Sonntag, 24. September 2017

Kommentar zu preisgekrönter „Reportage“: „Ein Schnitzel und viele Verlierer“

Heddesheim/Koblenz, 20. Mai 2011. Vor kurzem wurde dem Spiegel-Journalisten René Pfister der Henri-Nannen-Reportage-Preis aberkannt, weil der keine Reportage, sondern ein Porträt geschrieben hat. Naja – eigentlich, weil er in dem Porträt eine Situation schildert, die er nicht selbst erlebt hat.
Aktuell hat Rena Lehmann (Rhein-Zeitung) den „Theodor-Wolff-Preis“ für die beste Reportage in einer Tageszeitung erhalten. Leider ist ihr Text noch viel weniger auf „eigenes Erleben zurückzuführen“ und auch kein Porträt, sondern eher ein Protokoll. Ganz gewiss aber keine Reportage. Muss sie jetzt den Preis auch wieder hergeben? Oder ist ein solcher Text aus Sicht der Jury das „beste“, was Tageszeitungen so zu bieten haben?

Von Hardy Prothmann

Eigentlich hatte ich heute Abend was anderes vor – dann habe ich doch auf den Link geklickt und die preisgekrönte „Reportage“ von Frau Lehmann gelesen. Und leider konnte mich das Stück überhaupt nicht überzeugen und deshalb habe ich ein wenig zum Text recherchiert und nachgedacht.

Herausgekommen ist ein Kommentar auf Facebook zu einem Eintrag von RZ-Chefredakteur Christian Lindner:

Große Freude bei der RZ:

Unsere Kollegin Rena Lehmann (33) erhält den Theodor-Wolff-Preis – einen der renommiertesten Journalistenpreise in Deutschland.

Der Kommentar ist ein runter geschriebener Kommentar und kein geschliffener Bericht (Tippfehler bitte überlesen). Viele Frage werden aufgeworfen – für meinen Geschmack zu viele, um den „preisgekrönten“ Text von Frau Lehmann wirklich als solchen zu werten.

Die Rhein-Zeitung wird sich vermutlich nicht dazu äußern – abducken und aussitzen erwarte ich als Reaktion. Wenn nicht, bin ich gespannt, was als Reaktion kommen wird. Vorsorglich, damit es ein wenig spannender wird, schicke in den Link mal an die Jury.

Wer mag, klickt auch auf die Links und macht sich seine eigenen Gedanken. Have fun 😉 Vor der Lektüre des Kommentars sollte man den Text lesen, dann wird es besser nachvollziehbar: http://www.rhein-zeitung.de/cms_media/module_ob/0/351_1_einschnitzelundvieleverlierer.pdf

Ich hätte gerne auch gratuliert, tatsächlich weiß ich aber nicht, warum ich oder jemand anderes das sollte.

Was an diesem Text ist „preiswürdig“? Er schildert eine „eskalierende Geschichte“. Eine besondere journalistische Leistung kann ich nicht erkennen. Gespräch mit der Lehrerin, dem Rektor, einer Schulrätin, einer Türkin.
Alle äußern sich – auch hier gibt es keine Barrieren zu überwinden.

Im Text muss man allerdings die Schwierigkeit überwinden, die zeitlichen Abläufe zu verstehen, weil in der Zeitachse gesprungen wird und keine exakte Einordnung gegeben wird.
Beispielsweise: „Seit diesem 25. Februar unterrichtet Ursula Emde nicht mehr an der Schule.“ Der Satz lässt vermuten, dass eine sofortige Reaktion eingetreten ist. Die kam aber erst vier Tage später.

Die entscheidende Frage steckt in der Bildunterschrift zu Frau Emde – „Opfer oder Provokateurin?“ – doch die wird nicht beantwortet.

