Sonntag, 24. September 2017

Der Fall Sarrazin: Das Dilemma kann gar nicht groß genug ausfallen

Von Hardy Prothmann

Ich bin sehr froh, dass der Bundesbanker Thilo Sarrazin das Buch „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht hat. Denn dieses Buch ist ein Enthüllungsbuch im wahrsten Sinne des Wortes.

Und das Beste daran: Man muss es noch nicht einmal gelesen haben und bekommt trotzdem seit über einer Woche eine Enthüllungsstory nach der nächsten frei Haus.

Angefangen bei der Spiegel-Gruppe und den Springer-Medien über Talk-Shows bis hin zu den Regionalzeitungen feiern die Medien eine Enthüllungsorgie nach der anderen: Über sich selbst.

Wer die Kommentare und Essays liest, muss sich die Augen reiben über die lustvolle Selbstentblößung der deutschen „Meinungsmacher“, die der Peep-Show der deutschen Politiker in nichts nachsteht.

Angefangen bei den großen Medien Bild und Spiegel, die den Hype um das Sarrazin-Buch vorangetrieben haben, weiter über FAZ und Welt, die das Rad scheinbar seriös weiterdrehen, bis hin zu den Talk-Shows, die endlich, endlich wieder einmal ein höchst emotionales Thema haben, wo es nicht um Fakten, wohl aber um viele Meinungen geht.

Und dann ist da noch das Volk, dass den heuchlerischen Distanzierungen vieler Medien und Politiker nicht die Stange hält, sondern in Umfragen klar seine Sympathie für Sarrazin zum Ausdruck bringt. Einem, dem viele unterstellen, er sei ein Rassist.

Wendet man die Sarrazinsche Logik an, eins und eins zusammenzuzählen, dann sind also weite Mehrheiten der Deutschen, genau: Rassisten. Oder zumindest für Rassismus empfänglich.

Die kruden Thesen Sarrazins zu genetischer Intelligenz oder biologischer Selektion schüren Angst und zielen auf die Ausländer. Getroffen hat er allerdings das Schwarze in den Deutschen.

Der Rechtsaußen und ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) („Wer sich als Ausländer nicht an unsere Regeln hält, ist hier fehl am Platz“) hat das verstanden, und Sarrazin einerseits den Rücken gestärkt, um sich gleichzeitig von ihm („rückwärtsgewandt“) zu distanzieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das nicht verstanden. Ihre Einmischung („verletztend und polemisch“, „überhaupt nicht hilfreich“) bedient ebenso wie die meisten anderen Distanzierungen die geheuchelte, aber nicht gelebte „Political Correctness“ einer politischen Schwätzerklasse, die längst verlernt hat, einmal „Klartext“ zu reden.

Und vor allem das nimmt diese Schwätzergilde Thilo Sarrazin krumm. Dabei geht es gar nicht darum, ob er nun tatsächlich „Klartext“ im Sinne stimmiger Thesen und wohlfeiler Analysen veröffentlicht hat. Nein. Sie nehmen ihm krumm, dass er sich als der stilisiert, der Klartext redet („das wird man doch noch sagen dürfen“) und dabei auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung trifft. Sarrazin enthüllt die Phrasendrescherei der Politik und der Medien.

Der hilflose Reflex, ihn durch Ächtung und Rauswurf zu stigmatisieren, wird Erfolg haben. Aber anders, als geplant. Wenn das politische System und das mediale dazu sich der „verbalen Bücherverbrennung“ schuldig machen, wird ein Märtyrer geschaffen.

Denn Thilo Sarrazin hat etwas urdemokratisches gemacht: Er hat seine Meinung geäußert. Das darf nicht nur ein prominentes SPD-Mitglied und Bundesbank-Vorstand. Das darf jeder in diesem Land. Und viele werden es ihm nachtun. Basierend auf Artikel 5 unseres Grundgesetzes.

Die große Angst, die umgeht, ist, dass Sarrazin „den Rechten“ nicht nur einen Weg geebnet hat, sondern diesen auch noch asphaltiert.

Der Anfang ist gemacht. Nach den ersten Aufregungen geben viele den Thesen Sarrazins „im Kern“ recht.

