Donnerstag, 23. November 2017

Warum ich jedem abrate, ein Lokalblog zu gr√ľnden

Don’t dream – it’s over

Mannheim, 04. Juli 2017. (red/pro) In dieser Zeit ein neues Medium im Lokalen zu gr√ľnden, grenzt an ein Himmelfahrtskommando. Wenn man nicht viel Geld und Mitstreiter mit hohem fachlichen K√∂nnen, hoher Leistungsbereitschaft¬†und gro√üer Leidensf√§higkeit hat, ist das Unterfangen nahezu aussichtslos. Tats√§chlich ist das Sterben von Lokaljournalismus h√∂chst gef√§hrlich und dieser Text treibt Ihnen das Grauen in den Kopf. Garantiert.

Von Hardy Prothmann

In den Jahren 2009-2013 bin ich h√§ufig gefeiert worden. Toll, was mit dem Heddesheimblog.de angefangen hatte und sich dann schlie√ülich ins Rheinneckarblog.de weiterentwickelt hat. Die Euphorie unter Medienjournalisten war enorm: Hyperlokale neue Nachrichtenangebote sollten die L√ľcken f√ľhlen, die Zeitungsschlie√üungen und Einsparungen in gro√üen Verlagsh√§user √ľberall im Land gerissen hatten.

Heute? Nur wenige Jahre sp√§ter? Aus der Traum – kaum eines der neuen Angebote hat √ľberlebt. Mal ganz abgesehen davon, dass die meisten Inhalte √§u√üerst d√ľnn w√§ren und journalistisch nicht wirklich was gerissen haben.

Wie auch? Entweder sind die Blogmacher gestandene Journalisten, so wie ich oder sie haben nicht ansatzweise die F√§higkeiten, herausragende Arbeit anzubieten, die f√ľr Aufmerksamkeit sorgt, ein Publikum findet und damit auch Vermarktungsm√∂glichkeiten schafft.

Doch wer vermarktet diese Plattformen? Anzeigenverk√§ufer, die einem die Bude einrennen? Ganz sicher nicht. Hinzu kommt, dass die lokalen Online-Anzeigenm√§rkte entweder nicht entwickelt oder hart umk√§mpft sind. Wie soll man gegen die gro√üen Rubrikenm√§rkte KFZ, Immobilien und Jobs ein Portal aufbauen, wenn selbst die gro√üen Verlagsh√§user hier massive Einbu√üen hinnehmen mussten und sich f√ľr viel Geld wieder in die Portale eingekauft haben?

Hinzu kommt: Die Zeitungsverlage haben nicht nur die vollkommen hirnrissige „Kostenloskultur“ bef√∂rdert, sondern alles daf√ľr getan, um Onlinem√§rkte zu besch√§digen, um ihre Printanzeigen zu sch√ľtzen.

Wer sich aufs Hyperlokale konzentriert, kann die Nachrichten f√ľr seinen Kiez oder sein Dorf machen – aber niemals genug Geld verdienen, um davon zu leben. Man muss das Gebiet also vergr√∂√üern und damit mehr Leser/innen wie auch zahlungsf√§hige und -willige Werbekunden ansprechen. Und die Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Doch das ist ein Fulltime-Job – wer macht dann Journalismus und leitet die Redaktion?

Dazu kommt eine¬†Leserschaft, die auf eine Vielzahl von Angeboten im Internet treffen und nur schwer zu binden sind. Bestes Beispiel: Die seit √ľber 20 Jahren massiv zur√ľckgehenden Abonnentenzahlen bei den Tageszeitungen.

Viele Menschen sind nicht bereit, f√ľr Informationen Geld zu bezahlen. Hinzu kommt der Verlust der Exklusivit√§t. Mehr oder weniger alle Beh√∂rden informieren zu relevanten Vorg√§ngen mittlerweile selbst, Unternehmen sowieso. Das nutzen auch wir, um der Leserschaft ausgew√§hlte und unserer Ansicht nach wichtige Meldungen anzubieten, das ist aber nicht vermarktbar. Zeitungen schreiben diese Meldungen um und beschei√üen die zahlenden Abonnenten mit dem Eindruck, das sei Journalismus.

