Sonntag, 24. September 2017

„Internetsucht“: Panikmache statt Information


Rhein-Neckar, 27. September 2011. (red) Eine Studie der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, sorgt fĂŒr Diskussion. Angeblich gibt es in Deutschland 560.000 InternetsĂŒchtige, behauptet die Studie. Das Problem: Internetsucht ist nicht definiert – wie kann man dann also von InternetsĂŒchtigen sprechen? Die Probleme liegen vermutlich woanders – doch das sollen solche Studien nicht thematisieren.

Von Hardy Prothmann

Angeblich sind rund ein Prozent der Bevölkerung zwischen 14 und 64 Jahren oder 2,6 Prozent der 14-24-jĂ€hrigen internetsĂŒchtig. Dabei gibt es keine verbindliche Definition des Begriffs „Internetsucht“. Und Krankenkassen erkennen diese „Sucht“ nicht als Krankheit an. Es gibt kaum Behandlungsmethoden und wenn, sind es eher klassische aus der Verhaltenstherapie.

Fest steht: Es handelt sich, wenn ĂŒberhaupt, nicht um eine „stoffliche“ Sucht wie bei Alkohol, Zigaretten oder anderen Drogen. Sondern wenn, um eine psychologische. Fraglich ist aber, was fĂŒr diese „Sucht“ verantwortlich ist: Der Umgang mit dem Internet selbst oder werden hier nur vorhandene psychische Störungen verstĂ€rkt oder kommen weitere hinzu?

Das Problem mit solchen Studien, aus denen man schlagwortartig zitieren und vor allem Vorturteile bedienen kann, ist immer dasselbe: Man muss zweimal hinschauen und sieht dann meistens besser. Befragt wurden 15.000 Personen. Die Antwortdaten werden mitteinander in Beziehung gesetzt. Und in Verbindung mit Definitionen schließt man dann die Ergebnisse.

Bei der Computerfachzeitschrift c`t ist zu lesen:

„Wir vermuten, dass MĂ€dchen und junge Frauen besonders empfĂ€nglich sind fĂŒr die BestĂ€tigungen, die man in sozialen Netzwerken findet, und dadurch auch eher eine AbhĂ€ngigkeit entwickeln können“, erklĂ€rte Hans-JĂŒrgen Rumpf von der UniversitĂ€t LĂŒbeck. „Das genaue Ausmaß dieser Störungen können wir aber erst in vertiefenden Befragungen untersuchen.“

Es wird also „vermutet“, genaue Informationen hat man nicht. Sehr viel genauere Informationen gibt es zum Thema Alkohol, hier ein Auszug aus wikipedia:

„Das durchschnittliche Alter des Erstkonsums liegt bei etwa 14 Jahren und liegt somit deutlich niedriger als der Erstkonsum von Tabak. Das Durchschnittsalter fĂŒr den ersten Alkoholrausch liegt bei 15,5 Jahren. Im Jahr 2004 gaben zehn Prozent der Befragten 12- bis 15-JĂ€hrigen an, in den letzten drei Monaten mindestens einen Alkoholrausch gehabt zu haben. Bei den 16- bis 19-JĂ€hrigen waren es 30 Prozent.“

Soviel steht aber fest: Vor allem in der politischen Klasse ist die Skepsis gegenĂŒber dem Internet groß. Sie wird als Bedrohung empfunden, teils mit pathologisch-anmutenden ZĂŒgen, wenn man sich Forderungen wie die des CDU-Politikers Siegfried Kauder anschaut. Der Mann fordert „Internetsperren“ – also so eine Art „kalten Entzug“ fĂŒr Jugendliche, die illegal im Netz Daten tauschen.

Die Deutschen hören tĂ€glich fast vier Stunden Radio – sind sie deshalb radiosĂŒchtig? Gut drei Stunden wird im Schnitt TV gesehen, telefoniert wird ebenfalls stundenlang. Psychisch instabile Menschen suchen sich alles mögliche, mit dem sie ihre Störungen ausleben. Also auch Fernsehen oder Telefon oder andere Dingen wie Essen und Schokolade.

Macht ein Mensch mehrere Stunden Sport am Tag, dann gilt das als bewunderswert und löblich – ob diese Person auch „Probleme“ hat und Sport als Kompensation einsetzt, wird nicht nachgefragt. Auch nicht, inwieweit der Sport Ursache oder nur VerstĂ€rker ist.

Ist jemand, der tĂ€glich stundenlang Musik hört und darĂŒber seine Hausaufgaben und andere Dinge vergisst, dann „musiksĂŒchtig“ oder „stereoanlagensĂŒchtig“? Wohl kaum. Als pubertierende Mensch macht man vermutlich eine Phase durch oder man ist Musikliebhaber. WĂ€re der Musikkonsum aber so umfassend, dass man auffĂ€llig „nichts mehr auf die Reihe bekommt“, dann sollte man sich Hilfe suchen.

