Freitag, 28. April 2017

Post vom DJV: Machs Dir doch selber

Heddesheim/Berlin, 08. August 2011. Angeblich setzen sich die Gewerkschaften ja für die Freien Journalisten ein, die sowohl beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV) als auch bei der Deutschen Journalisten-Union in verdi (dju) sogar die Mehrheit der Mitglieder stellen sollen. Zur aktuellen Tarifauseinandersetzung habe ich Fragen an den DJV gestellt. Die Antwort ist wenig überraschend und kann so interpretiert werden: Machs dir doch selber.

Von Hardy Prothmann

Kennen Sie aktuelle aussagekräftige Zahlen Ihrer Gewerkschaft zu den eigenen Mitgliedern? Der DJV behauptet, 38.000 Mitglieder zu haben, die dju hat angeblich 22.000 Mitglieder, der Deutsche Fachjournalistenverband will 11.000 Mitglieder haben. Dazu gibt es noch kleine Verbände und Spezialverbände wie Freelens mit 2.200 Mitgliedern, bei dem nur Fotografen Mitglied werden können – und hier zieht noch nicht einmal der „Presse-Ausweis“. Nur rund die Hälfte erhalten diesen über Freelens: „Wir prüfen das sehr strikt“, sagt Geschäftsführer Lutz Fischmann.

Karte der Ausbeutung: Rote Punkte sind Zeitungen, die noch nicht einmal die kargen Honorare der Vergütungsregel zahlen. Grüne Punkte halten sich angeblich daran, graue Punkte: Hier wird angeblich verhandelt. Quelle: "Faire Zeitungshonorare"/Google

Wie viele Journalisten es in Deutschland genau gibt, weiß niemand so genau. 60.000 ist so eine „gängige“ Vermutung. Dann wären aber alle entweder in der dju oder beim DJV Mitglied Mitglied. Rechnet man die Zahlen oben zusammen, müssten es mindestens 73.000 sein, also fast ein Viertel mehr. Kann das sein?

Legt man andere Maßstäbe an, beispielsweise, dass mindestens die Hälfte des Einkommens aus journalistischer Tätigkeit stammt, könnten es ratzfatz sehr viel weniger sein, weil viele Freie noch andere Jobs haben. Und zieht man die vielen Pressesprecher ab, die vor allem bei DJV und dju „organisiert“ sind, würden sich die Zahlen sicher um ein Viertel bis die Hälfte verringern.

Es gibt auch keine Informationen über die Höhe der verfügbaren Geldmittel und deren Verwendung. Die Gewerkschaften sind „closed shops“ – intransparent bis zum Anschlag.

Prinzipiell intransparent

Insbesondere der DJV hat sein Jahren ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil die Zahl der Pressesprecher hier besonders hoch sein soll. Und weil die Trennlinie zwischen PR und Journalismus hier seit Jahren konsequent aufgeweicht wird.

Transparente Zahlen gibt der Verband nicht heraus. Das ist delikat, sollte doch ein Journalistenverband wie kein anderer auf Transparenz und Informationsfreiheit bedacht sein. Aber auch die dju verzichtet auf eine Gliederung: x Tageszeitung, x Radio, x Fernsehen, x Magazin, x Pressesprecher, x Angestellte, x Freie und so weiter.

Tatsache ist, dass immer mehr Journalisten frei arbeiten müssen, weil sie keine Anstellung finden. In den vergangenen zehn Jahren sollen rund 12.000 angestellte Journalisten ihren Job verloren haben. Die Arbeitsbedingungen und -honorierungen sind fast nie sehr gut, selten gut, meist mäßig und überwiegend schlecht bis ganz schlecht.

Angeblich setzten sich die Gewerkschaften DJV und dju für die Freien ein und geben gemeinsam einen Leitfaden für „gemeinsame Vergütungsregeln“ heraus. Die dort aufgerufenen Honorare sind aber eher als „Mindestlohn“ zu begreifen, denn als anständige Honorierung.

Ein weiteres Problem: Diese Honorare sind an die Auflage gekoppelt. Ein Fachautor, der für eine Zeitung mit 50.000 Auflage schreibt, soll demnach rund einen Euro die Zeile erhalten, schreibt er denselben Artikel für eine Zeitung über 200.000 Auflage, soll er rund 1,50 Euro erhalten.

„Fach“-Journalisten vor Ort

Für die Vielzahl der freien Journalisten an Tageszeitungen gilt das nicht. Sie besetzen Termine vor Ort: Feste, Veranstaltungen, Gemeinderatssitzungen, Sport-Events, Schultermine und so weiter. Bei Auflagen bis zu 50.000 Exemplaren sollen sie rund 60 Cent pro Zeile erhalten. Tatsächlich sind Zeilen“honorare“ weit darunter die Regel. 15 bis 25 Cent dürften der Standard sein. Um auf das „Durchschnittseinkommen“ von 1.838 Euro monatlich zu kommen (nach DJV), müsste ein Freier jeden Tag rund 350 Zeilen schreiben, die auch veröffentlicht werden. Das ist eine Utopie.

Und sicher sind viele freie Journalisten keine „Fachautoren“ – vor Ort sind sie aber vom Fach, kennen Land und Leute. Und geben ihre Lebens- und Arbeitszeit. Als Erntehelfer würden sie meist besser verdienen.

