Sonntag, 24. September 2017

Dokumentation: Reaktionen auf Lokaljournalismus, der sich was traut

Bochum/Heddesheim, 28. April 2011. Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland grundgesetzlich geschĂŒtzt. Das sehen manche grundsĂ€tzlich anders. In der Nacht vom 27. auf en 28. April wurde die Wand des Wohnhauses des freien Journalisten Stefan Laurin beschmiert. Im September 2009 legte ein Unbekannter ein Nagelbrett vor einen Reifen des Autos des freien Journalisten Hardy Prothmann. Feige Attacken, die einschĂŒchtern sollen und der beste Beweis, das die Meinungsfreiheit im Journalismus eines besonderen Schutzes bedarf.

Von Hardy Prothmann

Am Abend des 29. Septembers 2009 legte irgendjemand eine Dachlatte mit drei NĂ€geln vor einen Reifen meines Autos. Gegen 21:00 Uhr rief mich meine Frau an – etwas erschrocken.

Zuvor hatte ich einen Kommentar zur Lokalpolitik veröffentlicht. Die Reaktion war unmissverstÀndlich, traf aber nicht mich, sondern meine Frau, die mit diesem Auto Kinder transportiert.

Feige. Bei Nacht.

Die Staatsanwaltschaft hat wegen einer „gefĂ€hrlichen Straftat“ ermittelt, der TĂ€ter wurde nicht gefasst.

Feige "LiebesgrĂŒĂŸe aus der AnonymitĂ€t"

Gestern Nacht besprĂŒhten Unbekannte das Wohnhaus des Kollegen Stefan Laurin in Bochum: „Laurin verpiss Dich aus Do“. Auf welchen seiner Texte die schmierige Attacke erfolgte, ist unklar. Das Top-Thema war die aktuelle Recherche, dass die Linke in Duisburg rechtsradikales Material auf der Website zugĂ€nglich gemacht hat. Stefan Laurin hĂ€lt die nĂ€chsten Tage einen Vortrag in Dortmund – vielleicht war die Attacke auch darauf bezogen („in Do“). Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Attacke gegen die Meinungsfreiheit

Ebenfalls als „Attacken“ sind die Prozesse zu verstehen, die schon fast regelmĂ€ĂŸig gegen freie Journalisten gefĂŒhrt werden – Hubert Denk, Stefan Aigner, ich selbst und andere „können ein Lied davon singen“.

Ganz klar ist: Die Attacken belasten. Was, wenn meine Frau verunfallt wĂ€re? Welche Attacke folgt? Stefan Laurin wohnt mit anderen Mietparteien im Haus – werden die Schmierereien das VerhĂ€ltnis trĂŒben? Stefan Aigner hat gerade eine Einstweilige VerfĂŒgung „kassiert“, ich eine im Jahr 2010 – die Zeitungen berichteten teils genĂŒsslich, dass bei einem Verstoß gegen die „Auflagen“ eine Ordnungshaft drohe. Der Sinn ist klar – man wird stigmatisiert, kriminalisiert.

Jedem, der es sich erlaubt, durch journalistische Arbeit seine freie Meinung kund zu tun, muss damit rechnen, dass er „zum Abschuss frei gegeben wird“ – von den Leuten, die grundsĂ€tzlich was gegen die freie Meinung haben.

Druck, EinschĂŒchterung, Angst ist das, was erreicht werden soll. Dagegen hilft nur Mut, Selbstbewusstsein und Überzeugung, dass es richtig ist, was man tut.

Und SolidaritĂ€t mit Kollegen, die eingeschĂŒchtert werden sollen, auf die Druck ausgeĂŒbt wird, denen man Angst machen will.

Stefan Laurin hat hiermit ausdrĂŒcklich meine SolidaritĂ€t – ich wĂŒnsche ihm guten Mut und das Selbstbewusstsein, weiter fĂŒr seine Überzeugung und seine gute Arbeit einzutreten.

Und das ganz unabhĂ€ngig davon, ob ich mit allem einverstanden bin, was er schreibt. Er berichtet Fakten und Ă€ußert Meinungen. Selbst wenn es nicht meine sein sollten, ist das eine Bereicherung.

Ein Angriff ist ein Angriff.

In anderen LĂ€ndern werden Journalisten fĂŒr ihre Meinungen noch massiver verfolgt und sogar getötet. Reporter ohne Grenzen dokumentiert diese Verbrechen regelmĂ€ĂŸig und fordert immer wieder dasselbe: Meinungsfreiheit und den Schutz von Körper und Geist.

Das ist gut so. Schlecht ist, dass es nur selten etwas hilft.

Man braucht auch Optimismus, um sich nicht deformieren zu lassen. Um kein Opportunist zu sein. Oder ein Heuchler.

Stefan Laurin hat richtig reagiert. Er hat Anzeige erstattet. Vermutlich werden die Ermittlungen bald ohne Ergebnis eingestellt. Wenn es keine Zeugen gibt, wird man die TĂ€ter nicht finden.

Gegen das Wegschauen – fĂŒr Information.

Und Stefan Laurin wird sich nicht in Bockshorn jagen lassen, durch solch dumme und feige Menschen, die die Nacht und die AnonymitĂ€t und einen „Ersatz“ brauchen, um „ihre Meinung zu Ă€ußern“.

In Heddesheim haben BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen den Anschlag gegen meine Familie und mich öffentlicht verurteilt. CDU, SPD, FDP und der BĂŒrgermeister Michael Kessler haben sich geweigert, einen Zusammenhang zwischen meiner Arbeit als Journalist und der „Nagelbrett-Reaktion“ herzustellen.

Vielleicht weigern sich auch in Bochum Menschen, einen Zusammenhang zwischen der journalistischen „Wirkung“ von Stefan Laurins Arbeit und der Schmiererei zu sehen.

Wenn die Menschen anfangen wegzuschauen, etwas nicht wissen zu wollen – gerade dann ist es besonders wichtig zu informieren und aufzuklĂ€ren. Denn was passiert, wenn das nicht mehr geschieht, lehren uns die Geschichte und die Gegenwart eindeutig.

Das Ergebnis ist das Ende jeder humanen Gesellschaft und der Demokratie – und der Anfang der Schreckensherrschaften von Diktatoren, ihren Handlangern und des Mobs.

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