Weitere wichtige Fragen, wieso der Schulleiter (hier wieder das Zeitproblem – ich vermute, dass die türkischen Eltern um 10 Uhr in der Schule waren, um 11:15 Uhr tritt die Lehrerin den Dienst an, der Rektor führte also ein Gespräch, hatte kaum Zeit, nachzudenken und sich zu beraten) sofort einen Personlrat zum Gespräch mit Frau Emde dazuholt, deutet daraufhin, dass das Verhältnis vorher schon belastet war.

Später im Text heißt es, das Verhältnis zwischen Schule und der Lehrerin sein nach Auskunft des Schulamts zerrüttet – wieso, weshalb, warum steht nirgendwo im Text.
Frau Emde ist seit 1. März 2010 krankgeschrieben (habe ich recherchiert, steht nicht im Text) und ward an der Schule nicht mehr gesehen.

Zu den Zeitachsen: Der Vorfall wird erzählt, dann werden aus der Krankschreibung Wochen, dann ein halbes Jahr. Zwei Monate später wird der Vorfall doch „öffentlich“, also acht Monate später? Nein, wahrscheinlich zwei Monate später, denn Udo Ulfkotte berichtet – naja, irgendwann, vermutlich Ende Mai, denn im Juni kommt RTL. Der Bericht kommt erst im Oktober. Dann zieht „Bild online“ nach – in der Reportage wird aber die „Bild“ in Verbindung mit dem Schulhof gezeigt.
Auch die Einstiegsmeinungsäußerung: „Alles lief aus dem Ruder, obwohl anscheinend alle Beteiligten alles besonders richtig machen wollten. Oder gerade deswegen“, erscheint mir gewagt als These.

Ich hatte eher den Eindruck, dass es nicht um „richtig machen“ ging, sondern wie vermutet, schon Probleme da waren und man nun eine Lösung suchte, die auch eingetreten ist: „Der Vertreter des Personalrats wird in Waschows Protokoll mit den Worten zitiert: „Ulla, Du musst dir überlegen, ob du den Druck des Klärungsprozesses aushalten kannst oder ob du nicht lieber um Versetzung bitten willst.“

Aha – der Personalrat setzt sich also nicht für die Lehrerin ein, sondern empfiehlt eine Versetzung? Der Personalrat wird nicht mit eigener Aussage, sondern nur übers Protokoll des Rektors zitiert.

(Vermutlich wurde nach dem Erscheinen der Reportage doch noch mal nachgefragt, denn in einem „Archivtext“ vom 15.03.11 bezieht man sich auf einen Bericht vom 15. November, in dem ein Personalrat gesagt haben soll, dass der Rektor „unverhältnismäßig“ reagiert haben soll.
http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-Schulbehoerde-nimmt-Schulleiter-im-Schnitzel-Streit-in-Schutz-_arid,168867.html

Vermutlich am 15.11.2010 ist dieser Bericht erschienen, der sich detaillierter mit dem „Schulwechsel befasst“ – waren diese Informationen erst jetzt bekannt? Und am Ende heißt es, Frau Emke werde im Februar in Pension gehen (tatsächlich in Altersteilzeit) Hier wird „festgestellt“, Frau Emke habe sich immer tadellos verhalten – warum wird nicht nochmals auf die Aussagen der türkischen Eltern eingegangen, die ein anderes Bild zeigen?
http://www.rhein-zeitung.de/regionales_artikel,-%E2%80%9ESchnitzel-Fall%E2%80%9C-Gespraechsprotokoll-belastet-Rektor-_arid,163731.html#articletop)

Ob diese „Lösung“ nun „richtig“ ist oder nicht, steht nicht im Text, also, ob Frau Emke ein Opfer ist oder eine Provokateurin.

Auch der Aspekt, dass die türkischen Eltern diese Eskalation nicht wollten, kommt mir zu kurz. Ich kann nicht erkennen, dass das ausrecherchiert worden ist.

Kann das sein? Nachdem die Eltern „ausländerproblematische“ Sprüche der Lehrerin zitiert haben? Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass die Lehrerin schon häufiger aufgefallen ist, das aber „ignoriert“ worden war?

