Samstag, 23. September 2017

Geprothmannt: Antworten auf die Heuchelei eine Provinzchefredakteurs

Pimp the sex-story – die Ohnmacht des Joachim B.

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Pimp the parkplatz-sex-story – Bericht über Bericht und nichts genaues weiß man nicht. Quelle: NBK

Bayreuth/Trockau/Mannheim, 26. November 2013. Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers (NBK), gibt gerne den reflektiert-modernen Chefredakteur – die Zukunft im blinzelnden Auge, den Hintern fest auf die Traditionsbank gedrückt.

Auf der panischen Suche nach der Erlösung seines Traumas – sinkender Auflagenzahlen – hat er den Parkplatz-Sex als Schauplatz für investigativen Lokaljournalismus für sich entdeckt.

Und er penetriert das Thema mit Lust bis zur (Ohn)-Macht. Dieses Internetdingens setzt ihm und seiner Festung – dem altehrwürdigen Götterpalast Walhall –  zu. Und der vor schier unerschütterlicher scheinbarer journalistischer (Im-)Potenz strotzende Lordsiegelbewahrer des Qualitätsjournalismus stürzte sich in Bayreuth ins Abenteuer, machte sein Blog „Ankommen in Bayreuth“ auf und hörte – so erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand – allen Warnungen zum Trotz schlicht und ergreifend zu oft den „Ring“.

Jetzt ist er angekommen und wotangleich hat er den Kampf aufgenommen – nicht gegen Alberich, sondern alle Alberiche auf einmal, die sich im Internetdingens wie unter einem Tarnhelm dem offenen Kampf nicht stellen wollen. Also führt er in die Schlacht.

Von Hardy Prothmann

Joachim Braun bringt gerne seine Journalismus-Thesen unters Medien- und auch unters normale Volk. Dabei ist er selten originell und meistens nimmt er mit großer Verspätung Gedanken auf, die andere vor ihm hatten – das allerdings mit gespreiztem Pathos und „hölzernem“ Sprachduktus. Zeitungsmann halt.

Geiles Thema

Sein Nordbayerischer Kurier penetriert zur Zeit nach Strich und Faden ein sehr geiles Thema: Parkplatz-Sex. In Trochau soll das passiert sein. Vor einer Disco. Auf der Motorhaube eines Autos. Disco-Besucher sollen den Akt gefilmt haben und die Filme ins Netz gestellt haben. Das Mädchen ist „erst 16 Jahre“ alt – ob noch Jungfrau, konnte leider nicht eindeutig recherchiert werden. Auch nicht, ob Safer-Sex stattfand. Auch nicht, ob nur gepimpert wurde oder Organsmen im Spiel waren.

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„schließt nichts aus“ – was da wohl noch „kommen“ wird? Quelle: NBK

Von K.o.-Tropfen ist die Rede. Von einer möglichen Vergewaltigung. Und irgendwie ist alles reichlich wirr, gesicherte Fakten hat die Zeitung auch nach über einer Woche „Parkplatz-Sex“ als Dauerthema weder recherchieren und schon gar nicht berichten können. Das hielt Joachim Wotan B. nicht davon ab, viele Artikel erscheinen zu lassen – knallhart suchmaschinenoptimiert: „Parkplatz-Sex“, „schlüpfriges Video“, „Geschlechtsverkehr“, „Vergewaltigung“, „K.o-Tropfen“, „Disco-Szene“.

Parkplatz-Sex wird Thema Nummer 1

Das skandalöse Geschehen soll sich in der Nacht vom 16. auf den 17. November ereignet haben. Das bestätigt auch die Polizei. In Trockau. Auf einem privaten Parkplatz, der zu einer Disco gehört. Der Parkplatz ist aber öffentlich zugänglich und somit ein „öffentlicher“ Ort. Zum Sex gehört nicht nur eine junge Nymphe, sondern auch ein Kerl. So eine Art „Donner“. Der ist Anfang 20. Und natürlich Publikum. So „eine Handvoll junger Kerle“ – keine zehn, sagt die Polizei. Doch die haben furchterregende Waffen dabei. Smartphones und sie filmen das Geschehen. Verschicken es von Handy zu Handy und stellen die Videos ins Internet ein. Das Reich des Joachim Wotan B. bebt.

