Donnerstag, 13. Dezember 2018

Hab ich was überlesen? Psychotricks, Verschwörungstheorien und Transparenz

Heddesheim/Hamburg/Berlin, 22. Juni 2011. (aktualisiert) Die Medien fordern gerne Transparenz. Und schreiben wütende Geschichten, wenn es daran mangelt. Das ist gut so. Gleichzeitig mangelt es aber vielen Medien selbst an Transparenz. Das ist schlecht. Denn daraus kann ganz schnell eine „Verschwörungstheorie“ entschehen.

Von Hardy Prothmann

Heute ist mir was passiert, was nicht passieren sollte: Entweder war ich unkonzentriert oder ich werde alt.

Auf zeit.de lese ich einen Text der Wirtschaftsredakteurin Tina Groll und finde, dass zeit.de schon erwähnen sollte, dass die Wirtschaftswoche-Autoren des besprochenen Buches „zum selben Haus“ gehören.

Ich setze also einen Tweet ab:

Kurze Zeit später erhalte ich zwei Antworten:

Und Tatsache, ich gucke in den Text und lese:

Ganz ehrlich? Zunächst habe ich mich echt geschämt – hatte ich doch in Richtung zeit.de einen nicht gerade netten (nicht persönlich, nur beruflich gemeinten) Tweet abgesetzt.

Werde ich alt?

Hatte ich diesen deutlichen Hinweis wirklich überlesen?

Naja – shit happens, denke ich mir und reagiere wenigstens fair und schicke eine Entschuldigung hinterher.

Trotzdem wurmt mich das. Habe ich das überlesen? Tatsächlich?

„…Wirtschaftswoche (die wie Die Zeit im Holtzbrink-Verlag erscheint)…“

Wie die Zeit. Im Holtzbrinck-Verlag. Hm. Ist das der Hinweis, der an dieser Stelle zu erwarten ist? Und dann folgt ein weiterer Tweet:

„Habe extra erwähnt, dass Wiwo auch Holtzbrinck ist.“

Zuvor hatte Tina Groll geschrieben:

„Ich habe ausdrücklich erwähnt, dass Wiwo auch Holtzbrinck ist.“

Warum muss man das „extra“ und „ausdrücklich“ erwähnen? Ist diese Erwähnung nicht selbstverständlich? Warum hatte der Redaktionstwitter das bei der ersten Antwort nicht erwähnt?

Verschwörungen

Und Verschwörungstheorie? Wurde diese Klammer etwa nachträglich eingefügt?

Das möchte ich extra ausdrücklich nicht unterstellen, weil ich dafür überhaupt keinen Beleg habe – leider hatte ich keinen Screenshot gemacht (Alter, Schlampigkeit) und kann auch leider nicht im Google-Cache nachschauen, weil zeit.de das Caching unterdrückt.

Wieso schreibt eine Redakteurin von zeit.de, einem Produkt der ZEIT Online GmbH in Hamburg, dass die Wirtschaftswoche, die von der Handelsblatt GmbH in Düsseldorf herausgegeben wird und DIE ZEIT, die zum Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG in Hamburg gehört, beide zum „Holtzbrinck-Verlag“ gehören.

Holtzbrinck-Verlag? Welcher Holtzbrinck-Verlag?

Gibt es den überhaupt, den „Holtzbrinck-Verlag“? Soweit mir bekannt ist, gibt es eine Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (VGH), welche eine Holding mit Sitz in Stuttgart ist. Und es gibt eine Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH (DVH), die ihren Sitz in München hat.

Bis 2009 gehörten Die Zeit und alles was da ausgegliedert wurde und das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche zum Georg. Der musste aber an den Dieter verkaufen, heißt es, weil der Georg sich mit StudiVZ verhoben haben soll. Offiziell heißt es, Stefan strukturiere um. Die Unternehmen der Halbbrüder sind getrennt, auch wenn sie eng zusammenarbeiten. Die Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG gehört beiden zu gleichen Teilen, wobei Dieter das Sagen hat.