Warum hat die Reporterin niemanden gefragt, warum nicht der naheliegendste aller Gedanken geäußert worden ist? „Frau Emke, entschuldigen Sie sich bitte persönlich für das Versehen bei den Eltern.“

Stattdessen werden fahrlässige Gleichsetzungen vorgenommen: 100 „diffamierende emails“ werden einen Absatz weiter mit „Drohbriefen“ aus der „rechten Szene“ gleich gesetzt. Vorturteile gegen Ausländer oder gar eine latente Ausländerfeindlichkeit ist nicht gleich „rechte Szene“.
So wird mindestens die Gruppe aller nicht-türkischen Eltern von Kindern dieser Schule „diffamiert“.

Hat die Autorin diese emails gesehen oder verlässt sie sich auf die Schilderung des Rektors? Wenn sie sie gesehen hat, warum gibt es nicht ein Zitat daraus – wenigstens andeutungsweise?
Und die Drohbriefe – kamen die als Briefe oder als email?
Waren die Absender anonym oder nicht?

Jeder, der sich mit solchen Reaktionen auskennt, prüft das, um zu erkennen, ob wirklich „100“ Menschen ebensoviele email geschrieben haben oder nur wenige.
Und was ist mit der Angst der türkischen Mutter? Woher kommt die? Hat sie auch „Drohbriefe“ erhalten? Der Text sagt dazu nichts.

„Tatsächlich hat es nie eine Suspendierung der Lehrerin vom Dienst gegeben“, erscheint im Anschluss an die Ängster der Türikin. Natürlich hat es keine Suspendierung gegeben, denn Frau Emke war „frei gestellt“, wie die Autorin geschrieben hat und dann „erkrankt“. Das geht es nicht so einfach mit einer Suspendierung – schon gar nicht so kurz vor der Rente, die vermutlich im Februar 2011 war. Steht so nicht im Text.

Eine ebenfalls naheliegende Frage, wie es denn überhaupt zu der „Verwechslung“ gekommen sein kann, wird überhaupt nicht behandelt. Und das bei einer Lehrerin, die seit 18 Jahren an dieser Schule ist? Und sicher auch schon einige Jahre muslimische Kinder unterrichtet und wissen sollte, dass es für die kein Schweinefleisch gibt.
Kann man das „aus Versehen“ verwechseln? Gab’s an diesem Tag das erste mal „Schnitzel“?

Unlängst hat ein Spiegel-Reporter den Nannen-Preis abgenommen bekommen, weil er keine Reportage geschrieben hat, dafür aber ein ganz gutes Porträt.

Ich kann nicht erkennen, dass Frau Lehmann eine Reportage geschrieben hat, sondern sehe eher ein Protokoll, das leider handwerkliche und inhaltliche Fehler hat und viele Fragen offen lässt.

Trotzdem ist der Text um einiges besser als das, was man sonst in „Qualitätstageszeitungen“ so vorgesetzt bekommt.
Wenn dieser Text aber als herausragende „Reportage“ mit dem „wichtigsten“ Tageszeitungspreis bedacht wird, dann frage ich mich, was der Rest der deutschen Tagespresse dem Leser erst für ein Kantinenfraß vorsetzen muss. Die tägliche Bratwurst ist ja nur ein Standard.

Nichts für ungut, Frau Lehmann, ich kenne Sie nicht und will Ihnen nichts böses – der RZ bin ich bekanntermaßen kritisch-freundlich verbunden. Deswegen schreibe ich auch meine Meinung auf.

Und Herr Chefredakteur Lindner – die größte Kritik gilt immer dem Chef – Sie oder der Textchef, falls Ihr noch sowas habt, hätten die handwerklichen Fehler erkennen und relativ leicht beheben können.