Lokaljournalisten mussten schon immer Allrounder sein, aber die Komplexit√§ten der Gesellschaft haben zugenommen, ebenso die Gesetze und die Angebote in St√§dten. Ein Beispiel: Die Stadt Mannheim besch√§ftigt inklusive aller √Ąmter und Eigenbetriebe √ľber 8.000 Menschen in hochkomplexen Zusammenh√§ngen. Bauamt, Ordnungsamt, Ausl√§nderbeh√∂rde, Kinderbetreuung, Kulturamt, Wirtschaftsf√∂rderung usw..

Alle Belange in Zusammenhang mit den Aufgaben, die diese Menschen betreuen, k√∂nnen journalistisch nicht nur interessant, sondern wichtig sein. Niemand kann gleichzeitig Experte zu dem sein, was 8.000 Menschen bearbeiten. Eigentlich braucht es f√ľr jede Beh√∂rde einen Mitarbeiter, der sich einfuchst, Kontakte macht und pflegt, die Entwicklungen verfolgt und verst√§ndig dar√ľber berichtet. Allein f√ľr die Stadt Mannheim br√§uchte es also gut 30-40 Redakteure.

Beim Polizeipr√§sidium Mannheim arbeiten 2.400 Personen, davon √ľber 2.000 Polizisten, der Rest sind Verwaltungsleute. Das Gebiet sind die St√§dte¬†Mannheim (317.000) und Heidelberg (rund 150.000) sowie der Rhein-Neckar-Kreis, der mit √ľber 500.000 Einwohnern bev√∂lkerungsreichste Landkreis im S√ľdwesten. Also gut eine Million Menschen – teils geballt in den Zentren, sonst verteilt im l√§ndlichen Raum. Politisch wird √ľber die Polizeireform gestritten – zu lange Wege. √úbersetzen Sie das mal f√ľr uns: Es ist vollst√§ndig utopisch, polizeiliche Themen ort- und zeitnah abzubilden. Sicherheit und damit Polizei ist bei uns ein Top-Thema, ich denke, dass insbesondere ich einen ziemlich guten Job mache, aber nur mit dem t√§glichen Mut zur gro√üen L√ľcke.

Dazu kommen Landesthemen und solche vom Regierungspr√§sidium. Dazu Verkehr in allen m√∂glichen Konstellationen, dazu durchgeknallte K√ľnstler in der Region, die bundesweit f√ľr Schlagzeilen sorgen. Und nat√ľrlich die Globalisierung. Wenn im Ausland ein Konzern hustet, liegt vor Ort m√∂glicherweise ein Patient im Komazelt.

Diese heutigen Komplexit√§ten bildet kein Medium mehr ab – weder eine Lokalzeitung noch alle Medien in einem Gebiet zusammen. Viele wichtige Geschichten werden nicht erz√§hlt, schon gar nicht recherchiert, sie existieren einfach nicht mehr. Und damit meine ich nicht nur die „Aufregerthemen“, sondern insbesondere leise Geschichten, einf√ľhlsame, aber h√∂chst erz√§hlenswerte, weil es um Menschen geht.

Ich habe heute auf dem Rheinneckarblog ordentlich Alarm gemacht, weil dieser Alarm angebracht ist. Ergebnis: Acht Personen haben Geld gegeben, insgesamt 450 Euro, zwischen 20 und 100 Euro pro Person. Das ist super. Daf√ľr bin ich dankbar, aber das ist zu wenig.

Allein¬†ein freier, hauptberuflicher Journalist braucht – nach seiner Ausbildung und ersten Jahren der Erfahrung – , um einigerma√üen ordentlich leben zu k√∂nnen und auch f√ľr seine Rente vorzusorgen mindestens 350 Euro brutto t√§glich, f√ľnf Mal die Woche. F√ľr einen angestellten Journalisten muss man an Lohn und Ausstattung des Arbeitsplatzes mindestens 60.000 Euro rechnen und das ist schon knapp kalkuliert – angesichts der Arbeitsbelastung und der F√§higkeiten, die man haben und der Leistung, die man bringen muss.

Die Politik – und das ist eine der vielen Dummheiten im politischen System – ist eigentlich ganz zufrieden mit der Situation. Denn sie denkt einfach: Weniger Journalisten, die hart recherchieren, bedeutet weniger Probleme, die durch Recherchen und Berichte ausgel√∂st werden k√∂nnten. Weniger „W√§chter“ – mehr Freiheit f√ľr Politiker.

