Montag, 01. Mai 2017

Die blödsinnige Mär von der „Kostenloskultur“

Von Hardy Prothmann

Achja, beim DJV-Kongress „Besser online“ in München gab es eine Auftaktsveranstaltung, bei der ich mich gefragt habe, warum um alles in der Welt ich mir als freier Journalist diese Diskussion antun sollte: Die Debatte um das „Leistungsschutzrecht“.

Hinter diesem angeblichen „Recht“ steckt der Versuch der Verlage, sich fremde Inhalte anzueignen und diese weiter auszubeuten. Beim einzelnen Inhalteurheber, beispielsweise freien Journalisten, wird aus möglichen Einnahmen dieses angeblichen Rechts nichts ankommen. Deshalb habe ich mich schon gewundert, dass dieses Thema bei einem Journalisten-Kongress debattiert wurde – bei einem Verlagskongress hätte ich das verstanden, auch wenn ich das ideenlose Verhalten der Verlage in der Sache erbärmlich finde.

Die große Klage wird in diesem und weiteren Zusammenhängen über die so genannte „Kostenloskultur“ geführt.

Vergessen wird, dass die Verlage diese über Jahre befördert haben. Vergessen wird auch, dass die Verlage über Jahre hinweg so ziemlich jede Idee nicht hatten, die andere „verlagsfremde“ Geschäftsleute dazu befähigte, den Verlagen Umsätze und Gewinne abzunehmen. Im Gegenteil dazu hatten die Verlage jede Menge Ideen um Millionen in unsinnigen Projekten zu verbrennen und die Schuld bei anderen zu suchen.

So auch bei der so genannten Kostenloskultur. Was bitte soll das sein?

Am Internet ist nichts kostenlos. Die Infrastruktur kostet und die Inhalte ebenso – mindestens Zeit, oft auch bezahlte Arbeitsleistung.

Jeder, der an diese Informationen herankommen will, zahlt dafür: Für das Empfangsgerät und für die Verbindungsgebühren. Oft ein Vielfaches dessen, was ein Abo kostet.

Die Inhalte, die Verlage sich schützen lassen wollen, sind dabei bis heute nur ein Abfallprodukt. Niemand zwingt einen Zeitungsverlag, seine Inhalte ins Netz zu stellen. Wenn diese „Inhalte“ dort nicht monetarisiert werden können, dann sollen sie es halt sein lassen. Den größten Teil des Bratwurstjournalismus wird sowieso niemand vermissen.

So wie die Zeitungen Abos und Leser verlieren, gewinnen sie nämlich im Gegenzug nicht im Ansatz Leser im Internet hinzu. Und selbst wenn dem so wäre, müssen sie wie alle anderen auch Wege finden, diese Angebote zu refinanzieren.

Ich denke wie viele andere Gründer täglich darüber nach und stelle Versuche an, damit mir das gelingt. Leistungsorientiert und kreativ. Tatsächlich muss ich dabei unter den Schäden, die die Verlage angerichtet haben ebenso leiden wie diese – ohne auch nur im Ansatz für den Blödsinn verantwortlich zu sein.

Die Zeitungsverlage stehen vielleicht vor einer ebenso lebensbedrohlichen industriellen Revolution wie die Weber damals. Noch wirft das Geschäftsmodell satte Gewinne ab – vor allem auf Kosten von „Leistungsbringern“, die von den Verlagen selbst jedes Recht ganz selbstverstänlich aberkannt bekommen. Das Wort „Entlohnung“ hört sich für viele freie Mitarbeiter wie Verhöhnung an.

Anstatt zu verschlanken und unternehmerische Verantwortung und Kreativität an den Tag zu legen, werden Leute auf die Straße gesetzt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Bei der Westdeutschen Zeitung, der FAZ, Gruner & Jahr, Südwestdeutsche Medienholding, Burda und wie alle die „ehrenvollen“ Namen heißen, die zu wenig bezahlen, aber alles kassieren wollen. Und deren Führungsriegen sich immer noch die üppigsten Gehälter zahlen und die schönsten Vergünstigungen gerne „in Kauf“ nehmen.