Kann man aber als Mitglied der Wirtschaftsredaktion einfach „Holtzbrinck-Verlag“ schreiben? Nach dem Motto: Ist doch eh eine Familie? Oder überblickt die Redakteurin selbst nicht so ganz, wer oder was der „Holtzbrinck-Verlag“ eigentlich ist und zu wem ihr Arbeitgeber denn nun eigentlich gehört? Wie soll ein Leser das verstehen?

Müsste es also nicht korrekt heißen: „…Wirtschaftswoche (die wie zeit.de zu DvH Medien – Dieter von Holtzbrinck GmbH München gehört)…“?

Denn die Angabe „Holtzbrinck-Verlag“ ist leider irreführend oder zumindest schlampig, auf keinen Fall aber transparent. Auch fehlt jeder Link, den man eigentlich bei einem Internetmedium erwarten könnte. (Anmerkung, 23.06.11: Der Hinweis wurde mittlerweile korrigiert.)

Aber ich will ja keine Verschwörungstheorie aufbauen, sondern suchte Halt. Gerade die Produkte, auf denen „ZEIT“ steht, waren doch dafür immer ein Garant.

Transparenz? Äh.

Vielleicht habe ich mich geirrt und suche nun Bestätigung. Wenn die Redakteurin so extra und ausrücklich auf die Verbindung von Wirtschaftswoche und „Zeit“ hinweist, wird das ja wohl ein „redaktioneller Standard“ sein. Ich suche also nach Wirtschaftswoche (hätte auch Tagesspiegel suchen können) und finde jede Menge Texte und in diesen Texten viele Zitate aus der Wirtschaftswoche – aber leider keine Hinweise auf eine „Verbindung“ zwischen „Wiwo“ und „Zeit“:

http://www.zeit.de/2011/18/DBM-Energy-Hannemann/komplettansicht

http://www.zeit.de/studium/hochschule/2011-04/hochschule-ehrendoktoren/komplettansicht

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/demonstrationen-atomausstieg

Die Zitation eines verbundenen Medienprodukts ist auf den ersten Blick keine Schleichwerbung – aber kann schon einen Kaufimpuls darstellen, weil der Nutzer vielleicht das zitierte Original nachlesen möchte.

Paragraf 7 des Pressekodex gibt eindeutig vor, dass „Eigeninteressen“ „erkennbar gemacht“ werden – und ein solches liegt wohl vor, wenn in einem Medium, dass zu einem Unternehmen gehört, ein anderes, das zu demselben Unternehmen gehört, dieses zitiert und damit „promotet“ wird.

Tatsächlich findet das nicht oder kaum statt. Offensichlich ist der korrekte Hinweis wie im Text von Tina Groll eben kein Standard-Hinweis, sondern ein „extra“-Hinweis – aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht, weil ich drauf hingewiesen habe? Aber das kann und will ich nicht behaupten.

Auch im Impressum fehlt jeder Hinweis, dass die Wirtschaftswoche und Zeit online zum DvH-Imperium gehören. Auch wenn das Handelsblatt, zu dem wiederum die Wirtschaftswoche gehört, zitiert wird, fehlt jeder Hinweis auf die „Verbundenheit“ von zeit.de und der Zeitung.

Warum ist zeit.de so intransparent? Immerhin 325 Artikel werden angezeigt, wenn man dort nach Transparenz sucht. Und überall wird diese angemahnt oder über die Anmahnung anderer berichtet.

Extra-Hinweise vs. Standard-Hinweise

Und sind DIE ZEIT und zeit.de eigentlich dasselbe oder sind es getrennte Unternehmen und Redaktionen? Wieso gibt es einen „extra“-Hinweis, dass Wiwo und DIE ZEIT zum selben (nicht-existenten) Haus gehören? Wieso ist das kein selbstverständlicher Standard?

Die ZEIT-Medien haben ein hohes Image und sind gut beraten, alles dafür zu tun, dass das auch so bleibt. Sonst kommen die Verschwörungstheorien von ganz alleine. Und wenn die mal im Raum sind, kriegt man sie nur schwer wieder weg.

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