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Thema Nummer 1 des NBK. Quelle: NBK

„Vier, fünf Tage lang ist der „Parkplatz-Sex“ Thema Nummer eins einer örtlichen Lokalzeitung“, sagt Polizeisprecher Jürgen Stadter. Über die Ermittlungen sagt der Polizist, dass man noch vor dem 19. November, als sich das Mädchen der Zeitung offenbarte, einen Hinweis zu dem Vorfall aus der Bevölkerung erhalten und Ermittlungen aufgenommen habe: „Der Hinweisgeber fragte sich, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen sei“, sagt Herr Stadter. Auf Nachfrage, ob die Berichterstattung noch mit rechten Dingen zugehe und ebenfalls Hinweise aus der Bevölkerung vorlägen, sagt er nichts. Das ist Spekulation.

Sehr schnell wurde allerdings von der Kriminalpolizei der Verdacht einer Vergewaltigung verworfen. Ebenfalls das Verabreichen von K.o-Tropfen, Zeugenaussagen und das filmische Material ließen nicht darauf schließen.

Möglichkeiten über Möglichkeiten

„Die Möglichkeit eines Sexualdelikts liegt im Raum“, sagt der Sprecher. Aber die Ermittlungen dauern an, festlegen möchte er sich nicht. Möglicherweise liege eine Störung der öffentlichen Ordnung vor. Auf den Videos habe man die „Parkplatz-Sex“-Szene sehen können, allerdings wenig detailreich. Möglicherweise das unberechtige Verbreiten pornografischer Inhalte, sehr wahrscheinlich Verletzungen des Persönlichkeitsrechts. Doch das sei ein sogenanntes „Antragsdelikt“. Heißt: Die oder der Betroffene müssen eine Anzeige erstatten. Ein paar der filmenden Jugendliche habe man bereits ermittelt. Ein Anzeige liege aber nach Kenntnis des Sprechers auch am Montag noch nicht vor. Weder von der jungen Frau, noch vom jungen Mann. Noch von sonstwem. „Wo, wann und mit wem das Mädchen über was gesprochen hat, entzieht sich unserer Kenntnis“, sagt Herr Stadter.

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Soso – „Sie hatte Sex“ und behauptet: „Es war Vergewaltigung“. Jemand, der vergewaltigt wird, hat keinen Sex, sondern ist Opfer eines sexuellen Verbrechens. Die Vergewaltigung bestätigt der „Freund“. Die schließt die Polizei am 18. November aus – am 22. November macht der NBK mit dieser Überschrift auf. Stand der „Freund“ daneben und hat nichts gemacht? Hat er vielleicht sogar gefilmt? Fragen über Fragen, die der NBK nicht nur nicht beantwortet, sondern erst aufwirft. Oder stand der Reporter neben sich und hat nicht einen Moment nachgedacht, als er diese Zeilen „gedichtet“ hat? Quelle: NBK

 

Fest steht wohl, dass zwei junge Menschen kurz Sex miteinander hatten und von anderen beobachtet und gefilmt worden sind. Das dürfen beide – sie ist 16, er ein wenig älter. Ab dem Alter darf man es miteinander treiben. Und filmen durften die umstehenden Jungs das auch im Rahmen der Panoramafreiheit – war ja öffentlich und schließlich haben die beiden nicht widersprochen, sondern sollen nach einem „Eingreifen“ des Sicherheitspersonals wieder „feiern gegangen sein“. Die Polizei hat niemand gerufen, sie war auch nicht zufällig vor Ort.

