Mittwoch, 20. Juni 2018

Leser zahlen gerne und sogar viel f├╝r Inhalte

Pay first! funktioniert – wenn die Rahmenbedingungen stimmen

Mannheim, 27. Januar 2018. (red/pro) Seit Jahren macht sich journalistische Medien Gedanken um die Finanzierung der Arbeit. Ganz vorne ist immer noch Werbung, aber wichtig erscheint die Frage, wie man die Leser/innen zum Zahlen bringen kann. Das Rheinneckarblog experimentiert damit und hat Erfolg.

Von Hardy Prothmann

Das von mir verantwortete Rheinneckarblog.de hat seit Oktober 2016 f├╝r einen Teil der Artikel eine Paywall. Dienstleister ist das ├Âsterreichische Startup Selectyco. Man zahlt f├╝r einzelne Artikel zwischen 29 und 99 Cent. Den Preis k├Ânnen wir in der Redaktion f├╝r jeden Artikel festlegen, ebenso individuell, wie viel frei gelesen werden kann, bis die Paywall „abschneidet“.

Bei im Mittel 3.-5.000 Lesern pro Tag und rund f├╝nf bis zehn Prozent zahlungswilligen Kunden kann man sich ausrechnen, was das einbringt – im Monat kommen wir auf einen mittleren dreistelligen Betrag. Tendenz steigend, aber nur kontinuierlich und nicht so erfreulich, dass dies unsere Arbeit finanzieren k├Ânnte.

Sehr gut entwickeln sich die Rheinneckarblogplus-P├Ąsse. Kunden zahlen mindestens 60 Euro und bekommen daf├╝r eine Flat bei Selectyco f├╝r ein Jahr. Das Geld geht auf unser Konto, Selectyco erh├Ąlt einen Anteil als Geb├╝hr. Das ist ein fester, kalkulierbarer Umsatz. Auch Unternehmen und Beh├Ârden ben├Âtigen Zugang, der wird monatlich f├╝r freigeschaltete Mitarbeiter abgerechnet, hier gilt eine Staffelgeb├╝hr nach Zahl der Zug├Ąnge.

Was sich erstaunlich entwickelt, ist ein Experiment, das eher einer „Motzhaltung“ entsprungen ist. Motto: Ihr wollt alles umsonst? Nicht mit mir. Erst zahlen, dann wird geliefert. Der erste Versuchsballon brauchte zwei Monate, um die geforderten 160 Euro zu erreichen, es wurden dann rund 220 Euro.

Diese Woche habe ich einen Text angefangen und diesen dann abgebrochen – weil zu m├╝de. Warum eigentlich nicht die Leute auffordern, Geld zu zahlen, damit der Text weitergeht, dachte ich. ich schrieb:

F├╝r heute habe ich keinen Bock mehr. Journalisten m├╝ssen auch mal schlafen.

Wenn Sie den Artikel zu Ende lesen wollen, motivieren Sie mich bitte. Sie zahlen 99 Cent daf├╝r, daf├╝r bekommen Sie nirgends einen Kaffee. Ein Kaffee mag ein wenig wach machen, unsere Infos machen seit vielen Jahren garantiert wach und erweitern Ihr Bewusstsein. Wenn bis Dienstag 18 Uhr rund 100 Euro zusammenkommen, gibt es die umfangreiche Story. Sonst nur Standard, der lohnt sich aber auch. (Stand, 27. Januar 2018, 21:46 Uhr: 164,64 Euro)

Sehr geil. Bis gegen 21 Uhr am folgenden Tag waren rund 120 Euro eingegangen.┬áAcht gr├Â├čere Betr├Ąge ├╝ber Paypal, der Rest ├╝ber Selectyco.

Im Dezember hatte ich einen Text, den ich offen gelassen habe – mit der Aufforderung, doch bitte zu bezahlen, wenn er gef├Ąllt. Es kam 1.600 Euro rein: EINTAUSENDSECHSHUNDERT Euro. Das ist einer der bestbezahltesten Einzeltexte in meiner fast 30-j├Ąhrigen Laufbahn als Journalist! Und die Leser zahlten FREIWILLIG!

├ťber Zahlungen f├╝r andere Artikel kamen in Summe knapp 2.400 Euro im Dezember rein.

Die Frage ist: Wie kann man das so ausbauen, dass das „kalkulierbar“ wird?

Einige Faktoren m├╝ssen klar vorhanden sein: Eine gewisse Bekanntheit als seri├Âser Journalist. Ein Vertrauen der Leser/innen in die Inhalte. Ein Top-Thema und eine ansprechende Umsetzung.

Aktuell erwirtschaftet das Rheinneckarblog ├╝ber f├╝nfzehn Prozent der Ums├Ątze mit Paywall und freiwilligen Zahlungen – das steigert sich Jahr f├╝r Jahr.

Ich bin fest davon ├╝berzeugt, dass da drau├čen genug Menschen sind, die journalistische Leistung sch├Ątzen und daf├╝r auch gerne zahlen. Nicht, weil man deren „Geschmack“ trifft, sondern weil man sie gut informiert.

Wenn die Menschen wissen, dass sie gut unterrichtet werden, ist ihnen das auch „Geld wert“. So gesehen ist das eine sehr gute Entwicklung f├╝r „Qualit├Ątsjournalismus“, der sich am Markt beweisen muss. Ich sehe das sportlich und freue mich sehr ├╝ber diese Erfolge.

├ťbrigens: Meine Erfahrungen sind auch wertvoll und ich bin buchbar, um sie mit anderen zu teilen. Anfragen an chefredaktion (at) rheinneckarblog.de

 

 

Print Friendly, PDF & Email
├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.