Samstag, 23. September 2017

Im Würgegriff der Exklusivität

Guten Tag!

Heddesheim/Hamburg/Kairo/New York/Berlin, 08. Februar 2011. Spiegel online veröffentlicht am 06. Februar einen Artikel unter der Schlagzeile „Im Folterknast des Muchabarat“. Der Autor: Chefreporter Matthias Gebauer. Der Ort: Kairo. Die Geschichte liest sich wild – und das ist sie auch. Wie sie genau-  entstanden ist, wird nicht klar. Beim Leser entsteht der Eindruck, sie kommt mitten aus dem Folterknast des journalistischen Nachrichtendienstes.

Von Hardy Prothmann

Es gibt Schlagzeilen, von denen träumt jeder Journalist, der was werden will: „Im Folterknast des Muchabarat“ klingt einfach sensationell. Und wenn der Teaser dann noch so losgeht, ist man mitten im Geschehen – der großen Story, des Berichts vom Ort, des Schauderns, der Sensation:

„Eine deutsche Journalistin geriet Ende der Woche in die Fänge des berüchtigten ägyptischen Geheimdienstes. Ihre Erlebnisse geben einen erschreckenden Einblick in den Polizeistaat Mubaraks. Dieser versucht weiterhin, mit brutalen Methoden eine wahrheitsgemäße Berichterstattung zu verhindern.“

Berichterstattung über Berichterstattung

Was folgt, ist die Berichterstattung über eine Berichterstattung von einem der schon was ist, nämlich Chefreporter von Spiegel Online. Mit heißer „Nadel“ gestrickt, bekommt der Leser den Eindruck, als wäre Matthias Gebauer (36) dabei gewesen, als hätte er zumindest selbst Kontakt zu der Journalistin Souad Mekhennet gehabt, „die in den Fängen des berüchtigten Geheimdienstes“ gewesen sein soll. Zusammen mit ihrem amerikanischen Kollegen Nickolas Kulish und einem ägyptischen Fahrer. Gebauer verweist auf die Quelle, aber so geschickt, dass man das auch überlesen kann.

Hatte er also tatsächlich mit der Person Mekhennet geredet? Hat er selbst Informationen recherchiert? Geprüft? Nach mehrmaligen Gegenlesen des Originalartikels (Sie müssen sich per email registrieren, um den Text lesen zu können) scheint er nur eine Zusammenfassung geschrieben zu haben. Direkte Kontakte werden gerne mit „gegenüber Spiegel online“ oder ähnlichen Phrasen verdeutlicht. Dies fehlt, was der normale Internetleser vermutlich nicht registriert.

Schon häufiger flott „abgeschrieben“

Und die dramatische Nacherzählung wurde unter seinem Namen mit Ortsangabe „Kairo“ veröffenlicht, wie ein selbst recherchierter Korrespondentenbericht vom Ort des Geschehens. Das hätte auch jeder Volontär mit Talent zur flotten Schreibe in Wanne-Eickel oder Neustadt an der Weinstraße zusammenschreiben können. Dazu braucht es keinen Chefreporter.

(Weitere Links zu Berichten bei Spiegel online, die „zusammengeschrieben wurden“ mir Vera Bunse geschickt: http://www.spreeblick.com/2006/09/01/liebe-spiegel-online-jounalisten/ von 2008: http://blogbar.de/archiv/2008/02/19/spiegel-online-kopiert-bei-der-washington-post/, viele Links in den Kommentaren von 2008: http://www.stefan-niggemeier.de/blo…g/schleichinspiration-bei-spiegel-online/, http://www.videopunks.de/quelle-youtube-wie-spiegel-online-sich-ein-vi)

Der Bericht der deutschen Journalistin Souad Mekhennet und des amerikanischen Reporters Nicholas Kulish sind reine Augenzeugenbericht. Belege oder Zeugen für ihre Schilderungen fehlen naturgemäß. Deswegen muss man sich als Leser auf die Angaben der Personen verlassen. Ein vermeintlicher Beleg ist der Hinweis auf Berichte des „Committee to Protect Journalists„:

„In the past 24 hours alone, CPJ has recorded 30 detentions, 26 assaults, and eight instances of equipment having been seized“, heißt es am 3. Februar 2011 auf der Seite von CPJ. Am 07. Februar 2011, also drei Tage nach dem Bericht über die Gefangennahme, heißt es auf der Seite des CPJ:

„Journalists Souad Mekhennet and Nicholas Kulish, who were detained on Thursday and released 24 hours later, wrote in the New York Times about intimidation and mistreatment by the plainclothes officers who held them.“

Das CPJ in New York gibt korrekt die Quelle wieder – den Augenzeugenbericht von Mekhennet und Kulish. Da ist oft das einzige, was eine NGO sammeln kann – Hinweise. Selbst Belege zu finden, ist schwer.

