Freitag, 28. April 2017

Die Moral, ihre Apostel und die Wirklichkeit

Guten Tag!

Nach meiner Meinung geht in der Diskussion um die „journalistische Ethik“ anlässlich des Unfalls bei „Wetten, dass…“ einiges durcheinander. Beispielsweise bei Thomas Knüwer, den ich ansonsten für seine Beiträge sehr schätze.

Verraten Sie mir, wo „die“ definiert ist, Herr Knüwer, „die journalistische Ethik?“ Oder ist sie gar gesetzlich festgeschrieben? Oder meinen Sie Ihre Sicht auf „die“ Ethik und „den“ Journalismus?

http://www.indiskretionehrensache.de/2010/12/wetten-dass-die-journalistische-…

Dann kommen wir der Sache vielleicht näher.

Ethik hat keine exakte Definition.

Weder zu Ethik noch zu Journalismus gibt es exakte Definitionen. Sondern höchstens Einigungen, beispielsweise durch den Pressekodex.

Der wiederum berücksichtigt überwiegend „ethische“ Standards bei Printmedien. Und im ganz normalen journalistischen Alltag wird ständig dagegen verstoßen, besonders gerne gegen das Trennungsverbot von Anzeigen und Werbung.

Und diese „Regeln“ unterscheiden sich zum Teil erheblich von Standards, die beim Radio oder Fernsehen gelten.

Für das Internet sind bislang wenige „Standards“, also „Einigungen“ definiert worden. Und selbst wenn sich Journalisten hier einigen sollten, gibt es Millionen von Menschen, die selbst „Inhalte“, gleich welcher Art, ins Internet übertragen können.

Und genau das Fehlen solcher Regeln beschreibt das Dilemma und die Bissigkeit, mit der die Diskussion um Ethik geführt wird.

Problem der Aufmerksamkeit.

Folgen die Medien dem „Materialangebot“ und berichten darüber – oder lassen sie es sein? Wenn Sie es sein lassen, zieht die Aufmerksamkeit an ihnen vorüber und sich können früher oder später ihren Laden abschließen, denn ohne Aufmerksamkeit, ob Auflage, tägliche Hörer oder Quote oder Pageimpressions sind sie wertlos für die Werbekunden.

Die Bildzeitung als größte und erfolgreichse Zeitung Europas zeigt, dass eine nicht-vorhandene Ethik das allererfolgreichste Geschäftsmodell ist – und das schon seit Jahrzehnten.

TTT – Tiere, Titten, Tote sind das Erfolgsrezept dieser Zeitung. Neu erfunden hat die Bild das nicht – das gibts schon seit dem alten Rom.

Das ZDF wird überwiegend für seine „besonnenen“ Reaktionen gelobt. Ganz ehrlich? Das ZDF trägt die größte Schuld an diesem tragischen Unfall, weil sich der Sender im Kampf um Quote auf Sensationssteigerungen eingelassen hat, die niemand hinterher mehr rechtfertigen kann.

Es wird trotzdem zu rechtfertigen versucht werden und so zynisch das klingt: Sollte das Unfallopfer überleben, wird auch „Wetten, dass…“ überleben. Den Rest der Überlegung kann jeder selbst zu Ende führen.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1208058/Wettkandidat-in-kritisch…:%20heute/2%20%28heute-Nachrichten%29#/beitrag/video/1208058/Wettkandidat-in-kritischem-Zustand

Die „journalistische Ethik“ beim Radio wird täglich 24 Stunden bei diversen Privatsendern mit Füßen getreten. Je schräger, je zynischer – umso erfolgreicher sind viele Formate. Besonders krass ist der Berliner Radiomarkt, aber auch im Restsendegebiet scheren sich Sender wie bigFM, energy, FFH oder wie auch immer sie heißen mögen, herzlichst wenig um „Ethik“.

Fun und Dumm-Dödel bringen satte Gewinne.

Und hinter diesen Dumm-Dödel-Sendern stecken die ach-so-ehrwürdigen-Zeitungsverlage und freuen sich über satte Gewinne ihrer Idiotenprogramme. bigFM beispielsweise spielt gerne „Black Music“ im vollen Vertrauen darauf, dass die Programmkontrolle keinen amerikanischen Slang verstehen und damit auch nicht die entwürdigenden Inhalte dieser „Musiktexte“.