Gleichzeitig wird immer mehr „kostenloses“ Material verwendet, um es in Geld umzuwandeln. Die angeblich „journalistischen“ Leistungen sind oft nur noch kaschierte PR, Recherchen und Kontrolle finden kaum noch statt, freie Mitarbeiter und auch fest angestellte werden ausgebeutet.

Das ist die wahre „Kostenloskultur“, über die man reden sollte. Über die Mär der angeblichen „Qualität“. Über Verlage, die kostenloses Material verwenden, um diese kostenpflichtig zu veräußern.

 

Siehe auch:

http://www.blog-cj.de/blog/2010/10/07/die-zukunft-heist-ipapier/

  • Anonymous

    Wir haben bei „Besser Online“ deswegen u. a. über das Thema Leistungsschutzrecht debattiert, weil es auch Journalisten betrifft. Inkl. freie Journalisten: Die sollen nämlich, wenn die derzeit kursierenden Pläne realisiert werden, zur Kasse gebeten werden, sobald sie auf den von der „VG Presse“ (oder wer immer die Abgabe eintreiben wird) repräsentierten Seiten beruflich unterwegs sind. (Ich las in diesem Zusammenhang, dass bei der Frage, ob Freie beruflich oder privat surfen, eine Beweislastumkehr gelten soll – stimmt das, so läge es an den Freien zu beweisen, dass sie etwa eine Zeitungs-Site nur privat besucht haben.)Ich glaube nicht, dass das Thema bei einer Verlegertagung so diskutiert worden wäre, wie es bei „Besser Online“ der Fall war. Die Themen, die deiner Darstellung nach „vergessen“ wurden (also diverse Versäumnisse der Verlage), habe ich als Moderator angesprochen. Ich teile nämlich deine Skepsis in Sachen Leistungsschutzrecht-Abgabe.

  • Ulrike Langer

    Peter Jebsen: DJV und dju haben sich in Sachen Leistungsschutzrecht schon vor Monaten vor den Karren der Verleger spannen lassen. Aus dem Grund hat es mich ebenfalls gewundert, was die Diskussion auf der Tagesordnung zu suchen hatte.

  • Anonymous

    @Ulrike Langer: Welche dieser DJV-Positionen zum Leistungsschutzrecht für Verlage findest du zu „verlegerfreundlich“? Ich zitiere:>> 1. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition will ein Leistungsschutzrecht der Verlage Gesetz werden lassen. Der DJV hat seine Zustimmung an Bedingungen geknüpft.2. Die Rechte der Urheber dürfen durch ein Leistungsschutzrecht nicht angetastet werden. Ein solches Recht hat nichts zu tun etwa mit der Mehrfachverwertung von Beiträgen der Freien.3. Wenn das Leistungsschutzrecht Wirklichkeit wird, müssen die Urheber an den Erlösen angemessen beteiligt werden. Der DJV fordert 50 Prozent, die Verleger dachten zunächst an eine einstellige Prozentzahl, nähern sich jetzt aber 30 Prozent. Über die Höhe des Anteils verhandelt der DJV mit den Verlegern.4. Der Gesetzgeber wird Journalisten womöglich nicht vom Leistungsschutzrecht ausnehmen können, weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Die Verlage müssen sich aber für fest angestellte und freie Journalisten zu einem Ausgleich vertraglich verpflichten. Sonst stimmt der DJV einem Leistungsschutzrecht nicht zu. <<Wie gesagt, ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass eine Leistungsschutzabgabe sinnvoll ist, habe mich aber mit dafür eingesetzt, dass das Thema bei „Besser Online“ diskutiert wird – da es auch Journalisten betrifft (s. o.). Falls jemand mitliest, der in München mit von der Partie war: Hattet ihr aufgrund meiner Moderatorenfragen und der Antworten von Dr. Anja Zimmer (DJV NRW) den Eindruck, als ob wir beiden uns „vor den Karren der Verleger spannen haben lassen“?

