Donnerstag, 21. Februar 2019

Als die Lateiner selbst als Kichererbse die guten Sitten noch beherrschten

Non cum aliis, sed tecum ipse certa!*

O tempora, o mores: Zwei Ideen zur gleichen Sache, aber zeitlich deutlich versetzt. Das Debattenmagazin Cicero greift eine zwei Jahre alte Idee des freien Journalisten Hardy Prothmann auf und wird damit letzter zweiter. Quelle: Cicero Online

Mannheim/Berlin, 10. Dezember 2012. (red) Heute ist ein schwarzer Tag fĂŒr alle, die die Debattenkultur lieben. Könnte es sein, dass Cicero (sprich Kikero), das „Magazin fĂŒr politische Kultur“, auf seiner Suche nach OrginalitĂ€t den Guttenberg, also den falschen Gipfel, bestiegen hat? „Nein, nein“, wehrt der Vorsteiger, seines Namens Seils, ab. Er bezeichnet den Verstieg als Erstbezwingung.

Von Hardy Prothmann

Genug geschwafelt. Fakt ist: Im Oktober 2010 habe ich zur Rettung der deutschen Zeitungslandschaft die Kampagne „Die Vielfalt der Zeitung“ ins Leben gerufen. Bislang wollte mir keine einzige Zeitung diese humorig-hintergrĂŒndige Image-Kampagne abkaufen, obwohl die Vorteile auf der Hand liegen. Die Kampagne ist gĂŒnstig zu haben und lustiger, als eine letzte FTD mit einem Aufmacher in Vollschwarz zu kaufen, die aussieht wie ein großer Tintenfleck.

Damals stand die Kampagne noch auf meinen Posterous-Profil. Ab MĂ€rz 2011 auf meinem Blog, das damals noch pushthebutton.de hieß. Vor kurzem habe ich umfirmiert, die Seite heißt jetzt Geprothmannt.de. Das ist persönlicher und Knöpfe drĂŒcke ich trotzdem.

Ich habe nicht wirklich hĂ€nderingend nach einem Abnehmer fĂŒr meine Kampagne gesucht – die deutschen Zeitungsverlage sind einfach viel zu verklemmt, um in ihren hintensteckenden „klugen Köpfen“ auch mal sowas wie Humor und Selbstkritik vorkommen zu lassen.

Doch jetzt könnte meine Kampagne Karriere machen, weil das, also wirklich DAS deutsche Debattenmagazin Cicero (sprich Kikero, vulgo Kichererbse) meine Kampagne „ganz alleine als Idee hatte“.

Briefwechsel

Irgendwie glaube ich das nicht so ganz und deswegen habe ich folgenden Epistula electronica an den Tribunus Cicerones verfasst (natĂŒrlich auf lateinisch, ich veröffentliche hier freundlicherweise die freie Übersetzung):

Liebe Cicero-Redaktion,
wie schön, dass Ihr meine Idee vom 23. MĂ€rz 2011, „Die Vielfalt der Zeitung“, aufgenommen und als Bilderstrecke mit Textschnipsel umgesetzt habt.
http://www.geprothmannt.de/kampagne-die-vielfalt-der-zeitung/129.html

http://www.cicero.de/bilder/20-gruende-warum-wir-tageszeitungen-brauchen Schade nur, dass ich den Eindruck habe, Ihr habt bei mir geklaut oder geguttenbergt, wie das neudeutsch heißt. Vielleicht ist es aber ja auch so, dass jemand in der Redaktion und ich unabhĂ€ngig voneinander dieselbe Idee hatten. Auch das Auto ist ja angeblich mehrfach erfunden worden. Könnte also so sein. MerkwĂŒrdig nur, dass es so viele Übereinstimmungen der vielfĂ€ltigen Nutzungsmöglichkeiten einer Zeitung gibt. Beim Autoerfinden war das nicht so deutlich. Es wĂ€re also sehr freundlich, mir fĂŒr meinen Gedankenschmalz ein wenig Brotgeld zu zahlen. Dann empfehle ich die Adaption auch gerne weiter. Wenn nicht, werde ich leider behaupten mĂŒssen, dass das Debattenmagazin Cicero bei kleinen Blogs gute Ideen wildert. Und daran hat nun wirklich niemand ein Interesse, oder?

Wohin darf ich die Rechnung schicken?

Kollegiale GrĂŒĂŸe
Hardy Prothmann

Die responsio ließ nicht lange auf sich warten:

Lieber Herr Prothmann, ich muss Sie leider enttĂ€uschen, aber die Idee fĂŒr diese Bildergalerie anlĂ€sslich der Zeitungskrise hatten wir bei Cicero Online ganz alleine. Ihre Seite sehe ich heute zum ersten Mal.
Herzliche GrĂŒĂŸe Christoph Seils
Ressortleiter Online

Das wars dann mit der Hoffnung auf ein wenig panis fĂŒr den Gehirnschmalz. Bleibt nur der circus. Und der belustigt ja bekanntlich den pleps.