Die Bohlens und Klums bestimmen die Show-Bühne, drum herum wird ein wenig Alibi-Journalismus gemacht, aber eher wegen der Lizenzbestimungen, denn aus der Überzeugung heraus, dass journalistische Information zu einem „ethischen“ Stand eines Mediums gehören.

Zurück zum ZDF. Haben die besonnen reagiert? Ich finde nicht. Die waghalsige Wette zuzulassen, war die erste Verantwortungslosigkeit. Die zweite war, überhaupt nicht ausreichend auf solch einen Vorfall vorbereitet gewesen zu sein. Erst der Schwenk ins Publikum, dann Modern Talking aus der Konserve. Gehts geschmackloser?

Und zurück zur Frage, was gezeigt werden darf und was nicht.

Die eine Frage ist schon längst beantwortet. Es wird alles gezeigt, was jemals aufgezeichnet wurde.

Die andere wird je nach Land und Gesetzen unterschiedlich ausgelegt und befolgt.

Und nach den eigenen „ethischen“ Maßstäben.

„Wetten, dass…“ alles eine Frage von Fragen ist?

Im Fall der ZDF-Sendung „Wetten, dass…“ und dem tragischen Unfall stellt sich selbstverständlich die Frage, wie man eine Berichterstattung „bebildert“.

Diese Frage wird zuallererst an das zur Verfügung stehende Material gestellt: Welches Material liegt vor? Und dann kann ausgewählt werden.

Ich habe mich zum Beispiel spontan entschlossen, meine Leserinnen und Leser über die „Nachrichtenwelle“ zu informieren. Weil ich davon ausgehe, dass nicht alle das Internet so gut bedienen können, wie eine Internet-Redaktion.

Wir haben natürlich sofort die Videos bei youtube gefunden – wie jeder, der „wetten, dass“ in die Suche eingegeben hat. Und wir haben eines davon verlinkt.

Von irgendeinem Video haben wir zur Dokumentation einen Screenshot angefertigt. Darauf ist ein Mensch am Boden zu erkennen, zwei Menschen, die auf diesen zulaufen und Publikum. Man erkennt eigentlich keine Details, sondern ein Szene.

Dann haben wir angefangen, den Nachrichtenstrom zu beobachten, zu filtern und zu dokumentieren. Überwiegend auf „seriöse Medien“, auf „Boulevard-Medien“ und die großen Internet-Portale konzentriert.

Wir haben selbst ganz bewusst darauf verzichtet, ein Porträt-Foto des Unfallopfers zu zeigen und schon gar nicht von Thomas Gottschalk oder Frau Hunziker.

Stattdessen haben wir bei „Neuigkeiten“ auf diese hingewiesen. Vor allem auf der Suche nach Informationen zum Gesundheitszustand des Opfers – immer in der Hoffnung, dass die Meldung kommt, ihm gehe es gut.

Diese Meldung kam nicht, dafür aber die Information, dass es dem jungen Mann sehr schlecht geht.

Auch dazu haben wir noch Meldungen verlinkt und dann abgebrochen.

Abgebrochene Berichterstattung.

Warum haben wir also erst mit der „Internet“-Methode der Verlinkung „berichtet“ und dann abgebrochen? Ganz einfach. Aus unserer ethischen Entscheidung heraus.

Acht Millionen Menschen betrug die Schlussquote zu „Wetten, dass…“. Vielleicht haben aber noch viel mehr Millionen Menschen zunächst den Unfall live gesehen und haben dann weggezappt. Wie viele es genau waren, ist nicht sehr wichtig – es waren sehr viele Millionen.

Den anderen Millionen Menschen ein Bild des Unfallopfers aus einer weiten Perspektive zu zeigen, halten wir für gerechtfertigt. Ebenso, einen Link anzubieten, der den Unfall zeigt.

Nicht effektheischend, nicht sensationell, wie man das sonst von Bildern beim Fußball kennt, wenn einer nach einem Foul liegenbleibt und die Szene immer wieder wiederholt wird. Oder in anderen Sportsendungen.