Auf den ersten Blick geht die Rechnung auf – auf den zweiten √ľberhaupt nicht. Denn wer funktionierende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme verstanden hat, wei√ü, dass eine durchgehende Kontrolle zwingend notwendig ist, damit diese demokratisch funktionieren. √úberall und immer, wenn Kontrolle fehlt, wuchern die Missst√§nde und die Systeme geraten au√üer Kontrolle.

Freiheit ist ein hoher Wert an sich Рohne Kontrolle und den Zwang zur Verantwortung, ist er nichts wert. Wenn Sie so wollen, sind Länder wie der Irak oder Afghanistan oder Nigeria und Somalia und insbesondere Libyen die freiesten Länder der Welt. Dort gibt es so gut wie keine Kontrolle. Das Ergebnis ist tödliches Chaos und eine absolute Unfreiheit zum Nachteil der allermeisten Menschen in diesen Ländern. Das Ergebnis ist gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Stillstand. Das Ergebnis ist Terror.

In Krisenbranchen wird viel Geld investiert. Ob Kohle oder aktuell den Atomausstieg, vulgo Energiewende. Das Journalismus-System in Deutschland ist seit Jahren in einer Megakrise – das mag nur niemand so eingestehen. Alle werfen sich in die Brust f√ľr die Meinungsfreiheit – doch die schwindet immer mehr. Da profiliert man sich und ruft „Meinungsfreiheit f√ľr die T√ľrkei“ oder Ungarn oder Polen. Doch die Frage, was diese Leute f√ľr die Meinungsfreiheit, deren Motor Journalisten sind, im eigenen Land tun, die wird nicht gestellt und schon gar nicht angepackt.

Viele Menschen wenden sich von „den Medien“ ab – oft zurecht, weil die Leistungen immer entt√§uschender sind. Zu vielen Themen gibt es keine Berichte mehr. Daf√ľr immer mehr Aufregerthemen im Konkurrenzkampf um die letzte Aufmerksamkeit. Das f√ľhrt fatalerweise zum Abschalten bei den Menschen. Die ertragen nicht, dass √ľberall nur noch Mord und Totschlag und Krise, Krise, Krise berichtet wird.

Ich habe dazu eine interessante Erfahrung: Als Fukushima hochging, hatten wir tolle Themen im Angebot. Die liefen. Die Zugriffe waren gut. Doch dann nahmen diese dramatisch ab. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Wie konnte das sein? Top-Stories und immer weniger Leute interessieren sich? Im Gespr√§ch mit Leuten auf der Stra√üe, mit Kollegen, Freunden, Kontakten h√∂rte ich immer √∂fter: „Das ist zu viel, das packe ich nicht mehr. Ich meide Nachrichten, weil mich das √ľberfordert.“

Es fehlte der Ausgleich. Die gute Nachricht. Die Leute zogen den Kopf ein.

Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die tats√§chlich glauben, die Medien seien gleichgeschaltet. Diese Menschen haben mit ihrer Wahrnehmung recht, weil insbesondere klassische Medien ganz √ľberwiegend dieselben Nachrichten haben, n√§mlich aus den Agenturnachrichten. So wirkt das gesteuert – tats√§chlich ist das das Ergebnis von Sparzw√§ngen, wirtschaftlicher Not und dem festen Vorsatz, so zu tun, als sei alles noch normal und gehe „seinen sozialistischen Gang“.

Tut es nicht. Die Vielfalt der Nachrichten schwindet mehr und mehr. Die publizistischen Angebote gehen zur√ľck. Es gibt immer mehr Einheitsbrei und in der Not setzt man auf Unterhaltung oder Schock, die alte Erfolgsformel der Bild: TTT – Tiere, Titten, Tote.

Diese Erfolgsformel ist aber keine. Die Bild-Zeitung hat ihre Auflage mit der Wiedervereinigung auf Rekordhöhe gesteigert. Aus dem Kopf, nicht belegt, rund 4,6 Millionen Exemplare. Heute liegt sie sehr deutlich unter zwei Millionen. Und die Bild war noch nie Lokalzeitung, noch nie verlässlicher Begleiter im Alltag des eigenen Lebensraums.

