Freitag, 28. April 2017

Porträt: Sie nennen ihn Putte

Putte - der beste Reporter in Sachen Stuttgart 21.

Heddesheim/Stuttgart, 18. Oktober 2011. Thorsten Puttenat ist vor Ort der beste Reporter in Sachen Stuttgart 21. Thorsten Puttenat experimentiert gerne – ob als Musiker, was sein Hauptberauf ist oder als Reporter, was er so gekonnt macht, als wäre auch das sein Hauptberuf. Der Mann ist ein Naturtalent. Seine journalistische Stärke ist seine Naivität – sie erlaubt es, gute Fragen zu stellen.

Von Hardy Prothmann

„Putte“ ist in der Stuttgarter Szene bekannt – als Musiker. Wir treffen uns am Stuttgarter Hauptbahnhof. Wo sonst? Denn wegen des Streits um Stuttgart 21 kenne auch ich Putte. So wie zehntausende andere Menschen im Land: Als Reporter von fluegel.tv – einem Internetsender, dessen Claim lautet: „Wir zeigen, was im Fernsehen nicht kommt.“

Über 300 Videos hat die Mannschaft um Robert Schrem und Thorsten Puttenat schon online gestellt – zig live-Übertragungen haben sie „gestreamt“. Robert hat den Anfang gemacht und in seinem Büro mit Blick auf den Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs eine Webcam aufgestellt, die zeigte, was sie vor Ort tat.

„Wir zeigen, was im Fernsehen nicht kommt.“

Aus der Webcam ist fast so etwas wie ein Sendebetrieb geworden. Ein Amateurfunkter baute eine Richtfunkstrecke, Kameraleute stellen sich und das Equipment bereit. fluegelt.tv sendet mobil, unabhängig und überträgt wie eine Art „Mini-Phoenix“ dokumentarisch vollständige Veranstaltungen. Geld verdient keiner, privates Geld und Spenden ermöglichen technische Anschaffungen.

Putte ist das Gesicht von fluegel.tv, die Stimme, der quietschfidele Reporter, der keinerlei Berührungsängste und immer was zu erzählen hat. Aber vor allem kann er eins: Zuhören. Und irgendwie bringt er die Menschen zum Sprechen – auch solche, die eigentlich nicht mit ihm reden wollen oder sichtlich genervt reagieren.

Putte (36) ist ein Aktivist. Aber auch ein vorbildlicher Reporter. Er geht freundlich und unbefangen auf die Menschen zu. Manchmal wirkt er fast naiv, wenn er Fragen stellt. Ist er das, naiv? Selbst gefragt, überlegt er kurz, man sieht ihm das Denken an, dann strahlen seine blauen Augen, er lächelt sein breites Lächeln und sagt: „Ja, ich glaub schon, dass ich naiv bin. Deswegen frage ich, was mich interessiert, was ich nicht weiß und was ich wissen will. Ich muss doch Fragen, um Antworten zu kriegen, oder?“ Putte strahlt mich an und am liebsten würde ich jetzt ganz viel erzählen, was ich dazu denke. So macht er das also. So kriegt er mich, so andere.

Puttes größte Stärke ist seine Geduld.

Seine größte Stärke ist, wie er Interviewpartner zum Sprechen bringt: Er lässt sie reden. Er ermuntert sie zum Reden. Manche reden sich dabei um Kopf und Kragen, weil sie auf Statements programmiert sind und plötzlich für eine lange Rede das Konzept fehlt. Im politischen Geschäft ist man den kurzen, heftigen Schlagabtausch gewohnt – bei den wenigen kritischen Journalisten. Bei den meisten das Schattenboxen.

Andere Gesprächspartner werden ruhig und man sieht ihnen an, wie schwer es fällt, Antworten auf die Putte-Fragen zu geben. Das sind große Momente – Putte lässt den Menschen Zeit. Das ist anders, ungewohnt und sehenswert. Und vollkommen untauglich für einen in Sendesekunden oder auf Zeile durchformatieren Medienbetrieb.

Der jüngste Erfolg: Ministerpräsident Winfried Kretschmann lädt fluegel.tv zum Exklusivinterview ein. Der grüne Ministerpräsident hat erkannt, dass fluegel.tv mittlerweile so eine Art „Macht“ ist – dass der Sender viele Menschen erreicht, die den traditionellen Medien nicht mehr trauen.

fluegel.tv zeigt tatsächlich, was das Fernsehen nicht zeigt: Lange Einstellungen, Wackelkamera, Mikro im Bild, einen langhaarigen Reporter, der Hinz und Kunz anspricht, eine ausgeprägte Mimik hat, Späßchen macht, ständig sein nicht-Edelfriseur-behandeltes Haarpony aus der Stirn streicht und in Jeans und Turnschuhen mit Schlabber-Pulli durch die Gegen streift. So einer passt wenn, dann vielleicht zu Kika, zwischen den eitlen Schnöseln von ARD und ZDF oder den Reporterdarstellern der Privatsender fällt er auf. Während die einen steif und staatsmännischer als die Staatsmänner eine gute Figur machen wollen, stellt Putte naive Fragen und hat alle Zeit der Welt.

fluegel.tv verändert die Medienlandschaft

Das bringt ihm und fluegel.tv die Sympathien. Vertrauen. Putte ist echt. Putte macht keinen Hehl draus, dass er gegen S21 ist und für mehr Bürgerbeteiligung, für Transparenz. Deswegen redet er auch mit Befürwortern und versucht auch mit denen zu reden, die eigentlich nicht mit ihm reden wollen.

Investigative Recherche, die sture Arbeit an harten Fakten ist nicht das Arbeitsgebiet von fluegel.tv. Hier geht es um Situationen, um Emotionen, um Standpunkte und Meinungen – Eindrücklichkeit. Und die Arbeit hat sich gelohnt – die örtlichen Zeitungen geben sich offener, kritischer. Sie haben Konkurrenz bekommen. Von einem, der eigentlich Musiker ist und als Reporter dem Medienbetrieb gezeigt hat, wo es langgeht.

Ich habe Putte in Stuttgart getroffen und einen Film gemacht, der die Situation vor Ort und die Motivation von Putte und fluegel.tv nachzeichnen soll. Das Thema Stuttgart 21 ist laut – es belastet die Stadt und die Menschen, aber es hat auch viele Menschen zusammengebracht, die Stadt positiv verändert – sagt Putte und der ist vor Ort.

Ziel war ein minimalistisches Porträt unter härtesten Produktionsbedingungen. Laute Umgebung, schlechtes Licht, keine Inszenierung, kein Skript, keine Wiederholung. Nur der Reporter, die Kamera und der Protagonist.

Vorgestellt wird Putte als Reporter von fluegel.tv, bewusst in weiten Teilen in der Unschärfe gelassen, trotzdem nah dran, um auch hier die Geschichte von fluegel.tv zu erzählen – viele Menschen, ein Thema, Internet, Social Media. Die Statements sind ungeschnitten.

Ich würde mich sehr über Feedback freuen, wie der Film wirkt.

Kamera: 600D, Objektiv Tamron 18-270, 1:3,5-63, Schnittsoftware iMovie.
Produktionstag: 08. Oktober 2011, 17:08-19:20 Uhr, Stuttgart