Samstag, 18. August 2018

Das Guttenberg-Syndrom oder wieso die Masse den Plagiator liebt

Guten Tag!

Heddesheim, 22. Februar 2011. Die Debatte um den „Doktortitel“ und die GlaubwĂŒrdigkeit des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg ist absurd. Weil zwei unterschiedliche „Denkwelten“ miteinander streiten. Die Sehnsucht der Masse nach „GrĂ¶ĂŸe“ ĂŒberwiegt die konsequente Analyse von wenigen. Oder anders – der Kleingeist von vielen scheint in der Summe grĂ¶ĂŸer zu sein, als der Verstand von wenigen. Fatal ist, dass sich die Gesellschaft ihre MaßstĂ€be umdefiniert. Das Mittelmaß ist die zukĂŒnftige GrĂ¶ĂŸe der „Eliten“.

Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg fĂŒhrt seinen Doktor-Titel zu unrecht. Die Hinweise auf diese These wiegen schwer.

Ist das so? Der offizielle Stand ist: Der Titel wurde ihm von der UniversitĂ€t Bayreuth mit „summa cum laude“, der höchsten Auszeichnung, im Jahr 2007 verliehen. PrĂŒfer war der „renommierte“ Jurist Peter HĂ€berle, der wenig ĂŒberraschend meinte, der Vorwurf des Plagiats sei „absurd“.

Ob Herr zu Guttenberg den Titel nun „fĂŒhrt“, „vorfĂŒhrt“ oder nicht fĂŒhrt, kann er halten wie er will. Was er nicht kann, ist, den Titel eigenmĂ€chtig „zurĂŒckzugeben“.

Das kann nur die UniversitĂ€t, indem sie ihm den Titel aberkennt, ihn also wieder zum Nicht-Doktor „degradiert“, also disqualifiziert. Der Arbeit die QualitĂ€t abspricht von „summa cum laude“ (mit höchstem Lob) zu „sine laude, sed ignominia“ (ohne Lob, sondern Verlust der Ehre). Mal schauen, ob das so kommt…

Unser Guttenberg.

Schaut man auf die Reaktion der Menschen, steht glasklar fest: Die ĂŒberwiegende Mehrheit „steht“ zu „ihrem“ zu Guttenberg. Doktor hin, Doktor her. (Allein auf einer Facebook-Seite haben sich innerhalb weniger Tage ĂŒber 200.000 Fans eingefunden.)

Warum, ist einfach erklÀrt.

Viele dieser Menschen sagen „Doktor“ mit Ehrfurcht beim ihrem Hausarzt, beim Facharzt, im Krankenhaus – auch zu Ärtzen, die gar keinen „Doktor“ haben. Man wĂŒnscht sich einfach ĂŒber den Mythos, dass der „Doktor“ einem da, wo’s zwickt oder ernsthaft was nicht in Ordnung ist, hilft.

Das ist sehr egoistisch gedacht und es spielt ĂŒberhaupt keine Rolle, dass Ärzte verglichen mit anderen Fachrichtungen oft mit einfachsten „Abhandlungen“ ihre „DoktorwĂŒrde“ erreichen können. Geisteswissenschaftliche Arbeiten sind meist umfangreicher, arbeitsintensiver und wissenschaftlicher. (Der Freitag hat dazu einen offenen Brief von Geisteswissenschaftlern der Uni MĂŒnchen veröffentlicht, die in großer Sorge sind und ĂŒberhaupt keine Bagatelle erkennen können.)

Aber das ist der Masse vermutlich alles viel zu „akademisch“.

Wenn’s ans Eingemachte geht, hofft man, dass der Doktor nicht nur „herumdoktort“, sondern weiß, was er tut.

Herr zu Guttenberg operiert nicht wirklich am offenen Herzen, sondern irgendwo in Afghanistan und sonstwo auf der Welt. Er ist so eine Art Chefarzt im weißen Kittel, die „operative“ Arbeit machen andere.

Und irgendwo operiert doch – die Herzen der Masse.

Guttenberg bedient den deutschen Minderwertigkeitskomplex

Denn er bringt Eigenschaften mit, die zumindest im Ansatz verletzte deutsche Herzen pumpen und die ramponierte Seele jauchzen lĂ€sst. Man erhofft sich Genesung durch den Wunderdoktor. (Hier ein interessanter Text ĂŒber das „Trauma der Deutschen – Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung, Schulungsmaterial.)

