Samstag, 23. September 2017

Autoren und Auftraggeber

Ich hätte gerne einen ordentlichen Umgang

zeit wegner

Macht man das? Per Twitter geschäftliche Beziehungen zu „canceln“?

 

Mannheim/Hamburg, 12. März 2014. Stefan Niggemeier schreibt über einen „unerhörten Vorgang“ – per Twitter wird ein freier Korrespondent bei Zeit Online gefeuert. Die Geschichte ist komplex. Wie so oft. Kein Problem. Komplexe Situationen lassen sich regeln. Wenn man das will. Mein Kommentar zum Post.

Guten Tag!

Sehr viele interessante Kommentare hier.

Zum Honorar: 150 Euro für 5.000 Zeichen entsprechen rund 1,14 Euro/Zeile (auf Zeitung mit 38 Anschlägen gerechnet). Das ist nicht üppig, aber deutlich besser als das Zeilengeld, das man bei den meisten deutschen Zeitungen verdient. Ich habe mich 2003 bei der FAZ über 70 Cent pro Zeile für ein exklusives Stück zum Berichtdebakel der ARD über den Irak-Krieg beschwert — mit dem Ergebnis, dass man von mir keine Texte mehr wollte. Wir hatten vorher nicht über das Honorar verhandelt, es musste schnell gehen. Die FAZ hat dann 90 Euro nachgezahlt, sodass ich 1,60 Euro pro Zeile für den 100-Zeiler bekommen habe. Um das Stück schreiben zu können, hatte ich bereits über fünf Monate hinweg immer wieder recherchiert. Die Intendanten sollen sich nach Veröffentlichung eine Viertelstunde lang in einer Sitzung angeschrien haben. War also ein Knaller. Herr Schirrmacher hat mir später auf einen Brief geantwortet und meinte, 70 Cent seien ein »durchaus übliches Zeilenhonorar« für das Feuilleton der FAZ. Na danke.

Ich habe im vergangenen Herbst 2013 zwei Stücke für ZO geliefert, die ziemlich gut gelaufen sind. 150 Euro waren als Zweitverwertung mit Extra-Überarbeitung für die ZO OK für mich. Einige andere Angebote konnte ich nicht mehr unterbringen. Kann sein, dass sie nicht passten, kann sein, weil ich den »Vertrag, den ich dann zugesandt bekommen habe, noch nicht unterschrieben habe. Ich lasse den nun bei http://www.freischreiber.de/ prüfen und entscheide dann, ob ich unterschreibe.

Text 1:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013–09/buergerentscheid-mannheim-bundesgartenschau
Aufwand: 1 Tag Arbeit für meine festangestellte Volontärin, unzählige Stunden Recherche zum Thema vor Ort für http://rheinneckarblog.de, exklusiver Zugang zum Oberbürgermeister (Handy-Gespräch, huhu), konkret für Gespräch und Textüberarbeitung für mich etwa 3 Stunden. Als Zusatzhonorar waren die 150 Euro netto ok, für die Volontärin das erste Mal bei Zeit.de viel Stolz.

Text 2:
http://www.zeit.de/gesellschaft/2013–10/dieter-schaefer-die-gewaltfalle
Interview zu einem Buch des Polizeidirektors, der den Einsatz geleitet hat, der unter »Kurden-Krawall« bundesweit bekannt geworden ist. Buch komplett gelesen: 3 Stunden. Selbst vor Ort gewesen: 6 Stunden. Dabei mit Steinen beworfen worden und über »gute Kontakte« auf das Gelände gekommen. Interview, Schreiben, Finishing: 6 Stunden. Macht 15 Stunden zu 150 Euro netto. Honorar nicht ok, aber doch, weil ich das Interview sowieso gemacht hätte und hinterher bei mir veröffentlicht habe.

2004 habe ich aus Thailand über den Tsunami berichtet. SPON hat mir damals 240 Euro pro Text gezahlt und keine Exklusivität verlangt. Das war in Ordnung, aber nicht gut. Focus hat mich dann mit einer Story über das DVI (Desaster victims identification) beauftragt. Auftraggeber: Jochen Wegner. Ich glaube mich an 2.500 Euro zu erinnern. Das war ein sehr ordentliches Honorar für einen sehr harten Job. Dazu gab es Spesen in einem Luxushotel, das ich nie gebucht hätte, 300 Dollar die Nacht, weil dort das DVI untergebracht war. Übrigens auch Matthias Gebauer von SPON. Nachdem der einige Tage nach dem Tsunami vor Ort eingetroffen war, trat er in »Konkurrenz« zu mir, machte, zwei, drei Geschichten und ich entsprechend weniger.

Es ist ein Scheiß-Gefühl, wenn man weniger Honorar für eine sehr gute journalistische Arbeit bekommt, als ein Reporter für eine Hotelnacht bezahlt (die anderen Spesen möchte ich gar nicht wissen).

Der Spiegel hat mir dann noch eine Seite Bericht für 600 Euro abgekauft, der ebenfalls in eine Titelgeschichte mündete. Das war OK.

150 Euro sind (siehe oben) immer im Verhältnis zu betrachten– für einen Reporter, der aus der Ukraine berichtet, sind sie nicht ok. Da fehlt ein Faktor 2–5 oder sogar eine Null.