Wer heute dagegenhalten will und vor Ort, f√ľr die Region ein publizistisches Angebot gestalten m√∂chte, muss f√ľr die ersten drei Jahre minimum rund 200.000 Euro in die Hand nehmen – ohne zu wissen, ob man damit Erfolg hat. Dazu investiert man drei Lebensjahre. Und wenn man hart journalistisch vorgeht, muss man noch erhebliche juristische Kosten kalkulieren. Selbst wenn man gut ist, macht man Fehler und es gibt da drau√üen jede Menge Leute, die einen bestrafen wollen.

Neben der zwickenden Liquidit√§tsfrage braucht man Mitarbeiter, die leistungsbereit sind, voller Leidenschaft und willens, keine geregelten Arbeitszeiten zu haben und h√§ufig mit den Untiefen des Menschseins konfrontiert zu werden. Dazu ben√∂tigt man viel Zeit, um das Vertrauen von Kontakten zu gewinnen und man muss neutral sein, um niemanden vor den Kopf zu sto√üen, denn das wird sofort „ger√§cht“. Ob durch Klagen oder den Entzug von Zahlungen oder von Informationen, was t√∂dlich f√ľr Journalismus ist, aber durchaus praktiziert wird.

Die goldenen Jahre f√ľr Journalismus sind vorerst vorbei. Ich wei√ü das, denn ich habe sie gut verdienend und mit tollen Arbeitsbedingungen erlebt. Insbesondere in den 90-iger Jahren hatte ich tolle Jobs, die oft sehr anstrengend waren, aber meine Existenz nicht nur gesichert haben, sondern lukrativ waren.

Ich habe mit meinen Engagement f√ľr eine moderne Lokalberichterstattung eine mehr als herausragende Leistung erbracht. Das Rheinneckarblog ist ein etabliertes Medium von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Keiner meiner Mitarbeiter wurde von mir in √úberstunden gezwungen, ich habe niemandem mehr zugemutet, als vertr√§glich ist und immer alle L√∂hne und Honorare bezahlt.

Aber ich habe auch meine s√§mtlichen R√ľcklagen in nahezu sechsstelliger H√∂he investiert und vor allem meine Lebenszeit und meine Kraft. Mit dem Erfolg wird der Gegenwind immer gr√∂√üer.

Ich musste hinnehmen, dass ich als Rechtsradikaler gebrannt worden bin, von Linken, denen meine Berichte nicht gefielen. Und als Linksradikaler von Rechten, denen meine Berichte nicht gefielen. Als „Blogger“ stand und stehe ich immer noch als Person¬†in der Kritik. Es macht nicht wirklich Spa√ü, auf Kundgebungen als „Nazi-Hardy“ empfangen zu werden – von Dummk√∂pfen, deren einzige Leistung aus Beleidigungen sowie Gewalt gegen Sachen und Personen besteht. Maskiert, anonym und in der Masse kaum verantwortlich zu machen. Gest√ľtzt von „aufrechten Sozialdemokraten“, die meinen, dass diese Leute ok sind, weil „antifaschistisch“.

Der Staatsschutz der Polizei teilt mir auf Anfrage mit, dass wegen meiner Arbeit eine „abstrakte Bedrohungslage“ f√ľr mich besteht. In meiner Verantwortung f√ľr meine Mitarbeiter habe ich diese dazu informiert, denn ich wei√ü nicht, ob mich ein „Molly“ trifft, wenn die gerade neben mir stehen. Um das zu verhindern, nehme ich keinen Mitarbeiter mehr zu problematischen Situationen mit – damit habe ich aber auch keine Unterst√ľtzung mehr und im Ergebnis kann ich selbst nicht mehr in diese Situationen, weil ich auch „Alltag“ zu bew√§ltigen habe. Irgendwelche Pressekonferenzen zu irgendwelchen lokalpolitischen Themen, die Anfahrtszeit und Zeit vor Ort kosten.

