Freitag, 28. April 2017

Netzwerk Recherche: Schmeißt die verkommenen Austern einfach weg und geht Miesmuscheln suchen

Heddesheim/Köln/Hamburg/Berlin/Düsseldorf/München/Mainz, 10. November 2011. Das Netzwerk Recherche, Deutschlands, wenn nicht Europas „elitärster Journalistenverein“, will sich am morgigen Freitag neu erfinden. Auf einer Mitgliederversammlung soll ein neuer Vorstand gewählt werden. Ob das gelingen mag, darf man anzweifeln. Noch mehr, ob diese „Mitgliederversammlung“ eigentlich beschlussfähig ist.

Von Hardy Prothmann

Über die Details der Affäre „Netzwerk Recherche“ und die darin hauptsächlich involvierten, „prominenten“ Namen Professor Dr. Thomas Leif, Chefreporter SWR, sowie Hans Leyendecker, Chefinvestigateur Süddeutsche Zeitung, und jede Menge anderer „Chefs“ und „Leiter“ und solchen, die als Tussis oder Handlanger begierig und willfährig daran arbeiten, auch Chef oder Leiter werden zu wollen, ist in den vergangenen Monaten jede Menge Dreck aufgewühlt worden.

Und das zu Recht.

Ausgerechnet die „Muckraker der Nation“ stehen am Pranger.

Als selbstlose „Mistkratzer und Schmutzaufwühler“, also „Aufklärer“, sind sie angetreten. Als die chefinvestigativst-vorstellbaren Journalismus-Götter aller Zeiten.

Das hat mich schon lange nicht mehr „interessiert“, weil ich aber von sehr vielen Kollegen auf das Thema angesprochen worden bin (teils mit dem Wunsch verbunden, ich „müsse“ mich „engagieren“), schreibe ich meine Meinung zum Drama auf, um „es zu den Akten zu geben“.

Die Scheiße wird kleben bleiben.

Die Scheiße, die nun an handelnden Personen klebt, haben sie sich selbst an die Hacke geworfen und sie wird kleben bleiben.

Wer „Haltung“ vehement fordert, muss mindestens selbst über eine Grundausstattung an Anstand verfügen können.

Die Wirklichkeit ist oft anders als die Theorie.

Es war definitiv kein „bedauerlicher“ oder „nicht-vorhersehbarer“ Arbeitsunfall, sondern ein grundlegender Systemfehler einer Kombination aus Eitelkeit, Selbstherrlichkeit, Entrücktheit, Arroganz, Karrieregeilheit, Popanztum, Feigheit und jeder Menge anderen „Heiten“ und „Anzen“ und „Tums“, der jetzt alles in Frage stellt.

Tatsächlich darf man alle, und damit sind neben den Vorständen alle Verantwortlichen gemeint, als die schlimmstvorstellbaren Nestbeschmutzer zur Zeit wahrnehmen. Und jeder, der ihnen zu nahe gekommen ist, muss damit rechnen, den Dreck ebenfalls an sich kleben zu haben.

Recherchen können an allem möglichen scheitern - fast sicher am Netzwerk Recherche. Quelle: NR

Der Dreck ist ein bis heute undurchsichtiges System einer sich selbst verklärenden Journalisten-Loge, die bedingungslose Aufklärung predigt und maximale- Verschleierung bei gleichzeitig optimierter Karriereförderung ausübt – wenn auch schon ein paar Ratten den sinkenden Kahn verlassen haben, um sich am Ankertau zum nächsten Schiff der Karriere-Hoffnung emporzuangeln.

Und zu viele darin sind selbst schon Teil des Systems, das sie angeblich „kontrollieren“. Sie tun das tatsächlich, ohne es wahr haben zu wollen – sie tragen als Teil des Systems zu dessen „Gelingen“ bei – auch wenn ein Rest Ekel vor sich selbst vielleicht noch in Ansätzen zu vermuten ist.

Ich bin auf das Netzwerk Recherche und alle, damit meine ich wirklich alle verantwortlich in dieses System verwickelten Personen, extrem sauer.

