Sonntag, 24. September 2017

Die reine Seele glaubt an Gott – ich glaube an die Transparenz

Guten Tag!

Ich bin ein gottloser Mensch – zumindest aus Sicht der Kirche – denn ich bin aus dieser ausgetreten.

Der Grund: Vor einigen Jahren hat mich ein katholischer Christ angegriffen. Nicht verbal, nicht theoretisch. Sondern mit der Faust. Er hat mich so schwer verletzt, dass die Platzwunde ĂŒber meinem linken Auge mit acht Stichen genĂ€ht werden musste.

Was war passiert?

Ich wohnte in Mannheim an einem Marktplatz, auf dem Jugendliche fĂŒr eine ökumenischen Fronleichnam ein Blumenbett legten.

Morgens um fĂŒnf Uhr. Sehr laut.

Ich habe gegen 5:40 Uhr diese Jugendlichen aufgefordert, bei ihrem Treiben leiser zu sein. Mehrfach.

Um 6:30 Uhr habe ich mich mit zwei Eimern Wasser „bewaffnet“ auf den Marktplatz begeben. Im festen Glauben, dass eine „Dusche“ fĂŒr Ruhe sorgen wĂŒrde.

Die Jugendlichen kamen auf mich zu, der grĂ¶ĂŸte sprang vor und hieb mir seine Faust aufs Auge. Und dann noch einmal.

Ohne ein Wort. Einfach so.

Das Blut lief mir ĂŒbers Auge, ich brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was passiert war.

Ich stellte den SchlÀger zur Rede.

Der floh. Ich ging ihm hinterher. Plötzlich hielt ein Auto. Der SchlÀger stieg ein, das Auto fuhr weg.

Kurz darauf erschien ein Lehrer, der „verantwortlich fĂŒr die Gruppe“ war.

Seinen Namen wollte er nicht nennen. Mich bezeichnete er als Proleten, der „Kinder angreifen will“.

Ich fragte den Mann, ob er realisieren könne, wer gerade blutend vor ihm stehe.

Der Mann sagte: „Daran sind sie selbst schuld.“

Morgens um sechs Uhr muss man nicht alles sofort verstehen, also frage ich nach, was meine Schuld sein sollte?

„Sie sind aggressiv“, sagte der Lehrer.

Das ich gestört, geschlagen und beleidigt wurde, wollte ich dem „Lehrer“ nicht mehr erklĂ€ren.

Im Krankenhaus wurde meine Wunde genÀht.

Ein Taxi brachte mich zurĂŒck zur Kirche.

Dort wollte ich mit dem Pfarrer sprechen.

Das ging nicht, denn der war ihn Vorbereitungen zur ökumenischen Predigt.

Am nÀchsten Tag wurde ich beim Pfarrer vorstellig und verlangte eine Entschuldigung von dem SchlÀger.

Der Pfarrer sagte: „Hier sind sie falsch, das ist Ihre Sache oder die der Polizei.“

Daraufhin habe ich der Evangelischen Kirche den Vorfall geschrieben – es war schließlich ein ökumenischer Anlass.

Auf mein Schreiben erhielt ich keine Antwort.

Einige Monate spÀter bin ich aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

Kurze Zeit darauf erhielt ich einen Brief, der meinen Entschluss bedauerte und zum GesprÀch einlud.

Ich habe auf diesen Brief geantwortet und alles das aufgeschrieben, was ich hier aufgeschrieben habe.

Und ich habe selbst um ein GesprÀch gebeten, in dem all das, was ich aufgeschrieben habe, beredet werden sollte.

Und ich habe geschrieben, dass ich mich auf das GesprÀch freue, weil ich immer gerne Christ in der evangelischen Kirche war.

Ich habe bis heute keine Antwort auf meinen Brief erhalten.

Deswegen war und ist mein Entschluss, die evangelische Kirche verlassen zu haben, bis heute absolut gĂŒltig.

TatsĂ€chlich denke ich fĂŒr mich, dass eine solche evangelische Kirche kein Ort ist, wo ich Gott finden kann.

Ich wurde evangelisch getauft, erzogen und konfirmiert. Gott war mir nahe und ich fĂŒhlte mich Gott nahe.

Vielleicht hĂ€ngt es an „einzelnen“ Personen. Nicht an Gott oder einer Kirche. Mein Pfarrer „Bruder“, so hieß der wirklich, war ein Mann des Glaubes und ein Mann des Lebens darin.

Nach Pfarrer Bruder hat mich die evangelische Kirche nur noch enttÀuscht.

Vor allem durch ihr Schweigen und ihre Weigerung, sich verantwortlich zu machen.

Die evangelische Kirche ist fĂŒr mich durch diese Erfahrung ein gott- und trostloser Ort.

Ich sehe einen Systemfehler in der Kirche. Sie stellt keine Fragen, sie ist nicht offen, sie ist nicht kritisch.

Gott war fĂŒr mich als junger Mensch immer die grĂ¶ĂŸte aller Fragen und die Suche nach Antworten.

Gott ist fĂŒr mich die ErfĂŒllung, das Licht.

Gott ist fĂŒr mich Transparenz.

Gott ist alles. Auch das Schlechte. All das Böse. Das Heimliche. Gott ist auch Angst – vor was auch immer.

Gott ist definitiv eines nicht. Gott ist kein LĂŒgner.

Nur Menschen lĂŒgen und missbrauchen Gott dafĂŒr.

Alle, die an Gott glauben, sollten das genau wissen und erinnern.

Gott ist Transparenz.

Gott offenbart alles.

FrĂŒher oder spĂ€ter.

Meistens ganz privat.

Hardy Prothmann

Print Friendly, PDF & Email