P.S.
Noch ein Hinweis – im offenen Brief des Rektor steht, er habe erst am 1. März von dem Vorfall erfahren, „also vier Tage danach“ – laut „Reportage“ kamen die ersten Anrufe aber am folgenden Tag: „Im Laufe des Nachmittags melden sich weitere „erboste türkische Eltern“ beim Schulleiter, wie dieser später zu Protokoll gibt. Dann ist Wochenende.“
Lügt also der Schulleiter oder ist die Information in der Reportage falsch? – Immerhin ist der offene Brief mit Datum vom 19. Oktober 2010 verfasst.

In der Reportage fehlt ebenfalls der Hinweis:
„In der letzten Woche nahm auch Frau Anke Schneider-Hüsch in der Rheinzeitung Stellung zu dem Vorfall an unserer Schule. Leider hat Frau Schneider-Hüsch in diesem Beitrag nicht erwähnt, dass sie einerseits Mutter eines Kindes unserer Schule, andererseits aber auch juristische Mitarbeiterin in der Anwaltskanzlei Emde in Betzdorf ist. Aus eben dieser beruflichen Position heraus ist sie auch in dem genannten Gespräch vom 2. März 2010 als „Vertraute“ der Kollegin aufgetreten.“
http://www.rhein-zeitung.de/regionales/altenkirchen-betzdorf_artikel,-Der-Rektor-der-Christophorus-Grundschule-wehrt-sich-gegen-Vorwuerfe-_arid,151586_arpage,5.html#articletop

P.S.S.
Auch interessant – für die RZ war der „Schnitzelfall“ längst erledigt, wie man hier vom 17.10.2010 nachlesen kann:
http://www.rhein-zeitung.de/regionales/altenkirchen-betzdorf_artikel,-Lehrerin-Rektor-war-nicht-souveraen-_arid,149209.html
Und am 18.10.2010 legt die RZ nah: „Vom Schnitzelkrieg, der keiner ist“
http://www.rhein-zeitung.de/regionales/altenkirchen-betzdorf_artikel,-Vom-Schnitzelkrieg-der-keiner-ist-_arid,149185.html

Auch in disem Kontext betrachtet, erscheint die „Reportage“ drei Wochen nach dieser redaktionellen Einschätzung eher fragwürdig. Warum legte man nochmals nach? Um die „Empörungswelle“ zu reiten oder tatsächlich „aufzuklären“?

Hier noch der Link zur Reportage als PDF, dann muss man sich nicht durch einen auf fünf Seiten geteilten Artikel klicken:
http://www.rhein-zeitung.de/cms_media/module_ob/0/351_1_einschnitzelundvieleverlierer.pdf
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Und eine Frage an die RZ:
Unter dem Text heißt es Der ganze Betzdorfer „Schnitzel-Krieg“ im RZ-Archiv – tatsächlich umfasst der Link nicht alle Artikel:
http://ku-rz.de/m5b
Sucht man hingegen nach „Christophorus“ kann man sich datumsweise zurückklicken und findet dann die oben zusätzlich verlinkten Texte. Sollten die nicht gefunden werden?
http://www.rhein-zeitung.de/index.php?cosearch=Christophorus&costart=11&pageid=191

Nach dem Motto: „Das wird man ja wohl noch fragen dürfen“, habe ich mich beim BdZV erkundigt, was die Jury von meinen Zweifeln hält:

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor kurzem wurde einem Spiegel-Journalisten der Nannen-Preis aberkannt, weil er den Preis für eine Reportage erhalten hat, die keine ist.

Eine RZ-Redakteurin hat aktuell den TWP erhalten, für einen Text, der mit ziemlicher Sicherheit keine Reportage ist.

