Montag, 26. Juni 2017

Persönliches Statement zur Kaltstellung von Christian Lindner

In einem Stall voller Hyänen ist man besser aufgehoben als im Kreis deutscher Zeitungschefredakteure

Mannheim/Koblenz, 15. April 2017. (red/pro) Ende März musste Christian Lindner die Rhein-Zeitung verlassen. Bis heute ist nicht wirklich klar, warum, wieso, weshalb. Klar ist etwas anderes – während sich Medien gerne über Angriffe auf die Pressefreiheit anderswo echauffieren, bleibt dieser Abgang merkwürdig unöffentlich. Bis auf wenige Branchendienste ist das Thema keins.

Von Hardy Prothmann

Um das gleich klar zu stellen: Christian Lindner und ich sind keine Freunde. Wir hatten immer ein kollegiales und oft ein angespanntes Verhältnis zur Sache Journalismus. Der Moment, als ich Christian Lindner außerordentlich schätzen lernte, liegt einige Jahre zurück.

Wir hatten uns auf Facebook mit Kommentaren gekappelt, dann meldete er sich im Chat und fragte, ob ich nicht nach Koblenz kommen wollte, um seinen Regionalleitern mal zu erklären, was ich so mache. Wir haben die Bedingungen diskutiert, ein Honorar vereinbart und der Termin fand statt.

Ich möchte, dass Sie meinen Leuten klar machen, wer Sie sind und was Sie sind und was das für uns bedeutet. Sollten Sie jemandem Angst machen, ist das so. Erzählen Sie, was Sie machen und wie Sie das machen. Helfen Sie mir, meine Leute aufzuwecken.

Das ist eine sinngemäßes Zitat und von Herrn Lindner so nicht geäußert worden. Ich habe den Job gerne gegen gutes Honorar erledigt. Die Hälfte seiner Leute war interessiert, die andere Hälfte teils aggressiv nicht erreichbar.

Das beschreibt den Zustand der Branche sehr gut. Später waren Herr Lindner und ich beim Hessischen Rundfunk zusammen auf einem Podium zum Thema Online-Journalismus. Auf die Frage der Moderatorin, was er tun würde, wenn ein Prothmann in seinem Gebiet aufschlagen würde, meinte er:

Ich würde ihn aufkaufen wollen. Der Preis ist Verhandlungssache, aber wert.

Auch das ist kein wörtliches Zitat – ich erinnere mich.

Christian Lindner war der mutigste Chefredakteur einer Regionalzeitung in Deutschland, weil er sich konsequent um Digitalisierung gekümmert hat und als Erster konsequent „abgeschlossen“ hat, was den kostenpflichtigen Zugang zu digitalen Inhalten angeht.

Dafür verdient Herr Lindner eine Tapferkeitsmedaille.

 

Christian Lindner als „Jeck“ – Fasnacht in der Zeitung ist die Menschen vor Ort abholen, auch, wenn das wenig mit Journalismus zu tun hat. Da muss man durch. Foto: Rhein-Zeitung

 

Er ist der Vorkämpfer für Wertsachen. Für Journalismus.

Jede Gesellschaft, die keinen freien und unabhängigen Journalismus hat und finanziert, ist dem Untergang geweiht. Das ist meine Überzeugung.

Die Verleger haben jahrelang Fehlentscheidungen getroffen und den Meinungsmarkt pervertiert. Erst wurden alle redaktionellen Leistungen gratis angeboten, danach kam die Geißelung der „Gratis-Kultur“. Geht es verrückter?

Sie haben Google und Facebook kampflos zugelassen. Sie hatten alle Möglichkeiten, dagegen zu halten. Sie haben keine initiativ genutzt. Und einer, der initiativ geworden ist, wird nun regelrecht abserviert, wie es unanständiger nicht geht.

Heute müssen alle Verlage und auch junge Angebote wie das Rheinneckarblog.de dafür kämpfen, dass journalistische Leistung nicht als selbstverständlich, sondern als harte Arbeit anerkannt und entlohnt wird.

Die Öffentlichkeit muss sich hochgradig entsetzen über diese Entwicklung. Offenbar gibt es kaum noch Verleger- und Chefredakteurspersönlichkeiten. Christian Lindner war und ist ein kantiger Typ. Nicht laut, im Erscheinungsbild eher zurückhaltend. Wer in seine Augen guckt, weiß, der Mann ist ständig online und klug. Ob er deswegen alles richtig macht, steht auf einem anderen Blatt – jeder, der macht, macht auch Fehler.