Vor allem, weil ich eines der „Gründungsmitglieder“ bin, weil mir die Idee wirklich wichtig ist, weil ich sie lebe und umsetze und weil ich mit dieser erbärmlichen Entwicklung nichts zu tun haben will.

Begründete Zweifel.

Und doch trage ich Verantwortung, weil ich ein zu klagloses Mitglied war. Dass ich mich nach der Gründung kaum in den Verein eingebracht habe, ist keine Entschuldigung.

Ich bin ein Mitläufer, der angeblich „von nichts gewusst hat“. Das ist umso „sträflicher“, als ich schon bei der Gründung meine Zweifel hatte.

Ja, ich war dabei. Damals. 2001. Im Gründungsprotokoll bin ich mit zwei zutreffenden Äußerungen zu den „Zielen“ des Vereins nachzulesen:

Hardy Prothmann: Ich bin einer dieser jungen Journalisten, arbeite freiberuflich und frage mich: „Was kann uns ein Verein nutzen?“ Ist es nicht so, dass viele der „alten Hasen“ ihre Informationen und ihre Recherchemethoden nicht weitergeben, sondern darauf sitzen und sitzen bleiben? Natürlich verfügen auch junge Kollegen über Erfahrungen, die sehr nützlich sein können, wenn sie denn weiter gegeben werden. Ich frage mich, auch vor dem Hintergrund einer gewissen Konkurrenz durch die verschiedenen Medien, wie ein „Netzwerk Recherche“ funktionieren kann und sich das in einem Verein praktisch umsetzten lässt. Da habe ich noch gar keine Vorstellung.

Mascolo: Ich auch nicht, und ich fange mal mit dem letzten an. Wir werden ja alle nicht, in welcher Funktion auch immer, die normalen Mechanismen, die zwischen unseren Blättern herrschen, außer Kraft setzen können. So, wenn es z.B. um die Frage geht, steigt der eine mal beim anderen ein?

Hardy Prothmann: Herr Mascolo, ist das wirklich unmöglich? Wäre es nicht denkbar, dass die Konkurrenz bei gewissen Themen aufgehoben wird? Und das verschiedene Medien sagen: „OK, jetzt drehen eben SPIEGEL, SÜDDEUTSCHE, der Hessische Rundfunk, FOCUS und vielleicht sogar noch ein Privatsender an einer Schraube?“

Ende März 2001, habe ich bei der Tagung in- Simmerath-Erkensruhr meine Zweifel angemeldet und meinen „Idealismus“ trotzdem zu Sprache gebracht. Die Antwort von (damals noch nicht und heute) Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo bringe ich am Ende dieses Textes, weil sie dokumentarisch einen guten Schluss darstellt.

Ich habe schon damals gewusst, dass es eine enorme Kraftanstrengung sein müsste, einen solchen Verein, ein echtes Netzwerk der (themenbezogenen und gesellschaftsrelevanten) Recherche, mit Leben zu füllen.

Griechische Verhältnisse.

Dass diese „Anstrengung“ in einem Sumpf aus „undurchsichtigen“ Finanzen, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und einer ekelhaften Schlammschlacht zwischen den „Göttern“ Leif und Leyendecker enden würde, habe ich mir damals nicht vorgestellt.

Aber ich bin auch nicht erstaunt, dass es jetzt soweit gekommen ist.

Seit meinem Griechisch-Unterricht weiß ich (und der liegt lange zurück), dass, wenn es um Götter geht, kein Sumpf zu tief ist, um nicht irgendwo noch einen Balg der Schande zu finden. Dafür muss man nichts ins trockene Griechenland reisen.

Was mir beim Netzwerk Recherche immer gefehlt hat, war das Engagement in der Sache. Also tatsächlich im alltäglichen Journalismus. Vor Ort.

Reden, tagen, fordern, schön oder schlecht reden ist so einfach, wenn man gebührenwohlfinanzierter Chefreporter ist oder als Artefakt einer großen Zeitung vermutlich mehr als sehr gut bezahlt wird.

