Montag, 01. Mai 2017

Geprothmannt: Ich lass mir das Essen nicht vermiesen


Esst Gurken - sie sind lecker und gesund. Seit 2009 darf man in Deutschland auch solch krumme Gurken kaufen. Bild: Garitzko/wikipedia

Rhein-Neckar/Deutschland, 06. Juni 2011 (red) Die EHEC-Angst geht um. Warum? Weil ein Haufen verantwortungsloser Medien Panik bei den Menschen schürt. Und jede Menge falsche Informationen unters Volk bringt. Wer klug ist, durchschaut die Berichte über die angebliche Seuche – die wahre Seuche ist die Sensationsgier vieler Medien.

Von Hardy Prothmann

Am Anfang waren es ein paar EHEC-Fälle. Dann waren es ein paar mehr. Dann sollen spanische Gurken schuld gewesen sein, dann Gemüse aus Norddeutschland – die Deutsche Presse Agentur (dpa) hatte aus einem „in Norddeutschland“ ein „aus Norddeutschland“ gemacht. Die Folge: Massive ökonomische Schäden für Gemüseproduzenten, sprich Landwirte. In Spanien. In Norddeutschland.

Jetzt sollten es „Killerkeime“ – Sprößlinge gewesen sein.

Überall im Land bleiben die Gurken und Tomaten und jetzt Sprößlinge liegen. Die meisten Kantinen bieten eher Krautsalate an, denn frische Kost.

Niemand muss vor dem Verzehr von Gemüse Angst haben – denn das Bakterium sitzt wenn, auf dem Gemüse und nicht drin. Wer Gemüse vor dem Verzehr ordentlich reinigt, wäscht die Erreger ab.

Noch besser sind die dran, die ihr Gemüse im eigenen Garten ziehen – die wissen, wie es behandelt und gezogen wurde.

Die Erwartung der Überallverfügbarkeit ist das Problem.

Tatsächlich erwartet unsere Gesellschaft eine Überallverfügbarkeit von allem zu jeder Zeit. Deswegen reist Gemüse um die Welt und Erreger und Verschmutzungen mit.

Sicher, die Spanier, Belgier, Niederländer sind in diesem Fall offensichtlich nicht schuld an EHEC. Sie sind aber sehr wohl schuld an einer Verzerrung des Marktes mit minderwertigen Produkten. Die EU mag bis 2009 eine Gurkenkrümmungsverordnung gehabt haben – ob die Gurken aber auch schmecken, ist nicht verordnet worden.

So gibt es jede Menge Gurken, Tomaten und anderes Gemüse, dass auf Glanz gezüchtet ist, alles in Reih und Glied gleich „attraktiv“ aussieht, aber doch nach nichts schmeckt. Aber der Preis, der stimmt. Schön billig eben.

Und vermutlich wird herauskommen, dass wegen des Preises irgendwo in der Nahrungsproduktionskette geschlampt worden ist. Ob dioxinverseuchte Industriefette, die dem Tierfutter beigemischt werden, ekelerregende Massentierhaltung, BSE – nichts davon ist „natürlich“, alles ist industriell systembedingt „erzeugt“ worden.

EHEC ist der eine Erreger – Panik der andere.

Hinzu kommt die Erzeugung von Panik. Denn so wie die Gemüseproduktion industriell gesteigert wird und zwar gut aussehende, aber geschmacklose Ware erzeugt wird, so erzeugen Medien scheinbar wichtige Nachrichten, die aber „kernlos“ gezüchtet werden. Das Ziel ist wie beim Billig-Gemüse die Steigerung des Absatzes.

Es geht hier längst nicht mehr um Angebot und Nachfrage. Früher war ausverkauft, wenn ausverkauft war – heute soll immer weiter nachgeliefert werden. Auch die Kunden sind mit schuld, wenn sie selbstverständlich immer alles zu erhalten erwarten. Deswegen wird produziert, was das Zeug hält. Wird diese „Kette“ unterbrochen, ist das Geheule groß. Besonders bei gewissen Medien, ob erwartungsgemäß bei Bild oder auch bei scheinbar seriöseren Auftritten wie Spiegel online. Sitzt der „Erreger“ erstmal auf der Nachricht, verbreitet er sich ebenso rasend schnell.