Schlagabtausch

Herr Seils schreibt also in seiner kurzen Verteidigungsschrift, er mĂŒsse mich enttĂ€uschen. Das tut arg weh. Und er behauptet, „aber die Idee (….) hatten wir bei Cicero Online ganz alleine„. Das ist noch enttĂ€uschender, weil der Chefredakteur eines Debattenmagazins, dass sich auf die Tradition eines der herausragendsten Redners der römischen Antike beruft, rhetorisch nicht so doof sein sollte, wie Herr Seils sich entblĂ¶ĂŸt. Vielleicht trifft es zu, dass man bei Cicero Online die Idee hatte, aber „alleine“ ganz gewiss nicht. Das ist nach dem Hinweis auf meine vor zwei Jahren realisierte „Idee“ erwiesenermaßen falsch und die Behauptung stur. Cicero, das fĂŒhrende Debattenmagazin kann also vielleicht stolz auf einen zweiten Platz mit zweijĂ€hriger VerspĂ€tung sein. Auch ein kleiner Stolz ist ein Anfang.

Dann wird Herr Seils brutal: „Ihre Seite sehe ich heute zum ersten Mal.“ Das erinnert mich an „Quod superest, perge, mi Brute“ (Was mir noch bleibt, mein Brutus, (ist zu sagen), setze das fort…). Meine Idee wird neu ideet und dann kennt mich dieser Debatten-Chefredakteur nicht einmal? Wie bösartig kann man sein? Was habe ich diesem Mensch getan? Deutschlandweit kennt man mich als Heddesheimblogger, die FischfutteraffĂ€re haben vor rund einem Jahr alle Berliner Zeitungen aufgemacht, da war Debatte, da war was los. Und das hat Herr Seils, Ressortleiter Online, nicht mitbekommen? Auf welchem Olymp (Ă€h, sorry, waren das jetzt die Kriechen?), lebt der?

Seis drum, Eitelkeit ist eine SĂŒnde, Bescheidenheit eine Zier. Ich wĂŒrde mich ja gerne zieren, aber es fĂ€llt schwer. Habe ich nicht 2004 das erste sehr große PortrĂ€t ĂŒber den GrĂŒndungschefredakteur von Cicero, Wolfram Weimer, geschrieben und mit dem Verlagschef Ringier ein mehrseitiges Interview zum Markteintritt der Schweizer in Deutschland geschrieben und sind nicht beide Arbeiten Teil der annales von Cicero (sprich Kikero)? Oder war das alles fĂŒr den Arsch? Also so blöd, dass ein Nachfolger nicht ĂŒber das, was war Bescheid wissen muss, soll? Will?

Chancen

Auch davon hat Herr Seils keine Ahnung? Er sieht meine Seite zum ersten Mal? Hat keine Ahnung, wer ich bin? Und fĂŒnfzehn von den „20 GrĂŒnden, warum wir Tageszeitungen brauchen“ finden sich unter meinen 47 GrĂŒnden, die ich seit zwei Jahren (mit Tipps von Lesern, danke!) gesammelt habe? Also 75 Prozent Übereinstimmung? Und die anderen fĂŒnf Cicero-„Ideen“ sind so dermaßen langweilig und blöd, dass man kaum drauf stolz sein kann.

Der Kalle hat auch lange alles abgestritten. Ich bestehe nicht drauf, den Fall aufzuklÀren. Mir reicht der Eindruck. Und da gilt der Spruch:

You never get a second chance to make a first impression.

Der ist ausnahmsweise nicht auf lateinisch, weil er vermutlich nicht lateinischen Ursprungs ist, aber möglicherweise viele Ideengeber oder -umschreiber hatte und möglicherweise auch auf deutsch „geschĂŒtzt“ ist, weswegen ich hier auf eine Übersetzung verzichte. Die alten Lateiner hatten ĂŒbrigens, wenn sie schlau waren, so eine Art materielles Urheberrecht. Denn abkupfern war erstens ans Wissen geknĂŒpft, zweitens teuer und drittens eventuell tödlich.

In unseren modernen Zeiten ist das nicht mehr so. Da können auch Ahnungslose abkupfern, ganz billig und ums Leben fĂŒrchten muss sich auch ein Herr Seils nicht.

Was unverÀndert bleibt, ist der Moment, wenn man in den Spiegel schaut, also den im Bad, und kurz mit sich selbst debattiert, was man sieht, wer man ist, warum man ist, wie man ist, was daraus folgt usw. Alte, lateinische Schule halt.

Herr Seils: Ich wĂŒnsche Ihnen und Cicero (sprich: Kikero) eine goldene Zukunft, viel Erfolg, auch ein wenig GlĂŒck und immer die allerbeste Gesundheit! Und vor allem: gute Ideen! 😀

Und: Keine Ahnung, obs dafĂŒr einen lateinischen Spruch gibt… Aber auch ein zweiter Platz ist ein Platz, den man ehren sollte. 😀

ErgĂ€nzung: Cicero berichtet ĂŒber den tĂ€glichen Ideenklau hier.

*FĂŒr die Lateiner:

XV. Scr. Romae mense Iunio (post Id.) a.u.c. 711.
M. CICERO D. BRUTO COS. DESIG. S. D.
Etsi mihi tuae litterae iucundissimae sunt, tamen iucundius fuit, quod in summa occupatione tua Planco collegae mandasti, ut te mihi per litteras excusaret; quod fecit ille diligenter. Mihi autem nihil amabilius officio tuo et diligentia. Coniunctio tua cum collega concordiaque vestra, quae litteris communibus declarata est, senatui populoque Romano gratissima accidit. Quod superest, perge, mi Brute, et iam non cum aliis, sed tecum ipse certa. Plura scribere non debeo, praesertim ad te, quo magistro brevitatis uti cogito. Litteras tuas vehementer exspecto et quidem tales, quales maxime opto.
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