Stinkereich und erhaben vs. Aufklärung.

Allein das Wort „Recherche-Stipendien“ ist mir übel aufgestoßen. Nicht nur, weil, wie ich vermutet habe, es davon nur eine wirklich jämmerliche Zahl gegeben hat, in diesen zehn Jahren, sondern weil es so „erhaben“ klingt. Ich hätte es „muckmoney“ genannt, Geld, um die Scheiße zu heben. Im positiven Sinne. Aufklärungsgeld, statt Schweigegeld.

Recherche funktioniert grundsätzlich nur mit Leidenschaft. Geld ist ein Hilfsmittel, irgendwie kam es beim NR nie über den Wert eines „Almosens“ hinaus. (Siehe Begriffsgeschichte)

Wie man sieht, war die Entwicklung folgerichtig. Das Netzwerk Recherche ist stinkereich und nennenswerte Förderungen von Recherchen fanden kaum statt. Geförderte, dringende, notwendige Recherchen mit Unterstützung dieses Netzwerkes verloren sich im Laufe der Jahre.

Irgendwann habe ich keinen Vereinsbeitrag mehr bezahlt. Mahnungen fanden nicht oder kaum statt. Aus hoffnungsvollen Gründen habe ich dann doch meinen Obolus bezahlt und saß auch einmal in Hamburg beim Netzwerk-Treffen auf dem Podium – uiuiui, mit ganz wichtigen Leuten.

Und ja: Auch ein wenig mit der Attitüde, sagen zu können, ich bin Gründungsmitglied und gehöre dazu. Wozu auch immer.

Dann habe ich zwei Mal gekündigt. Das wurde nicht bestätigt. Es kamen Rechnungen. Diese wurden nicht eingefordert.

Faule Austern.

Ich hatte anderes zu tun, als mich mit den mittlerweile wogenden Veranstaltungen, größesten Verlautbarungen und verschlossensten Austern, dieser ganzen „riechenden“ Selbstbeweihräucherung zu beschäftigen.

Im Gegensatz zu Chefreportern und Starinvestigativen wühle ich nämlich vor Ort im Dreck. Hart an der Existenzgrenze, was das Einkommen angeht, jenseits einer Chance, im Club der Großen eine Anerkennung zu finden, denn da geht es ja um die „wichtigen Stories“.

Über Leuna oder Afghanistan oder die „Müll-Mafia“ – mittlerweile frage ich mich, woher die Faszination für Bestechungsthemen, Schiebereien und mafiöse Strukturen bei diesen Journalismus-Göttern kommt? Haben Sie die Distanz verloren? Hatten Sie jemals eine?

Befremdlich fand ich auch immer den Leitsatz: „Journalisten machen keine PR.“

Den hat vor allem Herr Leif ständig in eigener Sache ad absurdum geführt.

Aber auch Herr Leyendecker und alle, die sich um die beiden getummelt haben und sich dabei wenig um Recherche, dafür umso mehr um ihre Karriere gekümmert haben. Jeder, der neben den Vorständen nicht genannt ist, weiß, dass ich ihn oder sie persönlich anspreche. Ich kenne deren Namen und andere, die sich dafür interessieren auch.

Es sind verbrannte Namen karrieregeiler Geister, die sich vermutlich bald wieder irgendwo zurückmelden werden, um weiter irgendwas von hehren Zielen zu heucheln und doch nur die eigene Karriere zu meinen.

Götter ohne Geist.

Abstoßend fand ich dabei immer, wie sehr sich die Herren und manche Damen immer so über die stellten, die ohne PR-Jobs niemals über die Runden kommen und deswegen keine „guten“ Journalisten sein können.

Diese weltfremde Arroganz kann man sich nur leisten, wenn man selbst gut gepudert ist und dafür sorgt, dass das/der/die Puder (je nach Veranlagung) nicht ausgeht – und andere, die das Pudergeschäft nicht so gut verstehen, klein hält. Oder selbst im Pudergeschäft ist.

