Sonntag, 11. Dezember 2016

Faules Oster-Ei: Der Politik-Redakteur Thomas Wehrli bastelt sich einen Verschwörungsartikel

Plagiierte Islam-Hetze durch die Basler Zeitung

Mannheim/Basel, 01. April 2013. (red) Nein, es ist kein Aprilscherz, sondern bitterer Ernst. Am 29. MĂ€rz veröffentlichte die Basler Zeitung einen Artikel von Thomas Wehrli: „Alle fĂŒnf Minuten wird ein Christ ermordet“. Die steile These: Aktuell erlebt die Welt die grĂ¶ĂŸte Christenverfolgung der Geschichte. Verantwortlich: Islamischer Extremismus. Belegt wird die These mit Quellen aus Wikipedia und aus dem Blog des Heilbronner Rechtspopulisten „Michael Mannheimer“, der vom Islamhasser zum „Soziologen und Islamkritiker“ umgedeutet wird. Dazu kommen „SchĂ€tzungen“ fundamentalistischer Organisationen. Die Agitation unter dem Kampfbegriff „Christenverfolgung“ ist nicht neu – neu ist, dass eine große Schweizer Tageszeitung sich zum Kampfblatt der Islamhetzer macht.

Von Hardy Prothmann

Der Artikel beginnt grausig:

Gefangen, gefoltert, getötet. Die Bilder schockieren. Jenes der jungen Christin etwa, noch keine 20, an HĂ€nden und FĂŒssen ans Bett gefesselt, maltrĂ€tiert, das Kreuz durch den Mund gerammt. Tot. Erlöst. Die Welt schweigt. Sieht weg.

Und verstörend: Denn es fehlen die schockierenden Bilder. Es gibt keine Nachricht in einer seriösen Quelle zu einer getöteten Christin, der ein Kreuz durch den Mund gerammt wurde. Nach einiger Suche finde ich ein solches Bild – auf den Seiten eines Michael Mannheimer. Dazu gleich mehr.

Nach der LektĂŒre des Artikels von Thomas Wehrli, stellvertretender Ressortleiter Politik bei der Basler Zeitung („Alle fĂŒnf Minuten wird ein Christ ermordet“), muss man den Eindruck haben, dass die Christenheit auf dieser Welt systematisch verfolgt, gefoltert und getötet wird. Verantwortlich dafĂŒr sei eine andere Religion, der Islam. Thomas Wehrli kommt zu dem Schluss:

Es ist ein gefÀhrlicher Irrtum, zu glauben, die Mehrheit der Muslime sei wegen des Islams friedlich; sie ist trotz dem Islams friedlich.

Kurios: Der von Thomas Wehrli veröffentlichte Artikel besteht mehr oder weniger wortgleich aus BlogeintrĂ€gen der Website „Katholisch bloggen“. Diese BlogbeitrĂ€ge sind ausweislich der Veröffentlichungsangaben nach und nach seit dem SpĂ€tsommer 2012 veröffentlicht und nun als ein Artikel zusammengesetzt worden. Wer der Betreiber von „Katholisch bloggen“ ist, bleibt unklar, ein Impressum fehlt. Die Seite stellt sich als Blog zum Buch „Gehet hin und bloggt“:

Katholisch bloggen ist der Blog zum gleichnamigen Buch. Sie finden hier Beispiele zu den Kapiteln im Buch, Hinweise auf andere virtuellen Publikationen von Lesern des Buches, sowie Nachrichten, vor allem aus den Bereichen der unterdrĂŒckten Kirche, der Kirche in Not.

Journalistisches Vollplagiat

Klar ist hingegen, dass viele Informationen in diesen Blog-Artikeln und damit auch im Artikel der Basler Zeitung aus anderen Quellen zusammengeklaut sind – selbstredend ĂŒberwiegend ohne Quellenangabe. Dieser Text ist ein journalistisches Vollplagiat von anderen Plagiaten, denen eine faktische Grundlage fehlt.

