Sonntag, 24. September 2017

Hyperlocal oder wie definiert man das?

Guten Tag!

Von Hardy Prothmann

Die britische Lokaljournalistin Sarah Hartley (gefunden über die immer wieder sehr guten Linktipps von Ulrike Langer: http://medialdigital.de/2010/08/29/linktipps-zum-wochenstart-stop-the-printin…, hat zehn Thesen aufgestellt, was „hyperlocal“ denn sein kann oder soll oder ist:

http://sarahhartley.wordpress.com/2010/08/25/10-characteristics-of-hyperlocal/

Zunächst gehe ich auf die Thesen ein, um dann in einem weiteren Beitrag selbst welche aufzustellen. Ganz im Sinne der Kollegin, die sich Mitdenken zum Thema wünscht.

  1. Participation from the author. To my mind, this is the biggest single hyperlocal attitude characteristic – the blogger, writer, journalist or whoever it is running the site participates in activities in the community. Includes activity on, and offline.
    Die These ist schwierig, denn was „Beteiligung“ heißt, ist nicht definiert. Nehme ich mich selbst als Beispiel, betreibe ich einerseits eine hyperlokale Plattform und andererseits auch nicht. Als partei- und fraktionsfreier Gemeinderat in Heddesheim (http://heddesheimblog.de) bin ich sicher in der „community“ beteiligt – für die Blogs in Ladenburg (http://ladenburgblog.de) und Hirschberg (http://hirschbergblog.de) gilt das aber nicht. Und ist nicht jede veröffentlichte Meinungäußerung zu lokalen Themen bereits eine Beteiligung? Wo ist der Unterschied zu anderen Medien? Die Partizipationsthese müsste also zunächst definieren, was „Beteiligung“ bedeuten soll.
  2. Opinion blended with facts. Can sometimes be related to point one but generally a less distinctive, more blurry line of difference between what is reported and what is opinion is commonplace. The author’s personal take on an issue can be more pronounced than would be expected in a piece of traditional news journalism.
    Relativ betrachtet handelt es sich bei dieser These um die Frage nach Subjektivität und Objektivität. Sie unterstellt, dass „traditioneller Nachrichtenjournalismus“ Tatsachen und Meinungen nicht mischt. Ich teile diese Auffassung nicht. Jede Auswahl von Themen und jede Zusammenfassung eines Themas kann sowohl als subjektiv oder objektiv gesehen werden – immer abhängig vom Standpunkt des Betrachters.
  3. Participation from the community. Whether it’s commenting, submitted material such as pictures and tips or crowdsourced information, hyperlocal means involving others in its production.
    Diese These halte ich für relevant. Hyperlokaler Journalismus, so wie ich ihn erlebe, unterscheidet sich deutlich von „traditionellen Journalismusstrukturen“. Nicht, dass es eine Beteiligung der Recipienten zuvor nicht gegeben hätte, sondern darin, dass die definierten Grenzen der jeweiligen Plattform überschritten werden. Also die „Gefäße“ Zeitung, Radio, Fernsehen nicht mehr allein die Informationen bereit halten, sondern die „community“ medienübergreifend partizipiert und kommuniziert.
  4. Small is big. When it comes to news values, the agenda can be distinctly different to that of a traditional news outlet because scale is not important, impact is.
    Auch hier halte ich die Definitionsfrage für unzureichend. Was ist „small“, was ist „big“? Und wie steht das mit der „agenda“ in Zusammenhang? Meine Blogs und andere werden oft als „klein“ wahrgenommen – zumindest im relativen Vergleich zum größten Konkurrenten vor Ort, dem Mannheimer Morgen oder anderer Zeitungen. Gerade von den Gegnern werden sie so nicht nur „wahrgenommen“, sondern regelrecht denunziert. Doch was wird da verglichen? Berge von Altpapier mit Bits und Bytes? Diese physikalischen Umfänge sind wohl kaum vergleichbar. Man kann aber den Umfang der Zeichen miteinander vergleichen. Danach haben meine Blogs an vielen Tagen weit mehr „Output“ zu bieten als die Tageszeitung – bezogen auf das „Lokale“. Damit sind die Blogs „bigger“. Betrachtet man darüber hinaus den Inhalt, ist das groß, was „Agenda“ bildet, also das Thema setzt. Eine Vielzahl von Blogs mischt schon eifrig und erfolgreich beim Agenda-Setting „groß“ mit. Und vergleicht man auf der Urheberseite, so stellt sich schnell heraus, dass die schiere „Größe“ der Mitarbeiterzahl „traditionellen Medien“ im Lokalen teils schon unter der von Blogs liegt.