Anbei sende ich Ihnen einen Hinweis, warum ich Zweifel habe, dass es sich bei diesem Text um eine preiswürdige Reportage halte, bitte um Prüfung und Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Hardy Prothmann

http://www.geprothmannt.de/2011/05/20/kommentar-zur-preisgekronten-reportage-ein-schnitzel-und-viele-verlierer/

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  • hans-Joachim Fuhrmann

    Sehr geehrter Herr Prothmann,

    ich danke für die kritische Auseinandersetzung zur Vergabe des Theodor Wolff Preises. Kritik ist wichtig, doch sie sollte auch standhalten. Deshalb erlauben Sie mir einige Korrekturen an Ihrer Recherchearbeit: Meines Wissens ist Herrn Pfister der Nannen-Preis nicht aberkannt worden, weil er vermeintlich eine Reportage geschrieben hat. Bei der Juryentscheidung ging es um ganz andere Sachverhalte, die ohne großen Rechercheaufwand nachzulesen sind.
    Die Arbeit von Frau Lehmann ist übrigens – entgegen Ihrer Darstellung – überhaupt nicht als Reportage bewertet worden. Mit ein wenig Rechercheaufwand wäre Ihnen aufgefallen, dass unsere Jury überhaupt keine Darstellungsformen prämiert, sondern der Theodor-Wolff-Preis in den Kategorien „Lokales“, „Allgemeines“
    und „Kommentar/Essay“ vergeben wird. Frau Lehmann ist in der Kategorie „Lokales“ ausgezeichnet worden. Die Jury befand, dass die präzise und spannend geschriebene Arbeit ein brillantes Beispiel dafür ist, wie große gesellschaftliche Themen in die lokale Lebenswelt heruntergebrochen werden können. Mit professioneller Distanz beschreibt sie, wie sich die Schnitzel-Affäre zu einer Tragödie entwickelt.Die Vorgänge sind aus Sicht der Jury sorgfältig recherchiert und präzise und spannend erzählt.
    Vor diesem Hintergrund finde ich Ihre Darstellung wenig glücklich. Sie vermischen – offensichtlich in Unkenntnis – Sachverhalte, die in keinem Zusammenhang stehen und versuchen mit aller Kraft ein brillantes Stück Zeitungsjournalismus schlecht zu machen. Wohlgemerkt: Kritik ist gut; sie sollte allerdings klug und differenziert sein. Und sie sollte auf einer guten Recherche aufsetzen.

    Mit besten Grüßen

    Hans-Joachim Fuhrmann, Geschäftsführer Kuratorium Thedor-Wolff-Preis

    • pro

      Sehr geehrter Herr Fuhrmann,

      danke für Ihre Antwort und Ihre „Korrekturen“.

      Eventuell sollten Sie Ihr Wissen auf den Stand bringen – die Preisaberkennung wurde so begründet:

      „Nach der Jury-Entscheidung wurde durch eigene Bekundung Pfisters bekannt, dass die Eingangspassage der preisgekrönten Reportage, eine detaillierte Schilderung von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses, entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors beruht. Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.“

      Die Aberkennung bezieht sich auf nicht-eingehaltene „Regeln“ für eine Reportage – die aber, wie viele Kollegen mittlerweile festgestellt haben, keine solche ist, sondern ein Porträt.

      Was den Theodor-Wolff-Preis angeht, darf ich Sie auf die Eigenbeschreibung des BDZV hinweisen und Ihre eigene „Unkenntnis“:

      „Der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis gilt als das Gütesiegel für Qualitätsjournalismus – und ist die renommierteste Auszeichnung, die die Branche an Zeitungsjournalisten zu vergeben hat. Mit dem Preis würdigt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) jährlich die besten Essays, Kommentare und Reportagen.“

      Der Text von Frau Lehmann ist sicher kein Essay und kein Kommentar – bleibt also nur die Reportage.

      Der Arbeitgeber von Frau Lehmann, die Rhein-Zeitung in Koblenz, nennt den Text selbst eine „Reportage“:

      RZ-REPORTAGE: Ein Schnitzel und viele Verlierer

      Ihre Kaprizierung auf „Lokales“ ist, mit Verlaub – peinlich. Ist „Lokales“ aus Ihrer Sicht eine „Textgattung“?

      Im Gegensatz zur Jury bin ich von der Präzision, Sorgfalt und Spannung des Textes nicht überzeugt – die Gründe habe ich oben im Artikel dargelegt.