Brüche in der Darstellung

Dieser Bericht schildert eine abenteuerliche Entführung, einen fiesen Geheimdienstknast, finstere Gestalten, Folter, Schläge – doch die Journalisten kommen mit dem Schrecken davon. Körperlich passiert ihnen nichts, die „seelische Folter“ wird in der Schilderung zum zentralen Punkt. Aber sie berichten einige Tage später so detailliert, dass man eine gesunde psychische Lage vermuten kann. Dennoch: Auch für erfahrene Journalisten sind solche Erlebnisse erschütternd. Um so wichtiger, dass der darüber berichtende Reporter hinterfragt, Brüche in der Darstellung kennzeichnet.

Die Frage, wie die Journalisten aus den „Fängen des Geheimdienstes“ entkommen konnten, bleibt sehr nebulös. Was nicht heißen soll, dass nicht genau alles so passiert sein könnte, wie die beiden das schildern.

Fest steht aber, dass die „Story“ genau zu der Zeit erscheint, als allgemein sehr viel über die „Zustände“ für Journalisten und die „Verfolgungen“ oder gar die „gezielte Jagd“ auf Journalisten berichtet wird, beispielsweise durch die Tagesschau (ARD). In diesem Umfeld ist die Story die „heißeste“, die man lesen konnte.

Während Gebauer davon berichtet, dass die Journalisten noch in Kontakt zur deutschen und amerikanischen Botschaft gestanden hätten, steht davon nichts im Bericht der Journalisten selbst. Und auch im heute-journal vom 07. Februar 2011 findet dieses Detail in der Schilderung von Mekhennet keine Erwähnung. Im Gegenteil, die Journalistin sagt im Interview mit dem Moderator Claus Kleber: „Nunja, wir haben die ganze Zeit danach gefragt, unsere Botschaften kontaktieren zu können, unsere Familien zu kontaktieren. (…) Man hat uns die Handys abgenommen.“

Matthias Gebauer berichtet hingegen: „Anfangs standen Mekhennet und ihr Kollege noch per Telefon in Kontakt mit der deutschen und der amerikanischen Botschaft und konnten zumindest melden, dass sie dem Geheimdienst übergeben worden waren. Die Diplomaten machten sofort massiven Druck auf die ägyptische Regierung.“ Ein Zusatz „nach unseren Informationen“ oder „bestätigte“, fehlt.

Kann so ein wichtiges Detail fehlen – eines, dass ihnen vielleicht die körperliche Unversehrtheit, wenn nicht sogar das Leben gerettet hat? Und würde ein Chefreporter eine solch wichtige „exklusive und eigenrecherchierte“ Information nicht deutlicher herausstellen? Manchmal hält man als verantwortlicher Journalist zum Schutz von „Quellen“ Informationen auch zurück – aber in diesem Fall waren die „Quellen“ längst außer Gefahr und haben selbst über ihre Erlebnisse berichtet. Und auch dem Verhältnis zu den Diplomaten wäre es sicherlich „zuträglich“, wenn man deren Retterrolle gebührend erwähnte.

Fragen über Fragen

Und welche Rolle spielte das ZDF? Ausweichlich des Berichts konnte sich ein ZDF-Team in einem anderen Wagen durch Wenden in Sicherheit bringen. Haben die Kollegen nichts unternommen? Warum gibt es keine Meldung dazu nach der Freilassung oder eine Information während des Interviews?

Darf man das glauben angesichts der berichteten „konzertierten“ Aktion wie Gebauer schreibt? Wären Antworten auf diese vielen Fragen nicht berichtenswert, nachdem die ARD und ZDF-Korrespondenten Armbruster und Ossenberg ohne jede eigene Erfahrung von Gewalt ständig über die drohende Gewalt berichten? Immerhin war das ZDF-Team doch vermutlich außer Gefahr und hätte mit der Schilderung des Vorgangs einen medialen Druck ausüben können, um den Kollegen zu helfen?