Ich wollte gerne wissen, wie es konkret im Markt aussieht, wie viele Zeitungen Mindesthonorare zahlen und was die Gewerkschaften tun, um das zu erreichen. Die Antwort ist ernüchternd: „Fast nichts“, dürfte zutreffend sein.

Dokumentation meiner Anfrage:

Sehr geehrter Herr Döhring,

Herr Zörner hat gegenüber der Presse geäußert, der DJV setze sich für die Freien Journalisten ein, beispielsweise in Sachen „Vergütungsregeln“.

Dazu habe ich folgende Fragen:

  1. Wie viel Prozent der Tageszeitungen hält sich an diese Vergütungsregeln?
  2. Können Sie mir einige nennen, die gemäß der Vergütungsregeln oder sogar darüber zahlen?
  3. Wie viele freie Journalisten verdienen weniger als nach diesen Vergütungsregeln?
  4. Führen Sie für Freie Journalisten eine Empfehlungsliste, wer die Vergütungsregeln einhält und wer nicht?
  5. Welche Möglichkeiten hat der DJV, diese Regeln durchzusetzen?
  6. Gibt es einen dokumentierten Fall, in dem der DJV versucht hat die Regeln durchzusetzen?
  7. Sind auch Chefredakteure, Redaktionsleiter oder Mitglieder anderer Verbände Mitglied im DJV?
  8. Hat der DJV Informationen, dass Mitglieder des DJV, also beispielsweise Redaktionsleiter, Streikbrecher beschäftigen oder anders den Streikerfolg behindern?
  9. Was sind die Konsequenzen daraus?

Besten Dank vorab
Gruß
Hardy Prothmann

Antwort vom DJV-Sprecher Henrik Zörner

Sehr geehrter Herr Prothmann,

Ihre Fragen zu den Gemeinsamen Vergütungsregeln dürften sich beantworten, wenn Sie auf die Seite www.faire-zeitungshonorare.de klicken, die wir gemeinsam mit der dju in ver.di eingerichtet haben.

Zu Ihren Fragen am Ende kann ich Ihnen mitteilen, dass es unter den DJV-Mitgliedern auch Redaktionsleiter und Chefredakteure gibt. Wie bei Arbeitskämpfen üblich, konzentrieren wir uns derzeit auf die Aktivierung und Mobilisierung der Mitglieder in den Regionen, in denen wir Streiks durchführen wollen. Mögliche Behinderungen der Streiks durch einzelne DJV-Mitglieder in gehobenen Positionen wären gegebenenfalls nach Ende der Tarifauseinandersetzung aufzuarbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Hendrik Zörner
Pressesprecher

Ich habe den Rat von Herrn Zörner befolgt und die genannte Internetseite angeklickt. Leider hat der Klick allein erwartungsgemäß keine Antwort auf die Frage erbracht. Die Botschaft habe ich verstanden – „machs Dir doch selber“.

Das habe ich versucht.

  1. Ich konnte keine Information finden, wie viel Prozent der Tageszeitungen sich an die Vergütungsregeln halten. Anhand der Markierungen habe ich 22 gezählt, vielleicht habe ich mich dabei vertan. Vielleicht ist das auch nicht tagesaktuell. Vielleicht ist Herr Zörner aber auch nicht in der Lage bei rund 330 Tageszeitungen den Prozentsatz auszurechnen. Bitte schön: 6,66 Prozent. Eine teuflisch niedrige Zahl.
  2. Zur Frage der Nennung muss ich jede Markierung anklicken, dazu habe ich ehrlich gesagt keine Lust. Nur soviel: Der allseits bekannte „Teck Bote“ ist dabei. Eine Information, wer die höhsten Vergütungen zahlt oder sogar mehr, ist nicht zu finden.
  3. Wie viele freie Journalisten weniger als nach diesen Vergütungsregeln verdienen, ist nicht zu finden.
  4. Eine Empfehlungsliste, wer die Vergütungsregeln einhält und wer nicht, ist nicht zu finden.
  5. Eine Information, welche Möglichkeiten der DJV hat, diese Regeln durchzusetzen, ist nicht zu finden.
  6. Einen dokumentierten Fall, in dem der DJV versucht hat, die Regeln durchzusetzen, ist nicht zu finden. Vielleicht fällt darunter, dass die Madsack-Gruppe „angekündigt“-  hat, dies zu tun.
  7. Sind auch Chefredakteure, Redaktionsleiter oder Mitglieder anderer Verbände Mitglied im DJV?
  8. Siehe Antwort in der email.
  9. Siehe Antwort in der email.

Die umfangreiche Mühe, die sich Herr Zörner macht, um das Anliegen der Freien voranzutreiben, spricht Bände. Angeblich wird „nach Ende der Tarifauseinandersetzung“ dann- „aufgearbeitet“. Man darf gespannt sein, ob der ein oder andere „Chef“, der Mitglied im DJV ist, die Streiks behindert hat und sich nicht an die „Vergütungsregeln“ hält, von den Gewerkschaften wegen Schädigung der Vereinsziele gekündigt bekommt. Wetten, dass nicht?!