Geld f√ľr Leistungen ist da. Wir werden t√§glich von netten PR-Agenturen mit tollen Meldungen zu tollen Dienstleistungen und Erfolgen von supertollen Fimen zugesch√ľttet. PR wird besser bezahlt als Journalismus, war fr√ľher noch goldener. Immer mehr machen PR – fr√ľhere Journalisten. Und kapieren nicht, dass kein Mensch mehr PR braucht, wenn es keine Medien mehr gibt, die man beliefern kann, um die frohe Botschaft abzusetzen. Aber ne Werbung schalten? Sorry, kein Budget.

Klingt irre? Ist irre.

Ich muss feststellen, dass immer weniger Zeit vor Ort bleibt, dass immer weniger Veranstaltungen besucht werden, dass immer weniger Gespr√§che ohne Zeitdruck gef√ľhrt werden. Und mit dieser Feststellung¬†bin ich auch Vorreiter – denn die etablierten Medien tun √ľberwiegend so, als sei die journalistische Welt noch in Ordnung.

 

Ist sie nicht. Sie ist vollst√§ndig aus den Fugen. Aktuell wird eingestellt, √ľbernommen, konzentriert und der Nachrichtenflow¬†wird zunehmend zum Einheitsbrei – nicht nur durch Facebook-Algorithmen, sondern auch durch die Kontrolle von Klickzahlen und die Entscheidung gro√üer Medienh√§user, dieser Spur zu folgen.

Dadurch findet zunehmend eine vollst√§ndige Deintellektualisierung der Gesellschaft statt. Der Aufmerksamkeitsterror durch Pressuregroups, bestens versorgt durch Lokalzeitungen, die verzweifelt versuchen,¬†ihre Leserschaft, pardon letzten Abonnenten jenseits der 60 zu halten, wird gleichzeitig vom Like-Terror vollst√§ndig emotionalisiert-enthemmter Gruppen im Internet begleitet, die sich in sich selbst erf√ľllenden Prophezeiungen bis zur vollst√§ndigen Verbl√∂dung selbst best√§tigen.

Im scheinbaren „sozialen Netzwerk“ ist eigentlich das allermeiste ziemlich asozial – vollst√§ndig ohne Kontrolle von der Leine gelassen und teils von enormer Wucht, auf die die Gesellschaft wie die Politik und der Gesetzgeber keine Antwort haben.

Ich war immer freier Journalist aus √úberzeugung – weil ich mich keinen redaktionellen Linien oder Auflagen beugen wollte. Fr√ľher gab es f√ľr mich √ľberwiegend „Lager“ – die waren eher links, die eher konservativ und dann gab es noch ein paar Extreme. Weder links noch konservativ w√§chst – sondern die Extreme. Ob 4.000 Hogesa-Rechtsradikale in K√∂ln oder tausende „Nafris“ ebenfalls in ¬†K√∂ln oder linke Chaoten in Frankfurt und aktuell m√∂glicherweise in Hamburg oder immer mehr durchgeknallte „Reichsb√ľrger“.

M√∂glicherweise muss das so sein, weil ein sich entwickelndes Europa die Mitte suchte, erste Extreme in der Bankenseuche erfuhr und seitdem von Identit√§tskonflikten, Fl√ľchtlingskrise und Abschottungstendenzen geplagt ist. Da ist viel Platz f√ľr neue Extreme jeder Art. Und fast alles hat lokale Relevanz – je nachdem, wo vor Ort vor Ort ist. Ob in K√∂ln, in Mannheim, wo Hogesa entstanden ist oder in Hamburg oder wo gerade irgendwie alle hingucken, weil „was los ist“. Selbst das saarl√§ndische Dudenhofen, von dem kein Mensch bis auf Dudenhofener wei√ü, wo das ist, wird national interessant, weil sich Osmanen und Bahoz dort gerade bekriegen.

Wenn heute die Debatte dar√ľber l√§uft, inwieweit die linksliberale Presse Einbu√üen erleidet und rechtskonservative Medien zulegen oder L√ľgen- und L√ľckenpresse skandalisiert wird, reibe ich mir die Augen. Was bitte, ist das f√ľr ein Verst√§ndnis von Journalismus? Journalismus hat frei und unabh√§ngig zu sein und nicht Lager hier oder dort selbstverst√§ndlich zu bedienen. Journalismus ist f√ľr kritische Informationen zur Meinungsbildung da und nicht f√ľr Lagerbest√§tigung hier wie dort. Das nennt man n√§mlich PR oder Propaganda und teils ist der Journalismus davon nicht mehr zu unterscheiden, wie auch die heftige und teils berechtigte Kritik an ARD und ZDF zu vielen Themen, insbesondere der Auslandsberichterstattung, zeigt – obwohl diese Organisationen mit Milliarden Euro durch Zwangsgeb√ľhren regelrecht gepudert werden.