Auch das erzeugt „Dünnpfiff“ – der aber macht den Kopf und das Herz der Menschen krank, die nur noch Gefahren sehen, obwohl sie in einem Land leben, dass ebenso massenhafte Kontrollverordnungen hat und diese auch weitestgehend umsetzt. Wenn man sich erregen will, dann über die dilletantische Öffentlichkeitsarbeit der verantwortlichen Politiker.

EHEC und die möglicherweise daraus resultiernde HUS-Erkrankung sind schlimm für alle Betroffenen – keine Frage. Aber es gibt für mich auch nicht im Ansatz einen Grund, keine Gurken zu essen. Ganz besonders freue ich mich auf die eigenen – die Pflänzchen sind gerade erst geschlüpft, es wird also noch ein wenig dauern, bis die leckeren Gurken auf den Tisch kommen.

Und nein – ich werde nichts davon exportieren. Die Erzeugnisse auf dem kleinen Beet sind für den Eigenbedarf bestimmt. Gute Freunde und Nachbarn bekommen auch was davon ab. Und bislang hat sich noch nie jemand über die Qualität beschwert.

  • rheinneckarblog

    Guten Tag!

    Offensichtlich fühlt sich die Chefredaktion der Mainpost in Würzburg genötigt, die eigene EHEC-Berichterstattung zu rechtfertigen:

    http://www.mainpost.de/specials/leseranwalt.artikel/art18771,6180636

    Einen schönen Tag wünscht
    Das rheinneckarblog

    P.S. In Würzburg liest man unsere Blogs sehr interessiert 😉

  • rheinneckarblog

    Guten Tag!

    Vier Tage nach diesem Artikel kam also auch „offiziell“ die Entwarnung.

    Also, ernährt Euch gesund und esst Gurken, Salat und Tomaten 🙂

    http://www.mlr.baden-wuerttemberg.de/Bund_hebt_Warnung_vor_Rohkost_auf_Sprossen_weiter_kritisch/97871.html

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  • rheinneckarblog

    Guten Tag!

    Umfangreiches Interview mit einem Mediziner zu EHEC und dem, was die meisten Medien (nicht) draus machen:

    „Auf die Einordnung kommt es an

    Insofern würde ich gerade jetzt bei EHEC sagen: Natürlich ist das beunruhigend für viele, und natürlich haben jetzt viele den Eindruck, dass man es nicht so genau weiß, und dass man nicht weiß, was man denn tun soll. Doch das ist zum einen natürlich dem Sachverhalt geschuldet – denn man weiß nun mal bestimmte Dinge tatsächlich nicht – und dann wird diese Unsicherheit natürlich transportiert – zum Teil von den Medizinern, zum Teil dann von den Medien. Das kann man denen aber jeweils nicht zum Vorwurf machen. Was die Medien natürlich vielleicht immer noch ein bisschen stärker tun könnten, wäre, es dann in eine Relation zu setzen – also, dass es immerhin noch sehr kleine Zahlen sind, und das dann nach den jüngsten RKI-Zahlen vorwiegend sowieso regional begrenzt. In Nordrhein-Westfalen sind das glaube ich einhundert Fälle, und in Hamburg einhundertfünfzig. Das ist bei dieser schweren Form der Erkrankung immer noch im Rahmen, und das könnten und sollten Medien einordnen.

    Also, zunächst einmal sind die Medien die Überbringer der schlechten Nachricht, und man kann sie dann zwar für das „wie“ manchmal köpfen – also wie sie es transportieren – aber nicht für den Sachverhalt selbst, wenn der komplex und schwierig und vielleicht auch bedrohlich ist.

    Nochmal: In Relation setzen und einordnen!“

    http://www.medien-doktor.de/sprechstunde/ehec-auf-die-einordnung-kommt-es-an/

    Einen schönen Tag wünscht
    Das rheinneckarblog