Die Realität ist anders – für viele der journalistischen Tagelöhner, die vielleicht mal gerne wirklich recherchieren wollen, aber aus Angst um ihre Existenz das niemals können. Das sind Ängste, die Puder-Götter wie Leif und Leyendecker nicht im Recherche-Ansatz kennen.

Weltfremde, hochtrabende und selbstherrliche Forderungen kann jeder Spinner aufstellen. Im Namen von „Netzwerk Recherche“ war keine Idiotie zu blöd, um nicht als „Gesetz“ formuliert zu werden. Es grüßt der Olymp aus Angebern, Betrügern, Fallenstellern, Geschäftemachern, Rumhurern, Geschichtenerzählern, Profilneurotikern und sonstigen Chaoten – das sind die Themen, die Kasse machen.

Inwieweit die Berichterstatter selbst darin verstrickt sind, soll niemals Thema sein, denn das ginge „zu weit“. Damit will man im Ernstfall nichts zu tun haben.

Um das klar zu formulieren: Hier fühlt sich jeder selbst angesprochen – entsprechende Abmahnungen dürfen als „Selbsterkenntnis“ gewertet werden – denn es wurde keine Person konkret von mir benannt.

Was dem Netzwerk Recherche immer gefehlt hat, ist ein intellektueller Geist. Es gibt jede Menge „Aufklärer“, die im Zweifel von nichts gewusst haben, aber es gibt keine Denker, schon gar kein Vordenker. Herr Leif mag einen Professorentitel führen, das macht ihn längst aber nicht zu einem klugen Kopf.

Selbsterklärende Definitionen.

Herr Leyendecker ist ein selbsterklärter Aktenfresser, aber das teilt er mit tausenden von Sachbearbeitern.

Leute wie Herr Stephan Weichert mögen ebenfalls einen Professorentitel haben – von der Intelligenz und Intellektualität eines Jeff Jarvis sind sie aber so meilenweit entfernt wie das Netzwerk Recherche von dem Begriff „Aufklärung“.

Im Kern ist das Netzwerk Recherche eine Blendgranate. Es macht viel Krach und verblendet. Vielleicht ist es aber auch nur ein Blindgänger? Ganz im Ernst halte ich es für eine Seuche.

Der so genannte Journalismus beschädigt sich durch die alltägliche lokale Bratwurstberichterstattung enorm. Die sinkenden Auflagen und gekündigten Abos sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

Der Fokus ist falsch: Es darf nicht um die Götter gehen.

Gerade hier, wo die Mehrzahl der Journalisten in Deutschland arbeitet, tut Aufklärung wirklich Not. Gerade hier müsste ein Netzwerk Recherche wirken und fördern, statt sich selbst als fettigen Aal zu räuchern.

Und es müsste aufklären – schmerzhaft, mit dem Finger in der Wunde, statt sich selbst zu balsamieren für die Ewigkeit.

Gerade im Lokalen – da arbeiten die meisten Journalisten, haben das Netzwerk Recherche und alle Verantwortlichen über alle sonstigen Fehler hinaus grenzenlos versagt.

Journalistisch gesehen ist das NR eine Looser-Truppe sondergleichen. Großes Maul und auch nicht im Ansatz was dahinter.

Außer, wenns ums Fressen und um Posten geht. Zur Überprüfung reicht es, sich die Tagungslisten und die Referenten anzuschauen. Oder Stipendienvergaben mit vielen tausend Euros, die, oh Wunder, an spätere Vorstände gingen, wenn auch zufälligerweise über andere „Partner“ finanziert.

Selbst unbedarften Persönlichkeiten fällt bei näherer Beschäftigung nur eins auf: Die Selbstbedienungsmentalität als „selbstverständliches“ Grundprinzip.

Vermutlich folgt der innere Antrieb der meisten aber dem Bedürfnis, auf wohlfeilen Veranstaltungen leckere Austern zu schlürfen und ein Gläschen Champagner zu „goutieren“, statt sich ein paar Miesmuscheln vom Felsen selbst zu holen.

