Montag, 23. Juli 2018

Warum ich jedem abrate, ein Lokalblog zu grĂŒnden

Don’t dream – it’s over

Mannheim, 04. Juli 2017. (red/pro) In dieser Zeit ein neues Medium im Lokalen zu grĂŒnden, grenzt an ein Himmelfahrtskommando. Wenn man nicht viel Geld und Mitstreiter mit hohem fachlichen Können, hoher Leistungsbereitschaft und großer LeidensfĂ€higkeit hat, ist das Unterfangen nahezu aussichtslos. TatsĂ€chlich ist das Sterben von Lokaljournalismus höchst gefĂ€hrlich und dieser Text treibt Ihnen das Grauen in den Kopf. Garantiert.

Von Hardy Prothmann

In den Jahren 2009-2013 bin ich hĂ€ufig gefeiert worden. Toll, was mit dem Heddesheimblog.de angefangen hatte und sich dann schließlich ins Rheinneckarblog.de weiterentwickelt hat. Die Euphorie unter Medienjournalisten war enorm: Hyperlokale neue Nachrichtenangebote sollten die LĂŒcken fĂŒhlen, die Zeitungsschließungen und Einsparungen in großen VerlagshĂ€user ĂŒberall im Land gerissen hatten.

Heute? Nur wenige Jahre spĂ€ter? Aus der Traum – kaum eines der neuen Angebote hat ĂŒberlebt. Mal ganz abgesehen davon, dass die meisten Inhalte Ă€ußerst dĂŒnn wĂ€ren und journalistisch nicht wirklich was gerissen haben.

Wie auch? Entweder sind die Blogmacher gestandene Journalisten, so wie ich oder sie haben nicht ansatzweise die FĂ€higkeiten, herausragende Arbeit anzubieten, die fĂŒr Aufmerksamkeit sorgt, ein Publikum findet und damit auch Vermarktungsmöglichkeiten schafft.

Doch wer vermarktet diese Plattformen? AnzeigenverkĂ€ufer, die einem die Bude einrennen? Ganz sicher nicht. Hinzu kommt, dass die lokalen Online-AnzeigenmĂ€rkte entweder nicht entwickelt oder hart umkĂ€mpft sind. Wie soll man gegen die großen RubrikenmĂ€rkte KFZ, Immobilien und Jobs ein Portal aufbauen, wenn selbst die großen VerlagshĂ€user hier massive Einbußen hinnehmen mussten und sich fĂŒr viel Geld wieder in die Portale eingekauft haben?

Hinzu kommt: Die Zeitungsverlage haben nicht nur die vollkommen hirnrissige „Kostenloskultur“ befördert, sondern alles dafĂŒr getan, um OnlinemĂ€rkte zu beschĂ€digen, um ihre Printanzeigen zu schĂŒtzen.

Wer sich aufs Hyperlokale konzentriert, kann die Nachrichten fĂŒr seinen Kiez oder sein Dorf machen – aber niemals genug Geld verdienen, um davon zu leben. Man muss das Gebiet also vergrĂ¶ĂŸern und damit mehr Leser/innen wie auch zahlungsfĂ€hige und -willige Werbekunden ansprechen. Und die Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Doch das ist ein Fulltime-Job – wer macht dann Journalismus und leitet die Redaktion?

Dazu kommt eine Leserschaft, die auf eine Vielzahl von Angeboten im Internet treffen und nur schwer zu binden sind. Bestes Beispiel: Die seit ĂŒber 20 Jahren massiv zurĂŒckgehenden Abonnentenzahlen bei den Tageszeitungen.

Viele Menschen sind nicht bereit, fĂŒr Informationen Geld zu bezahlen. Hinzu kommt der Verlust der ExklusivitĂ€t. Mehr oder weniger alle Behörden informieren zu relevanten VorgĂ€ngen mittlerweile selbst, Unternehmen sowieso. Das nutzen auch wir, um der Leserschaft ausgewĂ€hlte und unserer Ansicht nach wichtige Meldungen anzubieten, das ist aber nicht vermarktbar. Zeitungen schreiben diese Meldungen um und bescheißen die zahlenden Abonnenten mit dem Eindruck, das sei Journalismus.

