Dienstag, 23. Oktober 2018

Verungl├╝ckter "Journalismus"

Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve

schumacher

Platz 1 bei Google News f├╝r Michael Schumacher. Quelle: Google News

Mannheim, 30. Dezember 2013. (red) Die Nachricht vom tragischen Unfall des Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Der mediale Hype ist gewaltig. Die Aufmerksamkeit riesig. Die Inhalte der „Nachrichten“ hingegen sind d├╝rftig. Ebenso wie die Frage nach der Gewichtung von Nachrichten in verschiedenen (Leid-)Medien.

Von Hardy Prothmann

Die deutsche Tagesschau meldet:

Verletzter Ski-Faher in franz├Âsischer Klinik

Deutscher Skifahrer bei Unfall verletzt

Der siebenfache Skat-Ortsmeister Hans M├╝ller ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. M├╝ller soll im Skigebiet von M├ęribel in Frankreich auf einen Felsen gest├╝rzt sein.

Gl├╝ck im Ungl├╝ck f├╝r den siebenfachen Skat-Ortsmeister Hans M├╝ller. Der 44-J├Ąhrige hat sich bei einem Skiunfall in den franz├Âsischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. Zun├Ąchst hatten franz├Âsische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von M├ęribel, Gernignon-Lecomte best├Ątigte, dass M├╝ller mit einem Helikopter ins Krankenhaus von Mo├╗tiers geflogen wurde. Der ehemalige Skat-Spieler sei nach seinem Sturz etwas durchgesch├╝ttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe M├╝ller eine Gehirnersch├╝ttung, im schlimmsten Fall ein Sch├Ądeltrauma.

K├Ânnen Sie sich nicht vorstellen? Stimmt. Die Originalnachricht lautete:

Formel-1-Weltmeister in franz├Âsischer Klinik

Schumacher bei Skiunfall verletzt

Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. Schumacher soll im Skigebiet von M├ęribel in Frankreich auf einen Felsen gest├╝rzt sein.

Von Anne Christine Heckmann, ARD-H├Ârfunkstudio Paris

Gl├╝ck im Ungl├╝ck f├╝r Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher. Der 44-J├Ąhrige hat sich bei einem Skiunfall in den franz├Âsischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. Zun├Ąchst hatten franz├Âsische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von M├ęribel, Gernignon-Lecomte best├Ątigte, dass Schumacher mit einem Helikopter ins Krankenhaus von Mo├╗tiers geflogen wurde. Der ehemalige Formel-1-Pilot sei nach seinem Sturz etwas durchgesch├╝ttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe Schumacher eine Gehirnersch├╝ttung, im schlimmsten Fall ein Sch├Ądeltrauma.

 

Keine Frage. Ein tragischer Unfall hat sich ereignet. Ein Mensch ist schwer verletzt worden und k├Ąmpft um sein Leben. Seine Angeh├Ârigen haben ├ängste und Sorgen.

Keine Frage. Deutschland leistet sich mit dem ├ľffentlich-rechtlichen Rundfunksystem ein sehr teures, aber insgesamt sehr wichtiges System f├╝r einen (theoretisch) staatsfernen Journalismus. Und nat├╝rlich geh├Âren Nachrichten zu prominenten Personen der Zeitgeschichte mit zu einem umfassenden Nachrichtenangebot.

Was allerdings der Ski-Unfall eines Ex-Formel1-Rennfahrers in der Tagesschau verloren hat, erschlie├čt sich selbst nach kritischer Pr├╝fung h├Âchstens dann, wenn es halt sonst keine „wichtigen“ Nachrichten gegeben hat an diesem Tag.

Wieso aber eine Korrespondentin im Hunderte Kilometer entfernten Paris ein Artikelchen schreiben muss, dessen Inhalt sich kurze Zeit sp├Ąter beim wesentlichen Teil als falsch herausstellt („leichte Verletzung“) erschlie├čt sich ebenfalls nicht.

Ebensowenig wie ein medialer Hype, der ├╝ber fast alle gro├čen Medien, Mediendienste und Agenturen l├Ąuft, die alle mehr oder weniger nichts als die immergleiche Nachricht verbreiten, die sich so zusammenfassen l├Ąsst:

Der 44-j├Ąhrige Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher aus Kerpen ist am 29. Dezember 2013 gegen 11 Uhr ┬áim franz├Âsischen Skigebiet M├ęribel schwer verungl├╝ckt und hat eine lebensbedrohliche Kopfverletzung erlitten. Zur Zeit wird er in einem Krankenhaus in Mo├╗tiers behandelt. Nach Aussage der behandelnden ├ärzte ist sein Zustand kritisch.

