Sonntag, 24. September 2017

Ich bin keine Marke oder „Hardys Hartwurst“

Als ich das erste Mal den Ausdruck „Journalist als Marke“ gelesen habe, ging sofort die Assoziationskette los: Neue Briefmarke, Rabattmarke, Duftmarke, Erkennungsmarke… und was man sonst noch alles mit „mark“ kombinieren kann.

Und mir viel sofort mein lieber Kollege Rolf Karepin ein, der, als er noch in Mannheim wohnte, ein Nummernschild hatte, das so anfing: MA-RK.

Ich bin kein Nummernschild, und keine Briefmarke und schon gar keine Rabattmarke, sondern Journalist.

Gegen├╝ber den „Gro├čen“ der Branche, also Frank Schirrmacher von der FAZ, der sich wie ich auch mit dem Internet, aber vielmehr als ich mit Algorithmen befasst oder einem Hans-Ulrich J├Ârges, der sich mit wahrscheinlich nachkolorierten Augen (Markenbildung!), in der S├╝ddeutschen Zeitung ├╝ber die „Zukunft des Journalismus“ ausl├Ąsst und auch vom „Journalisten als Marke“ was schreibt, bin ich ein kleines Licht.

Aber eins, das durchaus wahrgenommen wird.

Warum? Ganz einfach – weil ich die Graswurzel bearbeite. Ich mache seit einem Jahr (wieder) Lokaljournalismus. Arbeite also da, wo die Menschen sind.

Motto: Tue Gutes und rede dar├╝ber.

Und dabei nehme ich teilweise den Mund ganz sch├Ân voll: Zukunft des Lokaljournalismus, Qualit├Ątsjournalismus, Professioneller Journalismus, Echter Journalismus. Je „markiger“ der Ausdruck, desto lieber verwende ich ihn.

Warum?

Ganz einfach: Ich mache „Marke“ting. Wenns sein muss auch f├╝r mich.

Dabei ist mir meine Person vollkommen egal. Es geht nicht um Pers├Ânliches, es geht ums Gesch├Ąft.

Mein Gesch├Ąft ist: Informationen sammeln, aufbereiten, ver├Âffentlichen.

Privat ist mein Name Hardy Prothmann. Meine Frau nennt mich Schatz, die Kinder Papa, meine Freunde haben Spitznamen f├╝r mich.

Drau├čen ist mein Name auch Hardy Prothmann – aber im Gegensatz zur Familie werde ich als Journalist wahrgenommen. Denn das ist meine Funktion.

Die Menschen drau├čen nehmen mich auch als Menschen wahr – denn das bin ich neben der Funktion.

Und beides f├╝lle ich so gut aus, wie ich kann.

Und mit der Funktion versuche ich Geld zu verdienen.

Aber bin ich deswegen eine Marke? Wohl kaum. Mein Name ist den Menschen ein Begriff. Er (oder ich) steht f├╝r etwas.

Wenn ich als journalistische Marke aber nur f├╝r mich alleine stehe – w├Ąren meine Marktchancen ziemlich eingeschr├Ąnkt.

Wenn ich versuchen w├╝rde, mich als Journalist beim Marken- und Patentamt einzutragen, w├Ąre ich ziemlich chancenlos.

Wenn Jeff Jarvis hingegen vom „Unternehmer-Journalisten“ spricht, kann ich damit etwas anfangen. Denn das ist, was ich mache.

Meine Unternehmung, das, was ich unternehme, ist Journalismus.

Mein Produkt – journalistisch aufbereitete Information – hat eine gewisse Qualit├Ąt. Und ist deswegen Qualit├Ątsjournalismus. So gut oder so schlecht wie in der SZ, der FAZ, der BILD oder spiegel.de.

Habe ich schon wieder das Maul zu voll genommen?

Dann frage ich alle die, die von Qualit├Ąt quatschen, was diese ist? BILD ist in Europa der Ma├čstab aller Dinge, denn die BILD ist die meistverkaufteste Zeitung. BILD ist somit die SUPER-QUALIT├äTSZEITUNG.-┬áWenn Masse aber das Gegenteil von Qualit├Ąt ist, dann m├╝sste die schlechtverkaufteste Zeitung die Qualit├Ątszeitung schlechthin sein.

Wenn viel oder wenig kein Ma├čstab sind, dann muss es einen objektiven, wissenschaftlichen Standard geben, der die Qualit├Ąt als Qualit├Ąt definiert und jede Zeitungsausgabe m├╝sste jeden Tag darauf gepr├╝ft werden, so wie Tomatendosen oder Katzenfutter auf ihre Inhaltsstoffe, bevor sie in den Handel gelangen. Ich vermute, die Auflagen w├╝rden unter solchen Bedingungen sehr schwankungsanf├Ąllig sein – bei ausnahmslos allen Zeitungen. Dasselbe d├╝rfte f├╝r Radio- und Fernsehsender und die Sendedauer gelten.

Und nat├╝rlich f├╝r alle blogs, Internetauftritte und was wei├č ich, was es noch gibt – ahja, das iPad.

