Sonntag, 24. September 2017

Das Drama der journalistischen Profession – an einem alltäglichen Beispiel erzählt

Von Hardy Prothmann

Es ist irgendwann vor ein paar Monaten, Pressekonferenz in einem Gymnasium in einer kleinen Stadt. Anwesend sich der Schulleiter, der Elternbeiratsvorsitzende, zwei Mütter und drei Schülerinnen.

Wann und wo genau der Termin stattgefunden hat, spielt für diesen Text keine Rolle. Die Namen der Personen auch nicht.

Denn dieses Stück beschreibt das Drama der journalistischen Profession anhand eines Beispiels, wie es sie landauf, landab zuhauf gibt.


Der bauliche Zustand der Schule ist miserabel. Die beiden Mütter haben eine Initiative ins Leben gerufen, um durch Aktionen an Geld zu kommen, mit diesem Geld soll die Sanierung der Schule unterstützt werden. Sie stellen ihre Ideen vor. Ein Fest soll veranstaltet werden. Kaffee und selbstgebackene Kuchen soll es geben, eine Tombola und eine Spendenbox. Die Einnahmen gehen hälftig an die Schule und an das Projekt von Karlheinz Böhm „Menschen für Menschen“. Das stellen die Schülerinnen vor.

Man wolle irgendetwas tun, initiativ werden eben. Auf den Klos fehlten Spiegel und in den Mädchentoiletten gebe es noch nicht mal Kosmetikeimer.

Am Ende der Vorstellung stellen zwei „Kollegen“ von der Zeitung Fragen. Ich hatte gerade zur Frage angesetzt, als sich der Kollege der örtlich größten Zeitung vordrängelt und schnell was fragt. Ob seine Frage irgendeinen Sinn macht, ist egal. Das erlebe ich immer wieder. Er ist der Vertreter des größten Mediums und hält sich deshalb auch für groß, obwohl er körperlich etwas kleiner ist als ich. Und ich messe 1,75 cm.

1. Akt: Die Befragung.

Kein Mensch in der Branche kennt seinen Namen. Vermutlich hat er noch nie länger als einen Tag an einer „Story“ recherchiert, wenn überhaupt. In der Branche wird er sich nie einen Namen machen. Aber er ist fest entschlossen, sich für wichtig zu halten.

Er stellt die Standardfragen. Wieviele Eltern, wann wurde die Initiative gegründet, wer hat die Leitung? Soweit ok. Dann fragt er: „Denken Sie daran, ihre Initiative auszubauen, beispielsweise am Vorbild amerikanischer Stiftungen?“

Ich drehe erstaunt den Kopf und schaue ihn an. Nach vorn gebeugt, das Kinn entschlossen vorgestreckt, mit Spannung im Körper fixiert er die Frau. Die ist vollkommen überfordert und antwortet: „Also ich, ja, also, ich weiß nicht. Soweit haben wir noch gar nicht gedacht.“

„Nach dem Vorbild amerikanischer Stiftungen“, denke ich und beobachte erstaunt, dass der „Kollege“ die Frage tatsächlich ernst gemeint hat. Dass er nichts übers amerikanische Stiftungswesen weiß, schon gar nichts übers deutsche, ist klar, sonst hätte er diese wichtigtuerische Dummfrage nicht gestellt.

Der „Kollege“ nimmt die Spannung zurück und notiert die Aussage. Er wirkt dabei sehr engagiert. Er runzelt die Stirn.

Vergebens oder umsonst?

In diesem Moment beschließe ich, mich ganz hinten anzustellen und mir ein neues Kapitel des Dramas der journalistischen Profession anzuschauen. Die meisten Fragen sind banal, dann geht es ans Eingemachte: „Und was ist, wenn die Großsanierung kommt, wären dann ihre investierten Mittel nicht umsonst eingesetzt worden?“

Ich denke: „Es heißt vergebens und nicht umsonst.“

Über vergebliche Investitionen haben die Eltern nachgedacht und das wollen sie vermeiden. Deswegen soll nicht in Teppichböden oder Malereien investiert werden. Aber in Toilettenspiegel und Kosmetikeimer. Die „Kollegen“ schreiben eifrig mit. Ich habe bis zu diesem Punkt noch kein einziges Wort notiert, weil ich mir bis hierhin alles merken kann. Das ist beileibe keine großartige Leistung gewesen – die Informationen sind dürftig.