Denn man könnte sich ja schneiden. Wie schlimm. Dass man garantiert keine „Perlen“ – findet, ist den meisten Journalisten egal, solange der Magen voll ist und sie jemanden haben, den sie bewundern können oder noch besser, wenn sie selbst ein wenig bewundert werden. Über die Arbeit spricht man inhaltlich schon lange nicht mehr. Das ist langweilig.

So finden sich die meisten mit Muscheln aus dem Glas ab und verleihen zur Strafe „verschlossene Austern“, wenn sie nicht bedient worden sind.

Im vollen Bewusstsein, dass ihre eigenen verliehenen Austern mindestens so tot stinken, wie die, die sie „auszeichnen“.

Sollte es zu einer Neuwahl des Vorstands am Freitag kommen sollte, bleibt die Frage, ob sich einer traut diese verschlossene Auster zu öffnen. Denn wieder droht bestialischer Gestank:

§ 12 Mitgliederversammlung

In der Mitgliederversammlung hat jedes Mitglied – auch ein Ehrenmitglied – eine Stimme. Die Übertragung der Ausübung des Stimmrechts auf andere Mitglieder ist nicht zulässig.Die Mitgliederversammlung ist für folgende Angelegenheiten zuständig:

  • Wahl, Abberufung und Entlastung des Vorstands,
  • Beschlussfassung über Änderung der Satzung und über die Vereinsauflösung,
  • Ernennung besonders verdienstvoller Mitglieder zu Ehrenmitgliedern,
  • weitere Aufgaben, soweit sich dies aus der Satzung oder nach Gesetz ergibt.

Mindestens einmal im Jahr, möglichst im 1. Halbjahr, soll eine ordentliche Mitgliederversammlung stattfinden. Sie wird vom Vorstand mit einer Frist von zwei Wochen unter Angabe der Tagesordnung durch schriftliche Einladung einberufen. Das Einladungsschreiben gilt als zugegangen, wenn es an die letzte vom Vereinsmitglied bekannt gegebene Adresse gerichtet wurde. Die Tagesordnung ist zu ergänzen, wenn dies ein Mitglied bis spätestens eine Woche vor dem angesetzten Termin schriftlich mit Gründen beantragt. Die Ergänzung ist zu Beginn der Versammlung bekannt zu machen. Dringlichkeitsanträge dürfen in der Mitgliederversammlung nur behandelt werden, wenn die Versammlung mit einer Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder beschließt, daß sie als weitere Tagesordnungspunkte aufgenommen werden.

Der Vereinsvorstand kann jederzeit eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Hierzu ist er verpflichtet, wenn dies ein Viertel der stimmberechtigten Mitglieder schriftlich unter Angaben von Gründen beantragt. In diesem Fall sind alle Mitglieder unter Bekanntgabe der Tagesordnung und unter Einhaltung einer Frist von mindestens einer Woche einzuladen.

Die Mitgliederversammlung ist beschlussfähig, wenn sie ordnungsgemäß einberufen wurde und mindestens ein Viertel der Mitglieder anwesend ist. Ist weniger als ein Viertel der Mitglieder anwesend, kann die Mitgliederversammlung erneut und zeitlich unmittelbar darauf einberufen werden; sie ist dann ohne Rücksicht auf die Zahl der anwesenden Mitglieder beschlussfähig.

Die Beschlussfassung erfolgt in geheimer Abstimmung, soweit “ der anwesenden Mitglieder dies beantragt.

Beschlüsse der Mitgliederversammlung werden mit einfacher Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen gefasst, Stimmenthaltungen bleiben außer Betracht. Satzungsänderungen bedürfen einer ! Mehrheit der anwesenden Mitglieder. Hierbei kommt es auf die abgegebenen gültigen Stimmen an. Für die Änderung des Vereinszwecks ist die Zustimmung aller Mitglieder erforderlich.

Mir ist als Mitglied keine Einladung schriftlich zugestellt worden. Eine Mitgliederversammlung hat im Juli stattgefunden. Zu einer „außerordentlichen“ Mitgliederversammlung wurde ich nicht eingeladen und auch über die homepage des Vereins gibt es dazu keine erkennbaren Informationen.

