Montag, 01. Mai 2017

Verungl√ľckter "Journalismus"

Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve

schumacher

Platz 1 bei Google News f√ľr Michael Schumacher. Quelle: Google News

Mannheim, 30. Dezember 2013. (red) Die Nachricht vom tragischen Unfall des Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher ging wie ein Lauffeuer um die Welt. Der mediale Hype ist gewaltig. Die Aufmerksamkeit riesig. Die Inhalte der „Nachrichten“ hingegen sind d√ľrftig. Ebenso wie die Frage nach der Gewichtung von Nachrichten in verschiedenen (Leid-)Medien.

Von Hardy Prothmann

Die deutsche Tagesschau meldet:

Verletzter Ski-Faher in französischer Klinik

Deutscher Skifahrer bei Unfall verletzt

Der siebenfache Skat-Ortsmeister Hans M√ľller ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. M√ľller soll im Skigebiet von M√©ribel in Frankreich auf einen Felsen gest√ľrzt sein.

Gl√ľck im Ungl√ľck f√ľr den siebenfachen Skat-Ortsmeister Hans M√ľller. Der 44-J√§hrige hat sich bei einem Skiunfall in den franz√∂sischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. Zun√§chst hatten franz√∂sische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von M√©ribel, Gernignon-Lecomte best√§tigte, dass M√ľller mit einem Helikopter ins Krankenhaus von Mo√Ľtiers geflogen wurde. Der ehemalige Skat-Spieler sei nach seinem Sturz etwas durchgesch√ľttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe M√ľller eine Gehirnersch√ľttung, im schlimmsten Fall ein Sch√§deltrauma.

Können Sie sich nicht vorstellen? Stimmt. Die Originalnachricht lautete:

Formel-1-Weltmeister in französischer Klinik

Schumacher bei Skiunfall verletzt

Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher ist bei einem Skiunfall verletzt worden – entgegen ersten Medienberichten aber offenbar nicht schwer. Schumacher soll im Skigebiet von M√©ribel in Frankreich auf einen Felsen gest√ľrzt sein.

Von Anne Christine Heckmann, ARD-Hörfunkstudio Paris

Gl√ľck im Ungl√ľck f√ľr Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher. Der 44-J√§hrige hat sich bei einem Skiunfall in den franz√∂sischen Alpen offenbar nur leicht verletzt. Zun√§chst hatten franz√∂sische Medien von einem schweren Sturz gesprochen.

Der Direktor der Skistation von M√©ribel, Gernignon-Lecomte best√§tigte, dass Schumacher mit einem Helikopter ins Krankenhaus von Mo√Ľtiers geflogen wurde. Der ehemalige Formel-1-Pilot sei nach seinem Sturz etwas durchgesch√ľttelt, aber ansprechbar gewesen. Wahrscheinlich habe Schumacher eine Gehirnersch√ľttung, im schlimmsten Fall ein Sch√§deltrauma.

 

Keine Frage. Ein tragischer Unfall hat sich ereignet. Ein Mensch ist schwer verletzt worden und k√§mpft um sein Leben. Seine Angeh√∂rigen haben √Ąngste und Sorgen.

Keine Frage. Deutschland leistet sich mit dem √Ėffentlich-rechtlichen Rundfunksystem ein sehr teures, aber insgesamt sehr wichtiges System f√ľr einen (theoretisch) staatsfernen Journalismus. Und nat√ľrlich geh√∂ren Nachrichten zu prominenten Personen der Zeitgeschichte mit zu einem umfassenden Nachrichtenangebot.

Was allerdings der Ski-Unfall eines Ex-Formel1-Rennfahrers in der Tagesschau verloren hat, erschlie√üt sich selbst nach kritischer Pr√ľfung h√∂chstens dann, wenn es halt sonst keine „wichtigen“ Nachrichten gegeben hat an diesem Tag.

Wieso aber eine Korrespondentin im Hunderte Kilometer entfernten Paris ein Artikelchen schreiben muss, dessen Inhalt sich kurze Zeit sp√§ter beim wesentlichen Teil als falsch herausstellt („leichte Verletzung“) erschlie√üt sich ebenfalls nicht.

Ebensowenig wie ein medialer Hype, der √ľber fast alle gro√üen Medien, Mediendienste und Agenturen l√§uft, die alle mehr oder weniger nichts als die immergleiche Nachricht verbreiten, die sich so zusammenfassen l√§sst:

Der 44-j√§hrige Ex-Formel1-Weltmeister Michael Schumacher aus Kerpen ist am 29. Dezember 2013 gegen 11 Uhr ¬†im franz√∂sischen Skigebiet M√©ribel schwer verungl√ľckt und hat eine lebensbedrohliche Kopfverletzung erlitten. Zur Zeit wird er in einem Krankenhaus in Mo√Ľtiers behandelt. Nach Aussage der behandelnden √Ąrzte ist sein Zustand kritisch.

