Sonntag, 11. Dezember 2016

Krautreporter will den kaputten Online-Journalismus retten - geht's auch kleiner?

Das reicht für ein Jahr

„Auf der Welt“, 14. Mai 2014. Die Krautreporter sind angetreten, die Welt zu retten. Zumindest die des Journalismus. Insbesondere die des Online-Journalismus. Vielleicht geht es auch ne Nummer kleiner und die Mitmacher wollen nur ihre Welt retten. Also ihr Einkommen. Zumindest für ein Jahr. Dafür reicht es, wenn das Crowdfunding klappen sollte.

Von Hardy Prothmann

art5prothmann

Artikel 5 macht alles möglich. Auch Krautprojekte.

Ich mag einige von den Krautreportern persönlich herzlich gerne. Den Jens, den Alex, den Richard und den Philipp. Bis auf Jens kenne ich die auch persönlich, mit Jens habe ich nur gemailt und telefoniert. Von den anderen anderen kenne ich noch ein paar, vom Namen und vielleicht habe ich auch schon mal was gelesen. Die meisten kenne ich nicht. Weder persönlich, noch durch lesen oder sonstwie.

Die Krauts haben ein Projekt gestartet, das vielen den Verstand raubt, weil es scheinbar um viel, viel Geld geht. 900.000 Euro will man einsammeln, um dann ein neues Web-Magazin zu starten, um „das wieder hinzukriegen, was kaputt ist“. Nämlich der Online-Journalimus.

Puh.

Plattitüden und Pathos

Wer hätte gedacht, dass die Wiederbelebung „des“ Online-Journalismus so billig zu haben ist? Immerhin 25 Enthusiasten sind dazu angetreten.

Sie machen also ein Web-Magazin. Für die Welt. Oha. Wie machen sie das? Wo machen Sie das? Darauf gibt es keine Antworten. Nur Plattitüden und Pathos. Dafür wollen sie von mindestens 15.000 Menschen eine Jahresgebühr von 60 Euro. Und als Gegenleistung will man drei toll recherchierte Geschichten pro Tag bringen.

Wie heißen die drei Ressorts? 1, 2 und 3?

Die Krautreporter sind echt schnuckelig. Sie wollen ganz anders sein als „alte Medien“ und zwängen sich ein 3-Geschichten-pro-Tag-Format auf. Ohne Angabe, wieso, weshalb, warum, wie, von wem und wann diese drei „Geschichten hinter der Nachricht“ laufen sollen.

Sie wollen jeden Tag drei Stories liefern und gar keinen „Stream“ bilden. Oha.

Hülle ohne Inhalt

Man hat das Gefühl, als wolle ein journalistischer Praktikantenwochenendkurs mal eben so die Welt retten, nachdem man sich auf dieses Mantra, also die Welt zu retten, eingesungen hat.

Neben kritischen Ansätzen gab es überwiegend Sympathien in der bisherigen Berichterstattung. Und immerhin rund 1.700 Menschen haben überwiegend 60 Euro als „Crowdfunding-Beitrag“ bereits am ersten Tag zugesagt. Was für ein Erfolg. Das sind schon 8.500 Euro monatlich für das Versprechen einer Idee ohne Inhalt. Da werde ich blass vor Neid.

Naja, erfolgreich ist das erst, wenn nach einem Monat mindestens 15.000 fünf Euro pro Monat oder 60 im Jahr in der Summe 900.000 Euro bezahlt haben werden. Hey – über zehn Prozent an einem Tag? Dann haut das doch hin, oder? Abwarten. Andererseits – die Namen der bekannten Blogger könnten jeder für sich ein paar tausend Subscriber bringen und in Summe das Ziel erreichen lassen. Und dann?

Was ist das Ziel? Bislang nur eine leere Hülle ohne Inhalt, ohne Konzept. Dafür sehr großmäulig. Denn die Krautreporter wollen sich gleich um „auf der Welt“ kümmern – geringer ist der Anspruch nicht. Dafür erhalten alle Autoren zwischen 2.000-2.5000 Euro für eine Geschichte pro Woche.

Man fragt sich, welches Kraut diese Reporter geraucht haben?

Jahresprojekt

Medien-Blogger Niggi meint: „Das reicht für ein Jahr“. Unklar bleibt, was er meint. Ob Geschichten, ob Kraut oder nur das Geld.

Was die Krautreporter nicht bedacht haben, ist, dass sie mit sehr vielen, sehr engagierten Journalisten – ich bin einer davon – ein übles Spiel spielen. Sie definieren meine Arbeit als „kaputt“. Und das gefällt mir gar nicht. Ich mache schließlich nur Online-Journalismus und der ist laut Krautreporter „kaputt“.

