Montag, 01. Mai 2017

Als die Lateiner selbst als Kichererbse die guten Sitten noch beherrschten

Non cum aliis, sed tecum ipse certa!*

O tempora, o mores: Zwei Ideen zur gleichen Sache, aber zeitlich deutlich versetzt. Das Debattenmagazin Cicero greift eine zwei Jahre alte Idee des freien Journalisten Hardy Prothmann auf und wird damit letzter zweiter. Quelle: Cicero Online

Mannheim/Berlin, 10. Dezember 2012. (red) Heute ist ein schwarzer Tag f√ľr alle, die die Debattenkultur lieben. K√∂nnte es sein, dass Cicero (sprich Kikero), das „Magazin f√ľr politische Kultur“, auf seiner Suche nach Orginalit√§t den Guttenberg, also den falschen Gipfel, bestiegen hat? „Nein, nein“, wehrt der Vorsteiger, seines Namens Seils, ab. Er bezeichnet den Verstieg als Erstbezwingung.

Von Hardy Prothmann

Genug geschwafelt. Fakt ist: Im Oktober 2010 habe ich zur Rettung der deutschen Zeitungslandschaft die Kampagne „Die Vielfalt der Zeitung“ ins Leben gerufen. Bislang wollte mir keine einzige Zeitung diese humorig-hintergr√ľndige Image-Kampagne abkaufen, obwohl die Vorteile auf der Hand liegen. Die Kampagne ist g√ľnstig zu haben und lustiger, als eine letzte FTD mit einem Aufmacher in Vollschwarz zu kaufen, die aussieht wie ein gro√üer Tintenfleck.

Damals stand die Kampagne noch auf meinen Posterous-Profil. Ab M√§rz 2011 auf meinem Blog, das damals noch pushthebutton.de hie√ü. Vor kurzem habe ich umfirmiert, die Seite hei√üt jetzt Geprothmannt.de. Das ist pers√∂nlicher und Kn√∂pfe dr√ľcke ich trotzdem.

Ich habe nicht wirklich h√§nderingend nach einem Abnehmer f√ľr meine Kampagne gesucht – die deutschen Zeitungsverlage sind einfach viel zu verklemmt, um in ihren hintensteckenden „klugen K√∂pfen“ auch mal sowas wie Humor und Selbstkritik vorkommen zu lassen.

Doch jetzt k√∂nnte meine Kampagne Karriere machen, weil das, also wirklich DAS deutsche Debattenmagazin Cicero (sprich Kikero, vulgo Kichererbse) meine Kampagne „ganz alleine als Idee hatte“.

Briefwechsel

Irgendwie glaube ich das nicht so ganz und deswegen habe ich folgenden Epistula electronica an den Tribunus Cicerones verfasst (nat√ľrlich auf lateinisch, ich ver√∂ffentliche hier freundlicherweise die freie √úbersetzung):

Liebe Cicero-Redaktion,
wie sch√∂n, dass Ihr meine Idee vom 23. M√§rz 2011, „Die Vielfalt der Zeitung“, aufgenommen und als Bilderstrecke mit Textschnipsel umgesetzt habt.
http://www.geprothmannt.de/kampagne-die-vielfalt-der-zeitung/129.html

http://www.cicero.de/bilder/20-gruende-warum-wir-tageszeitungen-brauchen Schade nur, dass ich den Eindruck habe, Ihr habt bei mir geklaut oder geguttenbergt, wie das neudeutsch hei√üt. Vielleicht ist es aber ja auch so, dass jemand in der Redaktion und ich unabh√§ngig voneinander dieselbe Idee hatten. Auch das Auto ist ja angeblich mehrfach erfunden worden. K√∂nnte also so sein. Merkw√ľrdig nur, dass es so viele √úbereinstimmungen der vielf√§ltigen Nutzungsm√∂glichkeiten einer Zeitung gibt. Beim Autoerfinden war das nicht so deutlich. Es w√§re also sehr freundlich, mir f√ľr meinen Gedankenschmalz ein wenig Brotgeld zu zahlen. Dann empfehle ich die Adaption auch gerne weiter. Wenn nicht, werde ich leider behaupten m√ľssen, dass das Debattenmagazin Cicero bei kleinen Blogs gute Ideen wildert. Und daran hat nun wirklich niemand ein Interesse, oder?

Wohin darf ich die Rechnung schicken?

Kollegiale Gr√ľ√üe
Hardy Prothmann

Die responsio ließ nicht lange auf sich warten:

Lieber Herr Prothmann, ich muss Sie leider entt√§uschen, aber die Idee f√ľr diese Bildergalerie anl√§sslich der Zeitungskrise hatten wir bei Cicero Online ganz alleine. Ihre Seite sehe ich heute zum ersten Mal.
Herzliche Gr√ľ√üe Christoph Seils
Ressortleiter Online

Das wars dann mit der Hoffnung auf ein wenig panis f√ľr den Gehirnschmalz. Bleibt nur der circus. Und der belustigt ja bekanntlich den pleps.