Eine löbliche Ausnahme bildet die Süddeutsche Zeitung, die sich die Arbeit gemacht hat, die Aussagen zu überprüfen, einzuordnen und somit nachvollziehbar ebenfalls zu enthüllen – nämlich als weitenteils krudes Zeugs. (http://suche.sueddeutsche.de/ Suchwort Sarrazin)

Doch nicht jeder liest die Süddeutsche Zeitung und die Mehrzahl der Medien und Politiker hat die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden. Es ist nicht mehr so, dass einzelne etwas vermelden, das von „Leitmedien“ weitergetragen wird.

Längst wird über das Internet schneller, vernetzter und tatkräftiger kommuniziert, als die Altvorderen sich eingestehen wollen.

Wer sich die Vielzahl der Blog-Beiträge und der Kommentare anschaut, erkennt, dass in Summe mehr außerhalb der sogenannten “etablierten” Medien über den Biedermann Sarrazin und seine Brandstifter “Bild” und “Spiegel” disktutiert wird. (Hier vor allem interessant: http://www.blog-cj.de/blog/2010/08/30/ein-abgrund-an-journalismus-verrat/ , http://carta.info/33122/sarrazin-und-die-medien-pure-heuchelei/ , http://www.sprengsatz.de/?p=3480 )

Die Sorge vieler Politiker und Zeitungen, dass das “böse, böse” Internet ein echtes Problem werden könnte, ist absolut berechtigt – nicht wegen rechter Zirkel, sondern einer vernetzten Debattenkultur, die die offizielle Debattenverklemmtheit der „herrschenden politischen Klasse“ längst überholt hat.

Im Internet entsteht eine neue Debattenkultur, eine, die transparenter als jemals zuvor einerseits für “revolutionäre” Zustände sorgen wird und andererseits gerade deshalb die Demokratie zu stärken in der Lage ist.

Der Titel „Deutschland schafft sich ab“ ist gut gewählt. Aber auch hier irrt Herr Sarrazin bezogen auf den Inhalt. Wer sich „abschafft“ sind die gegenwärtigen Politiker und Medien, denen immer weniger Menschen glauben.

Wer sich schon längst „abschafft“ sind die Akademiker. Auch hier irrt Herr Sarrazin, wenn er die „Kopftuchmädchen zeugenden Muslime“ als Problem erkennt. Die machen Liebe und lieben ihre Kinder. Das Problem sind die hedonistischen deutschen Akademiker, die keine oder nur noch wenige Kinder zeugen, die aber bevorzugt in die Karrierebahnen der Eltern bugsieren, egal wie doof die sind. Da kann jedes Ausländerkind noch so schlau sein – gegen diese Kliquenwirtschaft hat es keine Chance.

Herr Sarrazin hat Recht, wenn er feststellt, dass die Integrationspolitik gescheitert ist. Alle Verantwortlichen wissen das und alle heucheln was anderes.

Deswegen bin ich froh über dieses Buch. Es könnte das Ende dieser Heucheleien einläuten.

Wenn man sich darum bemüht, tatsächlich in eine offene und ehrliche Debatte einzutreten. Und wenn man sich bemüht, die eklatanten Fehler der Vergangenheit zu bereinigen.

Die desaströsen Zustände der islamischen Welten haben ein Grundproblem: mangelnde Bildung und mangelnde Chancen. Das gilt auch für die islamische Welt innerhalb Deutschlands.

Von „den“ Ausländern zu fordern, sich müssten auch den Willen zeigen, sich zu integrieren, ist nicht unbedingt rassistisch, aber zu einhundert Prozent zynisch. Wer über Jahrzehnte keine Chance erhalten hat, gibt irgendwann auf oder sucht sich woanders Bestätigung.

Genau das ist in Deutschland passiert. Ungeliebt im deutschen System haben die Ausländer ihre eigenen Zirkel und Netzwerke gebildet. Parallelgesellschaften, deren Mitglieder sich in diesen Systemen bestätigen.

Die Angst vor einem Rechtsruck kann man hier zu Recht haben. Meist sind diese Zirkel rechtskonservativ bis reaktionär.

Auch diese Einsicht passt zum Thesengebilde des Herrn Sarrazin – bringt Deutschland und die Integration der hier lebenden Ausländer keinen Schritt weiter.

Die Saat des Herrn Sarrazin ist gepflanzt. Seine kruden Gedanken in Umlauf gebracht.

Daraus folgen zwei Möglichkeiten.

1. Man tut nichts ausser abwiegeln und wird in einigen Jahren feststellen, dass noch viel mehr „stimmt“, was Herr Sarrazin anprangert.

