Freitag, 28. April 2017

Geprothmannt: Much ado about journalism?

Heddesheim/Messina, 29. Dezember 2011. Ob Messina nun wirklich mit Heddesheim vergleichbar ist, bleibt dahingestellt. Aber Shakespeares Komödie, die eigentlich ein Drama ist, findet an diesen Orten und an anderen statt. Es geht um Liebe, Wahrheit, Ansehen, Ehre in dem StĂŒck „Viel LĂ€rm um nichts“. Was Shakespeare vor 500 Jahren erstmals veröffentlichte, ist genial. Denn es wirkt bis heute.

Von Hardy Prothmann

„Viel LĂ€rm um nichts“ darf man getrost der kompletten „Yellow-Press“ zubilligen. Diese Branche verdient aberwitzige Summen mit schrĂ€gen Fotos von Supermarkt-ParkplĂ€tzen, StrĂ€nden oder nĂ€chtlichen Alkoholfahrten, die manchmal auch an einem Tunnelpfeiler enden und dann in einem Blumenmeer zu Grabe getragen werden. Inklusive „exklusiver“ Berichterstattung und knallharten VertrĂ€gen fĂŒr die Übertragungsrechte.

Wenn es nicht ganz so tragisch kommt, aber trotzdem tragisch ist, wird nach Krediten gefragt, nach Rolle und Amt und nach dem Verhalten derjenigen, die sich in einer Demokratie Fragen stellen lassen mĂŒssen, denn nur da geht das. In einer Demokratie. Fragen stellen, Antworten finden und Ă€ußern.

In anderen LĂ€ndern ist das nicht so kompliziert – da werden Fragensteller einfach umgebracht. Die Yellow-Press ignoriert das und ergötzt sich trotzdem – denn es geht ja um Macht. Und die war schon immer und ist sexy.

In Deutschland werden Fragensteller nicht erschossen, sondern ökonomisch umgebracht.

Wer sich traut, kritische Fragen zu stellen, fragt vordergrĂŒndig nach Opfern, tatsĂ€chlich wird er selbst eins.

Zumindest galt diese These sehr lange als RealitĂ€t. Als RealitĂ€t von Zeitungsverlagen, die niemals den Journalismus ĂŒber den verlegerischen Gewinn gestellt haben.

Wer Umsatzrenditen von 20+ Prozent als normal erwartet, der will keine „Probleme“, schon gar nicht durch Journalismus.

Der will, dass das GeschĂ€ft lĂ€uft. Und das war lange ein wenig „Information“ zwischen die Anzeigen zu packen. Zu tun, als ob. Ein wenig LĂ€rm um nichts zu machen.

Doch die Zeiten haben sich geĂ€ndert. Der LĂ€rm nimmt zu. Die GeschĂ€fte der Verlage gehen schlechter. Und es gibt neue Angebote – das ist fĂŒr Monopolisten in Zeiten der Marktwirtschaft nur schwer zu „akzeptieren“.

Das meinen und spĂŒren zumindest die, deren „GeschĂ€fte“ im „LĂ€rm um nichts“ immer gut funktioniert haben.

Denn es gibt eine „unvermutete“ Konkurrenz. Ausgerechnet die öffentliche Meinung, derer man sich sonst sicher glaubte, weil man sie als „Gatekeeper“ ja „steuern“ konnte.

An dieser seit Jahren sich entwickelnden neuen RealitÀt nagen viele Verleger wie Neandertaler an einem fleischlosen Knochen.

Waren es frĂŒher Massenmedien, so ist die RealitĂ€t heute eine der Medienmassen. Monopole brechen auf. Sind von jeder Seite angreifbar. Verletzbar. Vernichtbar. Neu gestaltbar. Die Zukunft des Medienmarktes ist ungewiss. Offen. Undefiniert.

Es gibt viele „Versuche“ – oft nur Nadelstiche. Teilweise echte Alternativen.

Dazu gehört mein Projekt hyperlokaler Blogs. Aber auch die Tegernseer Stimme. Oder die Prenzlauer Berg Nachrichten. Oder Regensburg Digital. Oder xtranews. Oder Ruhrbarone. Oder wir-in-nrw. Oder…

Die Frage nach dem „Oder“ ist gut, richtig und wichtig. Die genannten Beispiele haben teils eine partielle, teils eine dauerhafte Aufmerksamkeit gewonnen. Warum? Weil Journalismus, also Information und AufklĂ€rung, Kampf um Meinungen, Widerstreit, Schicksale usw., mithin auch „Yellow“ geboten worden ist.

Und das ist gut so. Vor allem dann, wenn es um echte Inhalte geht und nicht nur um „Home-Stories“.

Leider gibt es bislang zu wenig „LĂ€rm“ um angeblich „nichts“.

Überall in Deutschland ist die Demokratie und die Gesellschaft am Rand der Information gefordert: Medien- und Meinungsmonopole bestimmen die „öffentliche Meinung“. Und ĂŒberall da, wo es neue Angebote gibt, entwickeln sich Meinungen.

Manchmal mit viel LÀrm. Oft tatsÀchlich nicht. Zumindest jetzt noch nicht.

Der professionelle Journalismus ist in Deutschland ein „theoretisch“ sehr hohes Gut. In Wahrheit ist er selten LĂ€rm, sondern eine „Lame Duck“, die in Form von „BratwĂŒrsten“, also klar verabredeten Terminberichten „abgearbeitet“ wird.

Als ich Anfang der 2000-er Jahre mit der Frage konfrontiert worden bin, ob „Blogger“ dem Journalismus „Konkurrenz machen könnten“, habe ich abgewinkt. Keine Chance (Ausnahmen inbegriffen), war meine Antwort.

Die gilt auch heute. Wer aber als Journalist bloggt und Unternehmer sein will, der hat große Chancen.

Das weiß ich heute, weil ich als Journalist zum „Blogger“ geworden bin. Zum Unternehmerjournalistenblogger – grausliges Wort.

Ich bin wie immer Journalist, beliefere ein Medium (Blog), schreibe Texte und mache Audio und Video. Eigentlich alles wie immer.

Der Unterschied: FrĂŒher habe ich Rechnungen an Medien gestellt – heute stelle ich Rechnungen an Anzeigenkunden.

Das ist neu, anstrengend, aber erfolgreich.

Und ĂŒbel – wenn man mitbekommt, wie weitreichend „Anzeigen und Redaktion“ bei „Monopolisten“ verknĂŒft sind. Das erfordert viel „Feldarbeit“ im AnzeigengeschĂ€ft.

DarĂŒber muss man viel LĂ€rm machen. Um die „angebliche“ „UnabhĂ€ngigkeit“ des „Journalismus“.

Um die tatsÀchliche UnabhÀngigkeit des neuen Journalismus.

Um eine Haltung, die eine Haltung ist und keine Deformation.

Um GlaubĂŒrdigkeit, um Relevanz, um Inhalt.

Und um eine Arbeit, die grundgesetzlich verandert ist: Informationen einzuholen, zu verarbeiten und zu Ă€ußern.

Das unterscheidet „Journalismus“ von allen anderen Berufen.

Leider gibt es nur wenige „Unternehmer“, die dieses Feld beackern. Dabei stehen die Chancen gut, weil es keine „Monopole“ qua „Definition“ gibt.

Einzelne Unternehmer machen das schon – es sind aber noch wenige.

FĂŒr 2012 wĂŒnsche ich mir mehr davon.

Im Zweifel „mehr LĂ€rm“. Um „etwas“.

More noting, than nothing.

In diesem Sinne.