Eine der Hauptquellen ist der (laut stern: „Feige Islamhasser beim Namen nennen“) „Hass-Blogger Karl-Michael Merkle alias Michael Mannheimer“. Der stern hatte ĂŒber Mannheimer berichtet, der „wegen seiner Machenschaften einen Strafbefehl des Amtsgerichts Heilbronn kassiert, weil er zu Gewalt- und WillkĂŒrmaßnahmen aufrufe und zum Hass gegen eine religiöse Gruppe aufstachele.“ (Anm.: Noch nicht rechtskrĂ€ftig, da Rechtsmittel eingelegt worden sind.) Die Autorin Nina Plonka bezeichnete Merkle als „hochgradig unangenehmen Menschen“. Der wiederum verklagte daraufhin den stern auf 100.000 Euro Schmerzensgeld und verlor den Prozess.

Als „Michael Mannheimer“ hetzt Merkle (58) , wo er nur kann – gegen den Islam und gegen „Gutmenschen“. Als wĂŒrde das nicht reichen, veröffentlichte Mannheimer auf seiner Seite einen Blog-Artikel „Die Feinde Deutschlands„. Der Artikel ist als Pranger angelegt und hetzt gegen Politiker und Unternehmer wie Claudia Roth, Walid Nakschbandi oder Vural Öger, bezeichnet sie als Staatsfeinde und bittet Juristen um Mithilfe, um eine Klage vorzubereiten: wegen „Hochverrats“.

Hetzblogger als Hauptquelle – vor allem in der „Analyse“

Mannheimer ist nicht nur verwirrt, auch nicht nur meschugge, sondern vermutlich hochgradig gefĂ€hrlich irre. Thomas Wehrli macht ihn fĂŒr die Leser/innen der Basler Zeitung neutral zum „Soziologen“ und etabliert damit einen Islamhasser, der im Umfeld des Hassblogs Politically Incorrect (PI) oder NĂŒrnberg2.0 agiert (Anm.: Auch PI hatte das Thema „Alle x Minuten…“ schon frĂŒher, geschrieben von Michael StĂŒrzenberger, CSU). Das Internetportal Telepolis (Heise-Verlag) zitiert Mannheimer mit einem Eintrag bei PI:

Vertreibt das herrschende Establishment aus seinen Ämtern und Schreibstuben und stellt die Verantwortlichen vor ein Gericht! Wie 1933 hat dieses Establishment schon wieder versagt! Organisiert Euch! Erhebt euch von euren Sofas! Geht auf die Straßen! Greift zu den Waffen, wenn es keine anderen Mittel gibt! FĂŒr uns, fĂŒr unsere Kinder, fĂŒr unsere Geschichte! Es lebe die Freiheit!

Als wÀre Thomas Wehrli bei Michael Mannheimer einer ideologischen HirnwÀsche unterzogen worden, kommt der verantwortliche Redakteur zu diesem Schluss:

Wer sagt, das seien alles ZufÀlligkeiten, wer glaubt, das seien nur Momentaufnahmen, der irrt. Oder will irren. Der Islam, so friedlich er auch dreinblicken kann, hat in seiner radikalsten AusprÀgung ein anderes Gesicht. Eine hÀssliche Fratze ist es, die kein Pardon kennt, die nur eines im Blick hat: die Weltherrschaft.

Als sei das noch nicht genug, schließt sich Wehrli dem kruden Weltbild (Telepolis zu Mannheimer und dem Massenmörder Breivik) und der Verschwörungstheorien an, die den Islam mit den Nationalsozialisten gleichsetzen. DafĂŒr zitiert er Alice Schwarzer folgendermaßen:

Der Koran ist genauso rassistisch wie Hitlers â€čMein Kampfâ€ș und mĂŒsste sofort verboten werden, urteilt Alice Schwarzer, unĂŒberhörbare Feministin, die mit Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz nun wirklich nichts am Hut hat.

Begeisterte Aufnahme bei Islamhassern: Dagegen verblasst PI

Das Problem bei dem Schwarzer-Zitat: Hat sie das wirklich so gesagt? Man findet viele „Belege“ – die aber ausnahmslos Zweit – oder Drittquellen sind, wie zu den allermeisten „Fakten“, die Wehrli hier prĂ€sentiert.