Öffentliches Interesse vs. fehlende Straftat

Was fehlt, ist die Straftat. Und wer gut und wer böse ist. Ist der tätowierte Kerl böse, der das Mädchen („Sie war erst 16“) oder ist es das Mädchen („der entkleidete Unterleib“), die auf einem anderen Video zu sehen sein soll, das zu einer anderen Zeit aufgenommen worden sein sol, wie sie einem anderen jungen Mann auf gut deutsch „einen bläst“. Und was die Zeitungen so alles rausfinden: Sie lebt alleine und sagt, sie sie „sexuell eben freizügig“.

Der Polizist sagte auch Nachfrage, dass er die Berichterstattung nicht kommentiert: „Wir haben schließlich Pressefreiheit. Das liegt in der Verantwortung der Redaktionen.“ Nur kann er kein öffentliches Interesse erkennen: „Wir halten uns gebotenerweise zurück mit Informationen, denn es geht hier um zwei junge Menschen, die man vielleicht auch vor sich selbst schützen muss. Die Sachlage ist noch vollkommen offen. Mehr haben wir nicht zu sagen.“ Noch eine Nachfrage zur Identität des Mädchens. Ist die noch geschützt? „Wir gehen davon aus, dass das Mädchen nach den vielen Berichen identifizierbar ist.“

Parkplatz-Sex wird penetriert

Ganz anders Joachim Wotan B. und seine holde Herrschar wissbegieriger Ermittler. Einen Artikel nach dem anderen stoßen sie in die Öffentlichkeit, penetrieren das Thema noch mit ungeahnter journalistischer Wollust. Die Öffentlichkeit hat schließlich ein Recht zu erfahren, was in dieser Nacht auf der Motorhaube eines Autos vor einem Musikclub wirklich geschehen ist. Oder etwa nicht?

 

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Der Chef-Twitterer beschwert sich über Shitstorm. Quelle: Joachim Braun

 

Hunderte von Kommentatoren sehen das insbesondere bei Facebook ganz anders. Sie argumentieren überwiegend vernünftig und zeigen sich zutiefst entsetzt. Nicht über den „Sex-Akt“. Sie fragen sich, ob das Mädchen vielleicht ein Problem hat und Hilfe braucht. Auch das ist nichts, was die Öffentlichkeit angeht. Sie regen sich über die Filmer auf und fragen sich, was in deren Köpfen vorgeht. Aber sie regen sich weniger über die „Schmuddel-Videos“ auf, als über die schmuddelige Geilheit der Zeitung, das „Parkplatz-Sex“-Thema immer wieder auf’s Neue zu „erregen“.

Erst Sex, dann Shitstorm

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Viele Kommentatoren „shiten“ und „stormen“ nicht – sondern argumentieren nachvollziehbar. Quelle: NBK/anonymer Kommentator

Joachim Wotan B. wird das zuviel. Er sieht sich und seiner Zeitung einem „Shitstorm“ (siehe mehrere Postings auf der FB-Seite von NBK) ausgesetzt und zeigt sich, ja was wohl, „entsetzt“. Er kann nur noch mit dem Kopf schütteln und versteht die Welt nicht mehr. Es kann doch alles nicht sein, was da passiert ist. Und dann noch über das Internetdingens verbreitet wird. Da muss man doch was tun. Vor allem als omnipotenter Oberjournalist, der den Auftrag hat, die Welt zu retten? Oder etwa nicht? Versteht ihn denn niemand?

Währenddessen druckt die Zeitung Story um Story und pumpt den Stoff ins Internet – wohin sonst. Denn hier findet schließlich der Kampf statt. Und wenn schon alles Schmuddelige dieser Welt sich im Internetdingens befindet, dann muss das wenigstens durch die einzig wahren Helden kontrolliert werden, denen kein Schmutz zu schmutzig ist, um nicht ausgiebig darin zu wühlen, Hauptsache, die Öffentlichkeit wird „aufgeklärt“.

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Verzweifelter Rechtfertigungen: Irgendeiner muss doch schuld sein.

Schließlich – man ahnt, wie viel Kraft der Kampf kostet, ringt sich Joachim Wotan B. zu einem letzten Gefecht in diesem Akt auf. Er schreibt den Chefredakteurskommentar. Das Gleichnis, an dem das Volk sich orientieren soll.