Dabei steht für mich auch fest, dass das Unfallopfer nicht nur Opfer ist, sondern Mitspieler dieses Mediensystems, bei dem man mit dem Nervenkitzel spielt, um das Publikum zu belustigen. Ist das ethisch einwandfrei? Die Menschen zu belustigen und zu zerstreuen? Brot und Spiele?

Und hinterher und vorher eine als „Boulevard“ abgetane „Presse“ zu bedienen, die sich genauso geil auf Auflage wie die Sender auf Quote über das Material hermachen?

Ist das ethisch einwandfrei, den Menschen Lebenszeit mit sinnfreien Sendungen zu stehlen, anstatt sie gut über das, was wichtig ist, zu informieren?

Ist es nicht geradezu zynisch, Menschen „Voyeurismus“ vorzuwerfen, weil sie sich „selbst ein Bild machen wollen“, um sich eine „Meinung zu bilden“? Das wird uns immerhin in Deutschland in Artikel 5 grundgesetzlich garantiert.

Diese Welt ist absurd.

Geradezu absurd wird es, wenn Journalisten, die all das Material sichten und nur das veröffentlichen, was sie nach eigenen „Standards“ für zulässig halten anderen Menschen, die sich über die „gefilterte“ Nachricht hinaus informieren wollen, Voyeurismus vorwerfen.

Journalisten sind die ersten Voyeuristen und nicht wenige geilen sich an der Macht auf, die sie haben, als „Gatekeeper“ – meinetwegen auch als „Torwächter“ einer jeweils selbstdefinierten Moral und Ethik.

Eklig wird es dann, wenn sie anderen „Moral“ absprechen, weil sie Kontrollverlust befürchten. Oder Angst haben, ihren selbstherrlich gewebten „Moral“-Kokon zu durchbrechen. Die Moralkeule der meisten ist nichts anderes als eine verlogene Abwehrschlacht, weil sie, moralisch „gefestigt“, wie sie sind, sich mit ihrer Moral an die Wand genagelt haben und ohne „Gesichtsverlust“ nichts tun können.

Noch absurder wird es, wenn Journalisten über Medien reden, die sie nicht kennen und Situationen, in die sie sich noch nicht einmal versucht haben einzudenken.

Ich habe mir den youtube-Film ein paar mal angeschaut – um zu verstehen, was passiert ist. Um beurteilen zu können, ob und wie ich darüber berichte.

Ich habe die „Tweets“ verfolgt und mich dann entschlossen, für „meine“ Leserinnen und Leser meiner lokalen Blogs zu dokumentieren, was wo berichtet wird. Die, die die Sendung, vielleicht sogar mit ihren Kindern, gesehen haben und für die, die erst später darauf aufmerksam geworden sind.

Denn soviel war klar: Dieser tragische Unfall wird Millionen von Menschen beschäftigen. Auch lokal in meinem Einzugsgebiet. Weil das Internet über diese lokalen Grenzen hinausreicht, sicher auch andere Menschen außerhalb „meiner“ Kommunen. Und das ist gut so.

„Bekenntnisse“. Und Zeit.

Auch in meinem Gebiet und darüber hinaus leben Moralapostel. Und viele davon haben etwas zu verteidigen. Ein stellvertretender Chefredakteur einer großen Tageszeitung (dem ich vor einiger Zeit eine Wette ohne die Gefahr eines körperlichen Schadens angeboten habe), sieht die Dokumentation der Links als Tat eines „anmaßenden Bloggers“ und schreibt mir „Ethik findet sich eher in Zeitungsredaktionen“.

Das Angebot… ūüôā
http://prothmann.posterous.com/qualitatsdebatte-und-polemik-herr-sahlender-d

Ein anderer Kritiker, eine gewisse Größe in der Web 2.0-Welt und wohnhaft in Weinheim, meint, auf den Zug aufspringen zu müssen. Er hat beste Kontakte zu lokalen Medien und moralisiert in deren Sinne.

Die Postulation solcher „Bekenntnisse“ zeigt die Beklemmung, die den wahren Druck auf der Brust dieser „Ich-weiß-besser-was-Moral-ist-als-du-Apostel“ ausmacht.