Das Hetz-Pamphlet von Thomas Wehrli wird natĂŒrlich sofort von PI aufgegriffen. Dort kommentiert ein Leser (#16) (Anm.: Hier wird der Tages-Anzeiger als Quelle genannt, das scheint eine Übernahme von der Basler Zeitung zu sein):

UNBEDINGT LESEN!!!!!

In der groessten Schweizer Zeitung, dem Tages Anzeiger, ist ein Artikel ueber Christenverfolgung. Dort wird der ISLAM SO NIEDERGEMACHT, dass sogar PI News dagegen verblasst. Ich konnte es kaum fassen.

Auch das ist kaum zu fassen – fast alles, was Thomas Wehrli schreibt, hat er sich als Plagiat aus dem Internet zusammengeklaut. Ebenfalls bei PI steht in einem Kommentar von „antonio“ am 19. MĂ€rz 2008:

Über dieses Heilige Buch fĂ€llt die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (der Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz wohl gĂ€nzlich unverdĂ€chtig) das vernichtende Urteil: Der Koran ist genauso rassistisch wie Hitlers „Mein Kampf“ und mĂŒsste sofort verboten werden.

Wortgleich erscheint dieser Satz auch bei Michael Mannheimer auf dessen Blog am 02.05.2011. Der Text handelt… richtig von Juden- und Christenverfolgung durch den Islam.

Wehrli beginnt sein Plagiat schon mit der Bildunterschrift. Dort heißt es:

Der Bau von Kirchen, Synagogen oder anderen GotteshÀusern ist verboten. Halten sich Nichtmuslime nicht an diese Regeln, droht ihnen die Verhaftung, Auspeitschung oder die Folter.

Fundamentalistische Lobbyarbeit

So oder so Ă€hnlich findet man die Formulierung bei Open Doors, einer spendenfinanzierten, glaubensfundamentalen Organisation, die die Lobbyarbeit in Sachen „verfolgte Christen“ am deutlichsten betreibt. Dort heißt es zu Saudi-Arabien:

Die öffentliche AusĂŒbung nicht-muslimischer Anbetung und jeder Versuch, das Evangelium unter Muslimen zu verkĂŒndigen, sowie das Verteilen von christlicher Literatur sind verboten und werden strafrechtlich verfolgt. Nicht-Muslimen, die an derartigen AktivitĂ€ten beteiligt sind, drohen Verhaftung, Inhaftierung, Auspeitschung, die Abschiebung und Misshandlung.

Bei der Hilfsaktion MĂ€rtyrerkirche e.V. liest sich das so:

Außer Moscheen sind keine anderen  AnbetungsstĂ€tten im Land zugelassen. Alle nichtmuslimischen religiösen Rituale und Materialien sind verboten. Wer Mission betreibt oder einen Muslim bekehrt, muss mit GefĂ€ngnis, Ausweisung, Auspeitschung, Folter oder Hinrichtung rechnen.

GegenĂŒberstellungen: Plagiate und Quellen

Nach seiner dramatischen Einleitung kommt Wehrli zu den „Fakten“. Es folgt jeweils ein Zitat aus dem Wehrli-Text und die Fundstelle auf anderen Seiten, sowie Anmerkungen in kursiv:

Wehrli: Alle drei bis fĂŒnf Minuten wird irgendwo auf der Welt ein Mensch getötet. Nicht, dass er etwas verbrochen hĂ€tte, um Gottes Willen, nein, es reicht, dass er Christ ist.Sein Todesurteil ist sein Glaube. Von 105’000 Glaubenstoten pro Jahr spricht Soziologe Massimo Introvigne, Antidiskriminierungsbeauftragter der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Wikipedia: Der OSZE-Vertreter Massimo Introvigne soll die Aussage gemacht haben, dass alle fĂŒnf Minuten ein Christ ermordet werde.

Wehrli: Von bis zu 170’000 gehen die amerikanischen Soziologen Brian Grim und Roger Finke aus.

Wikipedia: Die Soziologen Brian J. Grim und Roger Finke kommen in ihrer Studie The Price of Freedom Denied (Cambridge) auf 130.000 bis 170.000 ermordete Christen.