Tats√§chlich wird auf allen Kan√§len nicht die Nachricht verbreitet, sondern mit zus√§tzlichen Elementen wie Fotostrecken, Anteilsnahme-Tweeds, Nachrichten-Tickern und was den Redaktionen noch so einf√§llt aufgepumpt. Und es werden „Essays“ geschrieben, wieso der Mann letztlich an „einem Geschwindigkeitswahn“ scheitern musste.

Ist das Journalismus? Ist das die Aufgabe „der Medien“? Voneinander abzuschreiben, alle dasselbe in „aufgeh√ľbschten“ Artikeln zu verbreiten? Dar√ľber kann man sicherlich diskutieren.

Auch dar√ľber, warum es kaum noch Medien gibt, die sich „trauen“, eine Nachricht nicht zu bringen oder zumindest nicht aufzubohren. Tats√§chlich haben die meisten Sorge, man k√∂nne was an Klicks und Einschaltquote verlieren. „Auflage“ spielt in dieser Hinsicht keine Rolle, weil deutsche Zeitungen bis auf wenige Ausnahmen keine „Auflage“ machen. Sie m√ľssen nicht am Kiosk gekauft werden – der deutsche Zeitungsleser bezieht ein Abo.

Die Kommentare unter dem Artikelchen der Tagesschau sprechen eine deutliche Sprache. Die Kommentatoren verstehen ganz √ľberwiegend nicht, was f√ľr ein Hype um diesen Unfall gemacht wird. Nicht nur hier – auch anderswo √§u√üern sich die Menschen kritisch √ľber diese vollkommen √ľberzogene Berichterstattungsflut.

Und einige erinnern daran – inklusive einem ehrlich ge√§u√üerten Mitleid f√ľr den Verungl√ľckten als Person und seine Angeh√∂rigen -, dass Michael Schumacher zwar ein erfolgreicher „Sportler“ ist, aber er ist auch eine Art „Wirtschaftsfl√ľchtling“ – nur anders. Ein Luxus-Wirtschaftsfl√ľchtling.

Er ist nicht in die Schweiz geflohen, weil er arm und ohne Perspektive ist, sondern weil er Steuern sparen will. Und sicher nicht ein paar hundert Euro, sondern Summen, die sich der Durchschnittsdeutsche √ľberhaupt nicht vorstellen kann. Dieses „Idol“ beteiligt die deutsche Gesellschaft nicht am eigenen monet√§ren Erfolg, den er auch in Deutschland auf staatlich subventionierten riesigen Sport-Anlagen, gemeinhin „Ring“ genannt, in unglaublichen Umfang angeh√§uft hat. Noch dazu in einem mafi√∂s organisierten System. ¬†Und vor Jahren hat dieses angebliche „Vorbild“ in der Bild mal verk√ľndet, dass er noch nie gew√§hlt habe.

Ist so jemand ein Vorbild? Handeln die Medien verantwortlich, wenn sie nach sorgf√§ltiger Pr√ľfung aller Fakten diese Informationen ausblenden, um den Boulevard auf Tempo 300 durch die Kurve zu beschleunigen?

Was ist der Unterschied zu Hans M√ľller, der es sich leisten kann, diesem gef√§hrlichen Sport nachzugehen? Was denken Millionen Deutsche dar√ľber, die sich weder einen Urlaub im Skigebiet leisten k√∂nnen noch die mit Sicherheit allerbeste medizinische Betreuung, die ein Michael Schumacher erf√§hrt?

Was sollen Hinweise auf Vater und Ehemann? Hier ist kein Broterwerber verungl√ľckt. Selbst wenn das Schicksal es nicht gut mit Herrn Schumacher meinen sollte – finanzielle Not droht weder ihm noch seiner Familie.

Die CSU droht aktuell gerade allen rum√§nischen und bulgarischen EU-B√ľrgern, die nach Deutschland kommen wollen: „Wer betr√ľgt, der fliegt.“ Mit Sicherheit gibt es auch Genesungsw√ľnsche von Seehofer & Co. an einen Steuerbetr√ľger und Nicht-W√§hler, der sich ganz legal ins Ausland abgesetzt hat.

Ich kann es nur mit den Kommentatoren halten. Pers√∂nlich tut mir Herr Schumacher und seine Familie leid. Ich w√ľnsche dem Menschen Schumacher wie allen kranken und verungl√ľckten Menschen eine gute Genesung. F√ľr den Steuerfl√ľchtling, der sich √ľber die Demokratie l√§cherlich gemacht hat, hatte ich und habe ich nichts √ľbrig.

 

 

 

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.