Es ist vorstellbar, dass auf die Frage, wo man sei, vom Geheimdienstmann so beantwortet wird: „Nirgendwo.“ Aber dass den beiden Journalisten dann andere Gefangene gezeigt wurden, muss zumindest erklärt werden. Schließlich ist Gebauers Story kein Augenzeugenbericht in eigener Sache.

Hätte er sauber berichtet, wäre es zwingend gewesen abzuklären, warum der Nebenraum von Schlägen und Schreien durchdrungen war, aber den berichtenden Reportern überhaupt nichts passiert ist? Was machte sie so anders? Wieso wurde ein „französischer“ Kollege härter behandelt?

Matthias Gebauer schreibt in „seinem“ Text:

„Dort knieten auf dem Boden bis zu 20 Gefangene, darunter mehrere vom Geheimdienst festgenommene ausländische Reporter.“

Im Original lautet die Stelle so, es gibt keine Information über „ausländische Reporter“:

„We saw more than 20 people, Westerners and Egyptians, blindfolded and handcuffed.“

Im ZDF heute-journal sagt die Reporterin Mekhennet dann:

„Das waren vor allem Ägypter, deren Augen verbunden und die Hände gefesselt waren.“

„To make this country look bad.“

Wer die Berichte analysiert, wundert sich einerseits über die Details und andererseits über das Fehlen derselben. Während anfangs von 10.000 Dollar Bargeld, einer Kamera- und Satellitenausrüstung die Sprache ist, die ein Vielfaches kostet, fehlt jedes Detail dazu später. Wurde sie zurückgegeben ? Was geschah mit dem Bargeld? Erfahrene Reporter würden es nie offen im Kofferraum transportieren. Kameras haben Seriennummern und brauchen einen Abnehmer – trotzdem sind sie begehrtes Beutegut. Dollars sind ganz schnell weg – keiner kann sie nachverfolgen.

Warum ist den beiden Journalisten und ihrem ägyptischen Fahrer überhaupt „nichts“ passiert, wo doch der Staatssicherheitapparat nach dem Bericht offen gefoltert und auch den beiden damit gedroht hat? Woher weiß die Reporterin Mekhennet, wo sie war, wenn die Frage doch mit „Nirgendwo“ beantwortet wurde und sie beim Abtransport aus dem „Folterknast“ mit gesenkten Köpfen im Auto sitzen mussten?

Sie berichtet von „Männern mit durchgeladenen Waffen“. Ob eine Waffe „durchgeladen“ ist, kann man in den seltensten Fällen sehen – man kann das Durchladen sehen oder hören. Hat sie das? Doch warum sollten die „Geheimpolizisten“ zu diesem Zeitpunkt noch ein Drohpotenzial aufbauen, wo die Journalisten doch kurz darauf freigelassen wurden?

Als Grund für die Verhaftung steht im Times-Artikel: „“You came here to make this country look bad,-€ the interrogator said.“ Und dann werden zwei Reporter in einen Folterknast entführt, können die „ganze Nacht Schreie und Schläge“ mitverfolgen, sehen gefesselte Menschen, werden selbst vergleichsweise gut behandelt. Mussten die „Geheimpolizisten“ nicht damit rechnen, dass die Journalisten nach ihrer Freilassung genau darüber berichten, was „to make this country look bad“ bedeutet?

Alles offene Fragen.

Man darf selbstverständlich nicht davon ausgehen, dass in „Ausnahmezuständen“ die Geschehnissen einem geordneten Gang oder einer Logik folgen – umso wichtiger ist es, Antworten auf offene Fragen zu finden.

Umso wichtiger ist es, Fakten zu prüfen und Quellen genau zu benennen. Und alles, was man nicht genau weiß, entsprechend zu kennzeichnen. Allein schon, um sich journalistisch selbstzugefügte „Peinlichkeiten“ zu ersparen.

Journalistische „Peinlichkeiten“

Am 05. Februar meldet das ZDF auf Twitter ohne Quellenangabe „exklusiv“: heute.de: Mubarak tritt als Parteichef zurück http://goo.gl/fb/BU6XH 5:40 PM Feb 5th via Google.