Auf Twitter ist zu lesen:

„Das Tempo des Internets ist oft kein guter journalistischer Ratgeber. #Journalismus #medien #Ethik #wettendas“

Ich antworte:

„Das Tempo des Internet stellt neue #ethische Fragen an den #Journalismus, die ganz sicher nicht von Zeitungen gelöst werden.“

Ein wesentlicher Faktor ist Zeit. Und Zeit heißt verstehen. Aber auch Abstand gewinnen, was durchaus beim „Ver“stehen hilfreich sein kann.

Dann schaut man sich die Gebeine von ermordeten Juden an, zeigt Vollporträtaufnahmen von Opfern des Holocaust – zumeist in Schulen.

Oder sagt was Schlaues über dieses Gemälde, dass die Schlacht von soundso darstellt?

Oder lobt die Macht der Bilder, gerne mit einer Erschießungsszene oder einem nackten, verzweiflten und Napalm-verbrannten Mädchen dokumentiert. Jeder, der sich für Geschichte und Politik interessiert, kennt diese Bilder – ich brauche sie nicht zu zeigen, weil sie gesehen wurden.

Falls nicht:
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-15387-3.html

Oder man zeigt die Beute, das Böse – Saddam Hussein, der sich verkrochen hat wie ein Hund, ein ehrloser Gesell, ein Nichts. Verwahrlost. Ein Lump. Ein Moslem.

Jeder Araber mit Ehre und Ethik im Leib wird dieses Bild aus „ethischen“ Gründen ablehnen. Und jeder vernünftige Mensch auch.

Einfach mal googeln – man wird fündig.

Moral braucht Zeit. Immer.

Die Moral der Apostel hat damit keinerlei Probleme – ganz im Gegenteil. Die Bilder haben genug Anstand, weil man zeitlich moralisch genug gefestigt ist.

Selbst fickende Hunde vor einer Pariser Kirche bringen dem Fotografen Henri Cartier-Bresson Ruhm und Ehre für sein Genie ein, in Szenen ganze Epochen zu erzählen. Damals dürften eher wenige Kirchenvertreter ausgerufen haben: „Diese Bilder sind Kunst und ethisch einwandfrei. So ist das Leben. Diese Hunde handeln im Auftrag Gottes.“

Ehrbare Sender und ihre Gesellschafter bringen Sendungen ins Fernsehen, wo sich Menschen gegenseitig auf den Schädel schlagen und nennen es „Unterhaltung“. Damit kommt Geld rein – womit auch die Arbeit von journalistischen Redaktionen zum Teil bezahlt wird. ARD und ZDF sind da voll im Geschäft. Ethisch einwandfrei?

Alle ehrlichen Tageszeitungsmacher wissen, dass neben dem Wetterbericht als Nachricht die Seite „Aus aller Welt“ die wahrscheinlich meistgelesenste ist. Was steht da drauf? Scheidungskrieg, Kind verloren – je persönlicher desto besser, aber nicht zu „schmutzig“ für die eigene Moralvorstellung, die man auch der „Audience“ über Jahrzehnte an- oder aberzogen hat.

Denn Moralvorstellungen sind nun mal sehr dehnbar, vom Bayernkurier bis zur Bild, von „anständigen“ Tageszeitungen bis hin zu Bloggern, die oft und intensiv die alten Medien für ihre Spießermoral oder ihre Scheinheiligkeit oder beides zusammen kritisieren.

Eine kleine Lebensweisheit ist: Traue denen, die am lautesten etwas einfordern, am wenigsten in der Sache zu. Das gilt für mehr „Brutto vom Netto“, über „Die-Rente-ist-sicher“, „blühende Landschaften“ bis hin zu: „Das ist unmoralisch.“ Der Gegenstand der Beurteilung kann beliebig variiert werden.

Der moderne Mythos der Büchse der Pandora ist das Internet.

Wer das Fass der Moral aufmacht – muss eventuell die Büchse der Pandora fürchten.

Ich persönlich habe das getan. Als verantwortlicher Redakteur für die Verlinkung von Inhalten im Internet.

Und ich habe gefiltert. Allerdings nicht als „Gate-Keeper“, der eine gewisse Ethik verfolgt wissen will, sondern als „Gate-Opener“. Mit einem Angebot, dem man folgen konnte oder nicht. Und mit der Gewissheit, dass es neben „unseren“ Gates jede Menge andere gibt.