Endlich mal ein schnieker, straffer junger Mann, der sich mit seiner Frau medial ablichten lÀsst und die Herzen höher schlagen lÀsst. Fesch ist er und obwohl er sich die Haare gelt, wirkt er kein bisschen schmierig. Einer, der so auftritt, der muss doch was draufhaben.

Und ist Herr zu Guttenberg nicht ein „politisches“ Talent? Und fiebern nicht Millionen Deutsche bei anderen „Talents-Shows“ mit? Ist das nicht irgendwie dasselbe, wenn Talente in Playback-Sendungen Lieder „covern“ und ein Verteidigungsminister halt in wahrscheinlich hunderten FĂ€llen fĂŒr den „Titel“ woanders was „ausleiht“? (Eine drollige Fan-Post hat Harald Martenstein dazu im Zeit-Magazin geschrieben.)

Tatsache ist, dass die allermeisten Menschen mit einem „Doktor“ und der damit verbundenen Arbeit nichts anfangen können. Wohl aber mit einem Adelstitel und einem „frischen“ Auftreten.

Und man hat sich ĂŒber viele Fotos ein Bild gemacht. Eins, ĂŒber das man auch auf weitere FĂ€higkeiten des Verteidigungsministers schließt.

Und man denke an den ehemaligen Verteidigungsminister Volker RĂŒhe. Der war zu blöd, sicheren Fußes ĂŒber die afrikanische Steppe zu laufen und wurde, blöderweise „beim Stolpern“ fotografiert. Was haben wir, das Volk, ĂŒber diesen Deppen gelacht. Und gleichzeitig gelitten – wie denken wohl andere ĂŒber uns mit so einem? Der Minderwertigkeitskomplex hat sich geschĂŒttelt.

Ganz anders zu Guttenberg. In gesteiftem Kaki mit gewichsten Stiefeln geht der Blick mal in die Ferne, mal direkt in die Kamera. Ort des Shootings: das gefÀhrliche Afghanistan, bei unseren Jungs. Der muss was draufhaben. Soviel steht fest.

Der gute Job zu Guttenbergs

Vergessen sind da all die Probleme bei der AufklĂ€rung des Raketenangriffs in Afghanistan, toten Soldaten oder Gorch Fock. Denn das ist alles so furchtbar. Und zu Guttenberg handelt konsequent. Er suspendiert sofort die „Verantwortlichen“ Offiziere. DafĂŒr braucht es keine PrĂŒfung. zu Guttenberg handelt.

Die Mehrheit meint, dass Herr zu Guttenberg seinen Job „gut“ macht. Mit welchen Argumenten einzelne dieser Mehrheit ihre Meinung begrĂŒnden, interessiert nicht. Am allerwenigsten die meisten Medien.

So werden kritische Medien zu „Hetzern“. Böswillig, hinterhĂ€ltig, neidisch und weitere nicht gerade nette Eigentschaften wird diesen Medien und diesen Journalisten unterstellt.

Wiederum die große Mehrheit der Medien, allen voran Lokalzeitungen, stilisieren den Plagiator und TĂ€uscher zu Guttenberg zum Helden. Haben wir nicht alle schon mal in der Schule abgeschrieben? Machen wir nicht alle Fehler? Sind wir nicht alle Menschen? Und was soll die Aufregung um eine Doktorarbeit? Kein von uns ist Doktor, der zu Guttenberg bald auch nicht mehr und deswegen ist er umsomehr wie wir. Einer von uns.

Was wĂ€re wenn…?

Unser Karl-Theodor. Das ist so emotional wie „Unser Charly“, wo ein Affe die Titelrolle in einer mehr oder minder sinnfreien Vorabendserie spielt. Und was der Affe nicht so alles kann… Zwar ist alles Lug und Trug, aber es geht doch ans Herz.

Was wĂŒrden die Leute aber sagen, wenn Herr zu Guttenberg ein Heizungsinstallateur-Meister wĂ€re und herauskĂ€me, dass er sein GesellenstĂŒck aus anderen zusammengebastelt hĂ€tte?