Tats├Ąchlich wird auf allen Kan├Ąlen nicht die Nachricht verbreitet, sondern mit zus├Ątzlichen Elementen wie Fotostrecken, Anteilsnahme-Tweeds, Nachrichten-Tickern und was den Redaktionen noch so einf├Ąllt aufgepumpt. Und es werden „Essays“ geschrieben, wieso der Mann letztlich an „einem Geschwindigkeitswahn“ scheitern musste.

Ist das Journalismus? Ist das die Aufgabe „der Medien“? Voneinander abzuschreiben, alle dasselbe in „aufgeh├╝bschten“ Artikeln zu verbreiten? Dar├╝ber kann man sicherlich diskutieren.

Auch dar├╝ber, warum es kaum noch Medien gibt, die sich „trauen“, eine Nachricht nicht zu bringen oder zumindest nicht aufzubohren. Tats├Ąchlich haben die meisten Sorge, man k├Ânne was an Klicks und Einschaltquote verlieren. „Auflage“ spielt in dieser Hinsicht keine Rolle, weil deutsche Zeitungen bis auf wenige Ausnahmen keine „Auflage“ machen. Sie m├╝ssen nicht am Kiosk gekauft werden – der deutsche Zeitungsleser bezieht ein Abo.

Die Kommentare unter dem Artikelchen der Tagesschau sprechen eine deutliche Sprache. Die Kommentatoren verstehen ganz ├╝berwiegend nicht, was f├╝r ein Hype um diesen Unfall gemacht wird. Nicht nur hier – auch anderswo ├Ąu├čern sich die Menschen kritisch ├╝ber diese vollkommen ├╝berzogene Berichterstattungsflut.

Und einige erinnern daran – inklusive einem ehrlich ge├Ąu├čerten Mitleid f├╝r den Verungl├╝ckten als Person und seine Angeh├Ârigen -, dass Michael Schumacher zwar ein erfolgreicher „Sportler“ ist, aber er ist auch eine Art „Wirtschaftsfl├╝chtling“ – nur anders. Ein Luxus-Wirtschaftsfl├╝chtling.

Er ist nicht in die Schweiz geflohen, weil er arm und ohne Perspektive ist, sondern weil er Steuern sparen will. Und sicher nicht ein paar hundert Euro, sondern Summen, die sich der Durchschnittsdeutsche ├╝berhaupt nicht vorstellen kann. Dieses „Idol“ beteiligt die deutsche Gesellschaft nicht am eigenen monet├Ąren Erfolg, den er auch in Deutschland auf staatlich subventionierten riesigen Sport-Anlagen, gemeinhin „Ring“ genannt, in unglaublichen Umfang angeh├Ąuft hat. Noch dazu in einem mafi├Âs organisierten System. ┬áUnd vor Jahren hat dieses angebliche „Vorbild“ in der Bild mal verk├╝ndet, dass er noch nie gew├Ąhlt habe.

Ist so jemand ein Vorbild? Handeln die Medien verantwortlich, wenn sie nach sorgf├Ąltiger Pr├╝fung aller Fakten diese Informationen ausblenden, um den Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve zu beschleunigen?

Was ist der Unterschied zu Hans M├╝ller, der es sich leisten kann, diesem gef├Ąhrlichen Sport nachzugehen? Was denken Millionen Deutsche dar├╝ber, die sich weder einen Urlaub im Skigebiet leisten k├Ânnen noch die mit Sicherheit allerbeste medizinische Betreuung, die ein Michael Schumacher erf├Ąhrt?

Was sollen Hinweise auf Vater und Ehemann? Hier ist kein Broterwerber verungl├╝ckt. Selbst wenn das Schicksal es nicht gut mit Herrn Schumacher meinen sollte – finanzielle Not droht weder ihm noch seiner Familie.

Die CSU droht aktuell gerade allen rum├Ąnischen und bulgarischen EU-B├╝rgern, die nach Deutschland kommen wollen: „Wer betr├╝gt, der fliegt.“ Mit Sicherheit gibt es auch Genesungsw├╝nsche von Seehofer & Co. an einen Steuerbetr├╝ger und Nicht-W├Ąhler, der sich ganz legal ins Ausland abgesetzt hat.

Ich kann es nur mit den Kommentatoren halten. Pers├Ânlich tut mir Herr Schumacher und seine Familie leid. Ich w├╝nsche dem Menschen Schumacher wie allen kranken und verungl├╝ckten Menschen eine gute Genesung. F├╝r den Steuerfl├╝chtling, der sich ├╝ber die Demokratie l├Ącherlich gemacht hat, hatte ich und habe ich nichts ├╝brig.

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email
├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.