Ethik ist einzig und allein ein Abwägungsprozess. Und das ist gleichzeitig die Defintion die gilt, wenn man sich eine Meinung bilden will.

Dazu muss man nicht die schlimmsten und widerwärtigst vorstellbaren Dinge selbst sehen – wenn man sich das zutraut, kann man es aber. Und das Internet bietet alle Möglichkeiten dafür.

Der Tod, Verstümmelungen, Hunger, Armut, Zerstörung und Verwüstung wird nur ungern gezeigt – das ist kein Unterhaltungsthema. Und wenn, geschieht es im Brustton der Überzeugung: „Das muss die Welt wissen.“

Muss sie das? Woher nehmen Journalisten oder Medien das Recht, darüber zu entscheiden, was jemand wissen darf und was nicht?

In Wirklichkeit ist das ethische Selbstverständnis vieler Journalisten nur so groß, wie sie glauben, die Grenzen ausreizen zu können. Die Bild-Zeitung ist alles andere als „Boulevard“ – durch ihren Verzicht auf jegliche Ethik ist sie die mächtigste politische Zeitung Deutschlands.

Journalisten sind nicht besser oder schlechter als der Rest der Menschheit. Bei der Bild-Zeitung arbeiten sicher viele ehrlose Gesellen – aber viele davon sind absolute Profis. Sie verdienen ihr Geld auf Grund von Leistung. Das ist zunächst als „ehrbar“ anerkannt. Es gibt viele, die das gut finden und viele, die das schlecht, also „ehrlos“ finden. Unethisch. Und weiter?

Ein festangestellter Zeitungskollege wirft mir vor, durch die Verlinkung der Nachrichtenwelle selbst nur auf „Klicks“ zu schielen und mich somit zu Teil des Systems zu machen, dass ich kritisiere. Er ist „moralisch“ kritisch.

Aufmerksamkeit vs. Ethik vs. Idiotie.

Er hat recht. Jeder Bericht erscheint mit dem Anspruch, Aufmerksamkeit zu erhalten. Bei meinen Angeboten und bei anderen. Sonst wäre es idiotisch, sich die Arbeit zu machen.

Rund 2.500 Zugriffe gab es laut 1&1-Statistik auf unseren Bericht:

http://weinheimblog.de/2010/12/04/oh-oh-oh-schwerer-unfall-wahrend-zdf-sendun…

Nach „Tausender-Kontaktpreis“ berechnet ergibt das ein paar Euro.

War es also „idiotisch“, sich die Arbeit zu machen?

Überhaupt nicht, weil wir viele Zuschriften und Kommentare erhalten haben, die unsere Links gut fanden – vor allem Leute, die keine Journalisten sind und nichts mit Medien zu tun haben.

Viele fanden die Berichterstattung in den „seriösen“ Medien „unethisch“, während Vertreter der „Medien“ unsere Verlinkung als „unethisch“ betrachteten.

Irgendwie lustig, oder?

Jedem, der sich über Moral und Ethik und deren Grenzen eine eigene Meinung bilden möchte, empfehle ich Hans-Dieter Grabe:

http://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Dieter_Grabe

Sein Film „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ ist die schlimmste Zumutung, der ich mich medial jemals aussetzen musste.

Die schlimmste Zumutung meines Lebens.

Es gibt keinen Horrorfilm, der in seinem Schrecken an diese Bilder heranreicht. Ich finde Horrorfilme – übrigens Quotengaranten – meist eklig und verstörend. Unterhaltung eben.

Bei Hans-Dieter Grabes Film habe ich die ganze Zeit geweint. Ich habe Stunden gebraucht, um den Dokumentarfilm, der 1970 den Adolf-Grimme-Preis in Silber gewonnen hat, überhaupt sehen zu können.

30 Jahre später, als Videofilm auf CD gebrannt – weil mich auf ein Porträt von Herrn Grabe vorbereiten musste.

Hans-Dieter Grabe ist mit Sicherheit einer der bedeutendsten Dokumentarfilmer, die das ZDF jemals beschäftigt hat. Ein moralisch und ethisch herausragender Charakter, der zeigen musste, was gezeigt werden musste.

Ich vergesse die Szenen seiner Filme niemals.