Nach der Behandlung durch die Kollegen versuche ich mein Glück und frage, mit welchen Einnahmen die „Initiative“ denn rechne? Der Blick geht hilflos zum Schulleiter, der hebt die Schultern, der Elternbeiratssprecher lächelt freundlich, dann sagt die Dame: „Wir hoffen natürlich auf so viel wie möglich. Vielleicht ein paar tausend Euro?“, fragt sie eher unsicher, als dass sie es sagt. Die Kugelschreiber der „Kollegen“ flitzen über die Schreibblocks.

„Einverstanden“, bestätige ich die Frau. „Mal angenommen, das läuft so richtig super und sie kriegen sogar 20.000 Euro zusammen. Was würden Sie damit machen?“ Die Dame schaut mich an, reißt fasst die Augen auf, ist sichtlich aufgeregt und ringt mit den Worten: „Soviel, also, ich weiß nicht, ob wir…“ „Sie rechnen nicht mit so viel Geld?“, frage ich. Nein, damit rechnet die Dame nicht wirklich.

„Wissen Sie, was es kostet, eine Fensterreihe sanieren zu lassen?“, frage ich. Das weiß die Dame nicht. Der Schulleiter guckt vor sich hin. Er weiß es, zumindest ungefähr. Die Generalsanierung wird mindestens drei bis vier, eher fünf Millionen Euro kosten. „Aber darum geht es doch nicht, wir müssen einfach etwas tun. So kann das nicht weitergehen. Wir wollen uns unterstützend einsetzen“, sagt die Dame. Ich nicke ihr zu: „Das ist auch sehr ehrenhaft.“ Jetzt lächelt sie.


Ich notiere mir die Namen der Damen und der Mädchen, die einzige Notiz, die ich mir gemacht habe und gehe zurück ins Büro.

„Was war das jetzt?“, frage ich mich. „Wie und was soll ich schreiben?“ Auf der Hand liegt ein Verriss über eine Initiative, die keine Ahnung hat, was sie will und was das kostet. Ein mitleidiger Artikel über Aktionismus, das Schüren falscher Hoffnungen, Selbsttäuschung. Wären die Damen Amtsträger oder Personen der Wirtschaft, hätte ich einen solchen Artikel über Inkompetenz geschrieben.

2. Akt: Jubelbericht vs. Kommentar.

Tatsächlich sind es aber Eltern, die sich hilflos fühlen und die Initiative ergreifen wollen. Welche auch immer. Das bringt mich weiter. „Welche auch immer.“ „Was heißt das? Welche Möglichkeiten gibt es?“


Ich entschließe mich zu einem Kommentar, beschreibe die Lage an der Schule und die Motivation der Eltern. Dann stelle ich die Frage: „Was tun mit dem Geld?“ – einigen tausend Euro oder vielleicht sogar 15.-20.000 Euro. Und ich gebe im Text den Eltern den Ratschlag, auf keinen Fall einen Cent in einen Mülleimer zu investieren, sondern Fotos der desaströsen Zustände zu machen, Stimmen von Schülern, Eltern, Lehrern zu sammeln und ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit zu engagieren, dass die miserablen Zustände in all ihrer Unwürdigkeit für unser gerade in Baden-Württemberg so hoch gehandeltes Bildungssystem abbildet. „Was tun mit dem Geld“, ist einfach beantwortet: „Öffentlichkeit herstellen, Druck auf die Entscheidungsträger ausüben.“

Die Sprecherin der Initiative ruft mich an und teilt mir mit, dass man gar nicht erfreut über meinen Artikel gewesen sei. (Von anderen Eltern erfahre ich, dass man den Kommentar als „Zumutung“ verstanden habe. Man sei regelrecht empört und sauer über diese „negative“ Berichterstattung.) „Warum“, frage ich. „Weil wir Eltern denken, dass Sie nicht das Positive an unserer Aktion sehen“, sagt die Dame. Und: „Man muss doch etwas tun.“

„Man muss doch etwas tun“, sagt die Dame.

Ich gebe ihr Recht. Wenn die Eltern das Gefühl haben, etwas tun zu müssen, dann ist das erstmal nicht zu beanstanden. Wir reden dann entspannter und ich erkläre ihr nochmals meine Gedanken: „Sie wollen etwas tun, Sie werden etwas tun, die Frage ist nur: Was bringt das? Wird das wirklich eine Verbesserung bringen? Sie werden Arbeit leisten, die Zeit vieler Menschen in Anspruch nehmen. Am Ende bleibt die Frage, was Sie damit erreichen?“ Jede noch so kleine Verbesserung sei eine Verbesserung, sagt die Dame. Gegen diese Logik kann man nur schwer argumentieren.