Was Herr Wehrli aus Wikipedia nicht kopiert, ist dieser anschließende Satz: Unter Experten sind diese Zahlen gemĂ€ss dem Weltwoche-Artikel umstritten, weil nicht ersichtlich sei, woher die Autoren ihre Daten beziehen wĂŒrden. Auch die Berechnungsmethoden und der genaue Messungszeitraum seien nicht klar.

Wehrli: Nero, der alte Römer, hĂ€tte an beiden Zahlen seine helle Freude gehabt – an der exerzierten Grausamkeit nicht minder. Er, der Antichrist, er, der Brandstifter, liess die Christen verfolgen, verhaften, verbrennen, kreuzigen oder im Kolosseum den Tieren vorwerfen.

Michael Mannheimer: Diese spielte sich nicht im antiken Rom unter Nero und den folgenden Kaisern ab – sondern lĂ€uft ganz aktuell im Hier und Jetzt. Alle drei Minuten wird irgendwo in einem islamischen Land ein Christ ermordet allein deswegen, weil er den „falschen“ Glauben hat. (Anm.: Siehe erstes Wehrli-Zitat)

Wehrli: Seit seiner Zeit wurden laut David B. Barrett vom amerikanischen «Center for the Study of Global Christianity» 70 Millionen Christen ermordet, starben, wie einst Stephanus, den MÀrtyrertod, starben ihn, anders als der erste MÀrtyrer, selten bis nie aus Passion. Das Erschreckende: 45 Millionen waren es allein im 20. Jahrhundert.

Der Journalist Wehrli schließt diese Angabe nahtlos in den Zusammenhang von „islamischen Extremismus“ ein. Eine Einordnung, dass diese Studie 2001 erschienen ist und den seltsamen Versuch unternimmt, seit dem Jahr 30 nach Christus Geburt feststellen zu können, dass alle diese Opfer glĂ€ubige Christen waren, findet nicht statt. Und Wehrli unterschlĂ€gt noch nebenbei, die rund 2 Millionen MĂ€rtyrer-Tote, die es seitdem gegeben haben muss, wenn man seit 2001 von 150.000 „MĂ€rtyrer“ ausgeht.

Wehrli verweist auf Stephanus, den vermutlich ersten MĂ€rtyrer und nennt die anderen gemutmaßten Opfer „unfreiwillige MĂ€rtyrer“, was ein Widerspruch in sich ist. Sei’s drum. Weiter im Text.

Wehrli widmet sich Nigeria und schreibt: Es ist damit eines von 50 LÀndern, in denen Menschen einzig aufgrund der Tatsache, dass sie Christen sind, schikaniert, gemobbt, verfolgt, ins GefÀngnis geworfen, ins Arbeitslager verfrachtet oder getötet werden.

Dass es gegenseitige Verfolgungen gibt, vor allem der arme Norden durch Korruption, Kampf um Land, kriminelle Banden und gegenseitige Racheakte geprĂ€gt ist, ist Wehrli vermutlich zu kompliziert. Auch das viele Opfer Muslime sind und insbesondere die kriminelle Organisation Boko Haram stĂ€ndig in bewaffnete Konflikte mit Polizei und MilitĂ€r verwickelt ist, verschweigt Wehrli. Immerhin hĂ€tte er bei Wikipedia fĂŒndig werden können – das aber hĂ€tte seine Behauptung „einzig aufgrund der Tatsache“ nicht mehr so schön eindeutig sein lassen.

Wehrli: Rund 100 Millionen Katholiken, Reformierte und Orthodoxe, so schÀtzt die Organisation, haben nichts zu lachen. Weil sie katholisch, reformiert oder orthodox sind. Von 200 Millionen spricht das katholische Hilfswerk Kirche in Not. Fast jeder zehnte Christ also.

WĂ€hrend sich Wehrli zwei AbsĂ€tze davor noch ironisch ĂŒber 65.000 Todesopfer mehr oder weniger zeigt „welch Detail“, schmeißt er hier mit Millionen um sich: Open Doors schreibt was von 100 Millionen verfolgter Christen weltweit, Kirche in Not von 200 Millionen. Hey – 100 Millionen mehr oder weniger? Wen kĂŒmmert das?

