Mittwoch, 20. Juni 2018

Das Geld ist zusammengekommen - die Zahl der Crowdfunder nicht

Krautreporter: Prinzipiell vor dem Start bereits gescheitert

Mannheim/Berlin, 13. Juni 2014. Das Projekt Crowdfunding f├╝r die Krautreporter wird heute angeblich die notwendige Zahl von 15.000┬áZeichnern erreichen. Am Vormittag des letzten Kampagnentages fehlen „nur“ noch 600 Unterst├╝tzer – angeblich. Tats├Ąchlich fehlen tausende. Wie viele, wei├č die ├ľffentlichkeit nicht.┬áZuletzt wurde bekannt, dass „Gro├činvestoren“, pardon, Gro├čunterst├╝tzer das Projekt gepusht haben – ohne diese Hilfe w├Ąre man gescheitert. Wenn die Krautreporter nun jubeln und sich feiern lassen, man habe es geschafft, ist das die erste journalistische Falschinformation der ├ľffentlichkeit, die den Online-Journalismus ganz sicher nicht rettet.

Von Hardy Prothmann

Nun kommt es also so, wie ich es bereits vermutet habe. Nach einem fulminanten Start ging der Kampagne trotz einer enormen medialen Pr├Ąsenz fast die Luft aus. Bis vor drei Tagen war klar: Geht es in diesem Tempo weiter, sind die Krautreporter mit einer Kampagne eindeutig┬ágescheitert. Doch, oh Wunder, zum Ende klappt es doch noch.

Zum Endspurt entwickelt die Kampagne eine noch gr├Â├čere Dynamik als zu Beginn. Warum? Weil mit einem Male Gro├čunterst├╝tzer wie die Rudolf-Augstein-Stiftung einfach mal 1.000 „Zeichner-Anteile“ kauft und sie verschenkt. (Kann man das als Werbeausgabe abgsetzen?) Damit passiert genau das, was ich bef├╝rchtet habe: Das Prinzip des Crowdfunding wird nicht anerkannt – man verr├Ąt das Ziel, 15.000 eigenst├Ąndige Unterst├╝tzer zu erreichen, die 60 Euro im Jahr zahlen und durch ihre Vielzahl verhindern, das einzelne Einfluss aus├╝ben k├Ânnen.

Die berechtigte Frage ist: „Ist das so?“. Wenn die Rudolf-Augstein-Stiftung 60.000┬á50.000 Euro ausgibt, will sie keinen Einfluss aus├╝ben? Wenn andere mehrere hundert oder ebenfalls 1.000 und mehr „Anteile“ „kaufen“ – hat man dann tats├Ąchlich 15.000 Unterst├╝tzer oder eben nicht viel weniger? Werden Menschen, die einen „Zugang“ geschenkt bekommen, automatisch zu Unterst├╝tzern? Eher nicht.

Die M├Âglichkeit, gro├če Pakete von einzelnen kaufen zu lassen, hat die Crowdfunding-Idee im Kern manipuliert und damit den Anspruch der Krautreporter, unabh├Ąngigen und ehrlichen Journalismus ├╝ber die Leser finanzieren zu lassen. Wer behauptet, die Krautreporter h├Ątten es geschafft, 15.000 und mehr Unterst├╝tzer zu finden, behauptet glatt eine L├╝ge.

Die Kampagne h├Ątte auch zum Ziel haben k├Ânnen, 900.000 Euro einzusammeln. Hat sie aber nicht – entscheidend war die Zahl 15.000 und die wird nur „formal“, aber nicht in echt erreicht.

Repariert man so den Online-Journalismus, wie die Krautreporter vollmundig behaupten? Ist diese Kampagne tats├Ąchlich ein Beleg, dass man ├╝ber „die“ Leser ein journalistisches Projekt finanzieren kann? Wohl kaum.

├ťberhaupt – wer sind „die“ Leser, wer „die“ Unterst├╝tzer? Einen erheblichen Teil haben also Gro├čunterst├╝tzer wie die Rudolf-Augstein-Stiftung gezeichnet, dann gibt es viele Journalisten und andere Medienleute – mein Stream ist voll von Kollegen, die sich als Unterst├╝tzer anpreisen. Wie viele „echte“ Leser bleiben am Ende ├╝brig?┬áGegen 11 Uhr wurden┬á478 Seiten mit┬áje 25 Zeichner aufgelistet. Macht 11.950 Zeichner. Der Z├Ąhler zeigt 14.234. Differenz 2.284 Zeichner. Wie kommt es dazu? Entweder ist die Listung falsch oder der Z├Ąhler.

