Montag, 01. Mai 2017

Der kleine Hardy erklĂ€rt dem großen David mal, wie das so geht, mit den Quellen

Corrective Quellenkompetenz?

Mannheim/Pott, 30. Dezember 2015. David Schraven ist Chef von Deutschlands grĂ¶ĂŸtem gemeinnĂŒtzigen Recherchekollektiv – und scheitert an einfachster Quellenbeurteilung. Glaubt man nicht? Ist aber so.

Von Hardy Prothmann

david schraven

David Schraven. Quelle: Wikipedia, Molgreen, CC-BY-SA 4.0

Der Herr Schraven und ich kennen uns eher nur aus der Ferne. Beim diesjÀhrigen Reporterforum gab es mal einen Handschlag und ein Hallo. Mehr verbindet uns nicht.

Und der Herr Schraven ist irgendwie nicht gut auf mich zu sprechen. Das könnte daran liegen, dass er wie ich (laut Vocer) ein Regionalblog gegrĂŒndet hat. Seins, die Ruhrbarone, gibt es seit 2007, ist vier Jahre Ă€lter und verdienen kein Geld. Meins, das Rheinneckarblog, beschĂ€ftigt vier sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigte Personen plus bezahlte Freie und hat dieses Jahr durchweg schwarze Zahlen geschrieben. Durch selbst verdientes Geld.

Es könnte daran liegen, dass ich immer frei gearbeitet habe und der Schraven öfter mal die Arbeitgeber wechselte. Ich kritisiere gerne mal die Kollegen, wenn das nötig ist, der Schraven netzwerkt lieber – man weiß ja nie, ob er mal was nötig hat.

Es könnte auch daran liegen, dass Herr Schraven der „3-Millionen-Euro„-Mann ist. So viel Geld hat er von einer Stiftung bekommen, um mit Correct!v (ja, so albern schreiben die sich selbst) nun „gemeinnĂŒtzigen“ Journalismus zu betreiben und das Geld auszugeben.

Eines seiner Hauptprojekte sind „Tödliche Keime„, viel schlimmer als Aids oder Ebola. Mitten unter uns. In KrankenhĂ€usern. Und als vermutlich tödlichste Klinik Deutschlands haben er und seine Rechercheure die UniversitĂ€tsmedizin Mannheim ausgemacht.

Und ausgerechnet ich und mein VolontĂ€r kritisieren ihn und die Kollegen aus seinem Netzwerk wegen unsauberer Recherche. Das ist wirklich skandalös. Da regt sich der Schraven auf. Denn das ist möglicherweise schlecht fĂŒr den Ruf und noch schlechter fĂŒrs GeschĂ€ft.

Der Hygiene-Skandal und fragwĂŒrdige Veröffentlichungen

Zum zweifelsohne gegebenen „Hygieneskandal“ haben sein Kollektiv, Zeit, Spiegel und die Funke-Gruppe zahlreiche „investigative“ Artikel veröffentlicht. Auf Basis von „Dokumenten“, die den knallharten Rechercheuren vermutlich zugesteckt worden sind. Es gibt sogar staatsanwaltschaftliche Ermittlungen – allerdings ziehen und ziehen die sich hin, offenbar reichen die Informationen bislang nicht, um irgendjemanden wegen irgendwas anzuklagen.

Mein VolontĂ€r, 21 Jahre alt, hat sich dann mal an den „Faktencheck“ gemacht und besonders eklige Dinge wie angeblich „blutverschmierte“ Skalpelle ĂŒberprĂŒft, die angeblich nicht ordentlich gereinigt worden seien. Nur blöd, dass das Klinikum seit Jahren keine Skalpelle mehr reinigt, sondern Einwegmesser benutzt. Peinlich fĂŒr die „Investigativen“ – oder nicht? Und dann ist da noch so eine Phantom-Fliege, die keiner der Rechercheure je finden, geschweige denn belegen konnte.

 

 

NatĂŒrlich Ă€rgert einen wie Schraven das. Unhygienisch gearbeitete „Investigationen“ sind mindestens so unappetitlich wie ungereinigte Operationswerkzeuge.

 

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Peinlich, peinlich, peinlich. Angeblich „schlecht gereinigte Skalpelle, mit Blut und Knochenresten“ kann es im Klinikum nicht geben, weil man dort schon seit ĂŒber zehn Jahren mit Einwegmessern operiert. Vermutlich steht in den „Dokumenten“ des Herrn Schraven was anderes – es bleibt trotzdem falsch.

 

Jetzt hat der Rechercheprofi was Neues aufgedeckt. Er hat herausgefunden, dass ich mal einen Artikel ĂŒber eine Morddrohung gegen mich geschrieben habe. Ich habe Anzeige bei der Polizei erstattet und die hat das Ernst genommen, weil ich wegen links- und rechtsextremistischer Deppen als „gefĂ€hrdet“ eingestuft bin. Und jetzt kommt es: Dann stellte sich heraus, dass die Morddrohung gar keine war. Wer hat es herausgefunden? Die Polizei. Und wer hat es öffentlich gemacht? Ich selbst – ich stehe nĂ€mlich auf Transparenz und enthalte unseren Lesern keine Informationen vor.

Niemand hĂ€tte das herausgefunden – alle hĂ€tten nur gedacht: „Ui, Morddrohung gegen Prothmann, der lebt gefĂ€hrlich.“ HĂ€tte ich so stehen lassen können. Ich bin leider viel zu ehrlich dafĂŒr und habe die kuriose Auflösung ebenfalls veröffentlicht. Und wer hat das knallhart entdeckt? Der oberinvestigative Schraven. Schenkelklopfend verbreitet er seine Recherche auf Facebook. Es sei ihm gegönnt. Er selbst – so nehme ich an – hĂ€tte das lieber unter den Tisch fallen lassen. Warum nehme ich das an? Weil der Schraven so seltsam reagiert.