Und obwohl sie so schrecklich waren, bin ich sehr froh, sie „nur“ gesehen haben zu dürfen.

Ich musste nicht die Körpersäfte riechen, das Gejammer ertragen und das Leid der Kinder spüren, deren schreckliche Kriegsverletzungen er schonungslos, aber trotzdem mit Anstand zeigt.

Aber ich musste mich zwingen, diese Dokumentation anzuschauen, weil ich wissen wollte, was wirklich ist, wenn vom „Krieg“ berichtet wird. Von „Gefallenen“ und „zivilen Opfern“.

Und was ich zu sehen bekommen habe, hat bei mir meine „Ethik“ tief beeinflusst.

Ich empfehle jedem, der bis hierhin gelesen haben, diese Dokumentation „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“. Wer danach nicht über „Ethik“ und „Moral“ nachdenkt, ist seelisch tot.

Bei Debatten über Ethik geht viel durcheinander.

Um wieder an den Anfang zu kommen: Wen über „Ethik“ und „Moral“ diskutiert wird, geht sicher immer viel durcheinander. Und das ist gut so. Denn solange man diskutiert und sich „auseinander“setzt, ist man in Bewegung und kann sich „einigen“.

Das geht aber nur mit Bewegung und dem Willen, sich „auseinander“zusetzen, um sich zu „einigen“.

Beim ZDF wird es keine „Auseinander“setzung geben. Entweder, man einigt sich oder jemand bekommt den Stuhl vor die Tür gestellt. Das Ziel muss ganz klar sein, die „erfolgreichste Fernsehsendung Europas“ weiterzuführen. Das ist ein Millionengeschäft. Da hängen viele Arbeitsplätze dran.

Denn im engmaschigen Medienbetrieb scheitert „moralapostolische Ethik“ spätestens an den „Zahlen“.

Über die Ethik der Zahlen wird dabei seltenst diskurriert.

Dabei sprechen die eine deutliche Sprache – gerade Zeitungen verlieren Auflage und Werbung in dramatischem Maß.

Wenn am Montag die Lokal- und Regionalzeitungen erscheinen, wird es sicher haufenweise Kommentare und kommentierende Bewerkungen in Richtung „Internet“ geben.

Und ohne Sinn und Verstand, dass man nur „nach“richtet, was längst jeder weiß, wird man die Deutungshoheit für sich beanspruchen.

Ethik ist oft eine Frage der Deutungshoheit.

Also Fragen der „Ethik“ und der „Moral“. Sicher sind darunter auch viele Zeitungsmacher, die sich „Leseranwalt“ oder „Leitartikler“ nennen und sich „ethisch“ immer auf der sicheren Seite, also ihrer, wissen.

Obwohl Herr Knüwer ein absolut versierter Journalist mit großen Kenntnissen des Internet ist, irrt er mit einigen Aussagen in seinem Text.

Beispielsweise, dass er zwischen „Online-Redaktionen“ und den Zeitungshäusern dahinter trennt. Sollte es keine „ethischen“, journalistischen „Standards“ geben, ist das kein Problem der „Online-Redaktion“, sondern der Zeitungshäuser, zu denen sie gehören.

Die Zeitungshäuser, die sich über Zeitungshäuser mit Online-Redaktionen aufregen, die „Klick“-Strecken bauen, sind nur vermeintlich „moralischer“. Praktisch gesehen sind sie vermutlich einfach nur „abgehängt“.

Was definitiv feststeht ist: Ethik ist praktisch gelebte Philosophie.

Der Wille zur Einigung auf „Standards“, die aber immer im Einzelfall angepasst werden können, sonst ist Ethik keine Moral, sondern eine Diktatur.

Es ist gut und richtig, darüber zu diskutieren, was ist und was man für wünschenswert hält.

Und es ist absolut zu erwarten, dass die Diskussion offen und transparent geführt wird. Und nachvollziehbar.

Die wirkliche Wirklichkeit vieler Medien ist aber eben nicht offen und transparent.

Und die Welt ist mit Sicherheit „ethisch“ offener als jede individuelle Ethik es je sein kann.

Und das Letzte, was sich jemand wünschen sollte, ist, dass alle derselben Ethik folgen.