      Ich erlaube mir, Sie eine wenig angepasst zu zitieren:

      „Vor diesem Hintergrund finde ich Ihre Einlassung wenig glücklich. Sie, der BDZV, die Rhein-Zeitung vermischen – offensichtlich in Unkenntnis – Sachverhalte, die in keinem Zusammenhang stehen und versuchen mit aller Kraft ein fragliches Stück Zeitungsjournalismus brillant zu machen.

      Wohlgemerkt: Kritik ist gut; sie sollte allerdings klug und differenziert sein. Und Sie sollte auf einer guten Recherche aufsetzen.“

      Herr Fuhrmann, Ihren Hinweis, dass Sie mich für unklug oder sogar dumm halten und mir ein bösartiges „schlecht machen“ vorwerfen, habe ich selbstverständlich verstanden.

      Blöd nur, dass „ohne großen Rechercheaufwand“ Ihre Darstellung doch einige Zweifel aufkommen lässt, ob Sie als Geschäftsführer „Kuratorium Theodor-Wolff-Preis“ eigentlich wissen, was der Preis prämiert. Sicher – es gibt die Bereiche Lokales, Allgemeines und Kommentar/Essay. In diesen Bereichen würdigt der Preis aber laut Selbstbeschreibung die Stilformen Essay, Kommentar und Reportage.

      Natürlich kann das auch anders sein – dann macht aber der BDZV unwahre Angaben und täuscht die Menschen, die sich über den Preis informieren wollen.

      Mir eine „Unkenntnis“ vorzuwerfen ist deshalb eine Unverschämtheit – aber eine, mit der ich gerechnet habe. Wenn jemand auf einem so hohen Ross sitzt, wie Sie das augenscheinlich tun, ist eine entsprechende Reaktion zu erwarten.

      Vielleicht überarbeiten Sie einfach mal den Text „Allgemeines zum Preis“. Und vielleicht nehmen Sie und Ihre Kollegen sich die Zeit, sich meine umfangreichen Anmerkungen zum „Lokales“ anzuschauen – ich bin mir nämlich sehr sicher, dass sich niemand in der Jury diese Arbeit gemacht hat.

      Warum auch? Preise sind da, um verliehen zu werden und im Fall des Theordor-Wolff-Preises feiern die Zeitungen sich selbst.

      Ihre Unterstellung, ich wollte jemanden oder dessen Arbeit „mit aller Kraft“ schlecht machen, entspricht ebenfalls meiner Erwartungshaltung, wie der BDZV Behauptungen in die Welt setzt.

      Haben Sie meine Motive hinterfragt? Haben Sie einen Beleg für Ihre ehrabschneidende Behauptung? Oder schwadronieren Sie einfach nur so vor sich hin, wie das allgemein üblich geworden ist, im „brillanten“ Zeitungsjournalismus?

      Sie finden nirgendwo in meinen Einlassungen einen Beleg für diese absurde Behauptung, ganz im Gegenteil:

      „Nichts für ungut, Frau Lehmann, ich kenne Sie nicht und will Ihnen nichts böses – der RZ bin ich bekanntermaßen kritisch-freundlich verbunden. Deswegen schreibe ich auch meine Meinung auf.“

      Vielleicht hätten Sie meinen Text besser mal lesen sollen.

      Ich kenne Frau Lehmann nicht und halte den Text übrigens für gar nicht mal so schlecht – er ist mit Sicherheit besser als der übliche Bratwurstjournalismus.

      Im Fokus der Kritik, das haben Sie leider nicht verstanden, Herr Fuhrmann, stehen der BDZV und die Jury des Theodor-Wolff-Preises und deren Selbstgefälligkeit.