Nur eine Stunde später: „EILMELDUNG: Der Nachrichtenkanal Al-Arabiya zieht seine Meldung zurück. Mubarak sei doch nicht als Parteichef zurückgetreten. #egypt Sat Feb 5 18:32:03 2011 via TweetDeck“.

Die journalistische Tugend, eigene und fremde Quellen ordentlich zu kennzeichnen, ist nicht mehr sehr modern. Es muss aber erlaubt bleiben, danach zu fragen, wie eine qualitativ hochwertige Berichterstattung garantiert wird, wie Medien mit „brisanten“ Nachrichten umgehen.

Ich wollte gerne vom Spiegel online-Chefredakteur Rüdiger Ditz wissen, ob das Übersetzen und Umschreiben von Artikeln, die in anderen Medien erschienen sind, zu den journalistischen Gepflogenheiten seiner Redaktion gehören. Darauf habe ich keine Antwort erhalten.

Ich habe auch Souad Mekhennet über ihr Facebook-Profil angeschrieben, ob sie von dem Bericht wusste und damit einverstanden war, wie er auf Spiegel online wiedergegeben worden ist. Auch von ihr habe ich keine Antwort erhalten.

Die überraschende Reaktion war, dass Chefreporter Matthias Gebauer kurz nach meiner veröffentlichten Anfrage an seinen Chef die „Facebook-Freundschaft“ zu mir gekündigt hat. Wir kennen uns aus Thailand, wo wir beide 2004 über den Tsunami berichtet haben. Und kurz darauf kündigte mir ein weiterer Spiegel online-Journalist den Facebook-Kontakt. Zufall? Kann sein oder auch nicht.

Am 07. Februar 2011 erscheint in der Berliner Morgenpost, die zum Axel Springer-Verlag gehört, ein Text: „In den Fängen von Mubaraks Geheimpolizei“ (nur gegen Entgeld von 90 Cent zu lesen, sofern man kein Abo hat) – als mehr oder weniger korrekte Übersetzung des Originals in der New York Times. Mit Quellenangabe und der Angabe der Autoren.

Im Gegensatz zu Spiegel online ist einfach der Originaltext journalistisch „sauber“ wiedergegeben. Das enthebt die Redaktion, die offenen Fragen zu klären, denn die Verantwortung bleibt bei den Urhebern.

An einen namentlich gezeichneten eigenen Reporterbericht wie bei Spiegel online müssen andere Anforderungen gestellt werden. Wenigstens hätte der Autor erklären müssen, warum er die Widersprüche nicht hinterfragen konnte.

„Belegter Verdacht“ und „wahrheitsgemäße Berichterstattung“

Wer Erfahrungen mit Krisengebieten hat, kennt die alte Weisheit: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“

Selbst wenn Journalisten überzeugt sind, sie berichten die Wahrheit, kann es dennoch der Verbreitung von Lügen dienen. Die angebliche Bedrohung durch den Irak, die den Krieg auslösten, waren durch den CIA gefälschte Informationen. In Kuwait dasselbe und so fort.

„Die Erlebnisse belegen den Verdacht, dass die in Deutschland breit berichteten Einschüchterungsversuche gegen ausländische Reporter nur ein kleiner Teil einer großen und konzertierten Kampagne gegen eine wahrheitsgemäße Berichterstattung über die Unruhen in Ägypten sind.“

Das mag man so vermuten, dass scheint auch so zu sein. Es gibt keinen einzigen Beleg für das, was der Artikel schildert – für Gebauer kein Problem, er schreibt: „belegen den Verdacht“.

Der Spiegel online-Chefreporter betont mehrfach in seinem Text die „wahrheitsgemäße“ Berichterstattung – die mit „brutalen Methoden“ verhindert werden soll.

Die „clevere“ Methode von Spiegel online, Quellen kritiklos hochzuschreiben, trägt allerdings auch nicht eben zu einer zumindest transparenten Berichterstattung bei und schon gar nicht zu einer „belegten oder wahrheitsgemäßen Berichterstattung.“

Leider ist die Leistung deutscher Medien über die Revolution in Ägypten insgesamt keine, die den Redaktionen zur Ehre gereicht. Eine Berichterstattung, die sich gegenseitig abschreibt, zeigt, wie groß der Druck ist, exklusiv berichten zu wollen. Einer transparenten Information wird dabei aber mitunter die Luft abgedrückt.

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