2. Oder man nimmt sich die berechtigte Provokation zu Herzen, bemüht sich vehement um eine tatsächliche Integration und zeigt Herrn Sarrazin in einigen Jahren, dass seine Thesen über Gene und Rassen nichts als hohles Geschwafel sind.

Zur Zeit hoffe ich, dass Herr Sarrazin sehr, sehr, sehr viel Erfolg mit seinem Buch hat und damit den Druck ordentlich erhöht. Je größer der Druck, umso größer die Chance, dass sich etwas ändert.

Deswegen hoffe ich auch, dass der neue Bundespräsident Christian Wullf den Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin entlässt und dieser dann dagegen klagt und diese Klage gewinnt.

Das Dilemma kann gar nicht groß genug ausfallen. Die Politik wird ihre Heuchelei zu retten versuchen, kann sich aber auch in eine neue Ehrlichkeit retten. Eins von beiden wird sterben müssen.

Stibt die Ehrlichkeit ganz ab, wird Herr Sarrazin gewinnen. Stirbt die Heuchelei, hat die deutsche Gesellschaft inklusive ihrer früheren Ausländer gewonnen.

Nachtrag:

Ich wollte irgendwo im Text noch die nachfolgenden Zeilen unterbringen. Das hat sich beim essayistischen Schreiben nicht ergeben. Trotzdem kamen mir die Zeilen immer wieder als Leitfaden in den Sinn, deswegen stelle ich sie hier nach.

Dantos Tod, 1. Akt, 5. Szene

Lacroix.
Und Collot schrie wie besessen, man müsse die Masken abreißen.

Danton.
Da werden die Gesichter mitgehen.

Nachtrag II:

http://www.sueddeutsche.de/politik/der-fall-thilo-sarrazin-sarrazin-wackelt-d…

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  • Marktzyniker

    Eine hervorragende Analyse! Ich bin leider noch nicht so tief im Thema Sarrazin drin. Mein Eindruck ist nur, dass er im Moment eine große mediale Aufmerksamkeit aus folgenden Gründen bekommt:1. Die großen Parteien hängen allesamt in den Rettungspaketen für die Banken mit drin2. Auch die sogenannte akademische Elite hat es nicht geschafft, den Finanzmärkten frühzeitig Einhalt zu gebieten…Diesen beiden Gruppen kommt Sarrazin grade recht, kann er doch die latente Wut auf Minderheiten ablenken. Mit (blogger-)kollegialen Grüßen aus HamburgMarktzyniker

  • Hardy Prothmann

    @markzyniker Sarrazin als Ablenkungsmanöver? Keine schlechte Idee, aber auch ein wenig weit hergeholt. Fürs Kabarett aber sicher einen Lacher wert 😉

  • mittelhesse

    Die erste Auflage des Buchs von Sarrazin ist bereits vergriffen und die zweite im Druck, laut Verlagsauskunft. Ich denke, Sarrazins Buch wird aufgrund der Thematik zum Quotenrenner. Als Berliner Finanzsenator hat Sarrazin bereits Kostproben seines Denkens gegeben und sich damit keine Freunde gemacht: Unter denen, die Hilfe des Staates zur Existenzsicherung als dauerhafte Einrichtung verstehen und Alibi, nicht selber in die Hände zu spucken zu müssen, um dann wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. Dass Sarrazin hier mit seinen Gedanken etwas angestoßen hat, merkt man dieser Tage in der Politik: Beim Versuch, die Hartz-IV-Regelsätze um das Geld für Tabak und Alkohol zu kürzen. Ob diese Idee sinnvoll ist, ist sicherlich eine eigene Debatte wert, die ich hier nicht fortführen will. Klar ist aber, dass Sarrazin damals schon einem Credo folgt, dass uns als Angehörigen des Volkes der Dichter und Denker eigentlich in die Köpfe eingebrannt sein sollte: „Hier stehe ich und kann nicht anders“ – sagte einmal jemand, dessen Gedenktag zumindest im Westen dieses Landes dem Altar der Wirtschaftlichkeit geopfert wurde und schleichend durch einen kommerziellen Gründen folgenden Mummenschanz namens Halloween verdrängt wird. Selber möchte ich zu Sarrazins Buch solange nichts inhaltich sagen und schreiben, wie ich es selber nicht gelesen habe. Drum habe ich bisher darauf verzichtet, im Mittelhessenblog dazu etwas zu bringen. Eins darf man aber wohl jetzt schon sagen: Selten hatte ein Buch eine so gute PR

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