest, begegnet einer zutiefst ver√§ngstigten und verst√∂rten Gruppe. Eben Printjournalisten, deren Weltbild √ľber Jahrzehnte aus der Sicht von „ich und die Welt“ gepr√§gt worden ist und die sich jetzt fragen: „Die Welt… und wo bin ich? Komme ich darin √ľberhaupt vor?“

Magere Beiträge zum Modellseminar - Schwanken zwischen Selbstzweifel und dringend gesuchtem Selbstbewusstsein. Quelle: drehscheibe.org

Vergangenes Jahr wollte man mich auch als Referenten einladen – ich hatte keine Lust. Es ist √ľberwiegend Zeitverschwendung, gestandenen Zeitungsjournalisten die Online-Welt zu erkl√§ren. Die meisten jammern schon √ľber die vielen neuen W√∂rter wie Twitter oder Facebook, liken und sharen. Stimmt, ist denglisch, beschreibt aber, was man meint. Und geh√∂rt zur Sprache wie das Wort „joggen“.

Außer, man ist Modernitätsverweigerer, Zauderer, Verhinderer oder eben Zeitungsjournalist. Jaja, jetzt regen sich wieder viele auf: Der Prothmann pauschalisiert wieder. Stimmt. Tue ich. Ganz bewusst. Denn die Zeitungsjournalisten haben eins nicht kapiert: Es geht zuallerst um guten Journalismus und dann erst um das Medium.

Deswegen ist so ein Seminar auch von vorneherein zum Scheitern verurteilt: Printjournalisten sollen sich auf ihren Job konzentrieren, der ist, eine Zeitung zu machen. Und mit gutem Journalismus zu bef√ľllen. Online-Journalisten machen dasselbe f√ľr online.

Die Antwort auf die Fragen aller Fragen: Journalismus

W√§hrend aber Online-Journalisten ganz selbstverst√§ndlich auch mit Zeitungen umgehen, tun das viele Printjournalisten eben nicht mit online. Das ist das Problem. Ganz einfach eigentlich. Daf√ľr braucht es kein Markensprech oder Selbstbeweihr√§ucherungsgebabbel, sondern aktive, interessierte Teilnahme und einen ebensolchen Austausch.

Entscheidend ist die Neugier, der Wille zum Lernen und die Haltung: Egal wie, einfach guten Journalismus zu machen.

Vor zwei Jahren habe ich dazu Thomas Mrazek ein Interview gegeben, vielleicht sollte man das als Vorbereitung f√ľr dieses „Modellseminar“ zur Pflichtlekt√ľre machen.