Lokaljournalisten mussten schon immer Allrounder sein, aber die KomplexitĂ€ten der Gesellschaft haben zugenommen, ebenso die Gesetze und die Angebote in StĂ€dten. Ein Beispiel: Die Stadt Mannheim beschĂ€ftigt inklusive aller Ämter und Eigenbetriebe ĂŒber 8.000 Menschen in hochkomplexen ZusammenhĂ€ngen. Bauamt, Ordnungsamt, AuslĂ€nderbehörde, Kinderbetreuung, Kulturamt, Wirtschaftsförderung usw..

Alle Belange in Zusammenhang mit den Aufgaben, die diese Menschen betreuen, können journalistisch nicht nur interessant, sondern wichtig sein. Niemand kann gleichzeitig Experte zu dem sein, was 8.000 Menschen bearbeiten. Eigentlich braucht es fĂŒr jede Behörde einen Mitarbeiter, der sich einfuchst, Kontakte macht und pflegt, die Entwicklungen verfolgt und verstĂ€ndig darĂŒber berichtet. Allein fĂŒr die Stadt Mannheim brĂ€uchte es also gut 30-40 Redakteure.

Beim PolizeiprĂ€sidium Mannheim arbeiten 2.400 Personen, davon ĂŒber 2.000 Polizisten, der Rest sind Verwaltungsleute. Das Gebiet sind die StĂ€dte Mannheim (317.000) und Heidelberg (rund 150.000) sowie der Rhein-Neckar-Kreis, der mit ĂŒber 500.000 Einwohnern bevölkerungsreichste Landkreis im SĂŒdwesten. Also gut eine Million Menschen – teils geballt in den Zentren, sonst verteilt im lĂ€ndlichen Raum. Politisch wird ĂŒber die Polizeireform gestritten – zu lange Wege. Übersetzen Sie das mal fĂŒr uns: Es ist vollstĂ€ndig utopisch, polizeiliche Themen ort- und zeitnah abzubilden. Sicherheit und damit Polizei ist bei uns ein Top-Thema, ich denke, dass insbesondere ich einen ziemlich guten Job mache, aber nur mit dem tĂ€glichen Mut zur großen LĂŒcke.

Dazu kommen Landesthemen und solche vom RegierungsprĂ€sidium. Dazu Verkehr in allen möglichen Konstellationen, dazu durchgeknallte KĂŒnstler in der Region, die bundesweit fĂŒr Schlagzeilen sorgen. Und natĂŒrlich die Globalisierung. Wenn im Ausland ein Konzern hustet, liegt vor Ort möglicherweise ein Patient im Komazelt.

Diese heutigen KomplexitĂ€ten bildet kein Medium mehr ab – weder eine Lokalzeitung noch alle Medien in einem Gebiet zusammen. Viele wichtige Geschichten werden nicht erzĂ€hlt, schon gar nicht recherchiert, sie existieren einfach nicht mehr. Und damit meine ich nicht nur die „Aufregerthemen“, sondern insbesondere leise Geschichten, einfĂŒhlsame, aber höchst erzĂ€hlenswerte, weil es um Menschen geht.

Ich habe heute auf dem Rheinneckarblog ordentlich Alarm gemacht, weil dieser Alarm angebracht ist. Ergebnis: Acht Personen haben Geld gegeben, insgesamt 450 Euro, zwischen 20 und 100 Euro pro Person. Das ist super. DafĂŒr bin ich dankbar, aber das ist zu wenig.

Allein ein freier, hauptberuflicher Journalist braucht – nach seiner Ausbildung und ersten Jahren der Erfahrung – , um einigermaßen ordentlich leben zu können und auch fĂŒr seine Rente vorzusorgen mindestens 350 Euro brutto tĂ€glich, fĂŒnf Mal die Woche. FĂŒr einen angestellten Journalisten muss man an Lohn und Ausstattung des Arbeitsplatzes mindestens 60.000 Euro rechnen und das ist schon knapp kalkuliert – angesichts der Arbeitsbelastung und der FĂ€higkeiten, die man haben und der Leistung, die man bringen muss.

Die Politik – und das ist eine der vielen Dummheiten im politischen System – ist eigentlich ganz zufrieden mit der Situation. Denn sie denkt einfach: Weniger Journalisten, die hart recherchieren, bedeutet weniger Probleme, die durch Recherchen und Berichte ausgelöst werden könnten. Weniger „WĂ€chter“ – mehr Freiheit fĂŒr Politiker.