Einer war sein offener Brief an die Türken in Deutschland. Das geht so nicht. Ich habe bereits im Sommer 2016 einen ähnlichen Artikel geschrieben, aber die Haltung war eine andere. Ich habe den Leuten die Wahl gelassen.

Wenn der Rhein-Zeitungsverleger Walterpeter Twer sich darüber aufregt, stimme ich ihm zu. Thema verfehlt. Aber wenn der Herr Twer meint, das man einen verdienten Mitarbeiter in herausragender Führungsposition nach 37 Jahren einfach so rauswirft, bleibt mir nicht nur die Spucke weg – da bin ich fast schockiert, obwohl ich durch jahrelange Medienberichterstattung so Einiges gewohnt bin. Aber das ist einzigartig.

Was mich am meisten umtreibt, ist, dass es genau keine Reaktionen von anderen Chefredakteuren gibt. Offenbar stehen alle mit dem Rücken zur Wand mit der gespannten Knarre im Anschlag vor dem Gesicht oder im Schritt. Auch das ist ein nicht-stattfindender, aber dennoch beispielloser Skandal.

Wie kann es sein, dass in Deutschland das Schicksal von Deniz Yücel noch im kleinsten Lokalblatt thematisiert wird und dieser Affront bei der Rhein-Zeitung nicht?. Ok. Hier ein Staatspräsident und konkrete Haft für einen Reporter – aber hier ein allmächtiger Verleger und ein konkretes berufliches Aus für einen wirklich sehr verdienten, honorigen und bemerkenswerten Chefredakteur. Und das lässt alle „Kollegen“ kalt?

Ich schätze einige Kollegen – aber ich stelle fest, dass es sehr ruhig, einsam und lautlos um den Kollegen Lindner geworden ist und ich finde das erbärmlich – auch, wenn mir das keine Sympathien einbringt, bei denen, die sich angesprochen fühlen.

Chefredakteur einer deutschen Lokalzeitung zu sein, ist immer noch ziemlich gut bezahlt – tendenzmäßig vor allem für Stellenabbau und Vernichtung journalistischer Prinzipien. Der Wettbewerb des Erfolgs ist nicht, wer mehr Auflage oder Abos macht, sondern, wer am wenigsten verliert.

Das Berichtsgebiet der Rhein-Zeitung ist nicht meins. Aber ich habe sie oft mit Interesse verfolgt. Und ich habe gezahlt. Auch auf Initiative von Christian Lindner. Als ich mal ganz zu Anfang der Einführung der Bezahlschranke um „kollegialen Austausch“ bat, hat er mir eindeutig Antwort gegeben:

Ich kann Ihnen nicht helfen – Sie können wie alle anderen auch den Artikel kaufen.

Auch das ist frei zitiert – keinen Bock, die genaue Formulierung von vor Jahren zu suchen, aber im Kern geht es um die Botschaft. Ich habe den Artikel dann für 50 Cent gekauft. Und andere auch.

Bis jetzt kann ich nicht erkennen, dass Christian Lindner schwerwiegende Fehler begangen hat. Die kolportierten Meldungen zur Verlegergattin finde ich widerlich – insbesondere, wenn daran was dran sein sollte. Journalismus sollte kein Gattin-schreibt-Romane-und-will-beachtet-werden-Business werden. Die weiter kolportierten Meldungen mit politischen Verbindungen halte ich für hochgradig alarmierend. Das darf gar nicht sein.

Soviel steht fest. Wenn ich die wirtschaftlichen Möglichkeiten hätte, würde ich Christian Lindner sofort anstellen. Er ist ein kluger Kopf, ein Macher mit klopfendem journalistischem Herz und bei mir dürfte er Fehler machen – die machen wir alle.

Soviel ist klar: In einem Stall voller Hyänen ist man besser aufgehoben als im Kreis von deutschen Chefredakteuren, die momentan ganz überwiegend nur darum besorgt sind, wie sie die eigenen Arsch davor retten, dass einer mit Anlauf reintritt und der Rest über das Aas herfällt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.