Das von mir verantwortete Rheinneckarblog hat sich nie mit Lagern gemein gemacht. Wir haben uns nachweislich mit allen und jedem angelegt – nicht aus Prinzip, sondern dann, wenn es aufgrund unserer Recherchen notwendig war.

Im Ergebnis haben meine Leute und ich uns damit viel Respekt verdient und eine gro√üe Leserschaft aufgebaut – aber ehrlich? Ich sch√§tze unsere Leserschaft sehr, aber ist stelle fest, dass sie kleiner ist, als ich erhofft habe. Weil ich davon √ľberzeugt bin, durch immer wieder intern wie extern nachgefragte Kritik, machen wir ein gutes Angebot – aber die Zahl der erreichbaren Menschen ist begrenzt und w√§chst nicht in dem Ma√üe, wie ich mir das vorstelle.

Klassischerweise reagieren Medien dann so, dass sie √ľberlegen, wie man die Leute „abholen“ kann und im Ergebnis ist die L√∂sung immer eine Boulevardisierung des Angebots, in der Hoffnung, √ľber Tiere, Titten, Tote und Aufregerthemen mit der Konkurrenz mithalten zu k√∂nnen.

Tatsache ist: Diese Branche boulevardisiert und skandalisiert sich zu Tode, indem sie fast faschistoid hörig der Masse folgt, statt der Masse klar und deutlich Standpunkte vorzulegen. Leute mit Verstand verabschieden sich zunehmend aus diesen Tohuwabohu Рwer kann, verlässt Deutschland dahin, wo gute Bedingungen geboten werden.

Das ist eine gef√§hrliche Entwicklung. Man schaut besorgt aufs Ausland und sch√ľttelt den Kopf. Was ist in der T√ľrkei los, in Polen, in Ungarn, in Russland oder auch Gro√übritannien. Das gibt es doch alles gar nicht. Doch, gibt es. Das n√§chste Land, das nach rechtsau√üen explodieren wird, ist Italien. Und dieser Fl√§chenbrand wird auch Deutschland erreichen.

Lokale Medien wie das Rheinneckarblog werden auch bundesweit gelesen, haben enormen Einfluss, können aber die Symptome des kranken Journalismus nicht heilen.

Es braucht eine breite und intensive gesellschaftliche Debatte √ľber den Wert und die Notwendigkeit von Journalismus, um Demokratie zu st√§rken. Wenn diese ausbleibt, erledigt sich erst der Journalismus und dann die Demokratie.

Kurzum: Das Investitionsumfeld in Journalismus w√ľrde von mir, wenn ich Broker w√§re, als absolute Risikoanleihe eingesch√§tzt werden. Andererseits bedeutet das, dass hier viel Gewinn zu machen ist, wenn der Markt anzieht.

Das muss passieren, weil sonst alle anderen Märkte unzweifelhaft abrutschen und kaputt gehen.

Glauben Sie nicht?

Denken Sie an diesen Text, wenn es soweit ist. Bis 2025 werden wir in Deutschland tats√§chlich b√ľrgerkriegs√§hnliche Zust√§nde erleben, wenn nicht sofort entschieden Ma√ünahmen ergriffen werden, um das zu verhindern.

Krieg entsteht immer dann, wenn die Informationen gesteuert werden oder durcheinander gehen oder nicht vorhanden sind. Wenn Sie im Geschichtsunterricht aufgepasst haben, dann wissen Sie das. Die ersten, die geh√§ngt werden, sind Leute, die keine gro√üe Lobby haben – noch ein Grund, kein Lokalblog zu gr√ľnden.

So einfach ist das.

Anm.: Der Text wurde oben angefangen und unten beendet. Kein Vier-Augen-Prinzip. Keine Redaktion, keine Zeit, hier und da zu feilen. Sondern durchgeschrieben. Zeitaufwand: Etwa zwei Stunden. Hintergrundwissen: 27 Jahre.

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√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.