Auf den ersten Blick geht die Rechnung auf – auf den zweiten ĂŒberhaupt nicht. Denn wer funktionierende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme verstanden hat, weiß, dass eine durchgehende Kontrolle zwingend notwendig ist, damit diese demokratisch funktionieren. Überall und immer, wenn Kontrolle fehlt, wuchern die MissstĂ€nde und die Systeme geraten außer Kontrolle.

Freiheit ist ein hoher Wert an sich – ohne Kontrolle und den Zwang zur Verantwortung, ist er nichts wert. Wenn Sie so wollen, sind LĂ€nder wie der Irak oder Afghanistan oder Nigeria und Somalia und insbesondere Libyen die freiesten LĂ€nder der Welt. Dort gibt es so gut wie keine Kontrolle. Das Ergebnis ist tödliches Chaos und eine absolute Unfreiheit zum Nachteil der allermeisten Menschen in diesen LĂ€ndern. Das Ergebnis ist gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Stillstand. Das Ergebnis ist Terror.

In Krisenbranchen wird viel Geld investiert. Ob Kohle oder aktuell den Atomausstieg, vulgo Energiewende. Das Journalismus-System in Deutschland ist seit Jahren in einer Megakrise – das mag nur niemand so eingestehen. Alle werfen sich in die Brust fĂŒr die Meinungsfreiheit – doch die schwindet immer mehr. Da profiliert man sich und ruft „Meinungsfreiheit fĂŒr die TĂŒrkei“ oder Ungarn oder Polen. Doch die Frage, was diese Leute fĂŒr die Meinungsfreiheit, deren Motor Journalisten sind, im eigenen Land tun, die wird nicht gestellt und schon gar nicht angepackt.

Viele Menschen wenden sich von „den Medien“ ab – oft zurecht, weil die Leistungen immer enttĂ€uschender sind. Zu vielen Themen gibt es keine Berichte mehr. DafĂŒr immer mehr Aufregerthemen im Konkurrenzkampf um die letzte Aufmerksamkeit. Das fĂŒhrt fatalerweise zum Abschalten bei den Menschen. Die ertragen nicht, dass ĂŒberall nur noch Mord und Totschlag und Krise, Krise, Krise berichtet wird.

Ich habe dazu eine interessante Erfahrung: Als Fukushima hochging, hatten wir tolle Themen im Angebot. Die liefen. Die Zugriffe waren gut. Doch dann nahmen diese dramatisch ab. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Wie konnte das sein? Top-Stories und immer weniger Leute interessieren sich? Im GesprĂ€ch mit Leuten auf der Straße, mit Kollegen, Freunden, Kontakten hörte ich immer öfter: „Das ist zu viel, das packe ich nicht mehr. Ich meide Nachrichten, weil mich das ĂŒberfordert.“

Es fehlte der Ausgleich. Die gute Nachricht. Die Leute zogen den Kopf ein.

Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die tatsĂ€chlich glauben, die Medien seien gleichgeschaltet. Diese Menschen haben mit ihrer Wahrnehmung recht, weil insbesondere klassische Medien ganz ĂŒberwiegend dieselben Nachrichten haben, nĂ€mlich aus den Agenturnachrichten. So wirkt das gesteuert – tatsĂ€chlich ist das das Ergebnis von SparzwĂ€ngen, wirtschaftlicher Not und dem festen Vorsatz, so zu tun, als sei alles noch normal und gehe „seinen sozialistischen Gang“.

Tut es nicht. Die Vielfalt der Nachrichten schwindet mehr und mehr. Die publizistischen Angebote gehen zurĂŒck. Es gibt immer mehr Einheitsbrei und in der Not setzt man auf Unterhaltung oder Schock, die alte Erfolgsformel der Bild: TTT – Tiere, Titten, Tote.

Diese Erfolgsformel ist aber keine. Die Bild-Zeitung hat ihre Auflage mit der Wiedervereinigung auf Rekordhöhe gesteigert. Aus dem Kopf, nicht belegt, rund 4,6 Millionen Exemplare. Heute liegt sie sehr deutlich unter zwei Millionen. Und die Bild war noch nie Lokalzeitung, noch nie verlÀsslicher Begleiter im Alltag des eigenen Lebensraums.