Das Projekt ist von vorne bis hinten konzeptionell schwach – ob Frauenquote, keine Redaktion, keine Inhalte oder vor allem Fragen zur Transparenz.

Ich bin einer von denen, die das Projekt durchg├Ąngig kritisiert haben – nicht, weil ich die Idee nicht gut finde und mich nat├╝rlich freuen w├╝rde, wenn es klappt, sondern weil ich die Umsetzung schlecht finde, sie ├╝berhaupt keine Anhaltspunkte liefert, wie andere den „Erfolg“ wiederholen k├Ânnten. Zudem habe ich als einziger mal durchgerechnet, was bei den Autoren unten ankommt, wenn sie ihre Arbeit gut machen. Mit viel Gl├╝ck schaffen Sie etwas mehr als den Mindestlohn pro Stunde. Das ist kein Vorbild f├╝r die Zukunft des Journalismus – und wenn das so w├Ąre, dann w├╝rde das hei├čen, dass selbst der ach-so-tolle-Journalismus-der-Journalismusreparierer f├╝r die Journalisten nicht mehr bringt, als einen Appel und ein Ei.

Die mentalen Unterst├╝tzer, die postings abgesetzt haben in Richtung wie: „Man muss doch was riskieren“, „Hauptsache gemault, statt was gemacht“ und „Lasst sie doch mal machen“ usw. sind „moralisch“ alle auf der richtigen Seite. Yes, we can ist die Vorlage, was draus geworden ist, kann man sich ja anschauen. Obama hat versagt.

Die Krautreporter erreichen zwar die Summe – wie das Projekt aber umgesetzt wird, ist noch vollkommen offen. Mal angenommen, sie┬áerfahren was von „Ungereimtheiten“ bei der Rudolf-Augstein-Stiftung – werden sie dar├╝ber berichten und wenn ja, wie? Durch die Annahme von Gro├čunterst├╝tzern haben sie die┬áselbst propagierte Unabh├Ąngigkeit bereits verraten. Moment – diese „Zeichnungen“ werden doch verschenkt, also kein Einfluss m├Âglich… Ja, bis n├Ąchstes Jahr, wenn die Unterst├╝tzer erneut das Projekt finanzieren sollen. Fehlen diese und erreicht man nicht genug neue, fehlt Geld, werden Artikel fehlen und es geht bergab.

In meiner Redaktion lernt jeder Mitarbeiter die Regel Nummer 1: Traue keinem! Beim Schlusspurt sah es vor drei Tagen noch schlecht aus. Pl├Âtzlich zogen die Zeichnungen an, dann sprunghaft, dann wurde bekannt, dass die Rudolf-Augstein-Stiftung 60.000 Euro einlegt. Und die Zahlen gingen in Richtung Ziellinie. Bis heute gibt es keine Antwort der Krautreporter, ob der Z├Ąhler nicht manipuliert werden kann, was mit Sicherheit anzunehmen ist. Und mal ehrlich: Wer w├Ąre moralisch integer genug, bei ein paar hundert fehlenden Unterst├╝tzern das Projekt scheitern zu lassen, wenn schon weiter ├╝ber 800.000 der 900.000 Euro zusammengekommen┬ásind? Wer? Nur die, f├╝r die Glaubw├╝rdigkeit alles ist.

Wenn die Krautreporter glaubw├╝rdig starten wollen, m├╝ssen Sie nachvollziehbar belegen, dass keine Manipulation stattgefunden hat. Denn wenn nur der leiseste Verdacht bleibt, dass man hier kein journalistisches Projekt macht, um den angeblich kaputten Online-Journalismus zu „reparieren“, sondern sich nur Geld zur Existenzsicherung oder als Extra zum Einkommen verschaffen wollen.

Phase eins ist besch├Ądigt bestanden, weil nur durch Manipulation das Ziel erreicht werden konnte. Mal schauen, was Phase zwei bringt.

Eine Erkenntnis ├╝ber „kaputten“ Journalismus hat die Kampagne aber gebracht – und zwar ├╝ber viele Journalisten, die jegliche Kritik gerne und willig ├╝bersehen haben, weil sie wollten, dass die Kampagne erfolgreich wird. Nur wenige haben recherchiert, nachgedacht oder nachgerechnet. Die Erkenntnis ist: Es gibt viel zu viele Journalisten, die einen kaputten Journalismus machen – sie lassen sich f├╝r Kampagnen instrumentalisieren und machen ihren Job nicht.

Das wusste ich allerdings schon vor dem Krautreporter-Projekt.

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├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.