Keine Frage – es gibt genug Hinweise und Fakten, dass Christen ĂŒberall in der Welt aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden.

Wehrli ordnet ein: Zugegeben: Die Christen stellen mit 2,3 Milliarden Zugewandten auch die klar grösste Glaubensgruppe. Aber bei 1,6 Milliarden Muslimen und einer Milliarde Hindus ist eine Verfolgungsquote von 80 Prozent, wenn man es statistisch-­nĂŒchtern besieht, doch exorbitant. (Anm.: Das extremistische Hetzportal kath.net macht daraus 90 Prozent.)

Bei Wikipedia, einer der Quellen von Wehrli, liest sich das ein wenig differenzierter: Nach SchĂ€tzungen der Internationalen Gesellschaft fĂŒr Menschenrechte, des Internationalen Instituts fĂŒr Religionsfreiheit, der katholischen Menschenrechtsorganisation Kirche in Not sowie der evangelikalen Organisation Christian Solidarity International bekennen sich 75 bis 80 Prozent der Menschen, die derzeit wegen ihres Glaubens verfolgt werden, zum Christentum. Auch Amnesty International berichtet ĂŒber systematische Verfolgungen ethnischer und religiöser Minderheiten in verschiedenen LĂ€ndern, darunter Christen, verweist jedoch auch darauf, dass die Christenverfolgung nicht zuletzt durch intensive Missionsarbeit evangelikaler Christen in der Zweiten und Dritten Welt ausgelöst wird.

Es sind also „SchĂ€tzungen“ und nicht belegte 80 Prozent. Und einer der GrĂŒnde könnte eine „intensive Missionarsabeit“ sein. Sicher, dass ist kein Grund, jemanden zu verfolgen – man könnte aber umgekehrt ĂŒber die Debatte der Missionarsarbeit von Muslimen nachdenken und welche Reaktionen das im Westen auslöst.

Wehrli geht auf den Spitzenreiter unter den LĂ€ndern mit Christenverfolgung, Nordkorea, ein, aber wie es draußen in der Welt zugeht, schreibt er klar auf: Aufgegriffen, ausgepeitscht, aufgespitzt. Die Verfolgung der Christen trĂ€gt in ihrer Massierung, ihrer Grausamkeit, ihrer Unerbittlichkeit fast immer den einen Namen: islamischer Extremismus.

Wehrli weiter: Und ausgerechnet der arabische FrĂŒhling, der den Menschen in Nordafrika die Freiheit bringen sollte, ist fĂŒr die Christen zum bitterkalten Winter mutiert.

Bei Michael Mannheimer liest sich das am 27. Dezember 2012 so: Ähnlich Ă€ußerte sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der als Vorsitzender der Kommission Weltkirche eine Art Außenminister der Bischofskonferenz ist. Der arabische FrĂŒhling sei fĂŒr die Christen in Syrien und Ägypten zu einem «Herbst oder Winter neuer BedrĂ€ngnisse und Verfolgungen» geworden.

Wehrli: So paradox es auch tönen mag: Unter den Gewaltherrschern, RevolutionsfĂŒhrer und Diktatoren – egal, ob sie nun Saddam Hussein, Muammar al-Gaddhafi oder Hosni Mubarak hiessen – lebten die Christen oft sicherer.

Michael Mannheimer: Denn so schlimm die bisherigen Herrscherdynastien wie Mubarak und Assad auch gewesen sein mögen: Sie waren die letzten Garanten gegen das barbarische Gesetz dieser steinzeitlichen WĂŒstenreligion –  die Scharia.

Wehrli zitiert Ayatollah Khomeini: Juden und Christen sind dem Schweissgestank von Kamelen und Dreckfressern gleichzusetzen und gehören zum Unreinsten der Welt. Alle nicht muslimischen Regierungen sind Schöpfungen Satans, die vernichtet werden mĂŒssen.