Wer heute dagegenhalten will und vor Ort, fĂŒr die Region ein publizistisches Angebot gestalten möchte, muss fĂŒr die ersten drei Jahre minimum rund 200.000 Euro in die Hand nehmen – ohne zu wissen, ob man damit Erfolg hat. Dazu investiert man drei Lebensjahre. Und wenn man hart journalistisch vorgeht, muss man noch erhebliche juristische Kosten kalkulieren. Selbst wenn man gut ist, macht man Fehler und es gibt da draußen jede Menge Leute, die einen bestrafen wollen.

Neben der zwickenden LiquiditĂ€tsfrage braucht man Mitarbeiter, die leistungsbereit sind, voller Leidenschaft und willens, keine geregelten Arbeitszeiten zu haben und hĂ€ufig mit den Untiefen des Menschseins konfrontiert zu werden. Dazu benötigt man viel Zeit, um das Vertrauen von Kontakten zu gewinnen und man muss neutral sein, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, denn das wird sofort „gerĂ€cht“. Ob durch Klagen oder den Entzug von Zahlungen oder von Informationen, was tödlich fĂŒr Journalismus ist, aber durchaus praktiziert wird.

Die goldenen Jahre fĂŒr Journalismus sind vorerst vorbei. Ich weiß das, denn ich habe sie gut verdienend und mit tollen Arbeitsbedingungen erlebt. Insbesondere in den 90-iger Jahren hatte ich tolle Jobs, die oft sehr anstrengend waren, aber meine Existenz nicht nur gesichert haben, sondern lukrativ waren.

Ich habe mit meinen Engagement fĂŒr eine moderne Lokalberichterstattung eine mehr als herausragende Leistung erbracht. Das Rheinneckarblog ist ein etabliertes Medium von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Keiner meiner Mitarbeiter wurde von mir in Überstunden gezwungen, ich habe niemandem mehr zugemutet, als vertrĂ€glich ist und immer alle Löhne und Honorare bezahlt.

Aber ich habe auch meine sĂ€mtlichen RĂŒcklagen in nahezu sechsstelliger Höhe investiert und vor allem meine Lebenszeit und meine Kraft. Mit dem Erfolg wird der Gegenwind immer grĂ¶ĂŸer.

Ich musste hinnehmen, dass ich als Rechtsradikaler gebrannt worden bin, von Linken, denen meine Berichte nicht gefielen. Und als Linksradikaler von Rechten, denen meine Berichte nicht gefielen. Als „Blogger“ stand und stehe ich immer noch als Person in der Kritik. Es macht nicht wirklich Spaß, auf Kundgebungen als „Nazi-Hardy“ empfangen zu werden – von Dummköpfen, deren einzige Leistung aus Beleidigungen sowie Gewalt gegen Sachen und Personen besteht. Maskiert, anonym und in der Masse kaum verantwortlich zu machen. GestĂŒtzt von „aufrechten Sozialdemokraten“, die meinen, dass diese Leute ok sind, weil „antifaschistisch“.

Der Staatsschutz der Polizei teilt mir auf Anfrage mit, dass wegen meiner Arbeit eine „abstrakte Bedrohungslage“ fĂŒr mich besteht. In meiner Verantwortung fĂŒr meine Mitarbeiter habe ich diese dazu informiert, denn ich weiß nicht, ob mich ein „Molly“ trifft, wenn die gerade neben mir stehen. Um das zu verhindern, nehme ich keinen Mitarbeiter mehr zu problematischen Situationen mit – damit habe ich aber auch keine UnterstĂŒtzung mehr und im Ergebnis kann ich selbst nicht mehr in diese Situationen, weil ich auch „Alltag“ zu bewĂ€ltigen habe. Irgendwelche Pressekonferenzen zu irgendwelchen lokalpolitischen Themen, die Anfahrtszeit und Zeit vor Ort kosten.