Sie finden Werbung scheiße und wollen ohne diese Auskommen. Ich zahle aus diesen Einnahmen eine festangestellte Kollegin und mehrere freie Mitarbeiter. Mein kleines Team aus rund zehn Leuten bringt jeden Tag 20-30 Geschichten – ok, vielleicht nur 5-6 eigene und ansonsten Meldungen. Aber wir machen jeden Tag „kaputten“ Journalismus. Danke, Krauts. Das wollte ich wissen.

Für einige der Krauts sind 2-2,5t Euro ein nettes Zubrot, weil sie woanders ganz gut verdienen – hoffe ich zumindest. Für alle anderen bedeutet es: Die Krauts werfen scheinbar das große Rad an, tatsächlich manifestieren sie die Bankrott-Erklärung. Wenn jede Menge auch bekannte Journalisten „ausrecherchierte“ Stories für 600 Euro pro Geschichte im Schnitt inklusive Reisekosten (Reise, Unterbringung, Verpflegung), sonstigen Spesen, Technik, sonstige Infrastruktur, Fotos, Visualisierung und Verwaltung als „wir kriegen das Kaputte wieder hin“ definieren, muss ich mich fragen, wie kaputt die Krauts schon zu denken bereit sind. Ich würde nach 600 Euro im Lokalen lechzen, was für ein gigantisches Honorar für lokale Stories. Für „große“ Stories, für „ausrecherchierte“ Geschichte „auf dieser Welt“ ist das noch nicht mal Kraut ohne Soße.

Nicht der Online-Journalismus ist kaputt, sondern der Journalismus an sich, wenn sich junge Talente und bekannte Größen auf so ein unausgegorenes Projekt einlassen, dass vermeintlich „groß“ daherkommt und doch so klein wie möglich gedacht ist.

Was, wenn Werber auf die Crowd setzen?

Ich frage nochmal, welches Kraut die Krauts geraucht haben: Ausrecherchierte Geschichten, ohne Erfolgsdruck, ohne Qualitätskontrolle, ohne Basis, ohne Infrastruktur – wie soll das gehen? Niggi schreibt jede Woche ne Story seines Blogs um? Die anderen machen es ihm nach und alle jubeln: „Die Krauts haben den Online-Journalismus gerettet?“

Mann, mann, mann.

Und dann gibt es Rechenkünstler, die meinen, wenn das niederländische Projekt „De correspondant“ immerhin schon 30.000 Abonnenten zählt, müsste das in Deutschland doch locker zu toppen sein. Wir sind ja mehr. Leider hat der „Analytiker“ nicht gerechnet – vergleichbar müssten es in Deutschland 150.-300.000 Abonnenten sein, um mit den Niederländern gleich zu ziehen. Achso, 30.000 wäre ja auch geil, 50.000 noch geiler. Ja, aber ziemlich schlaff weil weg von einer Vergleichszahl.

Gott sei Dank ist der kollektive Blödsinn von rund 30 Enthusiasten noch überschaubar. Werbung ist scheiße – alles nur noch über die „Crowd“? Ach ja?

Was, wenn die, die Werbung bezahlen, sich mal eben entschließen, weil sie keine Werbung mehr bezahlen können, da ja nur noch Krauts ihren Lebenstraum verwirklichen, das eingesparte Geld für Corporate Publishing im großen Stil zu verwenden? Was, wenn Siemens sich entschließt, mal eben 5 Millionen in die ElektrischenReporter zu investieren? Vollkommen frei jeglicher Verantwortung gegenüber Geschäftspartnern?

Was, wenn Aldi beschließt, die AldinativenReporter zu gründen? Sie verstehen schon: Aldi, nativ, Reporter. Welcher Kraut will dagegen anstinken?

Schreibt uns Niggi demnächst die Sozialreportage? Habe noch keine gelesen von ihm, bin gespannt. Oder der Jens was über die Regionalliga in Nordbaden? Oder der Richard was über kommunal-korrupte Netzwerke, indem er einfach mal so von Israel nach Mannheim fliegt, sein iPhone hochhält und die Revolution filmt, die einige Streikenden vor der Alstom-Niederlassung zeigt?

Kein Gefühl für Autozynismus

Schon klar, das ist böse, ungerechte Häme. Richard ist ein klasse Typ und hat in Ägypten überrascht, Niggi ist ein analytischer Beobachter und Jens ein furchtloser Fighter – alles ohne Ironie.

Ich frage mich nur, was für ein Kraut das ist, dass diese sonst so coolen Typen in so ein zynisches Projekt treibt und die Augen verschließt, was sie damit aus Eitelkeit oder Euphorie an anderer Stelle einreißen werden, wenn sie keinen Erfolg haben sollten.