Zum Autor und zum Auftraggeber: Ich habe keine Zeit, um mich detailliert einzurecherchieren. Selbstverständlich hat ZO das Recht, einen Autoren sofort kalt zu stellen, wenn der Verdacht aufkommt, das es nicht lauter zugeht. Das würde ich überhaupt nicht anders halten.
Aber selbstverständlich haben Autoren auch das Recht, anständig über »Standards« informiert zu werden — zumal es keine DIN-Normen im Journalismus gibt. Ich habe noch nie »PR« gemacht und gleichzeitig zu einem Thema journalistisch gearbeitet. Das ist mein Standard. Aber ich weiß auch, dass das andere unter dem Marktbedingungen so nicht einhalten konnten.

Ich bin nicht ZO. Ich mache als »Chefredakteur« ein kleines lokales Angebot und ich befrage jeden Autoren vor Veröffentlichung persönlich. Aus Qualitätssicherungsgründen. Und bei mir gibt es einen Redaktionsleitfaden, der hat rund 50 Seiten. Und alle Mitarbeiter müssen den lesen und erhalten eine umfassende Einführung, was geht und was nicht geht. Die dauert etwa zwei Stunden und ist sehr kompakt, aber eindeutig.

Lieber Jochen: Schön, dass Du zeitig die Autoren-Inkenntnissetzung in Angriff nehmen willst. »In den nächsten Monaten« ist aber nicht zeitnah.

Zum Ablauf: Ich bin sehr irritiert, wenn ich die Story mit Twitter lese. Das geht mal so gar nicht. Da fühle ich mich als Freier Journalist komplett verunsichert. Als Freelancer habe ich keine Chance gegen eine Instanz wie ZO. Die Rufmord-Kommentare sind berechtigt. Ich wiederhole mich: Das geht so mal gar nicht.

Ich schreibe nicht für Staatsmedien oder Lobby-Gruppen. Aber es gibt auch über mich etwas herauszufinden und das mache ich hier transparent, um die Debatte nach Standards anzuregen.

Dabei geht es um die Frage, wann und unter welchen Bedingungen Journalismus Journalismus ist. Ist er das nur, wenn »unabhängige« Verlage das (wie auch immer dotierte) Honorar bezahlen? Was ist mit Stipendiengeldern? Was mit crowd-funding? Was mit Stiftungsgeldern?

Mein Beispiel: Der oben genannte Text 1 beinhaltet ein Gespräch mit dem Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. Den habe ich zwischen 1991–1994 als Mannheimer Stadtrat kennengelernt. Irgendwann 2006 haben wir uns nach langer Zeit auf einer privaten Party wiedergetroffen und geduzt. Ein Jahr später ruft er mich an und schlägt mir vor, ihn zu porträtieren. Für ein regionales Magazin. Er will Oberbürgermeister werden. Ich sage gerne zu und nenne mein Honorar für die Arbeit (zwischen 1.500–2.000 Euro). Das kann das Magazin nicht bezahlen. Ich will wissen, wer mich bezahlt. Das ist die SPD Mannheim. Ich sage, dass ich keine PR mache, mich aber problemlos bezahlen lasse, wenn ich unter den von mir genannten Bedingungen arbeiten kann. Er bestätigt mir das. Wir treffen uns, ich schreibe das Porträt, erhalte mein Honorar und der Text wird veröffentlicht.

Es gab zu keiner Zeit den Versuch einer Einflussnahme. Es wurde nicht ein Versuch unternommen, an meinem Text etwas zu verändern. Ist stehe zu jedem Wort, das ich geschrieben habe.

Aber, lieber Jochen Wegner, ich hatte den Auftrag, ein Porträt zu schreiben, ich wurde über eine Partei bezahlt und ein regionales (Lala-)Magazin hat die Arbeit veröffentlicht. Es war bezahlte Arbeit. Und ich lasse mich daran messen, was ich abgeliefert habe. Ein absolut sauberes Stück. Kritisch, tiefsinnig, ehrlich.

Sechs Jahre später fließen Informationen aus diesem Vertrauensverhältnis zum OB Dr. Kurz in eine Arbeit für ZO ein. Komme ich jetzt auf eine Liste? Oder habe ich Glück, weil ich drei Monate Sperrfrist locker überwunden habe? Oder bin ich durch meine Offenheit im Umgang grundsätzlich verdächtig oder gerade nicht?

Ich finde es sehr gut, lieber Jochen, dass Du hier mitkommentierst. Aber ich fände es sehr viel besser, wenn wirklich zeitnah und transparent bei ZO klar gemacht wird, wer wie was wann und unter welchen Umständen dort veröffentlichen kann. Und was die verbindlichen Regeln sind. Denn bis das nicht passiert ist, muss sich jeder Sorgen machen, der (ich vermute mal positiv) ordentlich arbeitet, einfach so und nebenbei erledigt wird.

Ich biete ZO gerne weiter Themen an, aber erst, wenn ich sicher sein kann, dass dort ordentlich mit mir umgegangen wird.

Beste Grüße
Hardy Prothmann

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