Das Handy ist das meistgenutzte Medium bei jungen Menschen - sicherh auch missbrĂ€ulich. Man darf also gerne auf die Schlagzeile warten: "xxx Menschen in Deutchland handysĂŒchtig"

TatsĂ€chlich dĂŒrfte allgemein bekannt sein, dass die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen PubertĂ€t und charakterlichen Festigung mitunter, sagen wir mal, enormen Schwankungen unterworfen ist. Und es gibt viele Einflussquellen.

AuffĂ€llig ist aber, dass psychische Probleme schon bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. Die „Leistungsgesellschaft“ erzeugt Druck, der Stress und wer damit nicht umgehen kann, wird frĂŒher oder spĂ€ter krank. Nicht umsonst ist das Burn-Out-Syndrom auf dem Vormarsch – auch bei Kindern. Schon in der Grundschule hat fast jedes dritte Kind Nachhilfe-Unterricht, im Gymnasium weit mehr als die HĂ€lfte.

Auch Kinder und Jugendliche sind dem Druck ausgesetzt. Als soziale Wesen wollen sie auch Freunde treffen. Durch Ganztagesschule, Sport und Hobby bleibt dafĂŒr zu „normalen“ Zeiten eben wenig Zeit. Wer dann abends noch ein wenig in Facebook oder SchĂŒlerVZ Freunde trifft, trifft sie wenigstens dort. Und sicher vergeht die Zeit oft wie im Flug – frĂŒher glotzten Kinder, heute sind sie online.

Alle Eltern kennen diese Probleme: Den Kindern das richtige Maß beizubringen. Wer etwas anderes behauptet, lĂŒgt. Kinder sind neugierig und es gibt im Internet viel mehr zu entdecken als im Fernsehen oder in einer Zeitung. Also ist das Internet interessanter, verlockender. Und es vereinigt andere Medien in sich. Die meisten Jugendlichen hören keine CDs mehr vom „Walk-man“, sondern MP3-Files ĂŒber ihr Handy.

Auch in der Arbeitswelt verĂ€ndern sich Mediennutzungen: Als Journalist war Anfang der 90er Jahre das Telefon ein HauptarbeitsgerĂ€t. TĂ€glich mehrere Stunden mit Telefonaten zu verbringen, war „normal“. Heute hat sich ein Großteil dieser Kommunikation aufs Internet verlagert. Informationen werden per email angefragt, zwischendrin wird gechattet, bei Facebook, Google+ oder anderen Netzwerken.

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Ganz sicher finden gefĂ€hrdete Menschen mit dem Internet ein Medium vor, dass sĂŒchtig machen kann. Immer dann, wenn der Gebrauch oder das Verhalten auffĂ€llig sind, ist vor allem das Umfeld der Menschen gefragt.

Alle Studien, die ich als Journalist kenne, zeigen aber auch eins: Das Handy ist das Medium Nummer 1 bei den 14-24-jĂ€hrigen. Doch kenne ich keine Studie, die eine Handysucht behauptet. Warum nicht? Weil telefonieren als „normal“ gilt.

Dabei dienen die Handys vielen Zwecken. Sie sind Statussymbol, es wird damit gespielt, es wird sogar telefoniert. Und immer hĂ€ufiger sind Jugendliche und andere damit online. Das ist so, als wenn ein Radio lĂ€uft. Im Unterschied zu den alten Medien kann man aber auch aktiv das Internet mit eigenen Inhalten selbst bestĂŒcken. Das ist ein großer Vorteil, denn so wird Kommunikation gefördert.

Leider mangelt es bei vielen Menschen an Medienkompetenz. In der Schule wissen schon GrundschĂŒler besser ĂŒber das Internet Bescheid als ihre Lehrer. Dabei wĂ€re gerade bei Lehrern mehr Medienkompetenz wichtig, damit diese wissen, was gut und was nicht gut fĂŒr Kinder ist.

Wer sich in den „klassischen“ Medien ĂŒber das Internet informiert, sollte vorsichtig sein. Das Internet wird hier noch oft als Konkurrenz wahrgenommen und dementsprechend voreingenommen ist die Haltung. Also wird vornehmlich negativ berichtet.

Die positiven Aspekte können sich Eltern, die nicht Bescheid wissen, gerne von ihren Kindern erklĂ€ren lassen – die meisten werden sich gut damit auskennen und Eltern sollten Vorbild sein. Dazu gehört auch, Lernbereitschaft nicht nur zu fordern, sondern auch selbst lernwillig zu sein.

Service:

PINTA-Studie

JIM-Studie des MedienpĂ€dagogischen Forschungsverbunds SĂŒdwest

Media-Perspektiven

Tagesschau-Interview mit der Journalistin Kathrin Passig

Standardsituationen der Technologiekritik

Computersuchthilfe

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