Und dieses Leerstück betrachte ich nun mal Stück für Stück.

Anmerkung: Kursiver Text im Original von Joachim Braun, Chefredakteur Nordbayerischer Kurier.

Wo ist die Grenze?

Im Privaten, Herr Braun. Im Privaten.

Ab wann bekommt eine Berichterstattung voyeuristische Züge?

Wenn es um die Darstellung sexueller Handlungen von Menschen geht – in diesem Fall sehr junger Menschen, die aber trotzdem legal Sex haben dürfen. Und es keinen erkennbaren Grund gibt, dies öffentlich zu machen, außer, wenn man eine „Sex-Story“ pimpen will.

Wie tief dürfen wir als regionale Tageszeitung überhaupt recherchieren?

Sind Sie Chefredakteur oder der König der Zauderer? Sie dürfen so tief recherchieren, wie Sie wollen oder müssen. Sie müssen nur die Grenzen des Anstands und das Strafgesetzbuch beachten. Sonst sind Sie frei zu tun, was Sie tun.

Ab wann werden persönliche Rechte verletzt?

Stellen Sie diese Frage im Ernst? Sind Sie Chefredakteur oder nur ein Chefredakteurdarsteller? Selbstverständlich muss man zwischen öffentlichem Interesse und persönlichen Rechten abwägen. Das wissen Sie ganz genau. In diesem Fall ist Ihre Frage der blanke Zynismus, Sie Lump. Kein Inhaber eines öffentlichen Amtes ist involviert. Es geht nicht um Steuergelder. Es geht nicht um Personen der Zeitgeschichte. Der Sex, der Parkplatz – alles ist privat und „in kleinem Rahmen“. Es gibt bislang nur diesen einen „Fall“. Was hat die Öffentlichkeit damit zu tun? Welchen Grund gibt es, eine persönliche Situation, so wie Sie das mit der Zeitung getan haben, in die Öffentlichkeit zu bringen? Was ist hier für die Öffentlichkeit wichtig zu wissen?

Eine schwierige Diskussion, vor die uns diese Woche der Fall einer 16-Jährigen gestellt hat, die beim Sex auf dem Disco-Parkplatz in Trockau gefilmt wurde und behauptet, vergewaltigt worden zu sein.

Was soll es da zu diskutieren geben? Was schwierig sein? Hier geht es um ein strafrechtliches Delikt und es ist nicht Aufgabe der Zeitung, schon gar nicht bei so jungen Menschen, das in aller Öffentlichkeit breitzutreten, wenn das angebliche Opfer zwar bei Ihnen aufkreuzt, aber bis heute vermutlich noch keine Anzeige erstattet hat. Offensichtlich befindet sie sich nicht in einer Zwangslage, wird nicht genötigt und nicht bedroht, wurde nicht verletzt und hat sich nicht untersuchen lassen – auch nicht nachträglich.

Vielleicht treibt sie es nicht nur gerne auf einer Motorhaube, sondern ist auch noch öffentlichkeitsgeil? So was soll es geben, Herr Braun. Noch nie „Unterschichten-TV“ geklotzt? Und noch nie angewidert davon gewesen? Nein? Gucken Sie mal in den Spiegel, Sie Lump. Sie verlogener. Als Ihre Zeitung die „Vergewaltigungsvorwürfe“ brachte, hatte die Polizei diese schon mehr oder weniger ausgeschlossen. Und selbst wenn einen Straftat vorliegt – die Story ist in der Gegend rum. Und wenn das Mädchen ein Opfer ist, dann braucht sie Schutz und nicht das Interesse der Öffentlichkeit. Und wenn sie kein Opfer ist, dann ist der junge Mann gebrandmarkt – Sie verantwortungsloser Heuchler.

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Joachim Braun und sein NBK – die letzten Rächer der verletzten Persönlichkeitsrecht. Quelle: Joachim Braun/NBK

Die Diskussion darüber findet sehr kontrovers auf Facebook statt, aber auch in der Redaktion. Selbst in der Leitungsebene gibt es höchst unterschiedliche Meinungen darüber, wie weit der Kurier gehen darf oder gar muss.

