Montag, 22. Oktober 2018

Die zunehmende Verpressearbeitung ist keine Hilfe, sondern die Hölle

Pressesprecher Bullshit-Pingpong

Mannheim, 22. November 2013. (red) Was macht eigentlich den typischen Pressesprecher aus? Dass er ein Presseschweiger ist? Oder ein Presseverhinderer? Oder ein Pressebesch√§ftigungstherapeut? Was von vielen Unternehmen und Beh√∂rden urspr√ľnglich eventuell mal als „Professionalisierung der √Ėffentlichkeitsarbeit“ gedacht worden ist, hat sich vielfach zur Hauptursache f√ľr Magengeschw√ľre bei Journalisten entwickelt. Schafft sie ab, die Pressesprecher, die allermeisten bringen tats√§chlich schlechte Presse.

Anruf beim Fachmann: Guten Tag, ich h√§tte da ein paar Fragen zu…
Fachmann: Die darf ich Ihnen leider nicht beantworten, das muss √ľber unsere Pressestelle erfolgen.
Anfruf bei Pressesprecher: Guten Tag, ich h√§tte da ein paar Fragen zu…
Pressesprecher: Ok, ich suche den geeigneten Fachmann und melde mich wieder.
Antwort: Den habe ich schon gefunden. Herr Fachmann Darfnichtssagen.
Pressesprecher: Super, welche Fragen?
Antwort: Ich schicke sie Ihnen per email.

Einen Tag später.

Pressesprecher: Also, ich habe folgende Informationen f√ľr Sie.
Antwort: Besten Dank, daraus ergeben sich aber folgende Nachfragen.
Pressesprecher: Das kriegen wir hin, ich melde mich wieder.

Einen Tag später.
Pressesprecher: Also, ich habe die Antworten auf Ihre Fragegn.
Antwort: Daraus ergeben sich weitere Fragen. Kann ich nicht mit dem Fachmann selbst reden? Das w√ľrde das Verfahren verk√ľrzen.
Pressesprecher: Wir haben hier feste Regeln, wissen Sie doch. Und ich mach das doch gerne f√ľr Sie.

Stunden später.

Pressesprecher: So, das hätten wir auch geklärt, Herr Kollege.
Antwort: Sie sind nicht mein Kollege.
Pressesprecher: Wir arbeiten aber doch zusammen.
Antwort: Nein, ich bin Journalist und Sie sind Pressesprecher.
Pressesprecher: Ja, aber das ist doch fast dasselbe.
Antwort: Das ist √ľberhaupt nicht dasselbe.
Pressesprecher (schweigt kurz): Also, ich kann Ihnen noch folgendes mitteilen.
Antwort: Diese Zahl passt nicht zu dieser Zahl. Können Sie mir das erläutern?
Pressesprecher: Hm, da haben Sie recht. Das ist mir gar nicht aufgefallen. Sehr aufmerksam von Ihnen. Das muss ein Fehler sein. Ich frage nach und melde mich.
Antwort: Piss dann (gesprochen wie Bis dann).

Nächster Tag.

Pressesprecher: Das war tatsächlich ein Fehler. Gott sei Dank haben wir den gefunden.
Antwort: Ich habe ihn gefunden.
Pressesprecher: Ja, aber ich habe es aufgeklärt.
Antwort: Wir sind schon ein tolles Team, oder?
Pressesprecher: Finde ich auch. Und Kompliment, Herr Kol…, Herr Prothmann, Sie machen Ihre Arbeit sehr akribisch, erlebe ich selten.

Bericht wird veröffentlicht.

