Freitag, 28. April 2017

Das Rhein-Neckar-Fernsehen zeigt ungeschnittene Opferbilder und diskreditiert sich damit zum Trash-TV


Fast zwei Minuten lang zeigt das Rhein-Neckar-Fernsehen, wie Bestatter einen Sarg bereitstellen, die Leiche des Opfers hineinwuchten, den Sarg schließen und Rausstehendes reinstopfen. Muss das sein? Quelle: RNF

Mannheim/Heppenheim/Rhein-Neckar, 09. September 2011. (red) Ein schwerer Unfall auf der A5 bei Heppenheim fordert ein Todesopfer. Medien berichten. Die √Ėffentlichkeit will wissen, was passiert. Das Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF) zeigt fast zw√∂lf Minuten lang ungeschnittenes Videomaterial – darunter fast zwei Minuten die Leiche, die von Bestattern in einen Sarg gewuchtet wird. Ist das noch „Journalismus“ oder nur noch voyeuristischer Trash? Die Frage muss man nicht stellen – wer so verantwortungslos handelt, hat mit verantwortlichem Journalismus l√§ngst nichts mehr zu tun. Noch nicht einmal der Anschein wird noch gewahrt. Man h√§lt ohne Sinn und Verstand drauf und hofft auf „Quote“.

Ergänzung:

Der RNF-Mitarbeiter Ralph K√ľhnl hat gegen√ľber unserer Redaktion den Vorgang folgenderma√üen erkl√§rt: „Mit dem Einstellen des Rohschnitts ins Netz ist einem nicht-redaktionellen Mitarbeiter der Gaul durchgegangen. Dar√ľber gab es hier im Sender bereits gestern Diskussionen, die sicherlich dazu f√ľhren, dass ein solcher Fall nicht mehr eintritt.“ Weiter hat Herr K√ľhnl erkl√§rt, man habe nach Kenntnis des Fehlers das „Rohmaterial“ um einen ausf√ľhrlichen Text erg√§nzt und damit best√§tigt, dass die Redaktion auch nach Kenntnis der Ver√∂ffentlichung das Rohmaterial nicht sofort gel√∂scht hat. Es bleibt jedem selbst √ľberlassen, welche Meinung man sich aus diesen Informationen bilden mag.
Der Sender hat mittlerweile (wie von uns vorgeschlagen, siehe Kommentar 10. September 2011 um 16:56 Uhr) eine Entschuldigung unter dem Sendebeitrag veröffentlicht.
In den Kommentaren finden Sie weitere Informationen.

Von Hardy Prothmann

Als ich die Bilder vom Unfall auf der A5 vom Donnerstag auf dem Internet-Portal von RNF sehe, bin ich fassungslos. Nicht dar√ľber, dass ich eine Leiche sehe. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich viel Leid sehe, Zerst√∂rung und auch den Tod sehen muss. Hinschauen muss. Auch Polizisten, √Ąrzte, Sanit√§ter, Feuerwehrleute, Gutachter sind damit leider immer wieder konfrontiert.

Aber wir arbeiten professionell, jeder tut, was er tun muss. Und als Journalist berichtet man f√ľr die √Ėffentlichkeit dar√ľber, was passiert ist. Aber als verantwortlicher Journalist achtet man darauf, zwischen dem √∂ffentlichen und dem privaten Interesse zu unterscheiden.

Es ist absolut zul√§ssig, in Bild, Ton oder Schrift √ľber Opfer zu berichten. Es ist aber geboten, dies im Zweifel mit dem geb√ľhrenden Abstand zu tun. Auch wir haben √ľber den Unfall auf der A5 berichtet, bei dem ein Mann ums Leben gekommen ist. Auch auf unseren Bildern sieht man, dass eine Leiche am Boden liegt und von einem Tuch abgedeckt wird. Unser Bilder sind aus der Distanz aufgenommen und dokumentieren den tragischen Unfall, das „Ereignis“.