Ganz egal? Nein. Nicht egal, wenn man sich an Regeln hält (was für das NR nicht unbedingt zu gelten scheint): Eine „schriftliche Einladung“ mit Frist von zwei Wochen ist erforderlich. Sagt die Satzung.

Laut dieser besteht der Vorstand aus zwei Vorsitzenden und vier im erweiterten Vorstand – auf der Homepage gibt es zwölf Vorstandsmitglieder ohne Funktionsnennung – geht es wilder?

Insofern stelle ich die Legitimation dieser Versammlung in Frage. Ebenso die Wahl eines neuen Vorstands. Sollte eine solche Wahl stattfinden, ist deren Zulässigkeit mehr als zweifelhaft, vielleicht sogar rechtswidrig. Interessant wird sein, wer dafür die Verantwortung trägt.

Geht man beim Netzwerk Recherche inzwischen davon aus, dass es eh keine Regeln gibt? Alles egal? Man steht über allem?

Transparenz! Jetzt – oder nie!

Unabhängig davon erwarte ich von einem neuen Vorstand den echten Willen, alle, damit meine ich wirklich alle Fragen zu beantworten, die im Zusammenhang mit der „Scheiße“ gestellt werden müssen.

Ohne eine schonungslose Transparenz, ohne eine lückenlose Aufklärung, ohne eine absolute Nicht-Rücksichtnahme auf „eventuelle Befindlichkeiten“ wird das Netzwerk Recherche nicht das sein können, was es einmal sein wollte: Ein Verein zu Förderung des aufklärenden Journalismus.

Tatsächlich vermute ich, dass Interessen von Spiegel, WDR, NDR, WAZ und wer genau hinschaut, kann auch „Unternehmensinteressen“ fernab der Meiden vermuten, und was weiß ich wer noch dies grundsätzlich verhindern.

Zirkus und Wirklichkeit.

Wenn es nicht gelingt, Ross und Reiter zu nennen und klare Prinzipien zu haben, wird der rest-anständige Journalismus durch den- mittlerweile etablierten- Selbstdarstellungszirkus noch mehr beschädigt werden, als ohnehin.

Allen, und damit meine ich alle Verantwortlichen, würde ein „mea culpa“ gut anstehen, ein gesenktes Haupt der Scham und eine Zeit, nochmal über sich und ihre Haltung zum Journalismus nachzudenken und abseits aller „Parties“ ganz alleine ein paar Muscheln vom Felsen zu kratzen.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt und so erwarte ich realistisch bis zum Eintritt dieses Ereignisses nicht wirklich eine Überraschung.

Wie oben angekündigt, zum guten Schluss das Zitat von Herrn Mascolo:

Mascolo: Die einzige Kooperation, an die ich mich überhaupt in den letzten Jahren erinnern kann, ist die gemeinsame Recherche zwischen der FRANKFURTER RUNDSCHAU und der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG in Tschetschenien gewesen, die unterschiedliche Gründe gehabt hat. Wenn wir noch mal über Amerika reden und über das, warum wir eigentlich neidisch auf Amerika schauen, dann gibt es für mich einen Bereich, wo ich sage, da tun wir das wirklich zu Recht. Das ist nicht der Bereich der normalen und aktuellen Tagesberichterstattung. Ich glaube, da lesen Sie in amerikanischen Zeitungen oft nichts besseres und hintergründigeres über amerikanische Wirtschaft oder Politik als hier. Was die Amerikaner auf eine begnadete Art und Weise tun, und was wir hier auch versuchen sollten, ist, dass sie sich zusammenspannen und dann oft über einen langen Zeitraum strukturelle Recherchen betreiben. Dass hat beispielsweise auch der amerikanische Verein investigativer Journalisten gerade zusammen mit den Engländern gemacht und dabei eine hervorragende Recherche über die Verwicklung der Tabakkonzerne im internationalen Zigarettenschmuggel hingelegt. Da gibt es eine richtig blinde Ecke, dass ist der deutsche Markt. Das liegt daran, dass in dem Bereich niemand, SPIEGEL, STERN, SÜDDEUTSCHE, wen auch immer eingeschlossen, irgend etwas gemacht hätte oder sich für das Projekt interessiert hätte. Der SPIEGEL eingeschlossen, das sage ich in diesem Fall selbstkritisch, obwohl es hier vielfältige Hinweise gibt. Zigarettenschmuggel ist hier ein größeres Problem als es in England oder in Skandinavien ist. Das sind dann die Geschichten, auf die wir neidisch starren und sagen: „Guck mal einer an, da hat ein Netzwerk von Journalisten zwei, drei Jahre gemeinsam an einer Geschichte gearbeitet und im nachhinein kommen dabei ein paar Fernsehdokumentationen und hervorragende Geschichten heraus.“ Dann werden Prozesse geführt und Bücher erscheinen, und man steht mit offenem Mund davor und sagt: „Guck mal einer an.“ Das ist etwas, was man in Form eines Netzwerkes organisieren könnte und sagen könnte: „Lasst uns doch mal versuchen, ein solches Projekt zu machen.“ Es gibt in den amerikanischen Vereinen immer wieder diese großen Projekte, wo dann Kollegen teilweise freigestellt werden und in dieser Zeit von Stiftungen bezahlt werden. Sie haben dann Ansprechpartner innerhalb des Vereins, die sich mehr oder weniger beteiligen. Das wäre ein Modell, das interessant sein könnte und worüber wir reden können. Wenn Sie z.B. bei der Saarbrücker Zeitung mit einer guten Geschichte so richtig unter Beschuss kommen und dann sagen: „Beim SPIEGEL sitzt auch einer aus dem Netzwerk, jetzt soll der mir mal ordentlich unter die Arme greifen. Wofür sind wir schließlich in einem Netzwerk.“ Dann haben Sie vielleicht Recht, aber es stellt sich die Frage, ob der normale Mechanismus beim SPIEGEL außer Kraft gesetzt werden kann. Diesen Mechanismus gibt es ja nicht nur beim SPIEGEL, sondern auch bei ganz vielen anderen Medien. Da sage ich, machen wir uns nichts vor, das mag in Einzelfällen gelingen, aber die normalen Kriterien, nach denen unser Geschäft läuft, werden wir alle miteinander nicht außer Kraft setzen können. Das ist auch gut so. Wir können nur darüber reden, wie es in Einzelfällen mal gelingen kann, wir können auch darüber reden wie eine Struktur aussehen könnte, die es einfacher macht, aber neue Regeln werden wir nicht einführen können.

Gut zu wissen:

„Wir können nur darüber reden, wie es in Einzelfällen mal gelingen kann, wir können auch darüber reden wie eine Struktur aussehen könnte, die es einfacher macht, aber neue Regeln werden wir nicht einführen können.“

Ganz ehrlich, Herr Mascolo? Ich glaube Ihnen aufs Wort und bin überzeugt davon, dass Sie dafür einstehen, was sie sagen.

Wenn Sie Lust auf eine neue Erfahrung haben, kratzen wir zusammen Miesmuscheln ab und kochen die gemeinsam. Dann verstehen Sie den Unterschied zu geschlossenen Austern.

Und wenn Sie das als Spiegel-Chef verstanden haben sollten, verstehen es vielleicht auch andere, denn der Fisch…

Ach egal.

Einige wenige von sehr vielen Artikeln zum Thema:

Süddeutsche: Aufklärer in Erklärungsnot

Meedia: Schlammschlacht im Netzwerk Recherche

Meedia: NR-Vorstand Thomas Leif nimmt seinen Hut

Spiegel.de: Ein schrecklicher, notwendiger Verein

Jakblog: Ein bisschen Politbüro im Netzwerk Sonntagsreden

Bild.de: Sieht so Aufklärung aus, Herr Leyendecker?

faz.net: Das Geld macht, was Geld so macht

 

Und natürlich die Seite von NR:

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