Denn die Dame ist verzweifelt. So wie viele, die genau deswegen initiativ werden. „So wie Sie das sagen, ist das schon richtig, aber wir müssen doch…“ Ich erkläre ihr nochmals, dass die Initiative vielleicht nur dem nächstbesten Gedanken folgt. Was nicht verwerflich sei. Aber vielleicht doch Alternativen prüfen sollte – wie eben politischen Druck aufzubauen. „Darüber muss ich mit den anderen sprechen“, sagt die Dame. Ich ahne, dass dieses Gespräch vergebens sein wird.


In der Zeitung erscheint am nächsten Tag ein Artikel, der die Initiative „Tun statt Ruh’n“ lobt. Der Stiftungsquatsch, der so wichtig notiert wurde, kam darin nicht mehr vor.

Die Argumentation des Artikels ist ungefähr so sinnreich wie bei einem Auto mit Motorschaden einen Satz neuer Reifen aufzuziehen, um es wieder flott zu kriegen.

3. Akt: Veranstaltung und weitere Berichte

Die Initiative veranstaltet das Fest. Es gibt Kaffee und Kuchen und Salate und ein Programm. Ein (wichtiger) Radiomoderator führt durch den Abend, die Stimmung ist gut. Die Kuchen werden aufgegessen, die Musik unterhält und viele Eltern und SchülerInnen unterstützten die Aktion in der Schule. Der vorläufige Kassensturz bringt 5.000 Euro. Nicht 4.950, nicht 5.123, sondern exakt „rund“ 5.000 Euro. Diese Zahl stimmt nie im Leben, aber sie wird kommuniziert, weil sie einfach zu verstehen ist. Sie steht für Erfolg.

Die Zeitung berichtet über das „tolle Programm“ und die „gelungene Aktion“ und spart nicht an anderen „bratwurstjournalistischen“ Lobeshymnen. Alle sind zufrieden, alle sind glücklich. Alles ist toll. Und die Eltern der Initiative und der Elternbeirat werden mit „politisch Druck machen wollen“ zitiert (Was mich nur bedingt freut, denn mein Rat wurde nur wörtlich, aber nicht tatsächlich verstanden). Nur ein grüner Landtagsabgeordneter lässt sich mit einem Einsatz für ein „Sonderprogramm“ zitieren.

Ich schicke eine Kollegin (meine Frau), die das Geschehen mit vielen Fotos festhält. Dazu erscheint ein Bericht, der das Geschehen abbildet und die Spendensumme benennt und auch eine Einschätzung der Initiative: „Die Elterninitiative wisse, dass es sich bei diesen Spendengeldern nur um einen Tropfen auf einem heißen Stein handeln kann“, zitieren wir die Vorsitzende der Initiative. Und weiter: „Doch wir wollen etwas bewegen, wir wollen den schlechten Zustand der Schule öffentlich machen und ein Zeichen setzen.”

„Die Elterninitiative habe Signalkraft“, steht bei uns zu lesen. „Sie mache aufmerksam und erzeuge Druck bei den politisch Handelnden. „Wenn du politisch nicht handelst, erreichst du selten was“, sagt der Elternsprecher. „Es sei immer auch eine Frage der Taktik, wie man die Politik mit einbindet für das Sanierungskonzept.“

Die beiden Berichte haben Ähnlichkeiten, entscheiden sich aber enorm. Während die Zeitung die „erfolgreiche Aktion“ feiert, beschreiben wir die Veranstaltung überwiegend im Konjunktiv. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Synopse.

Im Ergebnis wurden also für die Schule 2.500 Euro erwirtschaftet. Und für „Menschen für Menschen“ derselbe Betrag.

(Die „Menschen für Menschen“-Gruppe der Schule wurde aktuell von der Böhm-Stiftung für die „kreativste Leistung“ ausgezeichnet. Die Schule, die am meisten Geld für die Hilfe in Äthiopien gesammelt hat, konnte 50.000 Euro vorweisen. Die Leistung aller Schüler zur Sammlung der Gelder sind in Äthiopien unglaublich viel wert.)

Von der Elterninitiative habe ich seit der Ankündigung der Aktion Mitte Mai und der Durchführung Mitte Juni nichts mehr gehört. Folglich weiß ich aktuell auch nicht, wofür das Geld verwendet wurde. Auch vom Einsatz des „Grünen“ für das „Sonderprogramm“ war seither keine Rede mehr.