Hugo Boss ist eine Marke. Wahrscheinlich gab oder gibt es dahinter auch einen Menschen. Aber Hugo Boss ist eine Marke.

Und die verkauft Hemden, Anz├╝ge undsoweiter – jedes Jahr gibt es eine neue Kollektion, f├╝r die eines gilt. Immer derselbe Schnitt, immer dieselbe „Qualit├Ąt“.

Mal angenommen, Hardy Prothmann w├Ąre eine Marke. W├╝rde dann gelten, jedes Jahr eine neue Kollektion, mit der immer gleichen Qualit├Ąt, also demselben Text?

Wohl kaum.

Tats├Ąchlich ist das aber so: Jeden Tag verkaufen Zeitungen die immer gleiche Marke, die massenproduzierten Artikel der Nachrichtenagenturen.

Manche sind dabei so frech und f├Ąlschen die „Marke“, indem sie ein, zwei S├Ątze umschreiben und dann ihren Namen drauf kleben. Das ist eine Art von Markenpiraterie.

Mein Journalismus ist das nicht. Mein Journalismus ist „original“.

Journalismus ist f├╝r mich deshalb frei von einer industriellen Marken(massen)qualit├Ąt.

Journalismus gr├╝ndet auf den Artikel 5 Grundgesetz ├╝ber die Meinungsfreiheit.

Und die ist vielf├Ąltig und hoffentlich nie nur Masse.

Meinungsfreiheit und -vielfalt ist die einzige Marke, die mich interessiert. Ich m├Âchte mir meine Meinung bilden und anderen Menschen helfen, sich ihre bilden zu k├Ânnen.

Das mache ich transparent und auch abh├Ąngig vom Markt. Wenn mich keiner daf├╝r bezahlt, bin ich entweder reich oder habe im Lotto gewonnen oder gebe irgendwann auf.

Selbstverst├Ąndlich bin ich auf Werbeeinnahmen angewiesen, dar├╝ber hinaus kann ich mir noch andere Erl├Âsmodelle ├╝berlegen, wie mein „Marken“-Journalismus finanziert wird.

Und selbstverst├Ąndlich hoffe ich auf eins, was schon immer gegolten hat: Wenn meine Kunden, die Leserinnen und Leser meine Markenprodukte, also Texte, T├Âne, Filme, Bilder als gute Qualit├Ąt einstufen, werden dies auch die werbenden Unternehmen tun, die sich in diesem Umfeld wohl f├╝hlen, weil sie von dem positiven Image profitieren.

Die Debatte um Qualit├Ątsjournalismus und Glaubw├╝rdigkeit im Zusammenhang mit technischen Plattformen ist langweilig und irref├╝hrend.

Die Massenmedien Zeitung, Radio und Fernsehen sind tradiert noch immer f├╝hrend. Aber diese F├╝hrung verliert rapide. Zuerst verloren die Zeitungen ans Radio, dann ans Fernsehen und nun alle drei ans Internet.

Kann sich noch jemand an die Debatten um CNN und sp├Ąter die arabischen Nachfolger erinnern? Keine Chance war allenthalben die meistverbreiteste Meinung. Heute senden sie alle und werden alle als Quelle anerkannt.

Dasselbe passiert im Internet. Im Gro├čen wie bei den f├╝hrenden Nachrichten-Sites, wie im Kleinen, also bei mir und meinen lokaljournalistischen Angeboten und bei anderen Kollegen, die auch in den Markt dr├Ąngen.

epd Medien hatte scherzhaft angek├╝ndigt, wann es wohl an der Zeit ist, dass ich den Mannheimer Morgen ├╝bernehme.

Ganz ehrlich?

Die Antwort ist einfach. Ich habe am Mannheimer Morgen kein Interesse.

Ich mache Qualit├Ątsjournalismus und keinen Bratwurstjournalismus.

H├Ątte ich in Bratw├╝rste investieren wollen, w├Ąre ich Metzger geworden.

Und h├Ątte mir irgendwann die Marke „Hardys Hartwurst“ eintragen lassen.

Ich bin aber Journalist, die einzige Marke, die ich setzen kann, sind gute Stories.

Wie schon immer ist die W├Ąhrung, die man dann verkauft, die Aufmerksamkeit oder anders: Schmeckt den Kunden, was man anbietet?

Ich bin keine Marke – aber wenn es sein muss, nenne ich meine blogs „Hardys Hartwurst“ im Gegensatz zu Bratwurst-Einerlei.

„Hardy Hartwurst“ ist knackig, schmackhaft und unverwechselbar lecker.

Die Inhaltsstoffe regelt Artikel 5 GG. Neben „Hardys Hartwurst“ sind deshalb auch fettige Bratw├╝rste anderer Hersteller erlaubt.

Es geht um die Frage des eigenen Qualit├Ątsanspruchs und was die Kunden wollen.

Und nat├╝rlich bin ich von der Marke „Hardys Hartwurst“ ├╝berzeugt.

Bratwurst kann jeder – „Hardys Hartwurst“ ist beste Qualit├Ąt. Garantiert.

–┬á

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