Donnerstag, 13. Dezember 2018

Die blödsinnige Mär von der „Kostenloskultur“

Von Hardy Prothmann

Achja, beim DJV-Kongress „Besser online“ in München gab es eine Auftaktsveranstaltung, bei der ich mich gefragt habe, warum um alles in der Welt ich mir als freier Journalist diese Diskussion antun sollte: Die Debatte um das „Leistungsschutzrecht“.

Hinter diesem angeblichen „Recht“ steckt der Versuch der Verlage, sich fremde Inhalte anzueignen und diese weiter auszubeuten. Beim einzelnen Inhalteurheber, beispielsweise freien Journalisten, wird aus möglichen Einnahmen dieses angeblichen Rechts nichts ankommen. Deshalb habe ich mich schon gewundert, dass dieses Thema bei einem Journalisten-Kongress debattiert wurde – bei einem Verlagskongress hätte ich das verstanden, auch wenn ich das ideenlose Verhalten der Verlage in der Sache erbärmlich finde.

Die große Klage wird in diesem und weiteren Zusammenhängen über die so genannte „Kostenloskultur“ geführt.

Vergessen wird, dass die Verlage diese über Jahre befördert haben. Vergessen wird auch, dass die Verlage über Jahre hinweg so ziemlich jede Idee nicht hatten, die andere „verlagsfremde“ Geschäftsleute dazu befähigte, den Verlagen Umsätze und Gewinne abzunehmen. Im Gegenteil dazu hatten die Verlage jede Menge Ideen um Millionen in unsinnigen Projekten zu verbrennen und die Schuld bei anderen zu suchen.

So auch bei der so genannten Kostenloskultur. Was bitte soll das sein?

Am Internet ist nichts kostenlos. Die Infrastruktur kostet und die Inhalte ebenso – mindestens Zeit, oft auch bezahlte Arbeitsleistung.

Jeder, der an diese Informationen herankommen will, zahlt dafür: Für das Empfangsgerät und für die Verbindungsgebühren. Oft ein Vielfaches dessen, was ein Abo kostet.

Die Inhalte, die Verlage sich schützen lassen wollen, sind dabei bis heute nur ein Abfallprodukt. Niemand zwingt einen Zeitungsverlag, seine Inhalte ins Netz zu stellen. Wenn diese „Inhalte“ dort nicht monetarisiert werden können, dann sollen sie es halt sein lassen. Den größten Teil des Bratwurstjournalismus wird sowieso niemand vermissen.

So wie die Zeitungen Abos und Leser verlieren, gewinnen sie nämlich im Gegenzug nicht im Ansatz Leser im Internet hinzu. Und selbst wenn dem so wäre, müssen sie wie alle anderen auch Wege finden, diese Angebote zu refinanzieren.

Ich denke wie viele andere Gründer täglich darüber nach und stelle Versuche an, damit mir das gelingt. Leistungsorientiert und kreativ. Tatsächlich muss ich dabei unter den Schäden, die die Verlage angerichtet haben ebenso leiden wie diese – ohne auch nur im Ansatz für den Blödsinn verantwortlich zu sein.

Die Zeitungsverlage stehen vielleicht vor einer ebenso lebensbedrohlichen industriellen Revolution wie die Weber damals. Noch wirft das Geschäftsmodell satte Gewinne ab – vor allem auf Kosten von „Leistungsbringern“, die von den Verlagen selbst jedes Recht ganz selbstverstänlich aberkannt bekommen. Das Wort „Entlohnung“ hört sich für viele freie Mitarbeiter wie Verhöhnung an.

Anstatt zu verschlanken und unternehmerische Verantwortung und Kreativität an den Tag zu legen, werden Leute auf die Straße gesetzt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Bei der Westdeutschen Zeitung, der FAZ, Gruner & Jahr, Südwestdeutsche Medienholding, Burda und wie alle die „ehrenvollen“ Namen heißen, die zu wenig bezahlen, aber alles kassieren wollen. Und deren Führungsriegen sich immer noch die üppigsten Gehälter zahlen und die schönsten Vergünstigungen gerne „in Kauf“ nehmen.

Gleichzeitig wird immer mehr „kostenloses“ Material verwendet, um es in Geld umzuwandeln. Die angeblich „journalistischen“ Leistungen sind oft nur noch kaschierte PR, Recherchen und Kontrolle finden kaum noch statt, freie Mitarbeiter und auch fest angestellte werden ausgebeutet.

Das ist die wahre „Kostenloskultur“, über die man reden sollte. Über die Mär der angeblichen „Qualität“. Über Verlage, die kostenloses Material verwenden, um diese kostenpflichtig zu veräußern.

 

Siehe auch:

http://www.blog-cj.de/blog/2010/10/07/die-zukunft-heist-ipapier/

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