Schraven twittert

Dann aber passiert etwas MerkwĂŒrdiges. Mit einem Mal fĂ€ngt Schraven an zu twittern. Naja, ich hab ihn vorher ein wenig geĂ€rgert. Und das hat funktioniert, denn es wird sehr skurril.

Schraven wirft mir vor, „meine“ Recherchen seien nur Anfragen an den Pressesprecher des Klinikums. Woher weiß der Mann das? Kennt er meine Unterlagen? Vielleicht bezieht er sich – wieder investigativ – auf diese „Quelle“:

„Was unsere “Belege” angeht: Uns liegen die Pressemitteilungen vor, wir haben den ĂŒberwiegenden Teil der Artikel anderer Medien und unsere eigenen gesichtet, wir waren auf Pressekonferenzen, haben unsere eigenen Recherchen gemacht, uns liegt die Anfrage von Spiegel Online ebenso wie die Antwort des UniversitĂ€tsklinikums vor, zudem weitere Informationen von “Quellen”.“

Nur blöd, dass der Schraven offenbar nicht lesen kann. Erstens haben wir keinen „PR-Leut schön reden lassen“ und zweitens ist der Autor des ersten StĂŒcks Minh Schredle, der VolontĂ€r. Darauf weise ich den Rechercheur hin. Der legt nach:

„Nicht eindeutig gekennzeichnete Pressemitteilungen“ – ui, Skandal. Das Rheinneckarblog verbreitet PR und betrĂŒgt die Leserschaft? Weit gefehlt. Im Vorspann ist der inkriminierte Text eindeutig mit „pm“ gekennzeichnet, das ist unser KĂŒrzel fĂŒr Pressemitteilung.

Verwendete KĂŒrzel fĂŒr nichtredaktionelle Inhalte:
Anzeige (anz)
Feuerwehr (fw)
Polizei (pol)
Pressemitteilungen (pm)
Vereinsmeldung (vm)

Steht so auch im Impressum, wo gewandte und erfahrene Rechercheure nachgucken, was denn KĂŒrzel so zu bedeuten haben. Und vor dem Text steht: „Information der Stadt Heidelberg“ – in Kursivschrift. Und der Text selbst steht in AnfĂŒhrungszeichen. Das zieht sich so durch ĂŒber alle Fremdtexte. Wir zeigen hier eine Transparenz, die insbesondere von Zeitungen so gut wie nie eingehalten wird.

Auf all das weise ich den Oberschraven hin – doch der gibt nicht so schnell klein bei.

Ja, das ist klar. Wer sich nur kurze Augenblicke mit unseren Veröffentlichungen beschĂ€ftigt, sieht vor jedem Artikel die Information „Veröffentlicht von“. Da steht nicht „geschrieben“ oder „recherchiert“, sondern nur „veröffentlicht“. Davor steht das Datum und dahinter der Name der Person, die auf das Knöpfchen gedrĂŒckt hat, damit der Artikel erscheint. Vor jedem Artikel steht eine Ortsangabe, das Datum und dann folgen KĂŒrzel. „red“ steht fĂŒr Redaktion. „red“ steht vor jedem Artikel, denn schließlich hat irgendjemand in der Redaktion den ja bearbeitet. Dann folgen, sofern weitere Quellenangaben notwendig sind, weitere KĂŒrzel: „pol“ steht fĂŒr Polizei, „ms“ fĂŒr Minh Schredle, „pro“ fĂŒr Hardy Prothmann, „fw“ fĂŒr Feuerwehr oder „hmb“ fĂŒr Hannah-Marie Beck. Der Schraven ist jetzt in Rage, vermutlich, weil er merkt, dass jeder, der einigermaßen fit in bibliographischer Arbeit ist, merkt, dass der Schraven mal so gar nix drauf hat. Er legt nach:

Der Schraven, die Baustellen und der kommende Skandal um die tote Fliege

Hm – finden Sie in diesem Text einen zitierten Pressesprecher? Oder in diesem Text? Ups – in diesem Text findet man den Pressesprecher (3x, suchen Sie nach Dirk). Leider, leider gibt Herr Schraven auch diesen „Quellenfund“ nicht exakt wieder. Diese Passage ist Ă€ußerst aufschlussreich, wie schlampig „Investigative“ arbeiten, wenn man denen mal auf den Zahn fĂŒhlt. Lesen Sie die Passage, es lohnt sich.

Aus Sicht eines „Investigativen“ sind Meldungen von Behörden, die nicht mindestens von einem Rechercheteam gegengecheckt worden sind, vermutlich immer MĂŒll. Aus unserer Sicht sind das Service-Informationen, die unsere Leser interessieren. Korrekt ist: Es gibt neben unseren eigenen Berichten meist zwischen 10-20 solche „Produktionen“. Also fremde Texte, die wir ĂŒbernehmen, weil wir das GefĂŒhl haben, es interessiert die Leute. Dazu gehören auch die „Baustellen der Woche“ – und ja, ich gebe zu: Wir haben noch nie gegenrecherchiert, ob tatsĂ€chlich alle Baustellen auch am angekĂŒndigten Ort zur angekĂŒndigten Zeit eingerichtet worden sind.

Vorschlag, David Schraven: WĂ€re das nicht mal was fĂŒr Correct!v? Ich lese schon die Schlagzeilen: Spiegel online enthĂŒllt in Zusammenarbeit mit Correct!v: „Das sind Geisterbaustellen – die gibt es gar nicht. Statt Baustellen haben wir nur eine tote Fliege gefunden – wie eklig ist das denn?“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.