Samstag, 23. September 2017

VerunglĂŒckter "Journalismus"

Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve

schumacher

Platz 1 bei Google News fĂŒr Michael Schumacher. Quelle: Google News

Mannheim, 30. Dezember 2013. (red) Die Nachricht vom tragischen Unfall des Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Der mediale Hype ist gewaltig. Die Aufmerksamkeit riesig. Die Inhalte der „Nachrichten“ hingegen sind dĂŒrftig. Ebenso wie die Frage nach der Gewichtung von Nachrichten in verschiedenen (Leid-)Medien.

Von Hardy Prothmann

Die deutsche Tagesschau meldet:

Verletzter Ski-Faher in französischer Klinik

Deutscher Skifahrer bei Unfall verletzt

Der siebenfache Skat-Ortsmeister Hans MĂŒller ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. MĂŒller soll im Skigebiet von MĂ©ribel in Frankreich auf einen Felsen gestĂŒrzt sein.

GlĂŒck im UnglĂŒck fĂŒr den siebenfachen Skat-Ortsmeister Hans MĂŒller. Der 44-JĂ€hrige hat sich bei einem Skiunfall in den französischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. ZunĂ€chst hatten französische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von MĂ©ribel, Gernignon-Lecomte bestĂ€tigte, dass MĂŒller mit einem Helikopter ins Krankenhaus von MoĂ»tiers geflogen wurde. Der ehemalige Skat-Spieler sei nach seinem Sturz etwas durchgeschĂŒttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe MĂŒller eine GehirnerschĂŒttung, im schlimmsten Fall ein SchĂ€deltrauma.

Können Sie sich nicht vorstellen? Stimmt. Die Originalnachricht lautete:

Formel-1-Weltmeister in französischer Klinik

Schumacher bei Skiunfall verletzt

Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. Schumacher soll im Skigebiet von MĂ©ribel in Frankreich auf einen Felsen gestĂŒrzt sein.

Von Anne Christine Heckmann, ARD-Hörfunkstudio Paris

GlĂŒck im UnglĂŒck fĂŒr Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher. Der 44-JĂ€hrige hat sich bei einem Skiunfall in den französischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. ZunĂ€chst hatten französische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von MĂ©ribel, Gernignon-Lecomte bestĂ€tigte, dass Schumacher mit einem Helikopter ins Krankenhaus von MoĂ»tiers geflogen wurde. Der ehemalige Formel-1-Pilot sei nach seinem Sturz etwas durchgeschĂŒttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe Schumacher eine GehirnerschĂŒttung, im schlimmsten Fall ein SchĂ€deltrauma.

 

Keine Frage. Ein tragischer Unfall hat sich ereignet. Ein Mensch ist schwer verletzt worden und kĂ€mpft um sein Leben. Seine Angehörigen haben Ängste und Sorgen.

Keine Frage. Deutschland leistet sich mit dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem ein sehr teures, aber insgesamt sehr wichtiges System fĂŒr einen (theoretisch) staatsfernen Journalismus. Und natĂŒrlich gehören Nachrichten zu prominenten Personen der Zeitgeschichte mit zu einem umfassenden Nachrichtenangebot.

Was allerdings der Ski-Unfall eines Ex-Formel1-Rennfahrers in der Tagesschau verloren hat, erschließt sich selbst nach kritischer PrĂŒfung höchstens dann, wenn es halt sonst keine „wichtigen“ Nachrichten gegeben hat an diesem Tag.

Wieso aber eine Korrespondentin im Hunderte Kilometer entfernten Paris ein Artikelchen schreiben muss, dessen Inhalt sich kurze Zeit spĂ€ter beim wesentlichen Teil als falsch herausstellt („leichte Verletzung“) erschließt sich ebenfalls nicht.

Ebensowenig wie ein medialer Hype, der ĂŒber fast alle großen Medien, Mediendienste und Agenturen lĂ€uft, die alle mehr oder weniger nichts als die immergleiche Nachricht verbreiten, die sich so zusammenfassen lĂ€sst:

Der 44-jĂ€hrige Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher aus Kerpen ist am 29. Dezember 2013 gegen 11 Uhr  im französischen Skigebiet MĂ©ribel schwer verunglĂŒckt und hat eine lebensbedrohliche Kopfverletzung erlitten. Zur Zeit wird er in einem Krankenhaus in MoĂ»tiers behandelt. Nach Aussage der behandelnden Ärzte ist sein Zustand kritisch.