Michael Mannheimer fasst einen Vortrag von sich am Collegium Orientale (EichstĂ€tt) am 18. Mai 2007 zusammen, der Text erscheint am 06. Januar 2010: Juden und Christen sind dem Schweißgestank von Kamelen und Dreckfressern gleichzusetzen und gehören zum Unreinsten der Welt. Alle nicht muslimischen Regierungen sind Schöpfungen Satans, die vernichtet werden mĂŒssen.

Wehrli: An rund 200 Stellen im Koran, an etwa 1800 Stellen im Hadith, den Überlieferungen, ist von Verfolgung der UnglĂ€ubigen die Rede, von ihrem Tod auch.

Michael Mannheimer, im Vortragstext an in EichstĂ€tt: Denn an mehr als 200 (!) Stellen ruft der Koran zur Verfolgung, ja zum Mord an „UnglĂ€ubigen“ auf.

Wehrli: Der deutsche Soziologe und Islamkritiker Michael Mannheimer geht davon aus, dass «eine zu allem entschlossene und gut organisierte Minderheit von drei bis fĂŒnf Prozent in der Lage ist, der Mehrheit einer Gesellschaft ideologisch den Stempel aufzudrĂŒcken».

Michael Mannheimer in seinem Text „Terrormonat Ramadan“, vom 01. Juli 2010: Aus der Geschichtsforschung weiß man lĂ€ngst, dass eine zu allem entschlossene und gut organisierte Minderheit von 3-5 Prozent in der Lage ist, der Mehrheit einer Gesellschaft ideologisch den Stempel aufzudrĂŒcken und sie zu kontrollieren und letztendlich total zu beherrschen.

Wehrli: Der Islam kennt, unbestritten, eine (beschrĂ€nkte) Kultusfreiheit und anerkennt andere Religionen, zumindest ihre Existenz. (…) Es ist ein gefĂ€hrlicher Irrtum, zu glauben, die Mehrheit der Muslime sei wegen des Islams friedlich; sie ist trotz dem Islams friedlich.

Michael Mannheimer (ebenda): Es ist eine Tatsache, dass die Zahl der friedlichen bzw. „moderaten“ Muslime die der radikal zum Töten und Morden entschlossenen um ein Vielfaches ĂŒbersteigt. Wer jedoch aus diesem Fakt den Schluss zieht, dass dies doch der von allen ersehnte Beweis fĂŒr die Friedfertigkeit des Islam sei, irrt gewaltig. Denn die Mehrzahl der Muslime ist nicht wegen, sondern trotz des Islam friedlich geblieben.

Andere EinschÀtzungen, Fragen, Fakten-Check? Fehlanzeige!

FĂŒr Wehrli sind solche EinschĂ€tzungen ohne Belang, auch, wenn sie ĂŒber die Evangelische Allianz in Deutschland am 21. MĂ€rz 2012 verbreitet wurden – das hĂ€tte nur die These gestört:

Mehr ZurĂŒckhaltung bei der Verwendung des Begriffs „Christenverfolgung“ fordert der bayerische Oberkirchenrat Michael Martin (MĂŒnchen). Nicht alle Verbrechen an Christen seien religiös motiviert, erklĂ€rte er am 20. MĂ€rz vor der Landessynode in Augsburg. Manche Beobachter verwendeten den Begriff „Christenverfolgung“, um politische Motive fĂŒr Mord und Totschlag zu verschleiern. Als Beispiel nannte Martin die Ermordung von drei Christen im April 2007 in der tĂŒrkischen Stadt Malatya. WĂ€hrend christliche Organisationen wie das Hilfswerk „Open Doors“ das Verbrechen als Beweis fĂŒr Christenverfolgungen in  der TĂŒrkei betrachteten, habe eine europĂ€ische Untersuchungskommission in einer 45-seitigen Analyse nachgewiesen, dass die TĂ€ter in Verbindung zu ultranationalistischen Kreisen gestanden hĂ€tten. „Demnach habe es sich um ein politisch motiviertes Verbrechen gehandelt, das in engem Zusammenhang mit den schweren Konflikten innerhalb der tĂŒrkischen Gesellschaft und der Leugnung nationalistisch motivierter Gewalt steht“, sagte Martin.