Schlagabtausch

Herr Seils schreibt also in seiner kurzen Verteidigungsschrift, er m√ľsse mich entt√§uschen. Das tut arg weh. Und er behauptet, „aber die Idee (….) hatten wir bei Cicero Online ganz alleine„. Das ist noch entt√§uschender, weil der Chefredakteur eines Debattenmagazins, dass sich auf die Tradition eines der herausragendsten Redners der r√∂mischen Antike beruft, rhetorisch nicht so doof sein sollte, wie Herr Seils sich entbl√∂√üt. Vielleicht trifft es zu, dass man bei Cicero Online die Idee hatte, aber „alleine“ ganz gewiss nicht. Das ist nach dem Hinweis auf meine vor zwei Jahren realisierte „Idee“ erwiesenerma√üen falsch und die Behauptung stur. Cicero, das f√ľhrende Debattenmagazin kann also vielleicht stolz auf einen zweiten Platz mit zweij√§hriger Versp√§tung sein. Auch ein kleiner Stolz ist ein Anfang.

Dann wird Herr Seils brutal: „Ihre Seite sehe ich heute zum ersten Mal.“ Das erinnert mich an „Quod superest, perge, mi Brute“ (Was mir noch bleibt, mein Brutus, (ist zu sagen), setze das fort…). Meine Idee wird neu ideet und dann kennt mich dieser Debatten-Chefredakteur nicht einmal? Wie b√∂sartig kann man sein? Was habe ich diesem Mensch getan? Deutschlandweit kennt man mich als Heddesheimblogger, die Fischfutteraff√§re haben vor rund einem Jahr alle Berliner Zeitungen aufgemacht, da war Debatte, da war was los. Und das hat Herr Seils, Ressortleiter Online, nicht mitbekommen? Auf welchem Olymp (√§h, sorry, waren das jetzt die Kriechen?), lebt der?

Seis drum, Eitelkeit ist eine S√ľnde, Bescheidenheit eine Zier. Ich w√ľrde mich ja gerne zieren, aber es f√§llt schwer. Habe ich nicht 2004 das erste sehr gro√üe Portr√§t √ľber den Gr√ľndungschefredakteur von Cicero, Wolfram Weimer, geschrieben und mit dem Verlagschef Ringier ein mehrseitiges Interview zum Markteintritt der Schweizer in Deutschland geschrieben und sind nicht beide Arbeiten Teil der annales von Cicero (sprich Kikero)? Oder war das alles f√ľr den Arsch? Also so bl√∂d, dass ein Nachfolger nicht √ľber das, was war Bescheid wissen muss, soll? Will?

Chancen

Auch davon hat Herr Seils keine Ahnung? Er sieht meine Seite zum ersten Mal? Hat keine Ahnung, wer ich bin? Und f√ľnfzehn von den „20 Gr√ľnden, warum wir Tageszeitungen brauchen“ finden sich unter meinen 47 Gr√ľnden, die ich seit zwei Jahren (mit Tipps von Lesern, danke!) gesammelt habe? Also 75 Prozent √úbereinstimmung? Und die anderen f√ľnf Cicero-„Ideen“ sind so derma√üen langweilig und bl√∂d, dass man kaum drauf stolz sein kann.

Der Kalle hat auch lange alles abgestritten. Ich bestehe nicht drauf, den Fall aufzuklären. Mir reicht der Eindruck. Und da gilt der Spruch:

You never get a second chance to make a first impression.

Der ist ausnahmsweise nicht auf lateinisch, weil er vermutlich nicht lateinischen Ursprungs ist, aber m√∂glicherweise viele Ideengeber oder -umschreiber hatte und m√∂glicherweise auch auf deutsch „gesch√ľtzt“ ist, weswegen ich hier auf eine √úbersetzung verzichte. Die alten Lateiner hatten √ľbrigens, wenn sie schlau waren, so eine Art materielles Urheberrecht. Denn abkupfern war erstens ans Wissen gekn√ľpft, zweitens teuer und drittens eventuell t√∂dlich.

In unseren modernen Zeiten ist das nicht mehr so. Da k√∂nnen auch Ahnungslose abkupfern, ganz billig und ums Leben f√ľrchten muss sich auch ein Herr Seils nicht.

Was unverändert bleibt, ist der Moment, wenn man in den Spiegel schaut, also den im Bad, und kurz mit sich selbst debattiert, was man sieht, wer man ist, warum man ist, wie man ist, was daraus folgt usw. Alte, lateinische Schule halt.

Herr Seils: Ich w√ľnsche Ihnen und Cicero (sprich: Kikero) eine goldene Zukunft, viel Erfolg, auch ein wenig Gl√ľck und immer die allerbeste Gesundheit! Und vor allem: gute Ideen! ūüėÄ

Und: Keine Ahnung, obs daf√ľr einen lateinischen Spruch gibt… Aber auch ein zweiter Platz ist ein Platz, den man ehren sollte. ūüėÄ

Erg√§nzung: Cicero berichtet √ľber den t√§glichen Ideenklau hier.

*F√ľr die Lateiner:

XV. Scr. Romae mense Iunio (post Id.) a.u.c. 711.
M. CICERO D. BRUTO COS. DESIG. S. D.
Etsi mihi tuae litterae iucundissimae sunt, tamen iucundius fuit, quod in summa occupatione tua Planco collegae mandasti, ut te mihi per litteras excusaret; quod fecit ille diligenter. Mihi autem nihil amabilius officio tuo et diligentia. Coniunctio tua cum collega concordiaque vestra, quae litteris communibus declarata est, senatui populoque Romano gratissima accidit. Quod superest, perge, mi Brute, et iam non cum aliis, sed tecum ipse certa. Plura scribere non debeo, praesertim ad te, quo magistro brevitatis uti cogito. Litteras tuas vehementer exspecto et quidem tales, quales maxime opto.