Geld fĂŒr Leistungen ist da. Wir werden tĂ€glich von netten PR-Agenturen mit tollen Meldungen zu tollen Dienstleistungen und Erfolgen von supertollen Fimen zugeschĂŒttet. PR wird besser bezahlt als Journalismus, war frĂŒher noch goldener. Immer mehr machen PR – frĂŒhere Journalisten. Und kapieren nicht, dass kein Mensch mehr PR braucht, wenn es keine Medien mehr gibt, die man beliefern kann, um die frohe Botschaft abzusetzen. Aber ne Werbung schalten? Sorry, kein Budget.

Klingt irre? Ist irre.

Ich muss feststellen, dass immer weniger Zeit vor Ort bleibt, dass immer weniger Veranstaltungen besucht werden, dass immer weniger GesprĂ€che ohne Zeitdruck gefĂŒhrt werden. Und mit dieser Feststellung bin ich auch Vorreiter – denn die etablierten Medien tun ĂŒberwiegend so, als sei die journalistische Welt noch in Ordnung.

 

Ist sie nicht. Sie ist vollstĂ€ndig aus den Fugen. Aktuell wird eingestellt, ĂŒbernommen, konzentriert und der Nachrichtenflow wird zunehmend zum Einheitsbrei – nicht nur durch Facebook-Algorithmen, sondern auch durch die Kontrolle von Klickzahlen und die Entscheidung großer MedienhĂ€user, dieser Spur zu folgen.

Dadurch findet zunehmend eine vollstĂ€ndige Deintellektualisierung der Gesellschaft statt. Der Aufmerksamkeitsterror durch Pressuregroups, bestens versorgt durch Lokalzeitungen, die verzweifelt versuchen, ihre Leserschaft, pardon letzten Abonnenten jenseits der 60 zu halten, wird gleichzeitig vom Like-Terror vollstĂ€ndig emotionalisiert-enthemmter Gruppen im Internet begleitet, die sich in sich selbst erfĂŒllenden Prophezeiungen bis zur vollstĂ€ndigen Verblödung selbst bestĂ€tigen.

Im scheinbaren „sozialen Netzwerk“ ist eigentlich das allermeiste ziemlich asozial – vollstĂ€ndig ohne Kontrolle von der Leine gelassen und teils von enormer Wucht, auf die die Gesellschaft wie die Politik und der Gesetzgeber keine Antwort haben.

Ich war immer freier Journalist aus Überzeugung – weil ich mich keinen redaktionellen Linien oder Auflagen beugen wollte. FrĂŒher gab es fĂŒr mich ĂŒberwiegend „Lager“ – die waren eher links, die eher konservativ und dann gab es noch ein paar Extreme. Weder links noch konservativ wĂ€chst – sondern die Extreme. Ob 4.000 Hogesa-Rechtsradikale in Köln oder tausende „Nafris“ ebenfalls in  Köln oder linke Chaoten in Frankfurt und aktuell möglicherweise in Hamburg oder immer mehr durchgeknallte „ReichsbĂŒrger“.

Möglicherweise muss das so sein, weil ein sich entwickelndes Europa die Mitte suchte, erste Extreme in der Bankenseuche erfuhr und seitdem von IdentitĂ€tskonflikten, FlĂŒchtlingskrise und Abschottungstendenzen geplagt ist. Da ist viel Platz fĂŒr neue Extreme jeder Art. Und fast alles hat lokale Relevanz – je nachdem, wo vor Ort vor Ort ist. Ob in Köln, in Mannheim, wo Hogesa entstanden ist oder in Hamburg oder wo gerade irgendwie alle hingucken, weil „was los ist“. Selbst das saarlĂ€ndische Dudenhofen, von dem kein Mensch bis auf Dudenhofener weiß, wo das ist, wird national interessant, weil sich Osmanen und Bahoz dort gerade bekriegen.

Wenn heute die Debatte darĂŒber lĂ€uft, inwieweit die linksliberale Presse Einbußen erleidet und rechtskonservative Medien zulegen oder LĂŒgen- und LĂŒckenpresse skandalisiert wird, reibe ich mir die Augen. Was bitte, ist das fĂŒr ein VerstĂ€ndnis von Journalismus? Journalismus hat frei und unabhĂ€ngig zu sein und nicht Lager hier oder dort selbstverstĂ€ndlich zu bedienen. Journalismus ist fĂŒr kritische Informationen zur Meinungsbildung da und nicht fĂŒr LagerbestĂ€tigung hier wie dort. Das nennt man nĂ€mlich PR oder Propaganda und teils ist der Journalismus davon nicht mehr zu unterscheiden, wie auch die heftige und teils berechtigte Kritik an ARD und ZDF zu vielen Themen, insbesondere der Auslandsberichterstattung, zeigt – obwohl diese Organisationen mit Milliarden Euro durch ZwangsgebĂŒhren regelrecht gepudert werden.