TatsĂ€chlich wird auf allen KanĂ€len nicht die Nachricht verbreitet, sondern mit zusĂ€tzlichen Elementen wie Fotostrecken, Anteilsnahme-Tweeds, Nachrichten-Tickern und was den Redaktionen noch so einfĂ€llt aufgepumpt. Und es werden „Essays“ geschrieben, wieso der Mann letztlich an „einem Geschwindigkeitswahn“ scheitern musste.

Ist das Journalismus? Ist das die Aufgabe „der Medien“? Voneinander abzuschreiben, alle dasselbe in „aufgehĂŒbschten“ Artikeln zu verbreiten? DarĂŒber kann man sicherlich diskutieren.

Auch darĂŒber, warum es kaum noch Medien gibt, die sich „trauen“, eine Nachricht nicht zu bringen oder zumindest nicht aufzubohren. TatsĂ€chlich haben die meisten Sorge, man könne was an Klicks und Einschaltquote verlieren. „Auflage“ spielt in dieser Hinsicht keine Rolle, weil deutsche Zeitungen bis auf wenige Ausnahmen keine „Auflage“ machen. Sie mĂŒssen nicht am Kiosk gekauft werden – der deutsche Zeitungsleser bezieht ein Abo.

Die Kommentare unter dem Artikelchen der Tagesschau sprechen eine deutliche Sprache. Die Kommentatoren verstehen ganz ĂŒberwiegend nicht, was fĂŒr ein Hype um diesen Unfall gemacht wird. Nicht nur hier – auch anderswo Ă€ußern sich die Menschen kritisch ĂŒber diese vollkommen ĂŒberzogene Berichterstattungsflut.

Und einige erinnern daran – inklusive einem ehrlich geĂ€ußerten Mitleid fĂŒr den VerunglĂŒckten als Person und seine Angehörigen -, dass Michael Schumacher zwar ein erfolgreicher „Sportler“ ist, aber er ist auch eine Art „WirtschaftsflĂŒchtling“ – nur anders. Ein Luxus-WirtschaftsflĂŒchtling.

Er ist nicht in die Schweiz geflohen, weil er arm und ohne Perspektive ist, sondern weil er Steuern sparen will. Und sicher nicht ein paar hundert Euro, sondern Summen, die sich der Durchschnittsdeutsche ĂŒberhaupt nicht vorstellen kann. Dieses „Idol“ beteiligt die deutsche Gesellschaft nicht am eigenen monetĂ€ren Erfolg, den er auch in Deutschland auf staatlich subventionierten riesigen Sport-Anlagen, gemeinhin „Ring“ genannt, in unglaublichen Umfang angehĂ€uft hat. Noch dazu in einem mafiös organisierten System.  Und vor Jahren hat dieses angebliche „Vorbild“ in der Bild mal verkĂŒndet, dass er noch nie gewĂ€hlt habe.

Ist so jemand ein Vorbild? Handeln die Medien verantwortlich, wenn sie nach sorgfĂ€ltiger PrĂŒfung aller Fakten diese Informationen ausblenden, um den Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve zu beschleunigen?

Was ist der Unterschied zu Hans MĂŒller, der es sich leisten kann, diesem gefĂ€hrlichen Sport nachzugehen? Was denken Millionen Deutsche darĂŒber, die sich weder einen Urlaub im Skigebiet leisten können noch die mit Sicherheit allerbeste medizinische Betreuung, die ein Michael Schumacher erfĂ€hrt?

Was sollen Hinweise auf Vater und Ehemann? Hier ist kein Broterwerber verunglĂŒckt. Selbst wenn das Schicksal es nicht gut mit Herrn Schumacher meinen sollte – finanzielle Not droht weder ihm noch seiner Familie.

Die CSU droht aktuell gerade allen rumĂ€nischen und bulgarischen EU-BĂŒrgern, die nach Deutschland kommen wollen: „Wer betrĂŒgt, der fliegt.“ Mit Sicherheit gibt es auch GenesungswĂŒnsche von Seehofer & Co. an einen SteuerbetrĂŒger und Nicht-WĂ€hler, der sich ganz legal ins Ausland abgesetzt hat.

Ich kann es nur mit den Kommentatoren halten. Persönlich tut mir Herr Schumacher und seine Familie leid. Ich wĂŒnsche dem Menschen Schumacher wie allen kranken und verunglĂŒckten Menschen eine gute Genesung. FĂŒr den SteuerflĂŒchtling, der sich ĂŒber die Demokratie lĂ€cherlich gemacht hat, hatte ich und habe ich nichts ĂŒbrig.

 

 

 

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.