Ebenfalls interessant – die Kampagne zu den 100 oder 200 Millionen verfolgten Christen findet in deutschen Medien seit rund fĂŒnf Jahren Gehör. Welt, Spiegel Online und andere sind schon auf das Thema aufgesprungen. Und alle zitieren reihum immer wieder dieselben Quellen. Beispielsweise Open Doors, laut denen seit Jahren immer 100 Millionen Christen verfolgt werden. Nicht 92, nicht 107, sondern immer genau 100 Millionen.

Die Frage, wie es eine private, spendenfinazierte Organisation schaffen will, weltweit (!) oder zumindest in den selbstgenannten 50 LĂ€ndern, eine solide Datenbasis kontinuierlich zu ergeben, wird in den Berichterstattungen nie gestellt. Ebensowenig, wie viele Mitglieder die Organisation hat, ĂŒber welche Mittel sie verfĂŒgt und wie sie die Daten erhebt.

Interessant ist beispielsweise der Eintrag aus dem vergangenen Jahr zu Indonesien: „Sie zĂ€hlte insgesamt 54 Gewaltakte und andere Straftaten gegen Christen – 24 mehr als im Jahr davor. Die Versiegelung bzw. Schließung von Kirchen und die Verweigerung von Baugenehmigungen bilden hierbei den Großteil der VerstĂ¶ĂŸe gegen die Religionsfreiheit.“ Wer genau liest, erkennt, wie sich „Gewaltakte und andere Straftaten“ konkretisieren – zum Großteil handelt es sich wohl um nicht erteilte Baugenehmigungen. Was hat man davon zu halten. Hat ein Missionar ein Kreuz auf sein Haus gezimmert und die Behörden haben das verboten? Ist das Verfolgung? Auch in Deutschland kann man nicht einfach irgendein GebĂ€ude zur Moschee erklĂ€ren – der Begriff Religionsfreiheit verkommt so zum Kampagnen-Schlachtruf.

Weiter zu Indonesien: Im grĂ¶ĂŸten muslimischen Land der Welt (200 Millionen Einwohner) gab es laut Open Doors 2011 insgesamt ebendiese 54 „Gewaltakte“ – 24 mehr als im Jahr zuvor. Ob Open Doors tatsĂ€chlich von allen „Gewaltdelikten“ erfĂ€hrt – ist offen. Vielleicht gibt es viel mehr Gewaltakte – vielleicht ist nicht alles ein Gewaltakt, was Open Doors so nennt. Wer den Text liest, kann zwischen den Zeilen lesen, dass es um Bauten und AktivitĂ€ten von Christen geht. Könnte man auch fragen, ob diese sich im Sinne der örtlichen Begebenheiten „aggressiv“ verhalten haben? Jedenfalls steht nichts von körperlicher Gewalt gegenĂŒber Christen in diesem Text und 54 „Gewaltakte“ in dem gegenĂŒber der deutschen Bevölkerung zweieinhalb mal so großen Indonesien verglichen mit körperlich-brutalen Gewaltakten gegen AuslĂ€nder, nunja, eher marginal.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Rheinneckarblog

    Der Schweizer Presserat stellt fest:

    1. Die Beschwerde von VIOZ gegen «Tages-Anzeiger Online» wird abgewiesen.

    2. Die
    Beschwerden von Oliver WÀckerlig und VIOZ gegen die «Basler Zeitung»
    (Print- und Onlineausgabe) werden in den Hauptpunkten gutgeheissen.

    3.
    Die «Basler Zeitung» hat mit der Veröffentlichung des Artikels «Die
    unfreiwilligen MÀrtyrer des 21. Jahrhunderts» (Printausgabe vom 28. MÀrz
    2013) respektive «Alle fĂŒnf Minuten wird ein Christ ermordet» (am 29.
    MÀrz 2013 auf «Basler Zeitung Online» veröffentlicht) die Ziffern 3
    (Quellen), 5 (Berichtigung) und 8 (Diskriminierung) der «ErklÀrung der
    Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verletzt.

    4. Nicht verletzt hat die «Basler Zeitung» die Ziffer 4 der «ErklÀrung».

    http://presserat.ch/_61_2013.htm

  • hardyprothmann