Das von mir verantwortete Rheinneckarblog hat sich nie mit Lagern gemein gemacht. Wir haben uns nachweislich mit allen und jedem angelegt – nicht aus Prinzip, sondern dann, wenn es aufgrund unserer Recherchen notwendig war.

Im Ergebnis haben meine Leute und ich uns damit viel Respekt verdient und eine große Leserschaft aufgebaut – aber ehrlich? Ich schĂ€tze unsere Leserschaft sehr, aber ist stelle fest, dass sie kleiner ist, als ich erhofft habe. Weil ich davon ĂŒberzeugt bin, durch immer wieder intern wie extern nachgefragte Kritik, machen wir ein gutes Angebot – aber die Zahl der erreichbaren Menschen ist begrenzt und wĂ€chst nicht in dem Maße, wie ich mir das vorstelle.

Klassischerweise reagieren Medien dann so, dass sie ĂŒberlegen, wie man die Leute „abholen“ kann und im Ergebnis ist die Lösung immer eine Boulevardisierung des Angebots, in der Hoffnung, ĂŒber Tiere, Titten, Tote und Aufregerthemen mit der Konkurrenz mithalten zu können.

Tatsache ist: Diese Branche boulevardisiert und skandalisiert sich zu Tode, indem sie fast faschistoid hörig der Masse folgt, statt der Masse klar und deutlich Standpunkte vorzulegen. Leute mit Verstand verabschieden sich zunehmend aus diesen Tohuwabohu – wer kann, verlĂ€sst Deutschland dahin, wo gute Bedingungen geboten werden.

Das ist eine gefĂ€hrliche Entwicklung. Man schaut besorgt aufs Ausland und schĂŒttelt den Kopf. Was ist in der TĂŒrkei los, in Polen, in Ungarn, in Russland oder auch Großbritannien. Das gibt es doch alles gar nicht. Doch, gibt es. Das nĂ€chste Land, das nach rechtsaußen explodieren wird, ist Italien. Und dieser FlĂ€chenbrand wird auch Deutschland erreichen.

Lokale Medien wie das Rheinneckarblog werden auch bundesweit gelesen, haben enormen Einfluss, können aber die Symptome des kranken Journalismus nicht heilen.

Es braucht eine breite und intensive gesellschaftliche Debatte ĂŒber den Wert und die Notwendigkeit von Journalismus, um Demokratie zu stĂ€rken. Wenn diese ausbleibt, erledigt sich erst der Journalismus und dann die Demokratie.

Kurzum: Das Investitionsumfeld in Journalismus wĂŒrde von mir, wenn ich Broker wĂ€re, als absolute Risikoanleihe eingeschĂ€tzt werden. Andererseits bedeutet das, dass hier viel Gewinn zu machen ist, wenn der Markt anzieht.

Das muss passieren, weil sonst alle anderen MĂ€rkte unzweifelhaft abrutschen und kaputt gehen.

Glauben Sie nicht?

Denken Sie an diesen Text, wenn es soweit ist. Bis 2025 werden wir in Deutschland tatsĂ€chlich bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZustĂ€nde erleben, wenn nicht sofort entschieden Maßnahmen ergriffen werden, um das zu verhindern.

Krieg entsteht immer dann, wenn die Informationen gesteuert werden oder durcheinander gehen oder nicht vorhanden sind. Wenn Sie im Geschichtsunterricht aufgepasst haben, dann wissen Sie das. Die ersten, die gehĂ€ngt werden, sind Leute, die keine große Lobby haben – noch ein Grund, kein Lokalblog zu grĂŒnden.

So einfach ist das.

Anm.: Der Text wurde oben angefangen und unten beendet. Kein Vier-Augen-Prinzip. Keine Redaktion, keine Zeit, hier und da zu feilen. Sondern durchgeschrieben. Zeitaufwand: Etwa zwei Stunden. Hintergrundwissen: 27 Jahre.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.