Pressesprecher: Unser Vorstand ist ein wenig ungehalten √ľber Ihren Bericht.
Anwort: Warum?
Pressesprecher: Na, ich hatte Ihnen das doch anders dargestellt.
Antwort: Stimmt.
Pressesprecher: Gestern fand ich noch, dass wir gut zusammenarbeiten.
Antwort: So ist das manchmal.
Pressesprecher: Aber das empfinde ich jetzt als Vertrauensbruch.
Antwort: Ist etwas falsch im Bericht?
Pressesprecher: Nicht direkt. Aber Ihre Sichtweise √ľberrascht mich schon, nachdem ich Ihnen die Sachlage – sogar teils im Vertrauen – dargelegt habe.
Antwort: Ich rede mit Quellen vertraulich. Sie sind ein Pressesprecher.
Pressesprecher: Man muss sich doch aber aufeinander verlassen können, mit Ihren Kollegen habe ich da nie Probleme.
Antwort: Meine Leser m√ľssen sich auf meinen Bericht verlassen k√∂nnen.
Pressesprecher: Ja, schon, aber m√ľssen Sie das so negativ darstellen?
Antwort: Verluste sind negativ. Und wenn Sie was anderes behaupten, täuschen Sie eine andere Lage vor.
Pressesprecher: Das lasse ich mir von Ihnen nicht unterstellen.
Antwort: Das brauche ich nicht zu unterstellen, das belegen Sie schriftlich in Ihrer Pressemitteilung und Ihren Ausk√ľnften.
Pressesprecher: Aber das ist doch ganz normal, dass man sich gut darstellen will.
Anwort: Da bin ich das erste Mal d’accord mit Ihnen.
Pressesprecher: Das freut mich.

Einige Wochen später:

Anruf bei Pressesprecher: Sie entlassen jetzt also x Leute?
Pressesprecher: Das können Sie so nicht sagen. Immerhin ist es uns gelungen, viele Arbeitsplätze zu sichern.
Antwort: Wollen Sie mir jetzt schon wieder vorschreiben, was ich berichten soll?
Pressesprecher: Nat√ľrlich nicht. Seien Sie doch nicht so empfindlich.
Antwort: Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen. Folgen weitere Entlassungen?
Pressesprecher: Das ist möglich, aber das wäre mir recht, wenn Sie das jetzt nicht schreiben.
Antwort: Warum sollte ich nicht?
Pressesprecher: Haben Sie kein Herz und Mitleid mit den Leuten? Die werden doch ganz unsicher.
Antwort: Die sind ganz unsicher und wollen wissen, was die Zukunft bringt.
Pressesprecher: Sie können schreiben, dass unser Vorstand alles Erdenkliche unternimmt, um die Arbeitsplätze zu sichern.
Antwort: Sie wollen mir also doch vorschreiben, was ich berichten soll?
Pressesprecher: Jetzt seien Sie doch nicht so kiebig. Darf ich Sie √ľbrigens auf unser Firmenfest einladen. Nat√ľrlich auf unsere Kosten. Es gibt leckere Sachen und eine zwanglose Atmosph√§re. Es gibt auch eine √úberraschung.

Das Pressefest findet ohne mich statt. Wie ich geh√∂rt habe, gab es Pr√§sente f√ľr die „Kollegen“.

Pressesprecher ruft an: Ich möchte Sie zu einem Hintergrundgespräch einladen.
Anwort: Um was soll es da gehen?
Pressesprecher: Das kann ich nicht sagen, sonst wäre es ja ein Hintergrundgespräch. Exklusiv im kleinen Kreis.
Antwort: Unter drei?
Pressesprecher: Ja Рder Vorstand hätte explizit Sie gerne dabei.
Antwort: Tatsächlich.
Pressesprecher: Also, unter uns, das habe ich bislang nur selten erlebt. Sie k√∂nnen sich geehrt f√ľhlen.
Antwort: Aber ich darf nichts dr√ľber schreiben?
Pressesprecher: Es wird im kleinen Kreis exklusiv √ľber wichtige Schritte des Unternehmens gesprochen.
Antwort: Und was haben meine Leser davon?
Pressesprecher: Na, Sie sind dann einer der top informierten Journalisten.
Antwort: Und was soll ich mit diesen Top-Informationen anfangen?
Pressesprecher: Im Hinterkopf haben, wenn Sie wieder √ľber uns berichten.
Antwort: Daf√ľr haben ich doch Sie und ihre wunderbaren Dienste.
Pressesprecher: Danke f√ľr das Kompliment.
Antwort: Bitte.
Pressesprecher: Und d√ľrfen wir Sie jetzt begr√ľ√üen?
Antwort: Nein.
Pressesprecher: Verraten Sie mir warum?
Antwort: Das haben Sie immer noch nicht verstanden?
Pressesprecher: Nein.
Antwort: Wieso √ľberrascht mich das jetzt nicht?
Pressesprecher: Was?
Antwort: Dass Sie das nicht verstanden haben.
Pressesprecher: Sie haben sicher Ihre Gr√ľnde.
Antwort: Habe ich. Schönen Tag.

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√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.