Ist es gar kein Kraut, sondern pure Verzweiflung?

Pathos, liebe Krauts, heißt übersetzt, erleiden, erdulden. Man könnte es auch mit Leidenschaft übersetzen. Und das ist bekanntlich das, was Leiden schafft.

Den Krautsalat gibt es hier.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Kurz überschlagen: Um anteilig so viele Abonnenten wie De Correspondent (30.000 von 16,7 Millionen Einwohnern) für sich zu gewinnen, müssten die Krautreporter etwas mehr als 146.000 Abonnenten finden. Die angestrebte Zahl von 15.000 ist natürlich vergleichsweise klein, aber nicht annähernd so „schlaff“ wie im Artikel formuliert.

  • plastikstuhl

    > Ich mag einige von den Krautreportern persönlich herzlich gerne. Den Jens, den Alex, den Richard und den Philipp.

    Einige meiner besten Freunde sind Krautreporter. #scnr

  • HumanMind

    „Ja, wenn man unbedingt möchte, kann man das so sehen und sich infolge
    dessen daran stören. Genauso, wie man sich als beste Band der Welt daran
    stören kann, dass eine andere Band sich als Beste Band der Welt
    bezeichnet. Muss man aber nicht.“

    Zitat aus

    http://www.maingold.com/1236/ich-wuensche-den-krautreportern-viel-erfolg/

  • Ulf J. Froitzheim

    Hardy, Du weißt, dass ich so ruppigen Kollegen wie Dir nicht leichten Herzens applaudiere. Aber wo Du Recht hast, hast Du Recht. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Möglichkeit ist einfach zu groß. Ich mag mir gar nicht ausmalen, dass Controller großer Medienfirmen oder gar der Verleger-Tarifverhandlungsführer Georg Wallraf lesen, was diese unsere Kollegen für weniger als eine Million meinen bieten zu können. („Ach, so billig geht das also? Dann sind unsere Contentetats zu hoch.“)

    Hier kommt der Konstruktionsfehler der ganzen Crowderei ans Licht: Die Zielmarke wird so niedrig gehängt, dass man nicht größenwahnsinnig oder gierig wirkt. Da aber das Wesensmerkmal eines Ziels ist, dass es dahinter nicht weitergeht, gibt es keinen Anreiz für die Geldgeber, über das Ziel hinauszuschießen, obwohl es keinen logischen Grund gibt, weitere Sponsoren vom Spenden abzuhalten. Je mehr Geld da ist, umso mehr Ideen kann man umsetzen, oder umso besser kann man sie umsetzen.

    Das Krautprojekt erschiene mir deutlich professioneller, wenn es gestaffelte Ziele gäbe:

    Wenn 500.000 Euro zusammenkommen, können wir dieses bieten; ab einer Millionen geht auch jenes; wenn ihr auch Superduperklassedingsbums wollt, brauchen wir zwei Millionen. Die Spendenskala müsste halt nach oben offen sein.

    Noch ein paar Sätze, die unser aller Netz-Jubelperser und Krauteuphoriker und Kritikallergiker sicherlich nicht lesen wollen:
    Wer institutionell (als Firma, Genossen- oder Partnerschaft) investigativen Journalismus betreibt, braucht dicke finanzielle Polster und einen guten (damit auch gut zu bezahlenden) Justitiar. Mit Sicherheit werden nicht die persönlichen Rechtsschutzpolicen der Reporter (oder bei Mitgliedern von DJV/ver.di die jeweilige Gewerkschaft) Anwalts- oder Gerichtskosten abdecken, für die die Krautfirma verantwortlich ist. Allein dafür müsste man schon mal mindestens 10 Prozent der 900.000 Euro beiseite legen. Hinzu kommen Gewerbe- und Umsatzsteuer, KSK, Versicherungen, Miete für Büro und Server, auch Traffic und Software kosten etwas. Bleiben extrem optimistisch gerechnet noch 700.000 Euro für Esser und seine 27 Krauter, sprich 25000 Euro inklusive aller Reisespesen pro Kopf im Jahr. Wie da zu freischreibergütesiegelfairen Bedingungen gearbeitet werden können soll, ist mir ein völliges Rätsel. Da es so aussieht, als würde das zumindest für Alex und den Geschäftsführer Esser ein Fulltimejob, kommen aber auch noch Sozialabgaben drauf, weil es sonst Ärger wegen Scheinselbständigkeit gäbe. Das alles engt den finanziellen Spielraum so ein, dass man kein Miesmacher, sondern Realist ist, wenn man sagt: Das Budget ist viel zu sehr auf Kante genäht.
    Oder um Niggemeier zu paraphrasieren: Das reicht NICHT für ein Jahr.