  • Ulrike Langer

    @Peter Jebsen: Mit „vor den Karren der Verleger“ meinte ich nicht München. Ich war nicht bei „Besser Online“, insofern maße ich mir kein Urteil an über die Diskussion. Mich hat nur gewundert, dass das Thema überhaupt auf der Tagesordnung steht, wo doch die beiden großen Gewerkschaften – anders als der Verband Freischreiber – ihren Segen zum LSR schon vor Monaten grundsätzlich gegeben haben. Und zwar auch dazu, dass zwar Redakteure, nicht aber freie Journalisten von der Zahlungspflicht ausgenommen sein sollen! (Zitat von Wolfgang Schimmel, Verdi-Justiziar in einem Interview mit promedia: „Es wäre nicht einfach freie Journalisten im Gesetz von Vergütungsansprüchen freizustellen. Die Probleme fangen bereits an, wenn man versucht den Kreis der Begünstigten zu definieren.“)Jetzt wird noch ein bisschen kosmetisch gefeilscht, ob die Urheber 50 Prozent oder 30 Prozent der Einnahmen (Verlegerposition) erhalten sollen, aber die Verlagslobby geht längst damit hausieren, dass DJV und dju für das Leistungsschutzrechts sind und nur die renitenten Lästzwerge des Freischreiber-Verbands gegen das LSR „polemisieren“. (Im Detail habe ich das Prozedere vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag mal dokumentiert: http://medialdigital.de/2010/08/10/das-leistungsschutzrecht-die-lobbyisten-un…Wenn das Leistungsschutzrecht doch nicht kommt – und ich halte das gar nicht mehr für so sicher – dann wäre das jedenfalls nicht dem DJV zu verdanken, sondern dann dürfen wir Journalisten und beim mächtigen Interessensverband BDI dafür bedanken.

  • chervel

    Vorsichtig: Ihr solltet selbst aufpassen, nicht immer wieder eine „Mär“ weiterzutragen – nämlich die Mär, dass die Zeitungen kostenlos im Netz stehen. Das stimmt bei sehr vielen Zeitungen ganz und gar nicht, nicht einmal bei der „Welt“, die zwar alles online stellt – aber keine Sitemap, so dass die Artikel zwar über Google gefunden werden, wenn man zufällig die richtige Sucheingabe tippt, aber nicht auf der Website selbst, die nur einen kleinen Teil auf der Homepage verlinkt. Man muss die heimliche Sitemap kennen. Die SZ stellt allenfalls zehn Prozent ihres Inhalts online. Der Rest sind ein paar Tickerverschnitte auf der HP und Bilderstrecken. Die „FAZ“ ist online zwar besser als die „SZ“ – aber die Zeitung selbst steht allenfalls zu zehn Prozent online. Wer wissen will, was in der Zeitung steht, muss sie nach wie vor am Kiosk kaufen. Der „Spiegel“ ist ebenfalls nicht kostenlos im Netz, ebensowenig der „Stern“. Die „Zeit“ ist am Erscheinungstag komplett verriegelt, erst im Lauf der Woche werden Artikel freigeschaltet. Mit anderen Worten: Die Verleger wollen Leisungsschutzrechte für etwas, das gar nicht online steht.

  • Hardy Prothmann

    @chervel – Aha – danke für die Aufklärung.

  • Anonymous

    @Ulrike Langer: Wie du selbst schreibst, ist das letzte Wort in Sachen Leistungsschutzabgabe noch nicht gesprochen. Es kann sein, dass sich das Blatt durch die Intervention von BDI & Co. noch wendet. Daher fand ich es wichtig, am Samstag mal über den aktuellen Stand zu debattieren. Eine Diskussion, die sich ja vielleicht auch innerhalb des DJV fortsetzen wird – mit offenem Ergebnis.

  • Hardy Prothmann