Verstecken Sie sich jetzt hinter der Mannschaft, Sie Feigling? Kann schon sein, dass die meisten Ihrer Mitarbeiter ebenso verroht sind wie Sie – aber jeder, der noch ein Gewissen hat, bekommt von Ihnen auch noch eine geklatscht. Sie Mistkerl. Die Kommentator/innen ebenso. Ich habe mir alle Kommentare durchgelesen – eigentlich könnten Sie stolz darauf sein, dass sich so viele Menschen so viele ernstzunehmende Gedanken machen. Und was machen Sie, ziehen die Äußerungen als „Shitstorm“ in den Dreck. Gottgütiger – wie eklig.

Die Bedenken betreffen vor allem das Alter der jungen Frau und die fehlende Gewissheit, was wirklich passiert ist. Hätten wir mit einer Veröffentlichung warten müssen, bis die Polizei den Sachverhalt juristisch wasserdicht ermittelt hat?

Nein. Aber Sie hätten warten können, bis die Polizei wenigstens eine wenig weiter ist. Und Sie hätten anonymisieren können. Stattdessen zeigen Sie Partybilder, wenn auch gepixelt. Sie beschreiben das Alter, die Lebensumstände, den Ort der „Tat“, alles, was man braucht, um ratzfatz das Mädchen identifizieren zu können. Sie haben die Sau, in dem Fall das Mädchen, durch’s Dorf getrieben, immer und immer wieder.

Ich meine Nein. Ich gebe zu, dass ich das vor fünf Jahren vermutlich noch ganz anders gesehen hätte. In der Zwischenzeit aber hat sich durch das Aufkommen mobiler sozialer Medien wie Facebook, WhatsApp und Twitter beinahe alles verändert. Um das mal konkret zu machen: Als wir am Dienstag erstmals über die Parkplatz-Affäre berichteten (beziehungsweise Montagabend auf unserer Internetseite), wussten schon Tausende Menschen Bescheid über das, was Samstagnacht vor der Trockauer Disco passiert war.

Sie sind ein echt erbärmlicher Tropf, der so ziemlich alle Grundsätze des Berufsstands über Bord wirft, nur weil Sie persönlich kapituliert haben. Sie Versager. Es ist vollständig unerheblich, was andere machen. Sie und nur Sie allein, Ihre Zeitung, die Herausgeber und die Mitarbeiter sind genau für das verantwortlich, was Sie gemacht haben. Ihre Argumentation ist ungefähr so „standhaft“ wie die von Zeugen einer Gewalttat, die eben keine Hilfe holen, sondern sagen: Was hätte ich schon tun können? Die waren doch schon über das Opfer hergefallen?

Und woher wissen Sie, dass „schon Tausende Menschen Bescheid wusssten“? Haben Sie die gezählt? Haben Sie diese Tatsachenbehauptung belegbar recherchiert? Kriegen Sie noch was mit? Nehmen Sie irgendwas, was Ihnen den Verstand vernebelt? Haben Sie sich mal untersuchen lassen?

Mehrere Besucher hatten mit ihren Handys den öffentlichen Sex gefilmt und minutenlange Videos über die sozialen Medien verbreitet. Innerhalb von wenigen Stunden wanderten die Filme von Handy zu Handy – und das nicht nur zwischen Jugendlichen.

Haben Sie mal drüber nachgedacht, was Sie dazu beigetragen haben? Sie Pseudo-Moralapostel? Gibt Ihnen das das Recht, jede journalistische Sorgfaltspflicht einfach mir-nix-dir-nix über Bord zu werfen und das Thema aus allen Rohren zu befeuern?

Tageszeitung hat ihre jahrhundertealte Rolle als Aktualitätsmedium in der digitalen Revolution verloren. Stärker denn je müssen professionelle Journalisten einordnen, Hintergründe liefern. Das haben wir in dieser Geschichte versucht, die für uns nur deshalb nicht als Privatsache in den Papierkorb wanderte, weil die Polizei wegen möglicher Straftaten Ermittlungen aufgenommen hat.