Oder BĂ€cker, der das Rezept fĂŒr leckere Brötchen bei anderen geklaut hĂ€tte?

Oder Friseurmeister, der mit Schnitten wirbt, die er nicht kann, die andere machen, fĂŒr die der „Meister“ aber teures Geld verlangt und Ruhm und Ehre einstreicht, die ihm nicht gebĂŒhren?

Was, wenn er ein Angestellter wĂ€re, der betriebliche VerbesserungsvorschlĂ€ge von anderen fĂŒr seine Karriere nutzt, wĂ€hrend die eigentlichen Ideengeber nichts davon haben?

Was, wenn er ein Kfz-Meister wÀre, der einem bei seiner Ehre einen neuen Motor einbaut, tatsÀchlich aber Ersatzteile unbekannter Herkunft verwendet?

Warum gibt man nicht gleich das Patenwesen auf? Das ist doch bloß geistiges Eigentum.

In all diesen FĂ€llen wĂŒrde man solche Personen als TĂ€uscher, Diebe, Prahler davonjagen – denn das wĂŒrde selbst die Masse und der einzelne in ihr verstehen.

MaßstĂ€be

In Deutschland verlieren Menschen ihren Job, weil sie als VerkĂ€uferin ein „Brötchen“ fĂŒr 1,50 Euro essen und nicht bezahlen. Oder Als Kassiererin einen Pfandgut-Bon nicht ordentlich verbuchen.

Arbeitgeber begrĂŒnden durch eine solche „Tat“ einen „Vertrauensverlust“, der nur eine Trennung zur Folge haben kann. Deutsche Gerichte folgen dieser Argumentation und Menschen, die eine schlecht bezahlte Arbeit machen, werden gefeuert.

Ob diese Menschen auch so milde ĂŒber zu Guttenbergs dreites Abkupfern denken?

Die Masse derer, die nicht wissen, was geistiges Eigentum ist, werden auch nicht verstehen wollen, dass Wissenschaft sich dieses Eigentum „ausleihen“ darf – aber nur, wenn man die Entleihung auch ordentlich kennzeichnet. Alles andere ist Diebstahl.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat jedem, der ordentliche wissenschaftliche Arbeit macht, die Ehre abgeschnitten. Er ist ein schwarzes Schaf – vermutlich nicht das einzige, aber ein sehr prominentes.

Was wĂŒrde Herr zu Guttenberg wohl mit einem Oberst anstellen, der sich den Rang erschlichen hat und in Wirklichkeit nur ein Gefreiter ist? Oder produziert Herr zu Guttenberg kĂŒnftig lauter Köpenick-HauptmĂ€nner, wenn er der Meinung ist, die machten ihren Job gut?

Kotau als Poliermittel fĂŒr die eigene Befindlichkeit

Die Masse versteht den Kotau von zu Guttenberg als Niederwerfung vor ihnen selbst, der Masse. Auch damit ist zu Guttenberg einer von ihnen. MĂŒssen sich nicht die meisten oft auch selbst niederwerfen? Vor dem Arbeitgeber, vor Gesetzen, vor „gesellschaftlichen Regeln“?

Sie wissen nach wie vor nicht, was eine wissenschaftliche Dissertation ist, vulgo „Doktor-Arbeit“. Aber sie verstehen, dass einer, der behauptet, sechs oder sieben Jahre lang daran gearbeitet zu haben, den „Überblick“ anhand der vielen Zettel verloren zu haben. Das verstehen alle nur zu gut. Allein der Gedanke an die vielen BĂŒcher oder Zettel lĂ€sst sie erschaudern.

Noch mehr verstehen sie, dass zu Guttenberg sich vier Jahre spĂ€ter sein „Werk“ am „Wochenende“ nochmal vorgenommen hat und feststellen musste, was er fĂŒr einen „Blödsinn“ geschrieben hat.

Die Frage, wie das sein kann, dass einer ĂŒber sieben Jahre hinweg den Überblick verloren hat und vier Jahre spĂ€ter in nur zwei Tagen nach einer „eingehenden PrĂŒfung“ die frĂŒhere Orientierungslosigkeit mit klarem Blick als Blödsinn „enttarnen“ kann, stellt kaum jemand. Zumindest nicht die breite Masse. Das scheint zu kompliziert zu sein und ist doch nur ein weiterer Hinweis, dass zu Guttenberg, wenn nicht knallhart lĂŒgt, dann aber nach GutdĂŒnken die Wahrheit beugt.