      Wenn Sie clever aufgepasst haben, verstehen Sie nun auch, warum ich das mit dem Nannen-Preis in Verbindung gebracht habe – in beiden Fällen muss man die Qualität der Jury in Frage stellen. Eine Jury, die ein Porträt als Reportage prämiert ist nämlich mehr als peinlich. Eine Jury und ein Verband, der Textgattungen prämiert, sich dann aber nicht festlegen will, ist, naja, auch peinlich.

      Zu Ihrer Beruhigung darf ich anmerken, dass dies wohl auf ziemlich viele Jurys zutrifft.

      Und ganz ehrlich, Herr Fuhrmann? Kritik heißt, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Ich kann leider nicht erkennen, dass meine Einlassung bei Ihnen eine solche Reaktion hervorgerufen hat – sonst hätten Sie sich inhaltlich zu der ein oder anderen aufgeworfenen Frage äußern können. Sie bleiben aber lieber pauschal – eine typische Reaktion, wenn Argumente fehlen.

      Und Kritik nutzt immer das wunderbare Instrument der Frage – Sie hingegen haben alle Antworten schon und zeigen damit nur, wie Sie Ihre Aussage zur „Kritik“ ad absurdum führen.

      Achja, was eine „gute Recherche“ angeht: Die ist mir brillant gelungen, wie ich finde, indem ich mit einer kleinen Vorarbeit eine exklusive Stellungnahme Ihrerseits erreicht habe, die ganz wunderbar die Fragwürdigkeit Ihrer Haltung und die des BDZV aufzeigt.

      Nichts für ungut 😉

      Beste Grüße
      Hardy Prothmann

  • Moped City

    Uff, nix für Ungut, Herr Prothmann. Ich habe mir gerade ihre Kritik an dem Text und die weiteren „Argumente“ durchgelesen. Ich kenne Frau Lehmann auch nicht, aber ihr Text ist, nachdem ich ihn gerade ebenfalls gelesen habe, echt richtig klasse. Ich wäre richtig happy, wenn meine Lokalzeitung mir sowas zumindest einmal im Jahr präsentieren würde (wohne in Niedersachsen, da haben die regionalen Tageszeitungen wirklich überhaupt keine Qualität mehr).

    Gerade deshalb finde ich es so eigenwillig, dass sie da jetzt so mit Pauken und Trompeten auf dieses wirklich richtig gute Feauture – denn das ist es, was Frau Lehmann da geschrieben hat – vollkommen unqualifiziert eindreschen. Das wirklich Doofe ihres Vorgehens ist, dass allgemein bei regionalen Tageszeitungen wirklich ein unfassbarer Qualitätsverlust zu konstatieren ist, weswegen ihre Kritik an der Arbeitsweise der Journalisten generell absolut sinnvoll ist – nur in diesem spezifischen Fall eben so was von überhaupt nicht. So machen Sie sich, Herr Prothmann, selber absolut unglaubwürdig und ich als Unbeteiligter frage mich: warum läuft der Mann so Verbalamok wegen Nichts? Sorry, aber ich hatte bisher den Eindruck, ihre Kritik am (Journalismus)System ist relevant. Ihr Vorgehen in diesem Fall finde ich eigenwillig befremdlich. Relevante Argumente lese ich bei Ihnen nicht, sondern peinliche Rechtfertigungen für ihr eigenwilliges Agieren. Haben Sie etwas gegen diese Autorin?

    Also, dokumentieren sie doch mal, dass sie Mensch sind und eben auch mal Fehler machen, kontakieren sie diese Frau Lehmann (klingt irgendwie eher wie ein Pseudonym), entschuldigen sich für diese wirklich dusseligen Vorwürfe ihrerseits und beglückwünschen sie zu dem, was leider in deutschen Regionalblättern eine absolute Rarität geworden ist: einem gut recherchierten, sehr hintergründigen und sprachlich absolut feinem Feature.

    Und dann machen sie doch bitte wieder das, weswegen mich ihre Beiträge bisher immer interessiert haben: wirkliche Fehlleistungen im System Journalismus zu benennen. Die gibt es nämlich leider zuhauf.

    Grüße!