Geht bei Ihnen im Kopf eigentlich alles durcheinander? Die Tageszeitung war noch nie aktuell, sondern immer schon verspätet. Und früher noch viel später als heute. Das genaue Gegenteil von dem, was Sie da blubbern, ist richtig. Wieso verarschen Sie eigentlich die Menschen? Sie haben selbst im Internet zuerst berichtet – oder etwa nicht? Die Tageszeitungsproduktion ist heute so hochmodern, wie sie noch nie in der früheren „jahrhundertealten Rolle“ war.

Sie hat nur noch ein Zeitloch von drei bis fünf Stunden zwischen Andruck und Auslieferung – allerdings ohne wesentliche „Update“-Möglichkeit. Auch hier täuschen Sie die Menschen – vor jeder Produktionsrunde sind „Änderungen“ möglich. Keine Zeitungsauflage ist 100 Prozent gleich, wenn das Zeitungshaus möglichst aktuell sein will, dann gibt es immer noch Korrekturen und/oder Ergänzungen.

Der Redaktionsschluss liegt vor Mitternacht, wenn viele Menschen schon schlafen. Sie schwurbeln was von „professioniellem Journalismus“, Sie Zyniker? Sie machen billigstes TTT – Tiere, Titten, Tote. Drecksjournalismus von der übelsten Sorte und bezeichnen das als „Hintergrund“? Als „Einordnung“? Sie richten einen riesigen Schaden an – nicht nur für Ihr mieses Blatt, wo anscheinend keiner den Mumm hat, einfach mal „Schluss“ zu rufen. Sondern für die gesamte Branche.

Merken Sie noch was? „Privatsache in den Papierkorb“. Privatsachen sind kein Müll, den man wegwirft. Privatheit hat man zu achten.

Polizeiliche Ermittlungen bedeuten zunächst mal gar nicht, dass die Öffentlichkeit ein Recht hat, davon zu erfahren. Ganz im Gegenteil haben Sie möglicherweise die Ermittlungen der Polizei massivst behindert? Schon mal auf die Idee gekommen, Herr Oberinvestigator? Und sind Sie vielleicht auf die Idee gekommen, dass Sie auch die Polizei massiv beschädigt haben könnten, weil man beim ersten Lesen den Eindruck haben könnte, dass die der Sache nicht mit dem von Ihnen geforderten Ernst nachgeht? Haben Sie auch über diese Schäden nachgedacht?

Internet ist Neuland, hat Bundeskanzlerin Merkel kürzlich gesagt und wurde dafür verhöhnt und verspottet. Doch sie hatte Recht, es fehlt uns an Kompetenz beim Umgang mit neuen Medien.

Sie können sich Ihren pluralis majestatis sonstwohin pflastern. Ich zahle mich nicht zu Ihrem „uns“, ebensowenig wie die Hunderte kritischer Kommentatoren und vermutlich sehr viele Menschen in Bayreuth (ich mache jetzt mal den Braun) zu Tausenden nicht mehr verstehen, wer oder was Sie reitet. Verstecken Sie sich nun auch hinter Mutti? Internet=Neuland? Wo leben Sie? Halten Sie eigentlich alle Menschen für saublöd? Weltweit gehen Milliarden von Menschen täglich verantwortlich mit dem Netz um. Das Internet ist die größte Kommunikationsrevolution aller Zeiten. Nur weil Sie hirnverbrannter Zeitungsjournalist die Welt nicht mehr verstehen, trauen Sie sich, „uns“ als „inkompetent“ zu verhaften? Wo findet Ihre dummdreiste Arroganz eigentlich ein natürliches Ende oder ist der Zustand pathologisch unendlich?

Was dem amerikanischen Geheimdienst NSA richtigerweise vorgeworfen wird – er mache, was technisch möglich ist – beweist sich auch bei den Handyfilmern auf dem Trockauer Parkplatz.