Der MĂ€rtyrer

Die Tatsache, dass Herr zu Guttenberg von anderen dazu gezwungen wurde, spielt eine Rolle – fĂŒr seine Rolle des MĂ€rtyrers. zu Guttenberg macht sich selbst zum Zeugen und ist bereit, einen Tod zu sterben. Dann gibt er ihn halt ab, den Doktortitel.

Viele Medien transportieren auch diesen Blödsinn – wie gesagt, zu Guttenberg kann den Doktor nicht abgeben. Der Titel kann ihm nur genommen werden. FĂŒr die Medien und die Masse spielt das keine Rolle. Es geht um die Show und das Talent und die nĂ€chste Folge.

Die Show treiben die Medien weiter – wohl wissend, dass das mit der Politik zu kompliziert fĂŒr die Masse ist. Also werden Bilder geschaffen und bestĂ€tigt, Vereinfachungen gesucht und verbreitet.

Bis die Rollen verteilt sind: zu Guttenberg ist gut – die Kritiker sind böse. Ich bin fĂŒr zu Guttenberg – die anderen sind dagegen. Ich finde, er macht einen guten Job – die anderen sind nur neidisch. Ich bin großzĂŒgig, genau wie zu Guttenberg, der braucht nĂ€mlich wie ich auch keinen Doktortitel. Und wenn ich urteile, dass der zu Guttenberg gut ist, dann bin ich das auch irgendwie, denn ich bin ja gewissermaßen ein PrĂŒfer dessen, was er tut. Und dabei auch nicht schlechter oder besser als die da im Elfenbeinturm der Wissenschaft. Die haben ja auch nicht gemerkt, dass er abgekupfert hat.

Neudefinition von „GrĂ¶ĂŸe“ – wie aus Blödsinn ein Wert wird

Und wenn sich solch kenntnislosen Denken im Mittelmaß erst einmal ausgebreitet hat und zu Guttenberg der Beste fĂŒr den Job ist, dann sind auch alle die, die ihn unterstĂŒtzen, die Besten. Logisch, oder? Quasi Elite. Und damit ist der „Beweis“ erbracht, dass alle anderen nur elende Nörgler sind.

zu Guttenberg bedient mit seinem Verhalten den Wunsch und die Sehnsucht der vielen nach „GrĂ¶ĂŸe“. Beim Guttenberg-Syndrom-  geht es nicht um Argumente, sondern um Glauben, der die „GlaubwĂŒrdigkeit“ definiert.

Fatalerweise kommt es im Zuge dieses Reflexes zu einer Neudefinition von „GrĂ¶ĂŸe“. Ein „vorbildliches“ Verhalten wird nicht mehr durch eine herausragende Arbeit definiert, sondern durch das „Bekenntnis“ zur eigenen UnzulĂ€nglichkeit, zum eigenen „Blödsinn“.

Konsequent zuende gedacht, sind die Folgen fatal. KĂŒnftig könnte folgerichtig also jeder Depp Minister werden – er muss sich nur recht gut „ins Bild setzen“ können. DafĂŒr muss er noch nicht mal gut aussehen. Er muss nur Unterhaltungswert haben. Horst Schlemmer lĂ€sst grĂŒĂŸen.

Und er muss es verstehen, die Mehrheit der Medien fĂŒr diese Inszenierung zu begeistern. Die Mehrheit der Masse wird dann folgen.

Am Ende wird das Mittelmaß mit GrĂ¶ĂŸe gleichgesetzt.

Die Masse will die nĂ€chste Folge sehen. Die „Folgen“ spielen lĂ€ngst keine Rolle mehr.

Die nĂ€chste Folge gibts in NĂŒrnberg, wo zu Guttenberg als Referent zu „Mit Werten in FĂŒhrung gehen“ auftreten soll.

BegrĂŒndung: „Auch GlaubensvĂ€ter waren SĂŒnder“. Na dann ist ja alles in Ordnung.

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