  5. Medium agnostic. Use of different platforms is a very common characteristic with Twitter, Facebook, Flickr, LinkedIn, Audioboo etc. being deployed as and when required.
    Wieso diese These „hyperlocal“ definieren soll, erschließt sich mir nicht. Der kritische Umgang mit Medien und gerade Dienste wie Twitter oder Facebook haben zunächst mal gar nichts mit „local“ zu tun. Sie können trotzdem „local“ be- und genutzt werden. Diese These beschreibt eher einen allgemeinen Mediennutzungswandel, der alle Medien betrifft. Betrachtet man die Vernetzung der Geräte und Objekte, wie Max Celko ( http://blog.xeit.ch/wp-content/uploads/2008/10/Hyperlocality_M-Celko.pdf 3,77 MB) das definiert hat, erhält man eine Form von Hyperlokalität. Das beschreibt aber noch nicht den zweiten Teil, den „journalism“. Vielleicht wäre es an der Zeit, den Begriff Hyperlokalität einfach nur umzubenennen in die lateinische Variante. Dann wird aus „hyper“ die Vorsilbe „super“ und der alte, neue Begriff heißt „superlokaler“ Journalismus und hilft bei der Verständigung, welche Eigenschaft diese Form von Journalismus von den „alten“ Formen unterscheidet.
  6. Obsessiveness. I mean this in a good way! Hyperlocal-ers seem more likely to stick with a story, update it’s every change and so take proper advantage of having no restrictions on space that blogs provide. Is this the hyper in hyperlocal?
    Auch wenn die „Besessenheit“ gut gemeint ist, drückt sie nur bedingt aus, was hyperlokale Blogs von „traditionellen“ Medien unterscheidet. Im Kern geht es auch hier um die Frage Subjektivität und Objektivität. Auch der „nicht-beschränkte“ Platz reicht nicht, um „hyper“ oder „super“ zu erklären.
  7. Independence. The publishers of these sites tend to pride themselves on being independent and see not being answerable to a mainstream organisation meaning they’re able to be more responsive to their community.
    Niemand ist wirklich unabhängig von allem. These 7 beißt sich zudem mit These 6. Außerdem beschreibt die These das Gegenteil von Unabhängigkeit, da man doch gleichzeitig „more responsive“ gegenüber der „community“ ist. Tatsächlich trifft aber eine größere Nähe zu den Themen bei vielen Blogs zu, weil sie subjektiver betrachten und über die Kommentare zu subjektiver Betrachtung durch die community einladen.
  8. Link lovers. I’ve struggled to find any hyperlocal sites that aren’t generous in their linking policy and why wouldn’t they be? Linking out is a natural state of affairs for bloggers who don’t pretend they are omnipresent when resources don’t allow.
    Siehe These fünf. Die Vernetzung ist sicher eine Eigenschaft, die „superlokalen“ Journalismus von „traditionellen“ Medien unterscheidet.
  9. Passion. Most of these sites were set up as labours of love – and it shows. That sort of (more often than not unpaid) enthusiasm is very attractive to users who’re savvy at spotting disinterest or ulterior motives.
    Diese These habe ich nicht verstanden.
  10. Lack of money. Sorry to end the list on this but…..it doesn’t seem the revenue question has been fully answered yet, or if it has, I’ve not spotted it and would love to hear from the person that has.
    Diese These ist sicher keine, die die Qualität von „hyperlokalem“ Journalismus beschreibt. Sie beschreibt einen Übergangszustand, aber keine Eigenschaft. Die Geschäftsmodelle werden sich bilden – ein Beispiel sind meine Blogs, die bis Jahresende zumindest eine schwarze Null schreiben werden.

Die Thesen der Kollegin Hartley haben richtige Ansätze, aber sie greifen leider zu kurz. Vor allem, weil sie „hyperlocal“ definieren will, aber „hyperlocal journalism“ meint, was durchaus etwas anderes ist als „hyperlocal economy“ oder andere hyperlokale Phänomene.

 

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