Liest eigentlich irgendjemand den Mist, den Sie da schreiben, noch einmal gegen, bevor das öffentlich wird? Sie vergleichen ernsthaft Handyfilmer mit der historisch umfassendsten Ausspionage privater, politischer und wirtschaftlicher Daten von Privatpersonen bis hin zum obersten politischen Personal? Zum „Parkplatz-Sex“ ist Ihnen an dieser Stelle offensichtlich kein absurd genügener Vergleich eingefallen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: „Während die NSA ein hocheffizientes System zur Terrorabwehr ist, ist dieser schamlose Mob nur in der Lage, dreckige Videos zu filmen und dieses abscheuliche Material zur Demoralisierung der Gesellschaft zu verbreiten. Wundert sich noch jemand, wenn Muslime in uns den Untergang der Weltordnung vermuten?“ Schenk ich Ihnen.

Es geht ganz leicht, und es kostet keinerlei Mühe, ein Video zu drehen und es hochzuladen. Darum wird’s gemacht. Die Frage nach der Moral stellt sich erstmal gar nicht. Auch nicht bei vielen Empfängern des Videos, die durch die im Netz allgegenwärtigen Darstellungen von Sex abgestumpft werden.

Haben Sie irgendwas verpasst, Herr Braun? Smartphones sind technisch weiterentwickelte Telefone, Internetcomputer und auch AV-Devices in einem. Bereits seit den 30-er Jahren wird nicht mehr „gedreht“ – das läuft automatisch, da kurbelt niemand mehr. Keinerlei „Mühe“ ist notwendig bei kleinen Handkameras. Und Filme kann man auch ohne Mühe hochladen, schon seit über 20 Jahren. Seitdem wird das gemacht. Und die Moral ist seit den alten Griechen immer wieder Thema. Und woher wissen Sie, dass „Empfänger durch allgegenwärtige Darstellungen von Sex abgestumpft werden“? Haben Sie das so „tief“ recherchiert?

Man mag dies beklagen. Man mag auf die Zeitung schimpfen, die sich von dieser Entwicklung nicht abkoppelt. Aber das wird nichts helfen. Die digitalisierte Welt ist Realität. Je eher wir uns den Folgen stellen, umso besser.

Was bitte, Herr Braun, soll man jetzt genau beklagen? Die abgestumpften Dauersexempfänger oder die ohnmächtigen Typen wie Sie, die nachweislich Ihres Kommentars kapituliert haben und dem Pimp-your-sex-story-Journalism verfallen? Von welcher Entwicklung genau „koppeln“ Sie sich nicht ab? Sie meinen, Ihnen ist nicht mehr zu helfen? Auch nicht mit Kritik? Das kann schon sein. Welche Folgen meinen Sie Hohlschwätzer ganz genau? Ihren verdrehten Gedanken-Dreck, den Sie im Moralapostel-Gewand den Menschen vorführen?

Sorgfältige Recherche und Wahrheitstreue bleiben für uns Zeitungsleute trotzdem die wichtigsten Prinzipien.

Sie wagen es tatsächlich mit „Sorgfalt“ und „Wahrheitstreue“ zu schließen? Wie sagte heute ein Kontakt in Bayreuth so hübsch: „Die subjektive Selbstwahrnehmung und das objektive Bild der Menschen auf diese Berichterstattung klaffen offensichtlich sehr weit auseinander.“

Nachtrag: Jetzt redscherdschiert der NBK in Sachen Jungendämter. Sind diese am Ende verantwortlich, dass es die Jugend einfach treibt, wie sie es will? Geht das christliche Abendland sofort, bald, demnächst oder erst in Kürze unter? Wir dürfen gespannt sein, was Herr Joachim Wotan Braun und seine schlüpfrige Truppe noch so ausforschen wird. The pimpin‘ goes on.

 

nbk ivw

Kontinuierlicher, unaufhaltsamer Verlust von Abonnenten. Quelle: ivw

 

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.