Dienstag, 31. Mai 2016

Geprothmannt: Übt weiter

Huhu – Aufruf an die Welt oder wie sich die FAZ als dilletantisches Aktionistenblättchen entblättert

Mannheim, 09. Dezember 2013. (red) Ich verliere langsam den Verstand. Durch die Erkenntnis, wie deppert die angeblich so großartigen Denker sind. Wer sich daran orientiert – richtig – kann ja nur genauso deppert werden. Die FAZ reiht sich in eine Reihe von 31 (sic!) Zeitungen mit 560 (sic!) Schriftstellern aus aller (meist westlicher) Welt, darunter sage und schreibe 5 (sic!) Literaturnobelpreisträgern und denkt ernsthaft, die Zahlenhuberei könnte irgendjemanden beeindrucken.

Von Hardy Prothmann

Respekt hat was mit zurückschauen zu tun. Wenn ich zurückschaue, habe ich viele Namen im Kopf, die meinen Weg begleiten. Ob ich inhaltlich damit was anfangen kann oder nicht, sei mal dahingestellt. Aber FAZ – huhu, die drei Buchstaben wurden immer respektvoll geraunt. So, als sei alles, was auf dem täglichen Papier steht, die Wahrheit, nichts als die Wahrheit und im Zweifel sowieso die Wahrheit.

Diese Zeitung, die über Jahrzehnte der Transmissionsriemen rechtskonservativer Weltdeutung war. Immer gewichtig mit schweren, geschwungenen Lettern, ausuferndsten Texten und einer sichereren Anzeigenbank bei Regierungen aller Art (Staaten), gestopft durch märchenhafte Anzeigenpreise (Konzerne) und immer besten Willens, der Macht zur Seite zu stehen. Und dieses Blatt gibt heute den Aufrufsrevoluzzer? Oder will es nur einfach ein bisschen mehr Auflage machen, nachdem die so dramatisch schwindet?

Hab ich was verpasst? Geht’s noch? In klaren Worten: Wollt Ihr mich verarschen?

Oder nur Euch selbst? Oder fühlt Ihr Euch verarscht? Geht irgendein Licht auf, dass Ihr nur als Transmissionsriemen wichtig wart und Euch heute keiner mehr braucht?

Die NSA und der BND und wie auch immer die kryptischen Briten heißen und die Mutti brauchen die FAZ nicht mehr – und schon gar nicht 31 andere Zeitungen, 560 Schriftsteller und 5 Nobelpreisträger. Und sie werden mal genau eins nicht sein: Beeindruckt.

Wortwitz kapiert? Druck macht keinen Druck mehr. Vielleicht nochmal so ein bisschen. Wenn alle mitmachen, die 31 und einige Mitläufer, suhlt Ihr Euch in Eurer herbeigeschriebenen Bedeutung. Und weiter?

Who cares? Nobody. Da hat #Xaver mehr herbeigemedialten Unterhaltungswert.

Ihr seid echt selten dumm. Es interessiert niemanden, was die weltweit gesehen wenigen Schriftsteller, die auf den Preis gesehen wenigsten Nobelpreisträger und die auf den Printmarkt gesehen noch weniger Zeitungen drucken.

Hättet Ihr eine globale Netzkampagne gemacht. Mit 100 Millionen Unterschriften, 560 Millionen Unterschriften – ja, das wäre was gewesen. So muss man den Eindruck haben, dass Papier-Lobbyisten sich gegen was auch immer auflehnen.

Der Text in der FAZ ist so unausgegoren, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass sich all die schlauen Leute auf so ein seichtes Stück mit Ihrer Unterschrift einlassen. Vermutlich ist auch ein anderer Text gemeint, aber den dokumentiert und verlinkt Ihr nicht.

Kurz und knapp: Gähn.

Bevor WIR Euch, also die Wir-Forderer ernst nehmen, macht Ihr bitte noch ein paar Jahre unermüdlich Wind, statt einfach nur ne blöde Verkaufkampagne zu starten.

Glaubwürdigkeit hat nämlich was mit Würde und Glauben zu tun. Ich kann mich nicht erinnern, dass die FAZ oder 31 Zeitungen (die nicht näher namentlich benannt werden) irgendwann als Gralshüter für Menschen- und Freiheitsrechte aufgetreten sind.

Euch schwimmen die Felle davon. Ihr spürt den kalten Atem der Deutungslosigkeit. Das ist, was Euch Angst macht.

Verarscht Euch selbst, wie bewiesen. Aber versucht nicht andere auch noch in den Dreck zu ziehen.

P.S. Aufruf der Schriftsteller – schön und gut. Was haben Zeitungen da verloren? Sind das Schriftsteller? Würden die gerne welche sein? Staaten und Konzerne missbrauchen Daten zur Überwachung? Ist die NSA ein Staat? Ist sie ein Konzern? Ist der BND Staat? Oder ein Konzern? „Unschuldsvermutung als zentrale Errungenschaft unserer Zivilisation“ – ist das so? Ein juristischer Grundsatz? Alle anderen „Errungenschaften“ sind dezentral? „Internationale Konvention der digitalen Rechte“? Wie schaut die aus? Irgendein Schmierzettel von dieser „Allianz“, den man der UNO vorlegen könnte? Oder nur hohles Blablubb? Denk jemand über solche Sätze nach, bevor sie geschrieben werden? „Sie haben Zugang zu unseren politischen Überzeugungen und Aktivitäten, und sie können, zusammen mit kommerziellen Internet-Anbietern, unser gesamtes Verhalten, nicht nur unser Konsumverhalten, vorhersagen.“ Bei einem Praktikanten hätte ich ein Mütchen erkannt und es gerne gefördert – aber so ein durch und durch dünnes, nicht überlegtes Textchen mit so vielen so tollen Unterstützern in der FAZ? Unglaublich.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (49) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.