Sonntag, 24. September 2017

Die verschleierte Frau und ihre unverschleierte Meinung

Von Hardy Prothmann

Von mir aus kann jeder rumlaufen, wie er will. Jeder soll es selbst entscheiden – auch, wie er von anderen wahrgenommen wird, das entscheiden die schließlich auch selbst.

Oder etwa nicht?

Natürlich ist das eine abstrakte Sache, das mit dem Betrachten, das mit dem Wahrnehmen, das mit dem Denken und wie man das alles von einander entscheidet, um dann wieder seine Meinung aus den Einzelteilen zusammenzufügen.

Bei der Young Media Summit 2010 in Kairo ist auch Reem A. Alsa‘ awy. Die Frau trägt eine schwarze Niqab, einen Schleier, der alles verdeckt, bis auf ihre Hände und ihre Augen.

Seit zwei Tagen schaue ich sie immer wieder an – bei meiner Wahrnehmung lenkt mich nichts ab, ich gucke dann auf ihre Hände, die ein „Air-Book“ virtuos bedienen. Die Frau ist nämlich Bloggerin in Saudi-Arabien und setzt sich für Frauenrechte ein.

Wer hätte das gedacht. Eine voll verschleierte Frauenrechtlerin also. Und sie sagt von sich, dass sie den Schleier freiwillig trägt. Wenn das so ist, dann darf mich das eigentlich nicht irritieren, denn ich bin ja dafür, dass jeder das trägt, was er oder sie will.

Dann gucke ich auf und in ihre Augen. Ihre Augen verfolgen aufmerksam das Geschehen,bei  einen Blickkontakt stellt sich eine viel konzentriertere Verbindung her, denn nichts lenkt meine Augen ab. Ich muss einfach in ihre Augen gucken.

Das wiederum finde ich seltsam. Wenn Sie spricht, habe ich nur ihre Augen und das was sie sagt, um mir ein Bild von ihr zu machen. Sie erscheint mir sehr engagiert, auch ihre Kommentare auf Twitter sind pointiert und schon fast feministisch – sofern sie englisch schreibt, oft schreibt sie arabisch und das ist für mich mangels Sprachkenntnis ein schwarzer Schleier, der alles verdeckt.

Ich denke also über Reem, ihren Schleier, ihr Verhalten, das von anderen und meins nach. Und über Vermummungsverbote in Deutschland, deutsche Frauen bis in die 60-er Jahre hinein, bei denen das Kopftuch vor allem auf dem Land obligatorisch war und heute immer noch gefunden werden kann, über Brautschleier, Trauerschleier, venezianische Carnevalsmasken, Fasching, geschminkte Augen, gefärbte Kontaktlinsen.

Irgendwie fällt mir alles mögliche dazu ein und dann plötzlich auch der schwarze Balken. Der, den man Menschen über die Augen macht (also bei journalistischen Medien), wenn man Fotos von jemanden veröffentlicht, den man dokumentieren, aber nicht identifizieren will. Man sieht den ganzen Menschen oder nur den Kopf und der schwarze Balken über den Augen dient ausschließlich der Verschleierung der Identität. Das muss reichen und das reicht auch meistens.

Der schwarze Balken macht den Menschen also unkenntlich – Reem macht ihren Körper und ihr Gesicht unkenntlich, lässt aber die Augenpartie offen. Der Schleier ist also das Gegenteil vom schwarzen Balken.

Heißt das aber auch, dass sie ihrem Gegenüber mehr über sich sagt, als würde Sie Gesicht und Körper nicht verschleiern? Ich erkläre ihr meine Gedanken und frage sie.

Sie strahlt mich daraufhin an, was ich nur an ihren Augen erkenne.

Dann sagt sie: „In den Augen sieht man die Seele der Menschen.“

Dann bedankt sie sich bei mir.

Ihre Freude über meine Gedanken sagt sie mir mit Worten und ihrem Blick. Ich hätte trotzdem gerne ihr Gesicht gesehen und denke jetzt mal ein darüber nach, warum das so ist und was das mit Identitäten, Anonymitäten, Realitäten, Image, Bildern im Internet, Kulturen und so weiter zu tun hat, denn darüber haben die deutsch-arabische Blogger heute disktutiert.

Viele finden Anonymität wichtig, andere sagen, dass man „sein Gesicht“ zeigen muss. Auch Reem ist dafür, „das Gesicht“ zu zeigen, aber anders: Sie meint damit, dass man seine Identität nicht verschleiern sollte.

Die Frage, die mich beschäftigt, ist, ob sich viele „aufgeklärte“ Menschen beim Anblick einer verschleierten Frau zu sehr aufs Äußere konzentrieren. Denn ihren Einsatz für Frauenrechte zeigt Reem ganz unverschleiert: Mit ihrer Meinung.

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  • Ulrike Langer

    Als ich das Bild vorhin auf Deinem Facebook sah, war mein erster Gedanke: Wie das wohl ist, sich tagelang mit einer voll verschleierten Frau zu unterhalten und mit ihr zu arbeiten?Hat sie denn begr√ľndet, warum sie das freiwillig tut?

  • Hardy Prothmann

    Hallo Ulrike,mir gegen√ľber nicht – ich mache aber noch ein Interview mit ihr und werde das selbstverst√§ndlich genauer wissen wollen.Gru√üHardy