Montag, 01. Mai 2017

Nix hören, nix sehen, nix sagen

Das drei-Affen-Mantra der Tageszeitungen

Mannheim, 27. Januar 2014. Tageszeitungen sind entzaubert. Die alte M√§hr, dass nur dort „die Wahrheit“ stehe, ist schon lange als M√§rchen enttarnt. Aber es geht noch doller. Tageszeitungen sind mit Sicherheit die sturste Trutzburg wider die wahrhaftige Information der √Ėffentlichkeit. Wer kennt eine Tageszeitung, die konsequent andere Quellen liket, kommentiert oder sich sonstwie um etwas k√ľmmert, was au√üerhalb ihres eigenen Kosmos‘ passiert? Sie kennen keine? Ich auch nicht.

Von Hardy Prothmann

Seit etwa 2006 wird dar√ľber diskutiert, ob „Blogs“ den Tageszeitungen gef√§hrlich werden k√∂nnen. Die Bilanz nach all den Jahren: Es hat noch kein Blog eine Tageszeitung in die Knie gezwungen, sprich, √ľbernommen, filetiert und abgewickelt.

Wer so etwas jemals geglaubt haben sollte, hat auch m√§chtig einen an der Waffel. Kaufen und abwickeln kann nur jemand, der viel Geld hat. Die Axel Springer AG beispielsweise. Die hat viel Geld und wickelt den Restjournalismus, der im Konzern noch √ľbrig ist, z√ľgig ab.

√úberall auf der Welt gibt es neue mediale Angebote, die in die Monopolgebiete der Tageszeitungen eindringen. Meist wird auf Amerika geguckt. Erst hochgeschrieben. Dann runtergeschrieben. Und hinterher haben alle gewusst, dass alles nix wird. Denn es fehlen angeblich die entscheidenden Ideen. Sorry. Wenn AOL in Lokalblogs macht, dann ist das keine „entscheidende“ Idee, h√∂chstens eine saubl√∂de, die √ľber kurz oder sp√§ter zur Entscheidung f√ľhrt, dass es eine saubl√∂de Idee war.

In Deutschland gibt es mittlerweile eine noch √ľberschaubare Zahl von neuen, journalistisch wertvollen Angeboten – viele davon untereinander √ľber istlokal.de vernetzt (wo ich Gesellschafter bin). ¬†Die grundlegende Gemeinsamkeit dieser unabh√§ngigen Angebote ist eine Aufbruchstimmung, eine √úberzeugung: Guten Journalismus anzubieten, der kritisch aufkl√§rt, der anders ist als das, was die „K√§sbl√§tter“ seit Jahrzehnten als „Tradition“ anbieten.

Die gute Nachricht: Diese Angebote halten sich bemerkenswert lang, während stinkreiche Verleger Blätter dicht machen. Die schlechte Nachricht: Keins dieser Blogs ist bislang stinkreich geworden. Stimmt nicht Рan Erfahrungen schon.

Man muss viele dicke Bretter bohren. Das dickste, unbohrbarste sind allerdings nicht die K√∂ppe von B√ľrgermeistern, BdS-Vorsitzenden, Vereinsmeiern. Nein. Das sind die K√∂ppe von Zeitungsmachern, also den Leuten, die von sich behaupten, die √Ėffentlichkeit umfangreich und zutreffend zu informieren. Wie immer best√§tigen Ausnahmen die Regel.

Welche Zeitung kennen Sie, die ein Blog aus dem eigenen Gebiet zitiert, das eine exklusive Nachricht gebracht hat? Keine? Dann kennen Sie sich sehr gut aus.

Diese Zeitungen, deren M√§ntel und viele derer B√ľcher nur noch aus hundert- und tausendfach kopiertem Agenturzeugs besteht (liebe Agenturen, Ihr macht auch gute Stories) bilden sich tats√§chlich nach wie vor was drauf ein, dass sie das verbreiten, was alle verbreiten (denn in der Herde f√ľhlt man sich sicher). Und sie tun den Teufel, das zu tun, was fr√ľher mal eine „Ehrenpflicht“ war – n√§mlich exklusive Nachrichten von anderen Medien mit Quellenangabe zu benennen.

Wie nennt man so eine verlodderte Branche? Eine ohne Ehre, ohne Stolz, ohne Überzeugung, dass Journalismus ein hohes Gut ist? Wie nennt man die? Irgendwelche Vorschläge?

Die Lokalblogs bundesweit sind noch längst nicht soweit, die Zeitungen abzulösen. Aber sie haben die Monopolisten jede Menge Abos gekostet. Und sie bauen aus, während die Zeitungen abbauen. Sie gewinnen Leser/innen, den Zeitungen sterben sie weg.

Noch ist alles „relativ“ entspannt – die meisten Zeitungen verdienen noch pappsatt Kohle, trotz mittlerweile schon fast 25 Jahren j√§hrlichem Auflagenverlust. Aber es wird weniger Geld. Traumrenditen von 25 Prozent sind Geschichte. Und wer kann, verkauft unter zehn Prozent Umsatzrendite den Laden und privatisiert.

Die Bude √ľbernehmen dann oft Optimierer, die erstmal das abschaffen, was kostet. Redaktion. Und sich hinterher wundern, dass man den Laden dicht machen muss, weil irgendwie die „Akzeptanz“ fehlt.

Ich bin √ľberzeugt davon, dass die, die sich aufeinander zu bewegen, erfolgreicher sein werden.

Im Februar tauschen erstmals in Deutschland eine Zeitung und ein Blog Volont√§re aus. Konkret: Meine Volont√§rin geht nach W√ľrzburg zur Main-Post und von dort kommt eine Volont√§rin nach Mannheim.

Was soll das? Was bringt das? Wieso machen die das? Solche typischen Fragen werden bislang nicht gestellt. Warum eigentlich?

Darf nicht zusammen gehen, was zusammen gehört? Journalismus eben.

Ich freue mich jedenfalls sehr auf die junge Kollegin, sie kann hier alles lernen, was sie will und in vier Wochen schafft. Und darauf, das meine Volontärin bei der Zeitung viel mitnimmt.

Die vielen Affen da draußen sollen ruhig weiter nix hören, nix sehen und nix sagen.

Irgendwann besuch ich sie im Zoo – als bedrohte Art.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.