Die Bewegtbilder, die beim RNF zu sehen sind, zeigen, wie Bestatter einen Sarg herbeitragen und das Opfer versuchen, ihn dahin zu hieven. Das klappt nicht beim ersten Mal. Der Leichnam stößt an den Sarg, die Anstrengung der Bestatter ist deutlich zu sehen. Als es endlich gelingt, die Leiche in den Sarg zu hieven, lässt sich der Deckel nicht schließen. Der Leichensack wird reingestopft. Die Männer transportieren Sarg und Leiche ab.

Man k√∂nnte nun aus Sicht des RNF argumentieren: „Wir zeigen, wie es ist.“ Aber ist das ein Argument? Was ist mit der W√ľrde des Toten? Was mit den Gef√ľhlen der Familie?

„Vollkommen egal“, k√∂nnte man als Hardcore-Dokumentarfilmer sagen: „Wir zeigen, wie es ist.“

Zeigen, was man vor die Linse bekommt. Was sagt dieses Bild aus? Quelle: RNF

Aber auch die h√§rtesten Hardcore-Dokumentarfilmer stellen sich immer die Frage, ob das, was sie zeigen, gezeigt werden „muss“. Was ist der Erkenntnisgewinn? Was tragen die Bilder zur Aufkl√§rung der √Ėffentlichkeit bei? Warum sind sie wichtig? Tragen sie zur F√∂rderung der Meinungsfreiheit bei?

Die Bilder des RNF sind ersch√ľtternd. Sie zeigen, dass der Sender √ľberhaupt keinen Wert auf journalistische Selbstkontrolle legt. Hier wird nur Voyeurismus bedient, irgendwelche redaktionell-journalistische Gedanken oder auch nur ein Rest von Anstand sind auch im Ansatz nicht zu erkennen.

Das ist Trash-TV in Reinkultur Рmit der Kamera auf alles draufhalten, was die Häarchen auf den Armen aufstellen lässt. Klar РRNF ist ein dröger Provinzsender, der eher nicht durch guten, kritischen Journalismus auffällt. Aber mit diesem Film zeigt der Sender eine Verantwortungslosigkeit, die die zuständige Lizenzbehörde auf den Plan rufen muss.

Selbst die Spritze muss groß im Bild erscheinen - warum? Quelle: RNF

Auch Privatsender haben Standards der Berichterstattung zu erf√ľllen und m√ľssen die Lizenz verlieren, wenn sie diese nicht einhalten. Ein Privatsender, der ungeschnittenes Videomaterial √ľber eine menschliche Trag√∂die √ľber zw√∂lf Minuten L√§nge einfach so ins Internet stellt, ist daf√ľr ein Kandidat.

Ob Herr Bert Siegelmann die Gr√∂√üe hat, sich im regul√§ren Programm f√ľr diese Verfehlung zu entschuldigen und daf√ľr zu sorgen, dass der Sender journalistische Standards einzuhalten, darf getrost bezweifelt werden.

Muss man die Arbeit der Bestatter in voller Länge zeigen? Quelle: RNF

Einen sp√§ter zusammen geschnittenen „Beitrag“ spricht der lispelnde Senderchef selbst ein – wieder sind Bilder zu sehen, die man nicht zeigen muss, au√üer, wenn man es „n√∂tig“ hat.

Was das RNF hier zeigt, macht mich fassungslos. Als Mensch. Als Journalist macht es mich w√ľtend, weil diese miese Form von „Journalismus (No comment)“ auch mich und andere Kollegen besch√§digt, die ihren Beruf mit der gebotenen Verantwortung aus√ľben.

Mir geht es wie jedem anst√§ndigen Menschen. F√ľr eine solche „Arbeit“ empfinde ich nur Verachtung – die einzig richtige Reaktion, weil man keine Spur von Achtung bei diesem „Bericht“ des RNF feststellen kann.

Es ist besch√§mend, wie das RNF im Wunsch nach Aufmerksamkeit jegliche Selbstkontrolle verliert. Tats√§chlich habe ich kein Mitleid mit diesen „Kollegen“ – die m√ľssen selbst in den Spiegel schauen und man darf nur hoffen, dass sie bei dem, was sie sehen, eventuell noch eine Spur von Scham empfinden.