Kommende Woche werde ich „nachhaken“ – schließlich muss man die Zeit lassen, um den Kassensturz und eine Planung zu ermöglichen, es ist ja nur eine „Initiative“ und keine Behörde und kein Wirtschaftsunternehmen. Dann kamen die Sommerferien. Und dann muss man sich erst wieder eingewöhnen.

Die Zeitung hat sich in ihrer unkritischen Berichterstattung vollständig entblödet und aktionistisch Erfolge gefeiert und bejubelt, die nur in Ankündigungen bestanden haben. Und sie hat die Leserinnen getäuscht, indem sie vollständig unkritisch und illusorisch etwas berichtet hat, was Zeitungen sonst gerne im Bereich der „hohen Politik“ als „Sturm im Wasserglas“ bezeichnen.

Vielleicht liest man bei der Zeitung diesen Artikel und bemüht sich, mir mit einer Berichterstattung „zuvor zu kommen“. Und dann? Wird das Drama dieser journalistischen Profession seine Fortsetzung bekommen.

Täglich neu, täglich banal und bliebig.

Was soll die Zeitung tun? Schreiben, dass sie Blödsinn geschrieben hat? Oder Bilder von Toilettenspiegeln und -eimern ablichten, um zu „dokumentieren“, wie erfolgreich die Elterninitiative gewirkt hat? Oder erkennen, dass ihre Berichterstattung erhebliche Mängel hat, die noch mehr stinken als die maroden Toilettenanlagen der Schule?

Und wird es deshalb eine Sanierung der Zeitung geben? Wohl kaum.

Und die Sanierung der Schule wird frühestens 2013 begonnen werden, wohl eher 2014 oder 2015. Zuvor gibt es vermutlich neue Spiegel und Toiletteneimer. Ob das die marode Situation entschärft?

Den meisten ist nicht klar, dass die jetztigen maroden Zustände immer noch besser sind als die, die während einer Sanierung herrschen. Wenn überall Baustelle ist, gebohrt, gefräßt, gehämmert wird. Staub in der Luft und auf allen Flächen liegt. Und viele Schüler in Containern unterrichtet werden oder in welchselnden Räumen.

Viele der SchülerInnen, deren Eltern mit in der „Initiative“ sind, werden den Beginn und schon gar nicht das Ende einer jahrelangen Sanierung erleben, weil die SchülerInnen längst die Schule mit Abschluss verlassen haben werden.

Das wird auch die Initiative der Initiative-Mitglieder deutlich beeinflussen. Immerhin gab es Berichte über „Tun statt Ruh’n“ und man war dabei. Genau wie die Zeitung. Dann gibt es andere Themen, auch da ist man dabei auch da berichtet die Zeitung. Ob das alles Sinn macht, wird nicht hinterfragt. Das Drama der journalistischen Profession gibt es aber nach wie vor im Abo.

Politischer Druck geht anders.

Täglich neu, täglich banal und bliebig. Täglich ohne einen Hauch tatsächlicher, journalistischer Verantwortung. Täglich fest entschlossen, jede noch so aussichtslose Sache mitzumachen, Hauptsache, man hat eine Schlagzeile und kann so tun als ob.

Von der Elterninitiative hat man seit drei Monaten also nichts mehr gehört und nichts mehr gelesen. Politischer Druck geht anders.

Das Drama der journalistischen Profession ist ein Theaterstück wie das gerade im Lokalen so beliebte „Käthchen von Heilbronn“. Immer wieder sinnlos und trotzdem zur Volksbelustigung aufgeführt, bleibt nichts anderes übrig als der Scherbenhaufen eines „zerbrochenen Krugs“.

Alle diese Geschichten beginnen mit einem „Irgendwann“ und „irgendwelchen Darstellern“ und „irgendwelchem Inhalt“. Landauf, landab wird inszeniert.

Das Drama der journalistischen Profession dieser Spielart war ein Kassenschlager, der die Schatullen der Monopolverleger über Jahrzehnte gefüllt hat. Das Rezept ist dasselbe wie für Groschenromane: Mittelmäßiges Personal erzählt wichtigtuerisch die immergleiche Geschichte. Leicht konsumierbar, bloss nicht aneckend und niemals verantwortlich.

Im Fernsehen heißt das Daily Soap – Trash, über den Zeitungsjournalisten gerne die Nase rümpfen, während sie gerade ihr nächstes Kapitel für die eigene Schmierseife schreiben.

Der Niedergang der Zeitungen zeigt, dass das Spiel ausgereizt ist.

 

 

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