Sonntag, 24. September 2017

Grauenhafte Bilder zeigen grauenhafte Zustände – in den Köpfen von Journalisten

Heddesheim/Rest der Welt, 23. Oktober 2011. Die Nutzung der Bilder von Gaddafis Tod durch viele deutsche Medien zeigt eine erschreckende Skrupellosigkeit. Es gibt für diese Redaktionen keinerlei ethische Grenze mehr. Die redaktionelle Gleichgültigkeit vor der Menschenwürde und die Missachtung jeglicher Standards ist der neue Maßstab. Die Verachtung wird zum journalistischen Prinzip. Die Nutzung der grauenhaften Bilder vom Tod des Diktators zeigt die grauenhaften Zustände in den Köpfen vollständig verrohter Journalisten. Ja, ein Diktator wurde getötet – aber auch ein Mensch erniedrigt und ermordet.

Von Hardy Prothmann

Das Erschreckende am Umgang mit dem „Material“, also den Handyfotos und -videos vom Tod Gaddafis, ist das Fehlen des Schreckens im Bewusstsein all jener redaktionell „verantwortlichen“ Journalisten, die die Bilder ohne jeden Skrupel zur Veröffentlichung genutzt haben. Das gilt auch für die, die so tun als ob und diese Bilder mit Bezug auf andere veröffentlichen oder die eine „Schamschranke“ einbauen und darauf hinweisen, dass der „nachfolgende Inhalt verstörendes Material zeigt“.

Dieser journalistische Pöpel ist gleichzusetzen mit dem Mob, der den gefangenen Diktator zunächst misshandelt und erniedrigt und dann ohne jede Gerichtsbarkeit ermordet hat. Auch ein mieser Verbrecher wie Gaddafi hat das Recht, wie ein Mensch behandelt zu werden.

Sie waren nicht dabei und haben folglich nichts unternehmen können, um den grausamen Akt zu verhindern – sie sind aber Täter, weil sie alles unternehmen, um die Szenen geschäftlich zu nutzen.

Wer argumentiert, die „Bilder sind doch sowieso in der Welt“, ist ein Dummkopf erster Klasse. Denn das Grauen ist schon immer in der Welt: Mord und Totschlag, Schändung und Missbrauch, Betrug und Verrat sind ebenso in der Welt, sind Teil des Alltags, Teil der Geschichte. Heißt das also, dass all das frei zur Nachahmung, zur Wiederholung ist?

Dokument der Zeitgeschichte? Nur für Dummköpfe.

Angemessen: Die Rhein-Zeitung verzichtet auf Blutbilder - wer sich für Politik interessiert, erkennt im Scherenschnitt sofort den Diktator und nimmt wahr, dass er wohl ausgelöscht ist. Die Inszenierung setzt auf Verstand statt auf Sensationsgeilheit.

Wer argumentiert, diese fürchterlichen Bilder seien „Dokumente der Zeitgeschichte“, stellt sich und anderen einen Freibrief aus, jede ethische Grenze nicht nur zu überschreiten, sondern ohne Rückblick hinter sich zu lassen. Und zeigt auch hier eine bodenlose Dummheit, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch genug Menschen gibt, die auch ohne drastischste Bilder die Zusammenhänge einordnen und verstehen können. Wer so argumentiert, erklärt sich selbst bankrott jeglicher anderer journalistischer Mittel.

Bilder von der Misshandlung und Ermordung eines wehrlosen Menschen sind kein Dokument der Zeitgeschichte – sie taugen höchstens als Beweise für ein begangenes Verbrechen. Und zwar vor einem ordentlichen Gericht und nicht zu Befriedigung von Blutgelüsten, Rachsucht und Sensationsgier.

Christoph Maria Fröhder ist einer der erfahrensten Krisenjournalisten Deutschlands, der Mann hat alles erlebt und gesehen, wovon die meisten keine Ahnung haben. Auf meine Nachfrage, wie er die Veröffentlichung der „aktuellen“ Bilder zu Gaddafis Tod, beurteilt, sagt er:

„Ich bin erschrocken, wie man sich der Erniedrigung hingibt. Dieses ethische Versagen und die Gedankenlosigkeit ohnegleichen sind selbst nur noch brutal und frevelhaft.“

Fröhder hat beim zweiten Irakkrieg zusammen mit Hajo Friedrichs Anfang der 90-ziger Jahre eine Debatte über zensierte Bilder ausgelöst, um der Öffentlichkeit deutlich zu machen, das nicht alles, was man sieht, auch echt sein muss. Dass vieles nur das zeigt, was gezeigt werden soll. Und das man Bildern immer misstrauen muss, besonders dann, wenn absolute Interessen dahinterstecken. Und dass man sie wohlüberlegt einsetzt, verantwortlich und verständig einordnet. Und auf solche verzichtet, die außer dem Bedienen niederer Instinkte keine weitere Information transportieren.

Musste die Veröffentlichung sein? Eine Frage, die sich das journalistische Gezocks nicht mehr stellt.

Musste die Veröffentlichung dieser Bilder im eigenen Medium sein? Das muss sich jede Redaktion selbst fragen. Was unterscheidet die Nachricht, die nüchtern vom Ende des Diktators korrekt berichtet (Anm: Die meisten schrieben „getötet“ – tatsächlich gibt es kaum Zweifel, dass er ermordet worden ist) von der, die auch noch diese menschenwürdelosen Bilder zeigt? Und jeder muss sich daran messen lassen, was er tut und was er nicht tut.

Ein Tabu, gewisse Bilder nicht zu zeigen, darf es nicht geben – das ist genauso abzulehnen, wie alles zu zeigen. Die entscheidenden Fragen sind: Welche Information ist wichtig? Wie transportiert man die Information am sinnvollsten? Was kann man verantworten?

Es steht außer Frage, dass ein Verbrecher wie Gaddafi größte Schuld auf sich geladen hat und bestraft werden musste. Wer sonst, wie viele Zeitungen und andere Medien das gerne tun, sich auf die Werte des christlichen Abendlands beruft, der ist bei aller Kritik und Härte aber hoffentlich noch Mensch und weiß auch, dass es zur Würde gehört, Würde zu geben, statt sie zu nehmen. So schwer das oft auch fällt.

Da muss man sich nicht auf einen Pressekodex berufen, der im Zweifel eh keine Rolle spielt. Man schaut einfach in den Spiegel und prüft nach, ob man noch einen Menschen oder nur noch eine Fratze sieht, die sich kaum vom geschundenen Gesicht Gaddafis inklusive Kopfschussloch unterscheidet.

Der sensationsgeile, bestialische Reflex, mit schockierenden Bildern Aufmerksamkeit zu erzeugen, stellt die Journalisten, die sich dem hingeben auf dieselbe Stufe wie den Mob, der Gaddafi erst geschleift und dann ermordet hat. Sie sind nichts weiter als ein verachtenswerter Haufen verantwortungslosen Gesocks ohne einen Funken Ehre im Leib.

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